General Slocum

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General Slocum
SS General Slocum.jpg
p1
Schiffsdaten
Flagge Vereinigte Staaten 45Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Eigner Knickerbocker Steamship Company
Bauwerft Devine Burtis Jr., Brooklyn
Stapellauf 18. April 1891
Verbleib Am 15. Juni 1904 gesunken
Schiffsmaße und Besatzung
Länge
76 m (Lüa)
Breite 11,4 m
Tiefgang max. 3,7 m
Verdrängung 1.281 t
Maschine
Maschine 1-Zyl.-Dampfmaschine
Geschwindigkeit max. 15 kn (28 km/h)
Propeller 2 Schaufelräder ∅ 9,4 m
Transportkapazitäten
Zugelassene Passagierzahl 3.000
Die General Slocum brennend im East River

Die General Slocum war ein Raddampfer der New Yorker „Knickerbocker Steamship Company“, der am 15. Juni 1904 auf dem New Yorker East River in Brand geriet und sank. Bei der Katastrophe kamen 1021 Personen ums Leben. Es ist bis heute die größte zivile Schiffskatastrophe in den USA. Benannt war das Schiff nach dem New Yorker Nordstaaten-General des Sezessionskrieges und Kongressabgeordneten Henry Warner Slocum.

Das Schiff[Bearbeiten]

Der Schaufelraddampfer wurde in den Jahren 1890–1891 auf der Werft Devine Burtis im Brooklyner Hafen Red Hook ganz aus Holz erbaut. Er war 76 Meter lang, verdrängte 1281 Tonnen und war mit seinen drei Fahrgastdecks für 3000 Passagiere zugelassen. Seine Dampfmaschine der W. & A. Fletcher Company aus Hoboken ermöglichte eine Reisegeschwindigkeit von 15 Knoten.

Mit ihrer luxuriösen Ausstattung (Samtstühle, Auslegware, Gemälde) und den technischen Parametern galt die General Slocum in ihren ersten Jahren als Nonplusultra des New Yorker Ausflugsverkehrs, ehe sie von jüngeren und moderneren Schiffen deklassiert und von ihren Eignern sträflich vernachlässigt wurde.

Während ihres gesamten Betriebs stand die Slocum unter dem Kommando von Kapitän William van Schaick.

Das Unglück[Bearbeiten]

Bei den verunglückten Passagieren handelte es sich um Deutschamerikaner, Ausflügler der lutherischen St. Markus-Kirche im Stadtteil Kleindeutschland auf der Lower East Side (East 6th Street). Das Unglück besiegelte den Untergang dieser deutschen Gemeinde, die an diesem Tag das Ende des Sonntagsschuljahres feiern wollte. In New Yorks Kleindeutschland lebten damals etwa 80.000 deutschstämmige Emigranten. Dabei wurde alljährlich ein Schiff gechartert, um zu einem nahegelegenen Erholungspark, dem Locust Grove am Long Island Sound, zu fahren. Am 15. Juni 1904 waren mindestens 1388 Personen an Bord der General Slocum. Der 15. Juni war ein Mittwoch, ein Werktag also, an dem die meisten Ehemänner zur Arbeit gingen, worin die hohe Opferzahl an Frauen und Kindern begründet ist.

Das Wrack der General Slocum

Etwa um 09:30 Uhr entdeckten Matrosen Feuer in einem u.a. mit Öl, Farben und sonstigen Betriebsstoffen gefüllten Laderaum, vermutlich durch ein unachtsam fortgeworfenes Streichholz entzündet. Das Feuer breitete sich rasch aus. Die Löschversuche scheiterten – unter anderem weil die Feuerwehrschläuche verrottet waren und unter dem Wasserdruck platzten. Die Besatzung war außerdem im Umgang damit nicht geschult.

An Land gespülte Opfer

Der Kapitän wurde erst zehn Minuten nach Ausbruch des Feuers von der sich anbahnenden Katastrophe unterrichtet. Das Schiff befand sich zu diesem Zeitpunkt im Hell Gate. Dies ist auch heute noch die am schwierigsten zu befahrende Stelle des East River, bedingt durch gefährliche Strudel, die im Laufe der Jahrhunderte viele Schiffsunglücke verursacht haben. Daher war es dem Kapitän nicht möglich, das nahegelegene Ufer anzusteuern, und so gab er den Befehl, mit Volldampf voraus zu der etwa eine Meile entfernten Insel North Brother Island zu steuern. Die nächstgelegenen Anlegestellen am East River kamen aufgrund der dortigen Öltanklager für eine Landung nicht in Betracht. Durch die erhöhte Geschwindigkeit und den herrschenden Gegenwind wurde das Feuer weiter angefacht.

Unter den Passagieren brach inzwischen Panik aus. Es stellte sich heraus, dass sich der Kork der Schwimmwesten aufgelöst hatte. Die Rettungsboote konnten nicht zu Wasser gelassen werden, da sie mit Farbe am Schiffsrumpf festklebten. Aufgrund der Geschwindigkeit des Schiffes wäre es auch nicht möglich gewesen, sie zu wassern. Die Farbe bot dem Feuer zusätzliche Nahrung.

Als das Schiff schließlich North Brother Island mit dem Quarantäne-Krankenhaus des New Yorker Hafens erreichte, brannte es fast in ganzer Länge. Hier sprangen viele Passagiere ins Wasser, von denen viele ertranken, weil sie größtenteils Nichtschwimmer waren. Da zu diesem Zeitpunkt reger Schiffsverkehr auf dem East River herrschte, beteiligten sich viele Boote an dem Rettungseinsatz. Offiziell wurde die Opferzahl mit 1.021 angegeben. Experten vermuten aber, dass es mehr waren, denn für die Mitnahme von Kindern unter einem Jahr waren keine Fahrscheine notwendig. Somit gibt es keine verlässlichen Angaben über die tatsächliche Anzahl der Passagiere und Opfer.

Die Folgen[Bearbeiten]

Helfer tragen die Leichen vom Unglücksort fort

In den folgenden Wochen wurden umfangreiche Untersuchungen über die Unglücksursache angestellt. Der Kapitän des Schiffs, Captain Van Schaick, wurde angeklagt und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach drei Jahren wurde er auf Betreiben von Präsident William H. Taft entlassen.

Die Verantwortlichen der Schifffahrtsgesellschaft hingegen wurden nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, obwohl nachgewiesen werden konnte, dass Dokumente gefälscht worden waren, um die Vernachlässigung der Sicherheitsbestimmungen zu vertuschen. Auch der Prüfinspektor, der dem Schiff einen Monat vor der Katastrophe die Freigabe bescheinigt hatte, kam ohne Strafe frei.

Die Katastrophe der General Slocum hinterließ eine bleibende Wunde. Die Enklave Kleindeutschland löste sich in der Folge weiter auf. Fast jede Familie war von einem Todesfall betroffen. Einige der verbliebenen Bewohner siedelten sich etliche Straßenzüge weiter nördlich an, wo es eine weitere deutsche Kirchengemeinde gab, die heute noch besteht (Zion St. Mark's Lutheran Church, 339 East 84th St.); andere verließen New York ganz. Bei der Volkszählung im Jahr 1910 waren in dem ehemaligen Wohnbezirk der Opfer nur noch eine Handvoll der ursprünglichen Bewohner übrig geblieben. Auf dem Friedhof von Queens sind noch heute viele Grabsteine mit dem gleichen Todesdatum 15. Juni 1904 zu finden. Am New Yorker Tompkins Square befindet sich der zentrale Gedenkstein für die Slocum-Katastrophe.

In der Folge wurden die Sicherheitsbestimmungen für Dampfschiffe deutlich verschärft. Präsident Theodore Roosevelt setzte eine Kommission ein, die die Katastrophe untersuchen und Vorkehrungen empfehlen sollte, welche eine Wiederholung solch einer Tragödie verhindern sollten. Sämtliche Dampfschiffe wurden daraufhin einer genauen Inspektion unterzogen, die zuständige Behörde United States Steamboat Inspection Service (USSIS) komplett neu organisiert.

Die Überreste der General Slocum wurden geborgen, wieder aufgebaut und auf den Namen Maryland getauft. Dieses Schiff diente zeitweise als Kohlentender, bis es nach einem schweren Sturm am 4. Dezember 1911 sank.

Spätere Entwicklung[Bearbeiten]

Die Erinnerung an das Unglück wurde jedoch kurz darauf von einer weiteren Brandkatastrophe überdeckt: dem Brand der Triangle Shirtwaist Factory, einer Hemdenfabrik, der 146 Tote forderte. Mit dem Ersten Weltkrieg grassierte die Deutschenfeindlichkeit in den USA und es gab weitere Gründe, das Unglück der deutschstämmigen Immigranten aus der öffentlichen Erinnerung zu drängen, auch Amerikaner hörten auf, ihre deutschen Wurzeln zu betonen.

1922 ließ James Joyce seinen Roman Ulysses an einem einzigen Tag handeln, am 16. Juni 1904, dem Tag, an dem die Nachricht von dem Schiffsunglück auch Irland erreichte. 1934 nahm auch ein Kinofilm das Unglück mit einer eindrucksvollen Inszenierung des Brandes als Ausgangspunkt für eine Spielhandlung um zwei Erwachsene, die als Kinder den Brand der General Slocum überlebt hatten, aber danach sehr verschiedene Wege beschritten hatten (Manhattan Melodrama mit Clark Gable in der Hauptrolle).

Die letzte der etwa 400 Überlebenden des Brandes der General Slocum, Adella Liebenow Wotherspoon aus Watchung in New Jersey, starb 2004 im Alter von 100 Jahren. Zum Zeitpunkt des Unglücks, bei dem auch ihre beiden Geschwister ums Leben kamen, war sie noch ein Säugling gewesen.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Edward T. O'Donnell: Der Ausflug. Das Ende von Little Germany, New York. Marebuchverlag, Hamburg 2006, ISBN 3-936384-93-2.
  • Mare Nr. 55 „James Cook“, April/Mai 2006

Weblinks[Bearbeiten]