Geschäfts- oder Firmenwert

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Der Geschäfts- oder Firmenwert („Goodwill“) ist

  • die Differenz zwischen dem Gesamtwert eines Unternehmens und der Summe der Zeitwerte aller Aktiva und Passiva,

Der Firmenwert erscheint nur dann als Aktivposten in der Bilanz eines Unternehmens, wenn er entgeltlich erworben worden ist (derivativer Firmenwert).

Bestimmung des Firmenwerts[Bearbeiten]

Der Wert eines Unternehmens wird nicht nur von den bilanzierten Vermögensgegenständen und Schulden bestimmt, sondern auch von den (nicht in der Bilanz ausgewiesenen) Gewinnaussichten, dem Kundenpotenzial, der Qualität des Managements, der Branchenbedeutung des Unternehmens usw. (originärer Firmenwert). Für diesen selbst geschaffenen (originären) Firmenwert gilt ein Aktivierungsverbot (§ 248 Abs. 2 HGB).

Dieser nicht in der Bilanz ausgewiesene immaterielle Wert wird erst beim Verkauf eines Unternehmens konkretisiert und in Geld ausgedrückt. Der Erwerber eines Unternehmens wird bereit sein, für ein solches Unternehmen mehr zu zahlen als den Substanzwert (Eigenkapital incl. stiller Reserven und anderer nicht aktivierter immaterieller Vermögensgegenstände). Der Erwerber muss den Teil des Kaufpreises der den Substanzwert übersteigt als derivativen Firmenwert aktivieren.

Abschreibung[Bearbeiten]

Der so erworbene Firmenwert ist zu aktivieren (§ 246 Abs. 1 Satz 4 HGB) und planmäßig abzuschreiben (§ 253 Abs. 3 HGB). Der derivative Firmenwert gilt als abnutzbares Anlagegut (§ 246 Abs. 1 Satz 4 HGB). Für ihn besteht eine steuerrechtliche Nutzungsdauer von 15 Jahren (§ 7 Abs. 1 Satz 3 EStG). Ist eine bilanzielle Nutzungsdauer von mehr als 5 Jahren vorgesehen, sind im Anhang zum Jahresabschluss die Gründe hierfür anzugeben (§ 285 Nr. 13 HGB).

Konzernabschluss[Bearbeiten]

Wenn der Buchwert einer Konzerntochter bei der Konzernmutter nicht dem Bilanzwert des Eigenkapitals entspricht, entsteht ein Konsolidierungsausgleichsposten. Dieser Unterschiedsbetrag ist mit einem derivativen Firmenwert vergleichbar, wird jedoch auf der Passivseite nach dem Eigenkapital ausgewiesen.[1] Sondervorschriften bestehen nach § 309 Abs. 1 Satz 1 HGB für seine Abschreibung.

Internationale Rechnungslegung[Bearbeiten]

Auch nach anderen internationalen Rechnungslegungsregeln ist der derivative Goodwill in der Handelsbilanz zwingend zu aktivieren. Das gilt beispielsweise für US-GAAP und für IFRS. Allerdings gilt auch nach IFRS für den selbstgeschaffenen Firmenwert (originären GoFW) ein explizites Aktivierungsverbot (IAS 38.48). Gleiches gilt nach US GAAP (FAS 142.10). Da es sich beim derivativen Unternehmenswert um einen Vermögenswert ohne abzuschätzende Lebensdauer handelt, wird er nicht planmäßig abgeschrieben (Impairment-only-Ansatz). Anstelle der Abschreibung erfolgt ein jährlicher Werthaltigkeitstest (Impairment-Test) nach IAS 36.

Badwill[Bearbeiten]

Der „Badwill“ ist ein negativer Geschäfts- oder Firmenwert. Er entsteht, wenn der Kaufpreis für eine Beteiligung unter dem Wert des Reinvermögens liegt. Der „Badwill“ ist nach § 301 Abs. 3 Satz 1 HGB als Rückstellung zu passivieren („Unterschiedsbetrag aus der Kapitalkonsolidierung“). Er mindert das Reinvermögen des erwerbenden Unternehmens. Die Rückstellung darf nur aufgelöst werden, wenn entweder die erwartete ungünstige Ertragsentwicklung eingetreten ist oder am Bilanzstichtag feststeht, dass der „Badwill“ einem realisierten Gewinn entspricht (§ 309 Abs. 2 HGB). Während das HGB von einer Passivierungspflicht ausgeht, ist in IAS 3.56 ff. ein Ansatzverbot festgelegt. Nach erneuter Überprüfung ist der negative Unterschiedsbetrag als Ertrag in der Gewinn- und Verlustrechnung zu erfassen.[2]

Derivativer Firmenwert in der Praxis[Bearbeiten]

In wirtschaftlichen Blütezeiten, bei hoher Bewertung der eigenen Aktien oder leicht verfügbarem Fremdgeld zu tiefen Zinsen werden Firmenübernahmen oft zu überhöhten Preisen getätigt. Dadurch kann hoher Goodwill als derivativer Firmenwert entstehen, welcher nur unter sehr optimistischen Annahmen zu begründen ist.

Bei der Rechnungslegung in den Jahren nach einer Firmenübernahme sind seit Revision der Regeln von IFRS 3 (IAS 36) im Jahr 2004 keine planmässigen, periodischen Abschreibungen dieses Goodwills mehr erlaubt. Es besteht jedoch eine Pflicht zur jährlichen Werthaltigkeitsprüfung. Dabei hat die Unternehmungsleitung einen erheblichen Spielraum bezüglich Annahmen über den zukünftigen Geschäftsverlauf und den anzuwendenden Abzinsungssatz. Sich aufdrängende Abschreibungen werden manchmal bewusst hinausgezögert, weil die Geschäftsleitung sich bezüglich der durchgeführten Firmenübernahmen keine Blösse geben will. Ein Zeitungsartikel zu diesem Thema erschien unter dem Titel „Viel heiße Luft in den Bilanzen der DAX-Unternehmen.“[3] Die darin erwähnte Studie der Universität St. Gallen, Schweiz, spricht von einer sehr zögerlichen Abschreibungspraxis. Diese führt während insgesamt normalem Geschäftsgang zu besseren Gewinnausweisen der betreffenden Firmen und zu einem prozyklischen Einfluss auf das Ergebnis. Falls andererseits Firmen mit relativ hohem Goodwill in offensichtliche Schwierigkeiten geraten und/oder eine neue Geschäftsführung die Leitung übernimmt, werden oft hohe Abschreibungen vorgenommen, um die Bilanz zu bereinigen, sodass das Unternehmensergebnis umso negativer ausfällt. Deshalb sind durch den Einfluss der Goodwill-Rechnungslegung nach IFRS die Erträge zyklischer geworden.

In der Schweiz haben vor allem einige mittelgrosse Firmen, aber auch die Swatch Group und Georg Fischer AG, ihre Rechnungslegung von IFRS auf das schweizerische Swiss GAAP FER umgestellt. Neben dem geringeren Aufwand gibt es den Vorteil, dass auch während gutem Geschäftsgang Abschreibungen des derivativen Firmenwertes möglich sind (Zitat: „Den Goodwill loswerden“).[4]

Vorsichtige Aktienanalysten ziehen den gesamten ausgewiesenen Goodwill vom Eigenkapital ab, um eine bessere Vorstellung über die Substanz einer Firma zu erhalten.

Beispiele von milliardenschweren Abschreibungen des derivativen Firmenwertes nach Firmenübernahmen sind:

  • im italienischen Bankensektor bei Unicredito, der größten italienischen Bankengruppe, im Umfang von 9,3 Mrd. Euro für das Jahr 2013[5] sowie bei Monte dei Paschi di Siena, der ältesten Bank der Welt, von 5,8 Mrd. Euro in den Jahren 2011 und 2012[6]
  • im Telekombetreibersektor bei Telecom Italia im Zeitraum von 2011 bis erstem Halbjahr 2013 im Umfang von 14 Mrd. Euro[7]; bei der Deutschen Telekom wegen der Fusion von T-Mobile USA mit PCS von 7,4 Mrd. Euro in 2013[8]; bei der Swisscom nach dem Kauf der italienischen Fastweb in 2007 von 1,3 Mrd. CHF in 2011[9].

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BT-Drucksache, a.a.O., S. 82
  2. Martin Thurner, Die Bilanzierung des Goodwills nach IAS/AFRS und HGB, 2007, S. 29
  3. Susanne Ziegert, Viel heiße Luft in den Bilanzen der DAX-Unternehmen, NZZ am Sonntag, 7. April 2013, S. 37
  4. Christoph G. Schmutz, Weniger Transparenz und trotzdem keine Dunkelkammer, Neue Zürcher Zeitung, 20. Dezember 2013, S. 30
  5. Nikos Tzermias, Flurbereinigung bei Unicredit, Neue Zürcher Zeitung, 12. März 2014, S. 30
  6. Christoph G. Schmutz, Die Spätfolgen einer überteuerten Übernahme, Neue Zürcher Zeitung, 7. Februar 2013, S. 33
  7. Nikos Tzermias, Telecom Italia droht Ramschstatus, Neue Zürcher Zeitung, 3. August 2013, S. 28
  8. Claudia Aebersold, Deutsche Telekom mit hohem Buchverlust, Neue Zürcher Zeitung, 9. November 2012, S. 32
  9. Matthias Müller, Fastweb wird zum Milliardengrab, Neue Zürcher Zeitung, 15. Dezember 2011, S. 25


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