Heinrich Holzschuher

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Johann Heinrich Christoph Holzschuher (* 11. Februar 1798 in Wunsiedel, Oberfranken; † 30. Dezember 1847 auf Schloss Bug, Landkreis Hof/Saale) war ein Sozialarbeiter und Kirchenlieddichter.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Heinrich Holzschuher besuchte bis zum 13. Lebensjahr die Lateinschule in Wunsiedel. Sein Vater, ein Gürtlermeister, Händler und Betreiber einer Billardstube, hatte alles Vermögen verloren und beging im August 1811 Selbstmord. Heinrichs Mutter, die sich kurz zuvor scheiden ließ, kehrte daraufhin mit zwei jüngeren Geschwistern in ihre böhmische Heimat zurück und wanderte später mit den beiden Kindern in die pietistische, deutsche Gemeinde Sarata aus. Heinrich blieb mit seinem Bruder Karl Georg Ferdinand mittellos bei Verwandten in Wunsiedel zurück. Karl erhielt eine Stelle als Landgerichtsschreiber, wurde aber wegen Diebstahls, Fälschung öffentlicher Urkunden und Unterschlagung zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Später wurde er Lehrer am Waisenhaus in Bunzlau und starb 1871 als angesehener Oberlehrer in Meseritz. Karl schrieb 1830 für den Fränkischen Merkur ein Gedicht über das Trauma seiner Jugend.[1] Heinrich erhielt nach dem Schulabbruch eine Ausbildung als Schreiber beim Rentamt in Wunsiedel und begann für das Wunsiedler Wochenblatt kleinere Artikel zu verfassen. Durch das familiäre Desaster sensibilisiert näherte er sich schrittweise tätiger, christlicher Diakonie. Bereits 1821 wird er als "Kinderlehrer" in Schnaditz erwähnt. 1823 hospitierte er für zwei Monate am Lutherhof in Weimar bei Johannes Daniel Falk, der sein großes Vorbild wurde. Nach gescheiterten Versuchen ähnliche sozialdiakonische Lehr- und Besserungsanstalten für Jugendliche in Bayreuth und Wunsiedel zu errichten, ließ er sich an das Zwangsarbeitshaus auf der Plassenburg bei Kulmbach vermitteln. Dort richtete er mit dem Leiter Karl Georg Stuhlmüller und mittels finanzieller Unterstützung des Bankiers Johann Lorenz Schaezler im April 1825 eine Unterrichts- und Lehranstalt für "jugendliche Verbrecher" ein. Wegen eines "groben Fehltritts im Dienste" wurde er aber einige Monate später entlassen.

Im Jahre 1827 wurde Holzschuher Mitarbeiter des Pädagogen Karl Reintaler, der in Erfurt das Martinsstift, ein Heim für verwahrloste Kinder leitete. 1831/32 arbeitete er als Schreiber bei der bayerischen Ständeversammlung in München. Zusammen mit Dr. Wolfgang Lindner begründete er im Januar 1834 die Bayerische Dorfzeitung. Wenig später schied er als Teilhaber aus, da er als provisorischer Aktuar an das Männerzuchthaus Lichtenau (Mittelfranken) berufen wurde. Laut seiner Biografin Elisabeth Jäger wurde er von Lichtenau, ohne dass die Gründe bekannt sind, Mitte 1835 "mit Schimpf und Schande weggeschickt." Ab 1836 konnte er aber als Oberschreiber des Landrichters Wülfert in Neumarkt in der Oberpfalz erneut Fuß fassen. Hier beteiligte er sich an der Gründung einer Spar-, Leih- und Hilfskasse, deren Chronist und Propagandist er wurde. Zusätzlich ordnete er das städtische Archiv. Seine letzte berufliche Station war die eines Patrimonialrichters der von Dobeneckschen Güter in Bug bei Hof an der Saale. Dort starb er im Alter von 49 Jahren. Er wurde auf dem alten Friedhof in Berg begraben. Dieser Friedhof befand sich zwischen der St. 2198 Ri. Issigau und der GV-Straße nach Naila. Dieser "alte" Friedhof wurde aufgelassen und im Jahr 1976 als Park umfunktioniert und hat den Namen "Heinrich-Holzschuher-Park" erhalten.

Publikationen[Bearbeiten]

Holzschuher trat durch zahlreiche und sehr unterschiedliche Veröffentlichungen in Erscheinung. Er engagierte sich für eine „praktisch-christliche Volkserziehung“, publizierte jedoch auch historische Untersuchungen, politisch-satirische Werke, Gedichte und biografische Abhandlungen. Sein Ruf als Kirchenlieddichter beschränkt sich indessen auf ganze zwei Zeilen. So geht die Umarbeitung der zweiten und dritten Strophe zum Weihnachtslied „O du fröhliche“ von Johannes Daniel Falk (dieser hatte es als Dreifeiertagslied Weihnachten-Ostern-Pfingsten konzipiert), auf Holzschuher zurück. Erstmals wurde diese Version im Bayerischen Landboten zu Weihnachten 1826 abgedruckt.

Holzschuher als Frühantisemit[Bearbeiten]

Heinrich Holzschuher stand lange in Verdacht unter dem Pseudonym "Itzig Feitel Stern" antijüdische Schriften und Dichtungen in jiddischer Mundart veröffentlicht zu haben. Unter steter Berufung auf eine Studie aus dem Jahre 1928 setzte sich aber allgemein die Auffassung durch, dass hinter dem Pseudonym der fränkische Freiherr und Landrichter Johann Friedrich Sigmund von Holzschuher (1796 - 1861) stand. Eine wissenschaftliche Abhandlung über jüdische Mundartdichtung von Nichtjuden in Franken aus dem Jahre 2008 kommt hingegen zu dem Schluss, dass von allen in Vergangenheit und Gegenwart genannten Personen, die möglicherweise zumindest einen Teil der unter 'Itzig Feitel Stern' veröffentlichten Schriften verfaßt haben, Heinrich Holzschuher die greifbarste und wahrscheinlichste (ist).[2]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Ideen für praktisch christliche Volks-Erziehung; oder Plan zu einer vaterländischen Erziehungs- und Rettungsanstalt für arme und verwilderte Kinder, in Baireuth. Verfasst von Heinrich Holzschuher aus Wunsiedel, [2]. Das Exemplar stammt aus der Privatbibliothek Königs Ludwig I. Beinhaltet auch ein "Circular" von Johannes Falk vom Mai 1823, sowie einen "Anhang".
  • Gedichte vermischten, dießmal meist komischen Inhalts, Wunsiedel 1824
  • Volks-Spiegel aus der Sonntagsschule des Zwangs-Arbeitshauses zu Plassenburg. Verfaßt und zum Besten des Martins-Stiftes in Erfurt herausgegeben von Heinrich Holzschuher, Erfurt 1829
  • Harfenklänge. Eine freundliche Liedergabe für Geist und Gemüth. Verfaßt und zum Besten des Martin-Stiftes in Erfurt, zur Förderung des Zweckes christlicher Erziehung von zweyhundert armen verwilderten Kindern herausgegeben von Heinrich Holzschuher, Erfurt 1829
  • Denkmal der Bayerischen Ständeversammlung im Jahre 1831, herausgegeben von Karl Julius Schreyer, Heinrich Holzschuher und Christian Rosenkreutz, Erstes Heft, Selbstverlag der Herausgeber, München 1831. Für die Hefte 2 bis 4 (mehr nicht nachweisbar), im Selbstverlag erschienen, zeichnete nur Heinrich Holzschuher als Herausgeber.
  • Zeter! Zeter! Wehe! Wehe! über die bayersche Ständeversammlung von 1831, namentlich über die Kammer der Abgeordneten und ihre Mitglieder. In Bezug auf die von Mussinan'sche Uebersicht über die von den Ständen des Königreichs Bayern auf dem Landtage 1831 zum Wohl der ganzen Nation gefassten und von der königl. Staatsregierung bewilligten Beschlüsse, und in Bezug auf den Artikel im bayerischen Volksfreund von 1832, No.: 5: 'Was wird die Geschichte unseres Vaterlandes von den Ständen des Jahres 1831 sagen?' geschriehen und gerufen und allen wahren Vaterlandsfreunden zum Mitschreyen des Zeter- und Wehe-Rufs durch den Druck mitgetheilt von Heinrich Holzschuher, München 1832
  • Die Waunsiegler Aufklärung oder der Prozeß im Kloidaschrank. E dramatisch Gedicht in Waunsiegla vornehmer und gmoiner Mundart. Verfaßt und allen Wausiegla Waiban und Moaidlein gewippemt von Hans Heinrich va da Broaitengass, Wunnsiegel (Wunsiedel) 1833
  • Kleiner Katechismus der vaterländischen Verfassungs- und Bürgerglückskunde für Volksschulen, sowie für den Bürger und Landmann des Königreichs Bayern, Nürnberg 1835
  • Dr. Ignaz Ritters v. Rudhart Kgl. Bayerischen Staatsraths und Ministers, Kgl. Griechischen Ministers des Inneren und Präsidenten des conseils, Lebens-Abriss. Letzterer von ihm selbst verfaßt. Herausgegeben von Heinrich Holzschuher, Nürnberg 1837
  • Geschichte der ehemaligen Herrschaft, des Marktes der Feste und des Zuchthauses zu Lichtenau, Nürnberg 1837
  • Anleitung zur gedeihlichen Einrichtung von Spar- und Hilfskassen auf dem platten Lande ohne Kapitalfond, zugleich eine Pragmatische Geschichte der Spar-, Leih- und Hülfskasse, dann des Leichen-Vereines zu Neumarkt in der Oberpfalz, Nürnberg 1842

Literatur[Bearbeiten]

  • Elisabeth Jäger, Heinrich Holzschuher (1798–1847), der Schöpfer des Weihnachtsliedes "O du fröhliche", in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte, Jahrgang 36, 1967, S. 39 bis 65. Online, jedoch ohne die Anmerkungen des Originalaufsatzes: [3] (PDF; 3,1 MB).
  • Claus Henneberg, Christ ist erschienen uns zu versühnen. Ein Lebensbild Heinrich Holzschuhers aus Wunsiedel, Hof, 1968. (Baut nur auf Jäger auf, zitiert aber mehr aus deren Quellen).
  • Elisabeth Jäger: Holzschuher, Heinrich. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 580 f. (Digitalisat)..
  • Wolfgang Herbst, Holzschuher, Heinrich, in: Komponisten und Liederdichter des Evangelischen Gesangbuchs, hrsg. von Wolfgang Herbst (=Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch, Band 2), Göttingen, 1999, S. 159 - ISBN 3-525-50318-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meine Jugend, in: Wöchentliche Beilage zum Fränkischen Merkur, Nr. 29 vom 18. Juli 1830, [1]
  2. Alfred Klepsch: Jüdische Mundartdichtung von Nichtjuden in Franken. Das Rätsel des Itzig Feitel Stern, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung, herausgegeben vom Zentralinstitut für Regionenforschung an der Universität Erlangen-Nürnberg, Band 68 (2008), S. 169 bis S. 201, hier S. 188