Internetabhängigkeit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Internetsucht)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Anleitung: Neutraler Standpunkt Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite. Weitere Informationen erhältst du hier.
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Mit Internetabhängigkeit, auch Internet- oder Onlinesucht, wird das Phänomen bezeichnet, das Internet übermäßig, das heißt gesundheits- und persönlichkeitsgefährdend, zu nutzen. Im englischen Sprachraum finden sich die Begriffe „internet addiction (disorder)“, „pathological internet use“ und „compulsive internet use“, also pathologische bzw. zwanghafte Verwendung des Internet, die damit das Problemfeld auch besser beschreiben.

Erscheinungsformen[Bearbeiten]

Es können mindestens drei Bereiche beschrieben werden, in denen pathologische Internet- bzw. Computer-Nutzung auftreten kann (online und/oder offline):

Internetabhängigkeit verursacht wie andere Verhaltensstörungen die Vernachlässigung üblicher Lebensgewohnheiten, sozialer Kontakte, der persönlichen Versorgung und Körperhygiene, da ein Großteil der zur Verfügung stehenden Zeit im Internet verbracht wird. Im Extremfall kann die virtuelle Welt zu einem vermeintlich vollständigen Ersatz für sonstige reale soziale Kontakte werden und damit zu sozialer Isolation führen.

Nach außen wird die Sucht verheimlicht oder man will sie nicht wahrhaben, verharmlost sein Verhalten. Häufige Entzugserscheinungen sind schlechte Laune, Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen oder Schweißausbrüche. Unter Umständen schlägt sich die Abhängigkeit auch in Faulheit nieder und in der Überzeugung, dass das Leben ohne Computer sinnlos sei.

Als besonders gefährdet gelten depressive und einzelgängerisch veranlagte Menschen. Wenn der Druck des Alltags sehr groß wird, kann die virtuelle Welt eine Fluchtmöglichkeit bieten, wobei alltägliche Aufgaben und gesellschaftliche Anforderungen vernachlässigt werden.

Als Triebfeder gelten die Verfolgung bestimmter Aufgaben, Realitätsflucht und das Experimentieren mit der Identität sowie die Kombination aus Befriedigung des so genannten Spieltriebs und des Kommunikationsbedürfnisses. Die Simulation gesellschaftlichen Aufstiegs kann ebenso eine Rolle spielen wie das Gefühl von Omnipräsenz.

Depressive Menschen finden virtuelle Entlastung, narzisstische Persönlichkeiten befriedigen ihren Machtanspruch, Jugendliche haben neue Möglichkeiten, ihre Grenzen auszuloten, und die vermeintliche Möglichkeit, ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Bei Teilnehmern an Vielspieler-Rollenspielen (so genannte „MMORPGs“) und „Browsergames“ kann es dazu kommen, dass sie ihre Spielerfolge in die Realität mitnehmen, um sich gegen andere Spieler/Freunde zu behaupten. Oft sind Spielerfolge der Ersatz für Erfolge im echten Leben und werden von den Betroffenen als wichtiger erachtet, als sich der eigenen Realität zu widmen.

Begrifflichkeit[Bearbeiten]

Umgangssprachlich wird zwar von einer „Sucht“ gesprochen. Da es sich hierbei allerdings nicht um eine stoffgebundene Abhängigkeit handelt, welche in der Klassifikation der ICD-10 erfasst wird, behilft man sich in der Wissenschaft mit der Klassifikation als Störung der Impulskontrolle.[2] Diese Einordnung ist jedoch auch nicht korrekt, da dadurch weder die vorhandene Toleranzentwicklung noch die entstehenden Entzugssymptome erfasst werden.

Einige Wissenschaftler (zum Beispiel der Psychiater Bert te Wildt) sehen die Internetabhängigkeit nicht als eigenständige Krankheit an, sondern als Syndrom im Rahmen einer bereits bestehenden psychischen Störung, zum Beispiel einer Depression. Die Diskussionen zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen dauern an.

Problematisch ist außerdem, dass Internetabhängigkeit zum Teil als Überbegriff für weitere Störungen wie zum Beispiel Online-Kaufsucht, Computersucht, Internetsexsucht, Computerspielsucht und Online-Glücksspielsucht verwendet wird. Bereits etablierte psychische Störungen werden so auf Onlineaktivitäten übertragen, was ebenfalls zu konträren Positionen innerhalb der wissenschaftlichen Diskussionen führt.

Um die Erforschung zu fördern und bessere Präventions- und Therapiemöglichkeiten entwickeln zu können, sollen die Voraussetzungen für eine Anerkennung der „Online-/Neue Mediensucht“ bei der Weltgesundheitsorganisation geprüft werden.[3]

Symptome[Bearbeiten]

Die Abgrenzung zu „normalem“ Verhalten ist fließend und kann nicht klar definiert werden. Indikatoren können Mangelerscheinungen oder unkontrolliertes Surfen im Internet sein, darüber hinaus:

  • häufiges unüberwindliches Verlangen, das Internet zu benutzen
  • Kontrollverluste (d. h. länger „online“ bleiben als man sich vorgenommen hatte) verbunden mit diesbezüglichen Schuldgefühlen
  • sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen (Freunde, Partner, Familie), häufige Rügen durch unmittelbare Bezugspersonen
  • nachlassende Arbeitsleistung
  • Verheimlichung/Verharmlosung der Netz-Aktivitäten vor der Umwelt
  • psychische Irritabilität bei Verhinderung des Internet-Gebrauchs (kann sich auswirken in Form von Nervosität, Reizbarkeit und Depression)
  • mehrfach fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung

Zudem finden einige soziale Interaktionsformen mittlerweile auch mittels des Internets statt, die bislang Bereichen zugerechnet wurden, die von einer Internetabhängigkeit ausgenommen schienen, wie z. B. online vorgenommene Verabredungen oder gemeinschaftliches Anfertigen von Hausaufgaben bei Facebook – auch dieser Umstand erschwert eine Abgrenzung zu „normalem“ Verhalten, da diese angenommene Normalität stetem Wandel unterliegt.[4]

Therapie[Bearbeiten]

Da in der Medizin noch immer keine Einigung über Bezeichnung und Diagnose herrscht, werden von den Deutschen Krankenkassen und den Deutschen Rententrägern die Diagnosen "Computersucht“ oder "Internetabhängigkeit" bisher nicht als Krankheit anerkannt. Um den Betroffenen dennoch helfen zu können, wird auf die Diagnose F63.9 im ICD-10 "Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet" zurückgegriffen, bei welcher die Kosten der theapeutische Maßnahmen übernommen werden. In Deutschland ist auch, im Rahmen der Wiedereingliederung, eine teilweise oder vollständige Kostenübernahme durch das Sozialamt möglich, wenn die Kosten der Maßnahme die eigenen Möglichkeiten übersteigt und kein anderer Kostenträger existiert.

Therapien sind inzwischen in nahezu jeder Einrichtung möglich, welche sich mit Sucht und Abhängigkeit beschäftigt. Die Therapie kann stationär, teilstationär oder auch ambulant erfolgen. Dabei stehen verschiedene therapeutische Maßnahmen zur Verfügung:

  • stationäre Therapie
  • Adaption
  • teilstationäre Unterbringung
  • Tagesklinik
  • Einzelgespräche
  • indikative Gruppen
  • Selbsthilfegruppen

Das spezielle Problem der Therapie gegen die Internetabhängigkeit ist dabei, dass das gewöhnliche Therapieziel einer stofflichen Abhängigkeit, nämlich die möglichst vollständige Abstinenz, nicht erreichbar ist. Computer und andere elektronische Medien gehören zum alltäglichen Leben. Im Rahmen einer Therapie können die Betroffenen jedoch einen bewussteren sowie gesellschaftlich tolerierten und angepassten Umgang mit dem Medium Computer und der Internetnutzung lernen.

Dabei müssen häufig auch Folgeprobleme behandelt werden. So beinhaltet eine Therapie wie bei anderen Verhaltenstherapien Anreize, das Interesse der Betroffenen an Sport und anderen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten zu wecken. Zudem müssen bei jugendlichen Betroffenen in der Regel die jeweiligen Eltern einbezogen werden, da gegebenenfalls das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern gestört ist und neu aufgebaut werden muss.

Bei (Ehe-)Partnern ist unter Umständen eine Eheberatung indiziert, um gemeinsam Strategien zur Abhängigkeitsbewältigung wie auch zur Rettung der Beziehung zu finden.

Allgemein anerkannt ist die hohe Bedeutung von Selbsthilfegruppen für die Therapie. Viele Therapeuten sind inzwischen der Überzeugung, dass ein nachhaltiger Therapieerfolg durch den Besuch von Selbsthilfegruppen überhaupt erst möglich ist. Dabei ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe nicht an die Teilnahme an einer stationären oder ambulanten Therapie gebunden. Da im Bereich der Computer-, Online- und Medienabhängigkeit (noch) kein hoher Bedarf an Selbsthilfegruppen existiert und aufgrund der zahlreichen Parallelen zur Glücksspielsucht finden sich meist Computer- und Glücksspielsüchtige zu gemeinsamen Selbsthilfeguppen zusammen.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Die Regierung von Südkorea schätzt, dass etwa 210.000 koreanische Kinder und Jugendliche von Internetabhängigkeit betroffen sind (2,1 % zwischen 6 und 19 Jahren). Für die USA liegen keine genauen Schätzungen vor.[5]

Internetsucht in Deutschland[Bearbeiten]

Einer im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführten, am 25. September 2011 in Berlin vorgelegten Studie[6] zufolge gibt es in Deutschland nach neuen Schätzungen mehr Internetsüchtige als Glücksspielabhängige. Demnach sind in Deutschland rund 560.000 Menschen vom Internet abhängig. So sei bei 1 % der 14- bis 64-Jährigen eine Internetabhängigkeit wahrscheinlich, bei 4,6 % läge bei mindestens 4 Stunden online eine „problematische Internetnutzung“ vor. Diese Zahl entspricht etwa dem Anteil der Cannabis-Konsumenten in Deutschland. Der Anteil der Glückspielsüchtigen liegt bei etwa 0,3 bis 0,5 %, also etwa 250.000 Personen. Der Anteil der Internet-Süchtigen liegt bei den Jugendlichen höher als bei den Älteren. Laut Studie sollen 2,4 % der 14- bis 24-Jährigen internetabhängig sein. 13 % gelten als „problematisch in ihrer Internetnutzung“. In der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen sind Mädchen mit 4,9 % stärker gefährdet als Jungen, die zu 3,1 % von der Online-Nutzung abhängig sind. In der Gruppe der bis 24-Jährigen ist das Verhältnis in etwa gleich. Insgesamt sollen Männer in der Regel häufiger unter Internetsucht leiden als Frauen. Weibliche Nutzer konzentrieren sich dabei mit 77 % stärker auf soziale Netzwerke wie Facebook, junge Männer auf Computerspiele.[7]

Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags veranstaltete federführend im April 2008 eine Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zum Thema Onlinesucht. Der Drogenbericht der Bundesregierung 2009[8] widmet der Onlinesucht erstmals ein eigenes Kapitel und kommt zu dem Resultat: „Aus gesundheitlicher Sicht hat die suchtartige Nutzung des Internets an Gewicht gewonnen. Vor allem männliche Jugendliche und junge Erwachsene zeigen häufiger ein sich verlierendes, entgleitendes und in Extremfällen psychopathologisch auffälliges Online-Nutzungsverhalten insbesondere in Bezug auf Online-Spielewelten“.[9][10]

Studien[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sabine M. Grüsser, Carolin N. Thalemann: "Verhaltenssucht - Diagnostik, Therapie, Forschung", 2006 ISBN 3-456-84250-3
  • Gabriele Farke: Onlinesucht – wenn Mailen und Chatten zum Zwang werden, 2003, Kreuz Verlag GmbH&Co Kg, ISBN 3-7831-2291-0
  • S. Kratzer: Pathologische Internetnutzung – eine Pilotstudie zum Störungsbild, 2006, ISBN 3-89967-317-4
  • C. Möller: Internet- und Computersucht bei Kindern und Jugendlichen in: M. Backmund, Suchtmedizin, 13. Erg.Lfg. 2008 (9): S.25-45; (10): S.78-79, Landsberg, Ecomedverlag
  • Mücken, D., Teske, A., Rehbein, F., te Wildt, B. (Hrsg.): Prävention, Diagnostik und Therapie von Computerspielabhängigkeit, 2010, 228 Seiten, Pabst Science Publishers, ISBN 978-3-89967-608-2
  • Petersen, K.-U., Thomasius, R.: Beratungs- und Behandlungsangebote zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland, 2010, 344 Seiten, Pabst Science Publishers, ISBN 978-3-89967-663-1
  • Roman Pletter: Internet-Abhängigkeit: Krankheit oder Medienhype?, Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe Juni 2002, Seite 269 – [1] [2]
  • Oliver Seemann: Die Internet-Süchtigen, 2001, Laufen, K M, ISBN 3-87468-181-5
  • te Wildt, B.: Medialität und Verbundenheit – Zur psychopathologischen Phänomenologie und Nosologie von Internetabhängigkeit, 2010, 384 Seiten, Pabst Science Publishers, ISBN 978-3-89967-609-9
  • Kurosch Yazdi: Junkies wie wir. Spielen. Shoppen. Internet. Was uns und unsere Kinder süchtig macht, 2013, 208 Seiten, Edition a, ISBN 978-3990010525, s. auch Rezension von K. Seliger
  • Hans Zimmerl: Internetsucht in: Sucht und Suchtbehandlung, Verlag LexisNexis ARD Orac 2004; Bestellnummer: 86.17.01; ISBN 3-7007-2629-5
  • Dreier, M., Wölfling, K., Beutel, M.E.: "Internetsucht bei Jugendlichen", 2014, Monatsschrift Kinderheilkunde. DOI: 10.1007/s00112-013-3069-2, 1-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jerald J. Block: Issues for DSM-V: Internet Addiction. American Journal of Psychiatry, 2008, 165 (3), S. 306-307, doi:10.1176/appi.ajp.2007.07101556.
  2. Study finds computer addiction is linked to impulse control disorder The Australian News, 24. Oktober 2006
  3. Deutscher Bundestag, Drucksache 16/13382 – Antrag. 17. Juni 2009. (PDF-Datei; 48 KB)
  4. "Das Web ist im Alltag angekommen." Spiegel Online, 11. August 2010
  5. The American Journal Of Psychiatry Editorial zu epidemiologischen Kulturunterschieden der Internetabhängigkeit
  6. Prävalenz der Internetabhängigkeit, Bericht an das Bundesministerium für Gesundheit, 2011 (PDF-Datei; 298 kB)
  7. Internetsucht auf Niveau von Cannabis-Konsum. In: Berliner Morgenpost 26. September 2011. Vgl. auch Mehr Süchtige nach Internet als nach Glücksspielen. In: MDR 26. September 2011.
  8. Bundesministerium für Gesundheit: Drogen- und Suchtbericht. Mai 2009, PDF (1,5 MB); abgerufen am 13. Juli 2010
  9. Drogen- und Suchtbericht 2009 veröffentlicht, Bundesministerium für Gesundheit, Pressemitteilung, 4. Mai 2009
  10. Internet und Computerspiele – wann beginnt die Sucht? Jahrestagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, 3. Juli 2009
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!