Johannes Tinctoris

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Johannes Tinctoris (* um 1435 in Braine-l’Alleud; † 1. Jahreshälfte 1511) war ein franco-flämischer Komponist und Musiktheoretiker der Renaissance.

Porträt von Johannes Tinctoris, Titelseite des Manuskript 835, Valencia, Biblioteca universitaria

Herkunft und Leben[Bearbeiten]

Johannes Tinctoris wurde in der kleinen, zehn Kilometer nördlich von Nivelles gelegenen Stadt Braine-l’Alleud (Eigenbrakel) geboren, vermutlich um 1435. Seine Heimat gehörte zu Brabant und zur Diözese Cambrai. Sein Vater hieß Martin und war Magistratsbeamter (èchevin).

Dokumentarisch greifbar wird Tinctoris erstmals in Cambrai. In der ersten Jahreshälfte 1460 hielt er sich dort für vier Monate auf, offenbar zu Studienzwecken, und wurde am 11. Juli von Guillaume Du Fay, der zu dieser Zeit den petite vicairs vorstand, mit einem Geldbetrag versehen.

Unmittelbar nach seinem Cambraier Aufenthalt erscheint er als Succentor an der Kathedrale von Orléans. Tinctoris selbst bezeichnet sich am 1. April 1463 als choralium pedagogus. Möglicherweise bezeichneten beide Titel dieselbe Position; vielleicht ist ihm die Funktion des choralium pedagogus auch erst später übertragen worden.

Am 1. Juli 1462 berichtet der Prokurator der Deutschen Nation an der Universität Orléans, dass Tinctoris – bereits Magister –, Mitglied der Nation geworden sei. Wenn hinter diesem Dokument die Immatrikulation Tinctoris’ an der Universität Orléans steht, muss er seinen akademischen Grad an einer anderen Universität erworben haben, mit größter Wahrscheinlichkeit vor seinem Aufenthalt in Cambrai (sodass er durchaus identisch sein könnte mit dem Johannes Tinctoris aus der Diözese Cambrai, der 1446 bzw. 1448 sich an der Universität Lüttich eingeschrieben hat). Doch da Tinctoris in einem 147 Mitglieder der Universität Orléans aufführenden Rotulus vom 1. Mai 1462 an Papst Pius II. nicht unter den licentiati oder den baccalaurei aufgeführt wird, sondern unter den scolares, wo er doch am 1. Juli 1462 Magister genannt wird, könnte dies auch bedeuten, dass Tinctoris bereits früher der Universität Orléans angehört und das Vorrecht genutzt hat, dass Studenten der deutschen Nation nach einem fünfjährigen Studium zugleich ihren Magister und Baccalaureus machen konnten. Wenn dem so war, hat Tinctoris sich 1457 an der Universität Orléans eingeschrieben.

Am 1. April 1463 wurde Tinctoris in einer feierlichen Versammlung der suppositi der Deutschen Nation in der Kirche Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle zu Orléans zu deren Prokurator gewählt. Damit wurde er Mitglied des Collegium doctorum et procuratorum der Universität; er organisierte die Generalversammlungen der Nation, trug Namen und Herkunft der Immatrikulierten in das Matrikelbuch. Er war überdies mit der Verwaltung der Güter, Siegel, Archive und Finanzen betraut. Am 26. Juni 1463 endete Tinctoris’ Amtszeit.

Tinctoris verbrachte – wie aus seinem De inuentione et usu musice hervorgeht – einige Zeit an der Kathedrale von Chartres als Musiklehrer der Chorknaben. An der Kathedrale traf er Gilles Mureau, der dort von 1469 bis 1484 tätig war.

Bereits vor 1472 muss sich Tinctoris einen Ruf als bedeutender Musiker und Theoretiker erworben haben, denn in dem spätestens 1472 entstandenen Sängergebet Omnium bonorum plena von Loyset Compère wird er erwähnt.

Seine Berühmtheit dürfte Tinctoris den Weg nach Italien geebnet haben. Etwa seit 1472 war er Sängerkaplan am Aragoneser Hof Ferrantes’ I. († 1494) in Neapel. Tinctoris gehörte der capella des Königs an. Deren Aufgaben beschränkten sich nicht nur auf die Ausübung der täglichen religiösen Andachten des Königs, sie übernahm auch die Aufgabe eines Kabinetts. Es erstaunt deshalb nicht, dass Tinctoris auch rechtlicher Berater des Königs war. Unbekannt ist freilich, ob die Selbstcharakterisierung im Liber de arte contrapuncti von 1477 als iurisconsultus sich auf seine Kaplanspflichten bezieht oder er tatsächlich eine Position mit juristischer Verantwortung innehatte, vielleicht als Übersetzer juristisch relevanter Texte. So übersetzte er 1474/75 im Auftrag des Königs das Statut des Ordens zum Goldenen Vlies aus dem burgundischen Französisch ins Italienische.

Trithemius nennt 1495 Tinctoris „regis ferdinandi neapolitani quondam archicapellanus et cantor“. Die in dieser Hinsicht spärlich überlieferten Quellen bestätigen Tinctoris in dieser Position nicht: bis 1480 hatte wahrscheinlich Joan Brusca dieses Amt inne, um 1492 Jacobo da Valenza. Wenn Trithemius sich nicht geirrt hat, muss Tinctoris zwischen 1480 und 1492 archicapellanus gewesen sein. Zusätzlich zu seinen Pflichten als Jurist und Sängerkaplan übernahm Tinctoris auch das Amt des Musiklehrers für Beatrix, Ferrantes Tochter. In der Widmung seines Diffinitorium erklärt er, er wirke in gewissem Sinne als preceptor der Prinzessin („Moris est cuiuslibet scientie preceptoribus“).

Im Jahre 1478 kam Franchino Gaffurio nach Neapel und blieb bis 1480. 1479 ging Tinctoris aus unbekanntem Grund auf Reisen. Im Mai 1479 wurden Nicholli Matto, dem Inhaber der Herberge „Alanzello“ aus der Hofkasse des Herzogs Ercole I. d’Este in Ferrara die Kosten erstattet, die ihm durch die Übernachtung „zoane de tintoris de Borgogne chantadore de la sachra magiestade de re de Napoli“ zwischen dem 7. und 11. des Monats entstanden sind. Vielleicht hat Tinctoris anlässlich dieser Reise auch seine Heimat besucht und dabei, wie er in De inuentione et usu musice erwähnt, Johannes Stokem in Lüttich getroffen, der dort an St. Lambert von 1455 bis 1481 als maître de chant angestellt war.

Am 25. Oktober 1480 erhielt Tinctoris, wie seine Kollegen auch, Dienstgarderobe. Vom 15. Oktober 1487 datiert ein Schreiben Ferrantes an Tinctoris, in dem dieser aufgefordert wird, neue Sänger zu rekrutieren, nachdem ein Versuch, solche im Königreich Neapel zu finden, gescheitert war; da ihm Empfehlungsschreiben an den französischen und römischen König mitgegeben worden sind, dürfte Tinctoris die Suche bis nach Frankreich, Burgund und Flandern ausgedehnt haben.

Um 1492 dürfte Tinctoris den Dienst Ferrantes verlassen haben und zwar als archicapellanus. Am 26. August 1492 wurde in Rom Rodrigo Borgia zum Papst Alexander VI. gekrönt, was Tinctoris zur Komposition der (verlorenen) Motette Gaude Roma uetus inspirierte. Bedenkt man die Umstände der Entstehung der Motette, so ist ein Aufenthalt Tinctoris’ in Rom wahrscheinlich, vielleicht als Mitglied einer diplomatischen Mission. Sehr wahrscheinlich hat Tinctoris bei dieser Gelegenheit Josquin Desprez getroffen.

Die nächsten 20 Jahre liegen im Dunklen. Nur einmal wird Tinctoris in einem Brief des Péter Váradi, des Erzbischofs von Kalocsa, an die verwitwete Königin von Ungarn, Beatrix, Ferrantes Tochter, vom 12. Januar 1493 [= 1494 neuen Stils] erwähnt, indem Váradi die Bemerkung Beatrices referiert, der „Fürst der [ihrer?] Musiker“ habe den Namen Färber (Tinctoris). Man hat daraus geschlossen, dass sich Tinctoris in Buda aufgehalten habe, doch ist dies wegen des metaphorischen Charakters des Briefes keineswegs sicher.

In den Jahren 1495/96 besuchte Tinctoris Neapel noch einmal, von den erst kürzlich zurückliegenden Heimsuchungen der königlichen Familie seelisch schwer gezeichnet. Am 12. Oktober 1511 erhielt Peter de Coninck die wegen des Todes von Ianne Tinctoris freigewordene Präbende an der Kirche St. Gertrude in Nivelles. Da im Allgemeinen Präbenden nicht länger als 6 Monate vakant blieben, darf man davon ausgehen, dass Tinctoris in der ersten Jahreshälfte 1511 gestorben ist. Sein Sterbeort ist unbekannt.

Porträt[Bearbeiten]

Tinctoris’ Physiognomie ist wahrscheinlich im Frontispiz der in Valencia aufbewahrten Handschrift seiner Traktate (Valencia, Biblioteca universitaria, MS 835) abgebildet.

Musikalisches Werk[Bearbeiten]

Geistliche Werke[Bearbeiten]

  1. Missa Helas (verschollen, vor 1482)
  2. Missa L’homme armé, 4v.
  3. Missa Nos amis (verschollen, vor 1475, wohl nicht identisch mit der von Reinhard Strohm 1979 identifizierten Messe)
  4. Missa sine nomine I, 3v.
  5. Missa sine nomine II, 3v.
  6. Missa sine nomine, 4v.
  7. Missa Trium Vocum
  8. Alleluia, 2v.
  9. Credo, 4v. (= identisch mit dem Credo der Josquin Desprez zugeschriebenen Missa L’ami Baudichon)
  10. Fecit potentiam, 2v.
  11. Lamentationes Jeremie, 4v. (vor 1506)
  12. O virgo miserere mei, 3v.(Sommer 1476 für Beatrix von Aragón)
  13. Pater rerum, verschollen, vor 1482
  14. Virgo Dei throno digna, 3v. (Sommer 1476 für Beatrix von Aragón)

Weltliche Werke[Bearbeiten]

  1. Comme femme, 2v. (nach einer Chanson von Gilles Binchois)
  2. De tous biens playne, 2v. (nach einer Chanson von Hayne van Ghizeghem)
  3. Difficiles alios delectat pangere cantus, 3v.
  4. D’ung aultre amer, 3v. (nach einer Chanson von Johannes Ockeghem)
  5. Gaude Roma vetus, verschollen, 1492
  6. Helas le bon temps, 3v. (vor 1501)
  7. Le souvenir, 3v. (nach einer Chanson von Robert Morton)
  8. Le souvenir, 4v. (nach einer Chanson von Robert Morton)
  9. O invida Fortuna, 3v.
  10. Tout a par moy, 2v.(nach einer Chanson von Walter Frye oder Gilles Binchois)
  11. Vostre regart, 3v.

Musiktheoretisches Werk[Bearbeiten]

  1. Speculum musices (vor 1472 (?) verschollen)
  2. Complexus effectuum musices (Beatrix von Aragón gewidmet, um 1472-75, vor 1481 erweitert)
  3. Expositio manus (um 1472/73)
  4. Liber imperfectionum notarum musicalium (um 1472-75)
  5. Proportionale musices (um 1472-75)
  6. Articuli et ordinatione dell’ordine del Toson d’oro (um 1474-77)
  7. Tractatus de regulari valore notarum (um1474-75)
  8. Scriptum [...] super punctis musicalibus (um 1475)
  9. Tractatus alterationum (um 1475)
  10. Tractatus de notis et pausis (um 1475)
  11. Liber de natura et proprietate tonotum (datiert am 6. November 1476)
  12. Liber de arte contrapuncti (am 11. Oktober 1477 beendet)
  13. De inventione et usu musice (um 1481, nur Auszüge erhalten, Widmungsbrief an Johannes Stokem)
  14. Terminorum musicae diffinitorium (1472 geschrieben, gedruckt Treviso 1495, das erste Musiklexikon)

Gesamtausgaben[Bearbeiten]

  • Johanni Tinctoris opera omnia, hrsg. v. W. Melin, o.O. 1976
  • Joanni Tinctoris Tractatus de musica, hrsg. v. E. de Coussemaker, Lille 1875
  • Johanni Tinctoris Opera theoretica, hrsg. v. A. Seay, 2 Bände, o.O. 1975, 1978
  • Complete Theoretical works, hrsg. v. R. Woodley (in Vorbereitung, online)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]