Joseph Merrick

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Joseph Merrick, 1889 fotografiert für eine Studie

Joseph Carey Merrick (* 5. August 1862 in Leicester[1]; † 11. April 1890 in London), auch John Merrick genannt, wurde im Viktorianischen Zeitalter als Elefantenmensch bekannt.

Merrick litt unter schweren Deformationen seines Körpers, die seine Gestalt und sein Gesicht völlig entstellten. Er galt im viktorianischen Zeitalter als schlimmstes Beispiel für die krankhafte Deformierung des menschlichen Gesichts.

Leben[Bearbeiten]

Merricks Missbildungen waren bei seiner Geburt nicht erkennbar, sondern begannen sich ab seinem 5. Lebensjahr zu entwickeln und er besuchte zunächst eine normale Schule. Als seine Mutter Mary Jane Merrick am 19. Mai 1873 an einer Lungenentzündung starb hinterließ sie neben Joseph seine beiden jüngeren Geschwister William Arthur und Marion Eliza.[2] Sein Vater wechselte den Wohnort und heiratete bald darauf seine Hauswirtin, die eigene Kinder mit in die Ehe brachte und für Joseph wenig Sympathie hegte. Sie nötigte ihren Ehemann dazu, Joseph aus der familiären Umgebung zu verstoßen. Mit Hilfe seines Onkels Charles Merrick fand Joseph zunächst Arbeit bei Messrs. Freeman's Cigar Manufacturers, musste diese aber bald wieder aufgeben, da seine rechte Hand zu schwer und unförmig für die Herstellung von Zigarren geworden war.[3] Nach einigen wenig ertragreichen Versuchen, als Straßenhändler, begab sich Merrick als „Monster“ unter Beteiligung von Tom Norman auf Jahrmärkte.[4]

Im November 1886 befand sich Merrick in London, wo er die Aufmerksamkeit von Dr. Frederick Treves erregte, der ihn untersuchte und hierüber einen Bericht verfasste, der später im British Medical Journal veröffentlicht wurde[5].

Da die Zurschaustellungen immer wieder durch die Behörden verboten wurden, reiste Merrick mit seinem Manager nach Belgien, von wo er im Dezember 1886 aus eigenem Antrieb zurückkehrte. Bei der Ankunft in London wurde er überfallen und seiner Ersparnisse von 50 Pfund (entspricht der Kaufkraft von etwa 6000 € im Jahr 2007) beraubt. Als einzige Rettung in dieser verzweifelten Lage verblieb ihm eine Visitenkarte von Dr. Treves, den er um Hilfe aufsuchte. Treves gewährte ihm Aufnahme im London Hospital. Merricks Aufenthalt wurde später durch den Joseph-Merrick-Fund finanziert, der mit Spenden von Lesern der London Times erbracht wurde.

Treves beschreibt Merrick als sehr intelligenten wenn auch kindlich naiven Menschen mit angenehmem Charakter. Seine Sprache war aber durch seine Missbildung derart beeinträchtigt, dass nur wenige Personen, die regelmäßigen Umgang mit ihm pflegten ihn zu verstehen in der Lage waren.[5]

Merrick starb überraschend im Laufe des 11. April 1890. Vormittags war er bei guter körperlicher Verfassung, nachmittags fand man ihn tot auf seinem Bett. Es wird angenommen, dass er einen Schlaganfall oder einen leichten Herzinfarkt erlitt, der ihn zu Fall brachte. Der Tod trat dann durch Erstickung ein.

Joseph Merrick konnte aufgrund seiner Missbildungen nur im Hocken schlafen. Am Todestag ist Joseph Merrick allerdings in seinem Bett auf dem Rücken liegend aufgefunden worden, was er normalerweise immer vermieden hat. Durch seine Deformierungen bestand ansonsten die Gefahr, dass sein recht schwerer Kopf nach hinten in die Schlafunterlage einsinkt und dabei die Luftröhre überstrecken bzw. abdrücken würde. Und genau dieses sei wohl ursächlich für den Tod gewesen – ob nun mit Absicht oder unabsichtlich herbeigeführt, kann man nicht beantworten.[6]

Vereinzelt wurde die Vermutung geäußert, dass Merrick Jack the Ripper gewesen sei. Diese Vermutung entbehrt jedoch jeglicher Grundlage und ist gänzlich haltlos: Merrick litt unter starken Bewegungseinschränkungen durch seine Fehlbildungen, konnte in seiner rechten Hand keinen Gegenstand halten und hatte darüber hinaus keinerlei Erfahrung mit Operationen, die für Jack the Ripper typisch waren. Zudem wäre er durch seine Bewegungen und sein Aussehen zu sehr aufgefallen.[7]

Gründe der Deformation[Bearbeiten]

Merrick litt unter einer genetischen Störung, die nicht nur enorme Veränderungen der Haut erzeugte, sondern auch die Knochen auftrieb. Auf diese Art waren Kopf, Arme und Beine überdimensional vergrößert, lediglich die linke Hand war von der Krankheit nicht betroffen.

Zu Lebzeiten Merricks gingen die Ärzte davon aus, dass er an Elefantiasis litt. 1971 nahm Ashley Montagu an, dass es sich um die Erbkrankheit Neurofibromatose (Recklinghausen-Krankheit) gehandelt haben könnte. 1979 entdeckte Michael Cohen das seltene Proteus-Syndrom, das 1986 als Ursache für Merricks Deformationen identifiziert wurde. Anders als bei der Recklinghausen-Krankheit sind vom Proteus-Syndrom nicht Nerven-, sondern Gewebezellen betroffen. Eine DNS-Analyse von Merricks Knochen und Haaren bestätigte im Juli 2003, dass er tatsächlich am Proteus-Syndrom litt. Allerdings fanden sich zusätzlich auch Hinweise auf die Recklinghausen-Krankheit.[8]

Die bisherigen Erkenntnisse über die Ursachen der Krankheit von Joseph Merrick v. a. hinsichtlich der These, dass es sich um das Proteus-Syndrom handele, werden von manchen Experten immer noch angezweifelt. Dr. Michael Simpson, Genetiker am Guy's Hospital in London, führt derzeit Vorbereitungen für Untersuchungen des Genoms von Joseph Merrick durch und ist sich sicher, dass zumindest eine wesentliche Ursache für die körperlichen Deformierungen von einer einzigen, nicht ererbten Mutation herrührt. Derzeitiges Ziel seiner Vorbereitungen ist auf die Untersuchung des AKT1-Gens auf dem Chromosom Nr. 14 gerichtet. Dieses Gen reguliert bei gesunden Menschen das Wachstum und ist u. a. auch an der Apoptose, dem programmierten Zelltod, beteiligt. Funktioniert dieses Gen nicht oder nicht richtig, wird diese Funktion nicht mehr ausgeführt und es kommt zu den beobachteten Gewebewucherungen. Nach Ansicht von Dr. Michael Simpson sollte es technisch zwischenzeitlich möglich sein, den genetischen Beweis der These des Proteus-Syndroms führen zu können. Problem war bisher, dass wertvolle Gewebeproben während des Zweiten Weltkrieges verlorengegangen sind und das Skelett seit dem Tod von Joseph Merrick 1890 schlicht viel zu oft und zu intensiv den unterschiedlichsten Reinigungsprozeduren unterzogen worden ist. Dr. Simpson vermutet, dass Joseph Merrick einer der seltenen Einzelfälle einer Krankheit ist. Von solchen Einzelfällen hat Dr. Simpson in den vergangenen drei Jahren 20 identifizieren können. Bei allen dieser 20 Fälle handelte es sich um jeweils eine einzige sogen. Punktmutation, bei der lediglich ein einziger Buchstabe im genetischen Code schuld an der jeweiligen Krankheit ist.[6]

Rezeption in Literatur und Kunst[Bearbeiten]

Am Beispiel des „Elefantenmenschen“ wird heute gerne das Thema von gesellschaftlicher Außenseiter-Stellung und der Notwendigkeit von Toleranz aufgegriffen.

Belletristik[Bearbeiten]

Musik[Bearbeiten]

  • Der US-amerikanische Gitarrist Buckethead spielt gelegentlich auf Merrick an:
    • Liedtitel: The John Merrick Elephant Man Bones Explosion
    • Albentitel: The Elephant Man's Alarm Clock
  • 3 Alben der US-amerikanischen Metal-Band Mastodon enden jeweils mit einem auf Joseph Merrick bezogenen Song:
    • The Elephant Man (Remission)
    • Joseph Merrick (Leviathan)
    • Pendulous Skin (Blood Mountain)

Filme[Bearbeiten]

Theater[Bearbeiten]

Es gibt ein Broadway-Theaterstück mit dem Titel The Elephant Man, in dem unter anderem David Bowie (1979) und in der deutschen Fassung Maximilian Osterritter die Hauptrolle spielten. Für das Theater Dortmund inszenierte Jörg Buttgereit 2013 Der Elefantenmsch mit Uwe Rohbeck in der Titelrolle.[9]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Joseph Merrick – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geburtsurkunde
  2. eigentümlich frei: Der „Elefantenmensch“: Politische Gehege und menschliche Zoos
  3. Autobiographie von Joseph Merrick
  4. Kurzbiographie von J. C. Merrick (eng.)
  5. a b c The Elephant Man And Other Reminiscences, Sir Frederick Treves, Cassell and Company Ltd., 1923
  6. a b Der Spiegel Ausgabe Nr. 39 vom 21. September 2013 S. 120-122
  7. Täterdiskussion auf jacktheripper.de
  8. Elephant man mystery unravelled. In: BBC News. 21. Juli 2003 (englisch).
  9. Kritikenrundschau zur Theaterinszenierung von Jörg Buttgereit