Jurij Andruchowytsch

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Andruchowytsch 2011

Jurij Ihorowytsch Andruchowytsch (ukrainisch Юрій Ігорович Андрухович; wiss. Transliteration Jurij Ihorovyč Andruchovyč; * 13. März 1960 in Stanislaw, seit 1962 Iwano-Frankiwsk, Ukraine) ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer. Er gilt zu Beginn des 21. Jahrhunderts als eine der wichtigsten kulturellen und intellektuellen Stimmen seines Landes. Andruchowytschs Werke sind international übersetzt und verlegt worden.

Leben[Bearbeiten]

Geboren im westukrainischen Stanislaw, heute Iwano-Frankiwsk, schloss Andruchowytsch 1982 die journalistische Fakultät des Lemberger Polygraphischen Instituts ab und leistete anschließend (1983/84) zunächst seinen zweijährigen Wehrdienst in der Sowjetarmee ab.

Bereits seit 1982 wurden seine ersten Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht; 1985 gründete er zusammen mit Wiktor Neborak und Oleksandr Irwanets die literarische Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (steht für бурлеск – балаган – буфонада, übersetzt etwa: Burleske, Rummel, Possenreißer). Im gleichen Jahr erschien Andruchowytschs erster Gedichtband Nebo i ploschtschi („Himmel und Plätze“) und wurde von der Kritik positiv aufgenommen. Seine Armeezeit verarbeitete er satirisch in sieben Kurzgeschichten und einem Drehbuch, das der Regisseur Andrei Dontschyk 1991 für den Film Oxygen Starvation (Кислородное голодание) verwendete. Sie erschienen 1989 unter dem Titel Links, wo das Herz schlägt ( Зліва, де серце: Оповідання) und wurden 1994 in Teilen von Anna-Halja Horbatsch ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Der Erzählband markiert den Beginn von Andruchowytschs Hinwendung zur Prosa. 1991 verabschiedete er sich mit dem letzten Gedichtband Exotische Pflanzen und Vögel von der Poesie. („Es ist kriminiell, nach dem 30. Lebensjahr noch Gedichte zu schreiben“).

1989 bis 1991 belegte Andruchowytsch am Moskauer Maxim-Gorki-Institut Kurse für Fortgeschrittene Literatur. Im November 1989 führte ihn eine Lesereise durch mehrere US-amerikanische Universitätsstädte. Seine Romane werden erfolgreich in der Ukraine und im Ausland verlegt, zuletzt erschien im August 2008 Geheimnis (Таємниця. Замість роману, 2007) in deutscher Sprache. Die ersten drei Romane griffen in satirisch-kontroverser Art Themen der post-sowjetischen Realität auf: Mit Rekreaziji („Seitensprünge“) persiflierte er die nationale Renaissance in der Ukraine, Moskowiada zielt auf russischen Kulturchauvinismus gegenüber den Emanzipationsbewegungen früherer Sowjetrepubliken, was durchaus auch kontroverse Reaktionen beim Publikum hervorrief und von seinem Aufenthalt in Moskau inspiriert sein dürfte. Zwölf Ringe handelt dagegen von einem fiktiven österreichischen Fotografen, der auf der Suche nach seinen galizischen Wurzeln die chaotische Gegenwart der Ukraine erlebt.

Neben seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit übersetzt Andruchowytsch aus der deutschen, polnischen, russischen und englischen Sprache ins Ukrainische, so beispielsweise Gedichte von Rilke und Boris Pasternak, sowie Shakespeares Hamlet, aber auch Dichter der amerikanischen Beat Generation.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wandte sich Jurij Andruchowytsch erneut der Poesie zu – obwohl reifer in Stil und freier in der Form als in den frühen Gedichten, bleibt der Dichter in seiner Lyrik gewohnt experimentell und verspielt.

Auf Grund der Doppelveranstaltung "Bewegliche Territorien" des Seminars "Kulturmanagement" mit Hanne Kulessa des Fortbildungsprogramms "Buch- und Medienpraxis" an der Goethe-Universität war Jurij Andruchowytsch zusammen mit den ukrainischen Autoren Jurko Prochasko und Serhij Schadan und der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk Anfang Februar 2014 in Frankfurt am Main. Am 5. Februar las er Auszüge aus seinem 2011 bei Suhrkamp verlegten Roman „Perversion“ während eines Leseabends im Literaturhaus Frankfurt vor und nahm am 6. Februar an einer Diskussion über die politische Lage in der Ukraine teil. Die Veranstaltungen wurden von mehreren Journalisten begleitet und Jurij Andruchowytsch im Radio und Fernsehen interviewt.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Juri Andruchowytsch wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter 2001 mit dem Herder-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung, mit dem kulturelle Leistungen in Osteuropa gewürdigt werden. 2005 erhielt Juri Andruchowytsch den Sonderpreis zum Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück und war Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. 2006 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und bekam den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 2014 erhielt er den Hannah-Arendt-Preis. In seiner Heimat ist er Vizepräsident des Ukrainischen Schriftstellerverbands (Assoziazija ukrajinskych pysmennykiw – AUP).

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Gedichtbände[Bearbeiten]

  • Nebo i ploschtschi („Himmel und Plätze“); Небо і площі (1985)
  • Seredmistja („Downtown“); Середмістя (1989)
  • Exotytschni ptachi i roslyny („Exotische Pflanzen und Vögel“); Екзотичні птахи і рослини (1991)
  • Exotytschni ptachi i roslyny s dodatkom „Indija“ („Exotische Pflanzen und Vögel mit dem Anhang Indien“); Екзотичні птахи і рослини з додатком “Індія” (1997)

Romane[Bearbeiten]

Erzählungen[Bearbeiten]

  • Die Verbrennung. Eine parodistische Parabel aus der Ukraine, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Erstveröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. April 2014, Seite 11.[2]

Essays[Bearbeiten]

  • Mein Europa, Essays, mit Andrzej Stasiuk, Sofia Onufriv, Martin Pollack, (Моя Європа: Два есеї про найдивнішу частину світу, 2004) ISBN 3-518-12370-X
  • Das letzte Territorium, Essays, (u. a. mit Auszügen aus Дезорієнтація на місцевості: Спроби - Desorijentazija na miszewosti, 2003) ISBN 3-518-12446-3
  • Engel und Dämonen in der Peripherie, Essays, (Диявол ховається в сирі, 2006, dt.: 2007) ISBN 978-3-518-12513-7

Musik[Bearbeiten]

  • Andruchoid (2005) mit Mikołaj Trzaska
  • Samogon (2006) mit der polnischen Band Karbido

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Reich mir die steinerne Laute; Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von Jurij Andruchowytsch. 1996, ISBN 3-931180-05-0
  • Orpheus, Illegal; Drama, Uraufführung 2005 am Schauspiel Düsseldorf.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Yuri Andrukhovych – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Informationen zur Veranstaltung Bewegliche Territorien – Ukrainische Autoren in Frankfurt des Fortbildungsprogrammes „Buch- und Medienpraxis“
  2. Literaturforum in FAZ vom 19. April 2014, Seite 11