Kennewick-Mann

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Die Überreste des sogenannten Kennewick-Mannes (Kennewick Man) wurden am 28. Juli 1996[1] am Ufer des Columbia Rivers im Süden des US-Bundesstaat Washington in der Nähe der Stadt Kennewick gefunden. Die Knochen wurden mit der Radiokohlenstoffdatierung auf 7300 v. Chr. (8410±60 uncal. BP) datiert,[2] besaßen jedoch Merkmale, die nicht mit denen der indianischen Überreste der Epoche übereinstimmen.

Fundumstände[Bearbeiten]

Zunächst fand man nur den Schädel. Später fand der Archäologe James Chatters auch einen Beckenknochen, in dem eine abgebrochene und verwachsene Speerspitze aus Stein steckte, die für die Archaische Periode typisch ist. Jedoch scheint er an dieser Verletzung nicht verstorben zu sein, denn die Verletzungsstelle in der rechten Hüfte weist Verheilungsanzeichen auf, so dass die zunächst angenommene chronische Entzündung ausgeschlossen werden konnte. Inzwischen weiß man, dass ein Speer den Mann von vorn getroffen haben muss, die steinerne Spitze mit einem Durchmesser von 79 mm blieb stecken. Insgesamt fand man rund 350 Knochenfragmente. Sie waren vom Regen ausgewaschen und wären beinahe in den Fluss gespült worden. Er dürfte gut 170 cm groß gewesen sein und war zum Todeszeitpunkt schätzungsweise knapp 40 Jahre alt.

Seine sterblichen Überreste waren ursprünglich mit rund 75 cm Erde bedeckt, doch war diese Erdlage vielleicht ursprünglich geringer. Der Beerdigungsplatz, eine flache Grube, lag rund 130 m vom Fluss entfernt. Er lag parallel zum Fluss auf dem Rücken, die Beine gespreizt, die Arme neben dem Körper, mit den Handflächen zur Erde.

Die Überreste liegen im Burke Museum in Seattle.

Ethnische Zuordnung[Bearbeiten]

Lange Zeit galt die Clovis-Kultur als erste amerikanische Kulturstufe, und die heutigen Indigenen Völker als Nachkommen jener Menschen, die während der letzten Eiszeit über die Beringstraße nach und nach einwanderten. Neben anderen Funden in Südamerika und Mittelamerika war es vor allem der Kennewick-Fund, der partiell einen Paradigmenwechsel in der Besiedlungsdebatte des amerikanischen Kontinents eingeleitet hat.

Vielfach geht man davon aus, dass der Kennewick-Mann mit den Ainu, den japanischen Ureinwohnern, verwandt war, die über eine der Einwanderungswellen Nordamerika ebenfalls über die Beringstraße oder über das Beringmeer besiedelt haben könnten. Genetische Analysen des Knochenmaterials brachten aber infolge des schlechten Erhaltungszustandes der DNA bislang (2012) keine Ergebnisse. Er wird im Allgemeinen als herumziehender Jäger gesehen; die steinerne Speerspitze und andere Verletzungen weisen auf Auseinandersetzungen hin.

Streit um die Rechte[Bearbeiten]

Neben neuen wissenschaftlichen Thesen stieß der Fund auch Auseinandersetzungen zum Umgang mit den sterblichen Überresten an. So klagten die heutigen Bewohner des Gebiets, die Yakama, Umatilla, Nez Percé und Colville, vor Gericht, weil sie den als ihren Vorfahren reklamierten Mann beisetzen wollten.[3] Die rechtliche Grundlage dafür bietet seit 1990 ein Gesetz (Native American Graves Protection and Repatriation Act; Abkürzung NAGPRA), in dem die Rückgabe von kulturellen Hinterlassenschaften der Indianer Nordamerikas an ihre Nachfahren geregelt wird.[4] Verschiedene Anthropologen, darunter Grover Krantz, vertraten die Ansicht, dass die Überreste nicht durch die NAGPRA geschützt seien, da sie aufgrund anatomischer Unterschiede nicht als Vorfahren der heutigen Indianer gelten könnten. Der Rechtsstreit war 2010 noch nicht zu einer Klärung gelangt, da die Modifikation eines Paragraphen im NAGPRA-Gesetz erneut aufgeschoben wurde.

Das Gleiche gilt für den etwa von 8600 v. Chr. stammenden Fund aus Nevada, der als Spirit-Cave-Mann bezeichnet wird, der ebenfalls abweichende Charakteristika aufweist und als Vorfahre heutiger Indianerstämme reklamiert wird. Schließlich gehört die als Buhl Woman (nach Buhl in Idaho) bezeichnete weibliche Leiche in diese Reihe, die sogar über 10.000 Jahre alt ist, aber für die First Nations typische Züge aufweist. Sie wurde nach der wissenschaftlichen Analyse beigesetzt.

Alle diese Funde weisen möglicherweise auf Menschen aus dem pazifischen Raum hin, aber zugleich auch auf solche aus Nordasien, oder aber auf genetische Veränderungen innerhalb der Menschengruppen.

2010 sagte die Regierung zu, alle menschlichen Überreste – von insgesamt etwa 40.000 Individuen – an die Stämme zurückzugeben. Die Bestimmungen beziehen sich dabei nicht mehr auf den Nachweis einer genetischen Verwandtschaft, sondern nur noch darauf, auf welchem Stammesgebiet die Funde gemacht wurden.[5] Damit könnte, falls dies von einem Stamm beantragt wird, der Kennewick-Mann beigesetzt werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • James C. Chatters: Kennewick Man, Smithsonian Institution (englisch)
  • James C. Chatters: Ancient Encounters. Kennewick Man and the First Americans, New York 2001
  • James C. Chatters: The Recovery and First Analysis of an Early Holocene Human Skeleton from Kennewick. In: Washington American Antiquity 65/2 (2000) 291–316

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BBC-News vom 6. Juli 2005: Scientists finally study Kennewick Man (englisch), abgefragt am 27. Juli 2011
  2. R. Taylor, D. Kirner, J. Southon and J. Chatters: Radiocarbon dates of Kennewick Man. Science 280, 1998, S. 1171–1172 doi:10.1126/science.280.5367.1171c
  3. Roger Downey: The Riddle of the Bones: Politics, Science, Race, and the Story of Kennewick Man. Springer-Verlag, NY, 2000, ISBN 0-38798-877-7.
  4. Website zu NAGPRA
  5. Native Remains Nationwide to be Returned from Museums to Tribes, AllGov.com, 29. März 2010