Ainu

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Ainu (Begriffsklärung) aufgeführt.
Ainu von der Insel Jesso (Hokkaidō) in traditioneller Tracht (aus: Die Gartenlaube 1880)

Als Ainu bzw. Aynu (アィヌ), seltener Aino, werden die Ureinwohner Nord-Japans bezeichnet. Die populäre Bezeichnung der Ainu als der Ureinwohner Japans ist nicht korrekt, tatsächlich gab es mehrere japanische Urvölker. Ursprünglich waren sie Jäger und Sammler, die ältesten archäologischen Funde werden auf etwa 18.000 v. Chr. (also noch ins Pleistozän) datiert, wobei hier wiederum umstritten ist, inwieweit diese Funde der Jōmon-Kultur mit den Ainu in Verbindung stehen.

Heute nennen sich die Ainu selbst Ainu oder Utari. Ainu bedeutet „Mensch“ und Utari „Kamerad“ in der Ainu-Sprache.

Siedlungsgebiet[Bearbeiten]

Hauptsiedlungsgebiet der Ainu auf Hokkaidō nach Angaben der Vereinigung der Ainu auf Hokkaidō (1999)
Nachbau einer Behausung in Nibutani

Historisches Siedlungsgebiet der Ainu ist Hokkaidō (alter Name: Ezo), Süd-Sachalin, die Kurilen-Inseln und das Gebiet der heutigen Präfektur Aomori. Die Kurilen und Sachalin wurden vermutlich erst im 12. Jahrhundert besiedelt, und die Vermischung mit dortigen Völkern fand vermutlich auch erst zu diesem Zeitpunkt statt.

Umstritten ist, ob Ainu auch auf Kamtschatka, an der Amur-Mündung und weiteren Gebieten auf Honshū gesiedelt haben. Historischen Dokumenten zufolge waren die Ainu bis zur frühen Neuzeit auch noch im nördlichsten Gebiet von Honshū, der heutigen Aomori-Präfektur, ansässig. Ortsnamen in den Präfekturen von Aomori, Akita und Iwate zeigen, dass die Sprache früher dort verbreitet war. Am häufigsten sind Namen, die auf -nai (nai) und -betsu (pet) enden, Ainu-Wörter für Fluss.

Heutzutage leben noch rund 27.000 Ainu in Japan, davon 24.000 auf Hokkaidō, welche zum größten Teil stark mit Japanern vermischt sind. Durch die Zwangsumsiedlung der Japaner nach der sowjetischen Besetzung Süd-Sachalins und der Kurilen am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 soll es dort keine Ainu mehr geben.

Herkunft und Verwandtschaften[Bearbeiten]

Ainu, um 1880

Nach der Meinung einiger Historiker ist das in den alten japanischen Quellen erwähnte Volk der Emishi identisch mit den Ainu, andere bezeichnen eines der beiden Völker als regionale Gruppe der anderen oder beide als getrennt.

Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass die Ainu mit den Japanern verwandt sind, wobei dieses gemeinsame Erbe auf die Jōmon-Bevölkerung zurückgeht. Dies mag auch daran liegen, dass sich die Nordjapaner seit Jahrhunderten mit den Ainu vermischt haben. Während die Japaner ebenfalls genetische Verwandtschaft zur später nach Japan eingewanderten Yayoi-Bevölkerung zeigen, ist dies bei Ainu nicht der Fall. Im Gegensatz zu Japanern sind die Ainu auch mit den Niwchen, einem sibirischen Volk, genetisch verwandt. Hierbei muss ebenfalls berücksichtigt werden, dass die Ainu historisch überliefert Frauen aus den nördlich angrenzenden Gebieten mitbrachten und es zu Vermischung kam.

Forschungen und Funde legen nahe, dass die Ainu ein asiatisches Urvolk sind und Nordostasien schon vor den Völkern des ostasiatischen Menschentyps besiedelten, mit denen sie nichts gemeinsam hatten, allerdings widersprechen neuere genetische Erkenntnisse dieser These. Hierbei muss die jahrhundertelange, von den Japanern forcierte Vermischungs- und Assimilierungspolitik des Ainuvolks berücksichtigt werden. Die Ainu sind in ihrer fast nicht mehr vorhandenen Ursprungsform (Ainuide) hellhäutig, haben runde Augen ohne mongolische Lidfalte und besitzen eine vergleichsweise starke Körperbehaarung, die dunkelbraun oder schwarz ist (insbesondere sind die langen Vollbärte der Männer bekannt). Einige Ethnologen sahen in ihnen einen europiden Typus.

Geschichte[Bearbeiten]

Unter japanischen Einfluss gerieten die Ainu auf Ezo (Hokkaidō), als im Jahr 1599 das Land vom Shogunat als Lehen Matsumae an die Familie Matsumae vergeben wurde. Das Land wurde als wertlos angesehen, da es damals noch nicht möglich war, in den nördlichen Breiten Reis anzubauen, entsprechende Sorten wurden erst in der Meiji-Zeit entwickelt. Daher beschränkten sich die Matsumae darauf, Posten für den Handel mit Pelzen und Trockenfleisch einzurichten.

Im 19. Jahrhundert richteten die Matsumae dann auf Ezo Fischereihäfen ein und zwangen die ehemaligen Jäger und Sammler, auf Fischerbooten und in Häfen zu arbeiten. 1869 wurde Ezo als Hokkaidō eine Kolonie Japans, und das Land wurde zur Besiedlung durch Japaner freigegeben. Es gab Versuche, den Ainu Land zu geben und sie zu Bauern zu machen. Diese Versuche scheiterten. Die traditionelle Ainu-Kultur wurde dabei und durch den aufkeimenden japanischen Nationalismus endgültig zerstört. Durch Zwangsarbeit, Zerstörung ihrer Kultur und fehlgeschlagene Versuche, sie als Bauern anzusiedeln, endeten viele Ainu in Armut und Alkoholismus.

Die Ainu auf Sachalin und den Kurilen konnten ihre Kultur etwas länger frei von fremden Einflüssen halten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die auf den Nordkurilen lebenden Ainu zur russisch-orthodoxen Kirche übergetreten und sprachen auch Russisch. Nachdem die Inseln an Japan gefallen waren, wurde der größte Teil in einer Zwangsumsiedlung nach Schikotan näher an die japanischen Inseln herangeholt, wo sie, durch schlechte Lebensbedingungen dezimiert, an ihrem christlichen Glauben festhielten und eigenständig eine Kirche errichteten. Ein Teil wanderte nach Kamtschatka aus. Als die Sowjetarmee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die südlichen Kurilen inklusive Shikotan einnahmen, emigrierten die restlichen Ainu nach Hokkaidō. Die Kurilen-Ainu gelten heute als ausgestorben. Die letzte bekannte Kurilen-Ainu-Frau starb 1972 und wurde kirchlich beerdigt.

Erst in den 1970er-Jahren gab es erste staatlich gestützte Rekonstruktionsversuche, auch aus dem Motiv heraus, den Tourismus zu fördern. Nachdem in Japan lange Zeit die Sprachregelung herrschte, dass Japan schlichtweg keine Minderheiten habe, sind die Ainu heute eine anerkannte Minderheit. Einige Ainu haben Hokkaidō verlassen und siedeln in anderen Teilen Japans, wo sie nicht mehr als Minderheit erkannt werden und daher keine Status-Nachteile erleiden.

Bis heute hält sich aber ein unterschwelliger Rassismus in der japanischen Gesellschaft, zum einen, weil die Ainu im Allgemeinen stärker behaart sind als Japaner und daher als primitiv wahrgenommen werden, zum anderen, weil die Ainu meist zu den ärmeren Schichten gehören. Hierdurch halten sich viele Vorurteile. Die Bemühungen zur Bewahrung und Förderung der Ainu-Kultur tragen nur langsam Früchte und werden von vielen auch als unzureichend empfunden. So sprechen beispielsweise heute viele Ainu die Sprache ihrer Vorfahren nur gebrochen oder gar nicht.

Politische Anerkennung als indigenes Volk[Bearbeiten]

Im Juni 2008 beschloss das japanische Parlament eine Resolution, in der die Ainu erstmals als kulturell eigenständiges indigenes Volk anerkannt wurden. Die Resolution enthält keine konkreten Maßnahmen zur Förderung der Ainu, fordert aber die Einrichtung eines Expertengremiums, das die Regierung in politischen Fragen beraten soll, die die Ainu betreffen, und verweist auf die 2007 verabschiedete Deklaration über die Rechte indigener Völker der Vereinten Nationen.[1][2]

Sprache[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ainu (Sprache)

Die isolierte Ainu-Sprache, die keine bekannten genetischen Verwandtschaften mit anderen Sprachen besitzt, wird heute kaum noch verwendet. Im Alltag sprechen fast alle Ainu Japanisch. Innerhalb der Ainu-Sprache gibt es drei wichtige Dialekte: den Hokkaidō-Dialekt, den Sachalin-Dialekt und den Kurilen-Dialekt.

Es gibt eine ainu-sprachige Zeitung, die Ainu Times.

Gesellschaft und Riten[Bearbeiten]

Eine Gruppe Ainu, 1904

Auf den Kurilen konnten die Ainu ihre traditionelle Lebensweise am stärksten bewahren, ohne den jahrhundertelangen japanischen Einfluss. Daher gaben die Sitten der ausgestorbenen Kurilen-Ainu die besten Beispiele für die ursprüngliche Ainu-Kultur.

Die Tätigkeiten und das spirituelle Leben sowie die Genealogie sind bei den Ainu nach Geschlecht verschieden. Die Männer jagen und fischen, die Frauen sind Sammlerinnen und Bäuerinnen.

Alte Ainu-Männer trugen – anders als die Japaner – wallende Bärte. Die Frauen weisen den „Ainu-Bart“ auf, eine Tatauierung (Tätowierung). Sie leben in einer klar getrennten Zweigeschlechter-Gesellschaft, praktizieren Ahnenkult und im Fall der japanischen Ainu übten sie das Kriegshandwerk gegenüber den sie verdrängenden Japanern aus, was ihrer Kultur aber nicht eigentümlich ist und ihre soziale Struktur ein Stück patriarchalisierte.

Religion[Bearbeiten]

Spirituell gibt es ebenfalls eine klare Zweiteilung: Die Männer üben die mit Jagd und Fischfang verbundenen Rituale aus, während der Schamanismus bei den Frauen liegt. Die Schamaninnen heißen Tusu Aynu und sind Ahnenbeschwörerinnen, Heilerinnen und sie rezitieren die Mythen und Epen der alten Ainu-Kultur im Tanz.

Über ihre wichtigste Göttin Ape-huci-kamuy sollen sie die Verbindung zu den Geistern und anderen Göttern herstellen. Es gibt dazu keine Tempel, sondern heilige Plätze im Freien und insbesondere den Herd im Zentrum des Hauses.

Genealogie[Bearbeiten]

Bei den Ainu rechnen sich die Frauen nach der weiblichen Linie, die Männer dagegen nach der männlichen Linie. Nur jeweils in diesen Linien wirkt das in matriarchalen Gesellschaften übliche Verwandtschafts-Hilfssystem, was einen starken Zusammenhalt der Frauen einerseits und der Männer andererseits mit sich bringt. Hierbei gilt in der Mutterlinie strikte Exogamie, nicht aber in der Vaterlinie. Die Frauen tragen Gürtel unter der Kleidung als Zeichen ihrer sippenmäßigen Verbundenheit und ein Mann darf keine Frau heiraten, die den gleichen Gürtel wie seine Mutter trägt. Das hervortretende männliche Familienmitglied ist der mütterliche Onkel.

Bei den Ainu gibt es keine Monogamie, die Liebeswerbung kommt von Seiten der Frau (Besuchsehe).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Horst M. Bronny: Die Ainu. In: Merian Nr. 11, 1980, S. 120–123.
  • J. Kreiner, H. D. Ölschleger: Ainu. Jäger, Fischer und Sammler in Japans Norden. Katalog der Sammlung des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, Köln 1987, ISBN 3-923158-14-9
  • Knüppel, Michael. "Ainu und Altaisch – eine Randbemerkung (PDF; 157 kB)." (Archive) Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (NOAG), Universität Hamburg. Jg. 78, Heft 183–184 (2008). p. 181-186.
  • Mark Hudson: Agriculture and Language Change in the Japanese Islands. In: Peter Bellwood, Colin Renfrew: Examining the Farming/Language Dispersal Hypothesis. McDonald Institute for Archaeological Research, Cambridge 2002, S. 311–317 (englisch)
  • Miyajima Toshimitsu: Land of Elms. The History, Culture, and Present Day Situation of the Ainu People. United Church Publishing House, Etobicoke 1998, ISBN 1-55134-092-5, S. 100–104.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatPhilippa Fogarty: Recognition at last for Japan's Ainu. In: BBC News. 6. Juni 2008, abgerufen am 8. Juni 2008 (englisch).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMasami Itō: Diet officially declares Ainu indigenous. In: The Japan Times. 7. Juni 2008, abgerufen am 8. Juni 2008 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ainu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien