Kloster Zwiefalten

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Zwiefalten, 1826

Das Kloster Zwiefalten ist ein ehemaliges Benediktinerkloster in Zwiefalten am südlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb im Landkreis Reutlingen. Die Anlage beherbergt heute eine psychiatrische Klinik.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung und Frühzeit[Bearbeiten]

Die Klosterstiftung (1089) fällt in die Zeit nach dem Investiturstreit zwischen dem deutschen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII.. Die beiden Gründer, die Grafen Kuno und Liutold von Achalm, waren päpstliche Parteigänger gewesen und schufen sich in Zwiefalten eine standesgemäße Rückzugs- und Begräbnisstätte. Als Ratgeber bei dem Projekt wirkten unter anderem der ebenfalls papsttreue (und deswegen aus seiner Diözese vertriebene) Bischof Adalbero von Würzburg und Abt Wilhelm von Hirsau.

Am 8. September 1089 wurde die Gründung offiziell vollzogen. Die ersten Bewohner waren zwölf Mönche und fünf Laienbrüder aus dem von den cluniazensischen Reformen geprägten Kloster Hirsau im Nordschwarzwald. Die Neugründung wurde mit reichem Schenkungsgut ausgestattet, darunter Teile der Orte Neuhausen an der Erms, Tigerfeld und Dietikon sowie die Kirche von Buch im Thurgau und anderes. Die verschiedenen Besitztümer lagen zu Beginn über den gesamten südwestdeutschen Raum verstreut bis in die Gegend von Chur und im Elsass.

Die Gründer widmeten Zwiefalten der Jungfrau Maria und stellten das Kloster unter den Schutz des Heiligen Stuhls. 1093 bestätigte Papst Urban II. diese Schutzherrschaft und verlieh der Abtei verschiedene Rechte. Als Gegenleistung wurde die symbolische jährliche Entrichtung eines Goldstückes festgesetzt. Unabhängig von dieser Rechtsbeziehung zwischen Papst und Kloster ist Zwiefalten in dieser Zeit als Eigenkloster der Grafen von Achalm zu betrachten.

1092 starb Graf Kuno, am 18. August 1098 sein Bruder Liutold, der seinen Lebensabend als Mönch im Kloster verbracht hatte. Der Großteil ihres Erbes fiel dem Kloster zu. 1109 schließlich erhielt die Abtei die Weihe durch Bischof Wido von Chur.

Bis zum Ausgang des Mittelalters[Bearbeiten]

In den Jahren 1095 bis 1139 erlebte das Kloster eine erste Blütezeit und entwickelte sich zu einem kulturellen und religiösen Zentrum der Region. Zahlreiche Mitglieder bedeutender schwäbischer Adelsfamilien folgten dem Vorbild des Grafen Liutold und traten in die Klostergemeinschaft ein (so Adalbert von Oberstetten und Otto von Steußlingen aus dem Geschlecht der Alaholfinger oder Berthold von Sperberseck). In dieser Zeit entstand auch ein paralleles Frauenkloster, das bis ins 14. Jahrhundert Bestand hatte.

Durch Schenkungen oder Zukauf (so der Ort Oberstetten am 19. Juli 1497 erworben für 9350 Gulden) wuchs der Klosterbesitz kontinuierlich weiter und bildete allmählich im Gebiet des heutigen Landkreises Reutlingen ein weitgehend geschlossenes Territorium, das seit dem frühen 14. Jahrhundert de facto unter der Vogtei der Grafen und späteren Herzöge von Württemberg stand.

Trotz zahlreicher Streitpunkte zwischen Kloster und Landesherren, die ihrerseits ihr Territorium zu erweitern und arrondieren suchten, respektierten doch beide Parteien die gegenseitigen Verpflichtungen. Als etwa im Rahmen von Besitzstreitigkeiten zwischen Zwiefalten und dem Reich um das Dorf Kohlberg Friedrich III. ein Heer zur Durchsetzung seiner Ansprüche nach Reutlingen entsandte (März 1461), stellte sich Graf Ulrich von Württemberg diesem mit einer eigenen Streitmacht zur Verteidigung der Zwiefaltener Rechte entgegen.

Von der Reformation bis zur Säkularisation[Bearbeiten]

Zwiefalten

Reformation und Bauernkriege verursachten besonders im Südwesten Deutschlands starke Unruhe und Verwüstungen; das Kloster selbst wurde 1525 geplündert. Doch konnte Zwiefalten die Ausbreitung des neuen Glaubens auf sein Territorium verhindern. In der Folgezeit kam es aber immer wieder zu Reibereien mit dem jetzt protestantischen Württemberg.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts verstärkten die Württemberger den Druck auf Zwiefalten, das sich aber immer noch weiter entwickelte. 1717 kam etwa der Ort Großengstingen in Klosterbesitz.

1750 schließlich gelang es der Abtei, sich von allen Verpflichtungen den Württembergern gegenüber freizukaufen und die Reichsunmittelbarkeit zu erwerben. Sie wurde dadurch Reichsabtei, von jetzt an waren die Zwiefaltener Äbte reichsfreie Landesherren. Kleinere Teile des Klosterbesitzes wurden in diesem Zusammenhang an Württemberg abgetreten, so die zuvor zwischen den Parteien umstrittenen protestantischen Orte Neuhausen an der Erms und Ödenwaldstetten sowie verschiedene Besitzungen in Großengstingen und Derendingen.

Im Rahmen der Säkularisation wurde das Kloster als eines der ersten bereits am 25. November 1802 aufgelöst. Der Besitz fiel an das 1806 zum Königreich erhobene Württemberg. Ab 1812 wurden die Gebäude als „königliche Landesirrenanstalt“ genutzt, später als psychiatrisches Landeskrankenhaus. Das heutige „Zentrum für Psychiatrie - Münsterklinik Zwiefalten“ wird seit 2003 durch das Württembergische Psychiatriemuseum ergänzt.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Hochaltar

Im 15. Jahrhundert wurde die ursprünglich romanische Klosterkirche im Geschmack der Spätgotik umgestaltet – Indiz für den wirtschaftlichen Aufschwung der Klostergemeinschaft in dieser Zeit. Kunstgeschichtlich bedeutsam ist der komplette Neubau des Zwiefaltener Münsters von 1741–1753 durch den Baumeister Johann Michael Fischer, der damit ein Hauptwerk des Spätbarock aus Gauinger Travertin schuf. Die Wandpfeilerkirche in der Tradition der Auer Zunft umschließt einen der größten Kirchenräume Deutschlands. Den Innenraum gestalteten bis 1765 Johann Joseph Christian aus Riedlingen (Figurenschmuck), Franz Josef Spiegler aus Wangen (Deckenmalerei) und Johann Michael Feuchtmayr aus Wessobrunn (Stuckatur). Die Kirche gilt als ein Gesamtkunstwerk des süddeutschen Rokoko.[1]

Das Klostergebäude in seiner heutigen Form entstand neben dem alten Münster ab 1668 nach Plänen von Tommaso Comacio (ausgeführt durch Michael Thumb und Franz Beer). Die gesamte Anlage wurde von 1974 bis 1984 umfassend restauriert.

Glocken[Bearbeiten]

Die Klosterkirche besitzt ein 11-stimmiges Geläute, das am 29. Juni 1979 und am 6. Juli 1979 von Alfred Bachert in Heilbronn gegossen wurde.

Name Ton Gewicht Durchmesser
Dreifaltigkeitsglocke 4170 kg 1910 mm
Christusglocke 2810 kg 1700 mm
Glocke Maria, Mutter der Kirche d' 1690 kg 1415 mm
St. Michaelsglocke e' 1056 kg 1240 mm
St. Benedictusglocke fis' 770 kg 1120 mm
St. Stefanusglocke g' 640 kg 1045 mm
St. Ernestusglocke a' 443 kg 915 mm
Glocke St. Nicolaus von der Flüe h' 391 kg 815 mm
St. Aureliusglocke c" 360 kg 814 mm
St. Martinusglocke d" 300 kg 760 mm
Adolf-Kolping-Glocke e" 195 kg 650 mm

Äbte des Klosters Zwiefalten[Bearbeiten]

  • 1091–1095 Noker
  • 1095–1139 Ulrich I. von Hirzbühl
  • Jahr 1139 Pilgrin (Peregrin)
  • 1139–1141 Berthold I., Edler von Grüningen (erste Amtszeit)
  • 1141–1146 Ernst, Edler von Steißlingen
  • 1146–1152 Berthold I., Edler von Grüningen (zweite Amtszeit)
  • 1152–1156 Werner I.
  • 1156–1158 Gottfried, Graf von Calw
  • 1158–1169 Berthold I., Edler von Grüningen (dritte Amtszeit)
  • 1169–1193 Konrad von Gammertingen
  • 1193–1196 Werner II.
  • 1196–1208 Hermann (aus der Familie der Bossonen)
  • 1208–1209 Konrad II. (Bruder von Hermann aus der Familie der Bossonen) als unrechtmäßiger Abt
  • 1209–1217 Konrad III. (rechtmäßig der II.)
  • 1217–1218 Heinrich von Hausen
  • 1219–1232 Luithold I.
  • 1232–1234 Reinhard (erste Amtszeit)
  • 1234–1239 Friedrich (aus der Familie der Bossonen)
  • 1239–1244 Luithold II. Arnold
  • 1244–1250 Werner III.
  • 1250–1251 Konrad IV. (rechtmäßig der III.), Graf von Montfort und Gamertingen
  • 1251–1253 Reinhard (zweite Amtszeit)
  • 1253–1259 Berthold II., Edler von Wildeck
  • 1260–1267 Petrus, Edler von Pflummern
  • 1267–1282 Ulrich II.
  • 1282–1327 Eberhard von Stein
  • 1327–1336 Ulrich III., Edler von Hasenweiler
  • 1336–1346 Walter Knebel
  • 1346–1366 Johannes I., Edler von Dischingen
  • 1366–1383 Anselm, Baron von Ehrenfels
  • 1383–1393 Konrad V. (rechtmäßig der IV.), Herr von Stein
  • 1393–1398 Johannes II. Ruperti
  • 1398–1421 Wolfhard, Herr von Stein
  • 1421–1436 Georg I. Eger
  • 1436–1474 Johannes III., Herr von Stein
  • 1474–1515 Georg II. Fischer (Piscatoris)
  • 1515–1538 Sebastian Müller (Molitor) (erste Amtszeit)
  • 1538–1549 Nikolaus I. Buchner (erste Amtszeit)
  • 1549–1555 Sebastian Müller (Molitor) (zweite Amtszeit)
  • 1555–1567 Nikolaus I. Buchner (zweite Amtszeit)
  • 1567–1577 Johannes IV. Lager
  • 1578–1598 Georg III. Rauch
  • 1598–1628 Michael Müller (Molitor)
  • 1628–1635 Balthasar Mader
  • 1636–1658 Ulrich IV. Gleuz
  • 1658–1675 Christoph Raßler
  • 1675–1692 Johann Martin Gleuz
  • 1692–1699 Ulrich V. Rothhäusler
  • 1699–1715 Wolfgang Schmid
  • 1715–1725 Beda Sommerberger
  • 1725–1744 Augustin Stegmüller
  • 1744–1765 Benedikt Mauz
  • 1765–1787 Nikolaus II. Schmidler
  • 1787–1803 Gregor Weinemer

Literatur[Bearbeiten]

  • Pirmin Lindner: Profeßbuch der Benediktiner-Abtei Zwiefalten. Kösel, Kempten u. a. 1910
  • Josef Hehle: Zwei große Äbte des Klosters Zwiefalten an der Grenzscheide des 17. und 18. Jahrhunderts. Ulm, 1911
  • Erich König, K. O. Müller (Hrsg.): Die Zwiefaltener Chroniken Ortliebs und Bertholds. Kohlhammer, Stuttgart 1941
  • Luitpold Wallach (Hrsg. und Übers.): Die Zwiefalter Chroniken Ortliebs und Bertholds. (= Schwäbische Chroniken der Stauferzeit; Bd. 2). 2. Aufl., unveränd. Nachdr. Thorbecke, Sigmaringen 1978, ISBN 3-7995-6041-6
  • Wilfried Setzler: Kloster Zwiefalten. Eine Schwäbische Benediktinerabtei zwischen Reichsfreiheit und Landsässigkeit. Studien zu ihrer Rechts- und Verfassungsgeschichte. Thorbecke, Sigmaringen 1979, ISBN 3-7995-4027-X (zugl. Diss., Universität Tübingen, 1977)
  • Eberhard Fritz: Neuhausen unter der Herrschaft des Klosters Zwiefalten (Metzinger Heimatblätter 2). Metzingen 1984. - Zweite, neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Metzingen 2014.
  • Hermann Josef Pretsch: Kloster Zwiefalten. Hrsg. von der Vereinigung von Freunden der Geschichte Zwiefaltens, Seines Münsters und Klosters. Süddeutsche Verlags-Gesellschaft, Ulm 1986, ISBN 3-88294-090-5
  • Hermann Josef Pretsch (Hrsg.): 900 Jahre Benediktinerabtei Zwiefalten. Süddeutsche Verlags-Gesellschaft, Ulm 1989, ISBN 3-88294-119-7
  • Eberhard Fritz: „Dieweil sie so arme Leuth“ - Fünf Albdörfer zwischen Religion und Politik, 1530-1750 Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte Band 9. Calwer Verlag Stuttgart 1989. ISBN 3-7668-0799-4. [betrifft: Herrschaft des Klosters Zwiefalten über Ödenwaldstetten].
  • Irmtraud Betz-Wischnath, Hermann Pretsch (Hrsg.): Das Ende von Reichsabtei und Kloster Zwiefalten. Berichte, Briefe, Aufzeichnungen und Dokumente. Süddeutsche Verlags-Gesellschaft, Ulm 2001, ISBN 3-88294-317-3
  • Karl Heinz Schömig: Münster Zwiefalten. Kirche der ehemaligen Reichsabtei. Schnell & Steiner, München u. a. 1988. ISBN 3-7954-0841-5
  • Hans Dieter Ingenhoff: Das Zwiefalter Münster - Neue Forschungsergebnisse. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 7. Jg. 1978, Heft 1, S. 42f. (PDF)

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richard Zürcher, Zwiefalten. Die Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei. Ein Gesamtkunstwerk des süddeutschen Rokoko, Konstanz-Stuttgart 1967.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kloster Zwiefalten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.232019.46135Koordinaten: 48° 13′ 55″ N, 9° 27′ 41″ O