Leukämiecluster Elbmarsch

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Skizze: Gebiet des Leukämieclusters Elbmarsch, eingezeichnet sind die Nuklearbetriebe Kernkraftwerk Krümmel (KKK) und Forschungszentrum GKSS

Der Begriff Leukämiecluster Elbmarsch bezeichnet eine Häufung (Krebscluster) von Leukämie bei Kindern im Gebiet der Samtgemeinde Elbmarsch (Landkreis Harburg, Niedersachsen) und des benachbarten Geesthachts (Herzogtum Lauenburg, Schleswig-Holstein), die seit Frühjahr 1986 auftritt. Es handelt sich nach Aussage von EU-Behörden hierbei um die weltweit höchste erfasste Leukämierate auf kleinem Raum bei Kindern und gleichzeitig um den am besten erfassten und dokumentierten Cluster weltweit.

Die Ursache des Clusters ist bisher nicht wissenschaftlich stichhaltig nachgewiesen worden. Die möglichen Ursachen, die bisher von Gutachtern, Bevölkerung oder Journalisten in Betracht gezogen wurden, lassen sich in fünf Kategorien zusammenfassen:

  1. Zufallshypothese
  2. Emissionen der Nuklearanlagen Kernkraftwerk Krümmel und der Geesthachter Forschungsreaktoren, die sich im Cluster-Gebiet befinden
  3. Rückstände der Sprengstofffabrik Krümmel
  4. andere Umweltfaktoren im Gebiet
  5. demografische Faktoren (EUROCLUS-Studie)

Der Leukämiecluster Elbmarsch ist einer von 240 Leukämieclustern, die im Rahmen der EUROCLUS-Studie bei der Erhebung von 13351 Fällen kindlicher Leukämie (Diagnose in den Jahren 1980–1989) in 17 Ländern identifiziert wurden.[1]

Betrachtung der Häufigkeit der Leukämiefälle[Bearbeiten]

Das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz registriert seit 1980 alle Krebserkrankungen bei Unter-15-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland. Damit der behandelnde Arzt die Daten melden kann, müssen die Eltern zustimmen. Bei Leukämien werden laut dem Kinderkrebsregister mehr als 95 Prozent der Fälle registriert. Dabei wurden in Deutschland bisher 59 Cluster, also Gebiete mit auffälliger Häufung, identifiziert.

Im Raum Geesthacht/Elbmarsch wurden seit 1989 je nach Zählweise zwischen 15 und 19 Kinder registriert. Das Kinderkrebsregister geht davon aus, dass zwischen 1990 und 2005 statistisch lediglich fünf Fälle zu erwarten gewesen wären. Der Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) geht von einer anderen Rechnung aus. Danach sei in dem Gebiet statistisch etwa alle 58 Jahre ein Kinder-Leukämiefall zu erwarten, anstelle der realen Quote von durchschnittlich etwa einem Fall pro Jahr. Dass eine überdurchschnittliche Häufung vorliegt, wird von keiner der beteiligten Parteien bestritten.

Seit 1990 sind in der Elbmarsch 19 Kinder an Leukämie erkrankt, vier von ihnen sind an der Krankheit gestorben. Die ersten Erkrankungen traten im Frühjahr 1986 auf. Der Leukämiecluster Elbmarsch stellt die welthöchste erfasste Leukämierate auf kleinem Raum bei Kindern dar, die Ursache ist aber bis heute unbekannt. Das Kernkraftwerk Krümmel und die Forschungsreaktoren in Geesthacht wurden oft mit den Leukämiefällen in Verbindung gebracht. Ein wissenschaftlicher Beweis für deren Mitverantwortung ist bisher nicht erbracht worden.[2]

Am 9. Dezember 2006 berichtet die Landeszeitung, dass es im Jahr 2006 in Scharnebeck, 16 Kilometer südöstlich, und in Bardowick, 14 Kilometer südlich, zu jeweils einem Leukämiefall bei Kleinkindern gekommen ist. Im selben Jahr ist es zu zwei Leukämiefällen in Winsen (Luhe), 12 Kilometer südwestlich, gekommen. Im April 2009 kam in Barum-Horburg (5,5 Kilometer südlich) noch ein weiterer Fall von Kinderleukämie hinzu.[3]

Ursachenforschung: Studien und Gutachten[Bearbeiten]

Die Suche nach den Ursachen erweist sich bisher als äußerst schwierig und langwierig. Zahlreiche Studien und Untersuchungen wurden bisher in Auftrag gegeben, zumeist durch die Bundesländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Übersicht Expertenkommissionen und Arbeitsgruppen[Bearbeiten]

Zu den Fragen bezüglich des Kinder-Leukämie-Clusters Elbmarsch sowie zu anderen in Zusammenhang mit Leukämie-Risiken stehenden Fragen waren in Norddeutschland seit 1990 zahlreiche Arbeitsgruppen tätig. Aufgabe solcher Expertenkommissionen ist es, Empfehlungen für die Durchführung von Maßnahmen, etwa Untersuchungen von Bodenproben, Messungen, demografische Studien, auszusprechen. Es handelt sich also um Expertenkreise, die die Landesregierungen und Ministerien beraten. Die Maßnahmen werden dann, nach Erteilung des Auftrages durch das verantwortliche Ministerium, von einem externen Institut durchgeführt.

Die verschiedenen Leukämiekommissionen hatten oft identische Mitglieder. Die Mitglieder der Kommissionen sind meist renommierte Wissenschaftler wie etwa Universitätsprofessoren. Sie arbeiten in den Kommissionen nebenberuflich und ehrenamtlich, bekommen aus öffentlichen Mitteln lediglich Fahrtkosten und Spesen erstattet.

Die ersten beiden Expertenkommissionen Leukämie wurden Anfang der 1990er Jahre von den Bundesländern Niedersachsen und Schleswig-Holstein eingesetzt, nachdem die ersten Kinder-Leukämie-Fälle aufgetreten waren. Der vollständige Name für diese Kommissionen lautet „Wissenschaftliche Untersuchungskommissionen zur Ursachenaufklärung der Leukämie-Erkrankungen in der Elbmarsch“:

  1. Expertenkommission Leukämie Niedersachsen (ab 1990, Leitung: K. Aurand ab Januar 1991 H.-Erich Wichmann)
  2. Expertenkommission Leukämie Schleswig-Holstein (ab 1992, Leitung: O. Wassermann)
    Ab 1992 tagten die beiden Gruppen gemeinsam, abwechselnd in Kiel oder Hannover. Neben anderen Empfehlungen war die Durchführung der Norddeutschen Leukämie- und Lymphomstudie (NLL) eine gemeinsame Empfehlung dieser beiden Gruppen.

Wie bei größeren Studien üblich, wurde die Norddeutsche Leukämie- und Lymphomstudie (NLL-Studie) von einem Beirat begleitet:

  1. Wissenschaftlicher Beirat zur NLL Studie, ab 1996, (International besetzter epidemiologischer Fachbeirat, Vorsitz von K.-H. Jöckel)

Zur Unterstützung der Fachkommissionen wurden Arbeitsgruppen eingesetzt, die sich auf einzelne Aspekte konzentrierten:

  1. Arbeitsgruppe Belastungsindikatoren (ab 1993, Umweltministerium Niedersachsen, Leitung: E. Greiser)
  2. Arbeitsgruppe Tritium (Schleswig-Holstein)

    Des Weiteren gab es einen runden Tisch vor Ort:
  3. Arbeitsgruppe Leukämie in der Elbmarsch
  4. Informationsgespräch im Juni 1986 in Geesthacht mit zwei Mitgliedern der Wählergemeinschaft GAL Harburg-Land, einem Vertreter von Die Grünen Geesthacht und einem Arzt aus der Elbmarsch über 3 aktuelle Fälle von Kinderleukämie.

Diese AG diente als Schnittstelle zwischen den Kommissionen und den Bürgern im betroffenen Gebiet. Neben Vertretern der einzelnen Kommissionen waren auch Vertreter der örtlichen Behörden unter den Mitgliedern.

Abschlussberichte der Leukämiekommissionen[Bearbeiten]

Die Expertenkommission Leukämie Niedersachsen informiert in ihrem Abschlussbericht von November 2004 über die Untersuchung zahlreicher potentieller Risikofaktoren. Untersuchte Risikofaktoren, die nicht mit den Nuklearanlagen in Verbindung stehen, sind etwa örtliches Trinkwasser, Röntgenuntersuchungen bei den betroffenen Kindern, Baumaterial der im Gebiet befindlichen Deiche, durch die Elbe angeschwemmte Schadstoffe im Uferbereich oder elektromagnetische Felder durch Stromleitungen. Die Ergebnisse bei der Untersuchung solcher Faktoren fielen negativ aus, eine Signifikanz in Verbindung mit den Krankheitsfällen konnte bei keinem dieser Faktoren erkannt werden. Um die ortsansässigen Nuklearbetriebe, also das Kernkraftwerk und das GKSS-Forschungszentrum, als mögliche Krankheitsverursacher zu untersuchen, wurde die NLL-Studie veranlasst. Diese Studie befasste sich jedoch schlussendlich nicht mit den Kinderleukämiefällen, so dass mangels entsprechender Fragestellung auch hier keine Aussagen möglich waren (s. u.). Die Expertenkommission Niedersachsen zog als letzte verbleibende Möglichkeit den Zufall (Zufallshypothese) in Betracht.

Im September 2004 beendete die Expertenkommission Leukämie Schleswig-Holstein ihre Arbeit. In ihrem Abschlussbericht,[4] den sechs der acht Experten unterzeichneten, heißt es: „Wir haben das Vertrauen in diese Landesregierung verloren.“ Die Wissenschaftler, unter der Leitung von Otmar Wassermann, werfen der (bis 2005 amtierenden; vgl. Landesregierung von Schleswig-Holstein) Landesregierung Schleswig-Holstein und der Staatsanwaltschaft Behinderung ihrer Arbeit und Unwillen zur Aufklärung vor. Insbesondere der mutmaßliche Brandfall auf dem GKSS-Gelände vom September 1986 (s. u.) und die möglicherweise daraus resultierende Kontaminierung der Umgebung mit Kernbrennstoffen (Pac-Kügelchen) sei dringend zu untersuchen. Sie kündigten an, zukünftig mit Nicht-Regierungsinstitutionen wie etwa dem „Verein Internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ zusammenzuarbeiten, und legten ihre Mandate aus Protest nieder. Die Landesregierung Schleswig-Holstein bezeichnete die Vorwürfe der Wissenschaftler der Schleswig-Holsteinischen Kommission in einer Pressemitteilung (November 2004) als „abwegig und abstrus“, „haltlos und unseriös“ und sprach dem Leiter der niedersächsischen Fachkommission, H.-Erich Wichmann, das Vertrauen aus.

Die Länder Schleswig-Holstein und Niedersachsen schlossen nach den offiziellen Abschlussberichten die Akte Elbmarsch. Für die beteiligten Gruppen stellt es sich als äußerst schwierig dar, politisch neutrale Wissenschaftler zu finden, die bereit sind, die Fakten sachlich zu untersuchen. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) behauptet in einer Anfang April 2006 ausgestrahlten Reportage, dass viele Institute aus Existenzangst keine Bodenproben aus dem Raum Geesthacht untersuchten. Die Laborbetreiber fürchteten, dass sie von den Regierungen oder anderen Stellen zukünftig durch Nichtvergabe von Aufträgen abgestraft würden. Zur Wahrung der Objektivität seien demnach die Bodenproben im Sacharow-Institut ohne Mitteilung des Fundortes untersucht worden, heißt es in dem Bericht.

NLL-Studie[Bearbeiten]

Die Norddeutsche Leukämie- und Lymphomstudie (NLL) wurde von den Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen gemeinschaftlich an das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) vergeben. Die Studie wurde vom Dezember 1996 bis ca. April 2003 durchgeführt. Laut BIPS handelt es sich um die größte Fall-Kontroll-Studie Europas zur Erforschung der Ursachen für Blutkrebserkrankungen. Untersucht wurde, ob Erwachsene, die in der Nähe von im Normalbetrieb laufenden Nuklearbetrieben wohnen, einem stärkeren Leukämie-Risiko ausgesetzt sind. Dazu wurden in sechs norddeutschen Landkreisen insgesamt 4.500 Interviews geführt. Die NLL-Studie beschäftigte sich nicht mit Kinderkrebs im Allgemeinen oder dem Leukämie-Cluster Elbmarsch im Besonderen, was auch der Koordinator der Studie, Wolfgang Hoffmann, bestätigt. Zur Aufklärung möglicher Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen den Nuklearbetrieben bei Krümmel und dem Kinderleukämiecluster kann die Studie keinen Beitrag leisten.

Euroclus-Studie[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu den vorgenannten Studien, deren Untersuchungsschwerpunkt sich auf die geografische Region der Elbmarsch beschränkt, wurde in der EUROCLUS-Studie versucht, Übereinstimmungen zwischen jenen 240 Leukämieclustern zu finden, die im Rahmen der Studie identifiziert wurden.

Im Zuge der Auswertung der Studie zeigte sich, dass nicht Umweltfaktoren, wie die Nähe zu Kernkraftwerken, zu Militärflugplätzen oder anderen häufig als Verursacher in Rede stehender Anlagen mit dem Auftreten der Leukämiefälle korrelieren, sondern dass demografische Faktoren die signifikantesten Merkmale darstellen, in denen die untersuchten Cluster übereinstimmen.

Als typische Regionen für das Auftreten von Leukämie im Kindesalter wurden dünn besiedelte Wohngebiete erkannt, in welche zu zunächst isoliert lebenden Bewohnern neue Mitbewohner aus anderen Wohngebieten hinzuzogen. Diese Erkenntnis spiegelt sich in der "Greaves Hypothese" wider.

Gestützt wird die "Greaves-Hypothese" beispielsweise von einer Kontrollstudie, welche im Auftrag des Landes Niedersachsen vom Kinderkrebsregister durchgeführt wurde. Im Ergebnis kommt diese Studie zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit für die Erkrankung an Leukämie (ALL) bei immunologischer Isolation steigt. Kennzeichnend für immunologische Isolation sind eine geringe Impfrate, wenig Kontakt zu anderen Kindern sowie das Merkmal des Erstgeborenen.[5]

Mögliche Ursachen[Bearbeiten]

Mutmaßlicher Brandvorfall am GKSS 1986[Bearbeiten]

Am 12. September 1986 wurde im Kernkraftwerk Krümmel plötzlich an mehreren Messpunkten gleichzeitig eine alarmierend hohe Radioaktivität gemessen. Die Betreiber des Kernkraftwerks schlossen einen Störfall innerhalb des Kraftwerks aus. Die Ursache für die erhöhten Werte müsste demnach außerhalb des Kernkraftwerkes gelegen haben. Mehrere Augenzeugen berichteten von einem Brand (gelb-bläuliche Feuersäule ohne Rauch), den sie auf dem Gelände des benachbarten GKSS-Forschungszentrums gesehen hätten. Nach dem mutmaßlichen Unfall wurden angeblich Arbeiter in Vollanzug auf dem betroffenen Gelände gesehen, was für eine bedenklich erhöhte Strahlung sprechen würde. Über den Vorfall berichtete die Lokalpresse.[6]

Die Einsatzprotokolle der Feuerwehr vom September 1986, die genauere Informationen über einen Brandvorfall enthalten könnten, sind nach Angaben der örtlichen Feuerwehr durch ein Feuer im September 1991 in deren Archiv zerstört worden (siehe Abschlussbericht der Schleswig-Holsteinischen Leukämie-Kommission).[4][7][8]

Die Verantwortlichen des Kernkraftwerks Krümmel und die Landesaufsichtsbehörde erklärten, dass das natürlich vorkommende radioaktive Edelgas Radon, das etwa aus dem Erdboden austreten kann, sich an diesem Tag durch eine Inversionswetterlage in der Umgebung des Kernkraftwerks in Bodennähe angereichert und so den Alarm ausgelöst haben soll. Allgemein gelten die Böden in Niedersachsen und im südlichen Schleswig-Holstein als radonarm, man geht durchgehend von Werten zwischen 10.000 und 20.000 Becquerel pro Kubikmeter Luft aus, bezogen auf die Luft in einem Meter Bodentiefe. Eine diesbezügliche Bodenuntersuchung durch Geologen wurde im Bereich Krümmel bisher nicht vorgenommen.

Bei der Beurteilung der mutmaßlichen Unfallstelle streiten sich die beteiligten Parteien sogar um normalerweise objektiv nachprüfbare Details, darunter:

  • das Alter der dort wachsenden Bäume,
  • ein Gebäude („Institut für Physik“), das nach dem Unfall plötzlich verschwunden sein soll bzw. angeblich nie existiert hat,
  • beschädigte oder unbeschädigte Stromleitungen,
  • Verbrennungen des Bodens und des Bewuchses,
  • ggf. Datierung und Ursache dieser Verbrennungen,
  • Wetterlage am Tag des Ereignisses,
  • die mutmaßliche Verlegung einer Messstation für Radioaktivität,
  • eventuell fehlende Daten dieser Station, sowie
  • Hinweise auf Durchführung von Erdbewegungen (oder die Gründe für solche Arbeiten) im fraglichen Bereich und
  • Abtransport radioaktiven Materials nach Karlstein/Bayern,
  • Deklaration dieses Materials als ‚Brennstab„segmente“‘.

Eine Suche nach unparteiischen Sachverständigen zur Klärung dieser Fragen wurde bislang nicht vorgenommen.

Die offiziellen Stellen bestreiten die Unfall-Theorie. Wilfried Voigt, zuständiger Staatssekretär unter der bis 2005 amtierenden Landesregierung Schleswig-Holstein, hat laut eigener Aussage das betreffende Gelände persönlich gründlich inspiziert und ist zu der Überzeugung gelangt, dass dort kein Unfall stattgefunden habe. Die Bürgerinitiative sowie einige der an den Untersuchungen beteiligter Wissenschaftler sprechen jedoch von einer Behinderung ihrer Untersuchungen durch öffentliche Stellen und sehen sich bei solchen Aussagen der Politiker lediglich in ihrer Befürchtung bestärkt, ein Vorfall in einer der beiden Anlagen sollte vertuscht werden.

Pac-Kügelchen[Bearbeiten]

Pac-Kügelchen sind annähernd kugelförmige Kernbrennstoffteilchen. Pac-Kügelchen wurden z. B. in den Kugelbrennelementen des Kernkraftwerks THTR-300 in Hamm-Uentrop verwendet. Die Durchmesser solcher Kügelchen liegen in der Größenordnung zwischen einigen hundertstel Millimeter und einem Millimeter.

Verschiedene an der Ursachenforschung beteiligte Gruppen sowie Einzelpersonen, beispielsweise die Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), haben Kügelchen im Raum Elbmarsch im Boden sowie auf Reetdächern gefunden. Die Funde traten in unterschiedlichen Konzentrationen rund um das Kernkraftwerk Krümmel auf. Als Quelle dieser Kontaminierung wird der mutmaßliche Brandfall von 1986 in Betracht gezogen.[9]

Die Gegenseite, bspw. die Landesregierung Schleswig-Holstein (2004), beruft sich auf wissenschaftliche Gutachten, die diese Funde widerlegen sollen. Labortechnische Untersuchungen an der Sacharow-Universität von Minsk durchgeführt durch Vladislav Mironov ergaben, dass es sich um Pac-Kügelchen handelte, die definitiv nicht dem Tschernobyl-Unglück oder dem Fallout von Atomwaffentests zuzuordnen seien. Auch Dirk Schalch (Leiter der Zentralen Strahlenschutzgruppe Universität Gießen) ist Mironovs Meinung: „Hier ist es so, dass die Ergebnisse von Professor Mironov sehr eindeutig zeigen, sie kommen nicht aus dem Fallout, sie kommen nicht von Tschernobyl.“[10] Dr. Schalch stellt auch fest, dass die Kügelchen nur in der unmittelbaren Umgebung des Kernkraftwerkes vorkommen. Sie kommen im restlichen Gebiet Deutschlands nicht vor.

Die Ergebnisse von Vladislav Mironov wurden am 31. März 2006 von der „Bürgerinitiative Leukämie“ auf einer Pressekonferenz öffentlich vorgestellt. Gitta Trauernicht, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren war zu keiner Stellungnahme bereit.[11]

Diese Untersuchung zu den Pac-Kügelchen könnte dazu führen, dass der Fall von offiziellen Stellen erneut untersucht werden muss. Auftraggeber der Untersuchung waren die „Bürgerinitiative Leukämie“ und die IPPNW. Den Untersuchungen in Minsk stehen die Ergebnisse der Untersuchungen am Mineralogischen Institut in Frankfurt gegenüber. Diese Untersuchungen haben keinerlei Hinweise auf einen nuklearen Störfall ergeben. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht. [12]

Neben anderen Untersuchungen, wie etwa der Einordnung von Form, Größe und Oberflächenbeschaffenheit der Partikel, ist die Analyse der radioaktiven Elemente und Zerfallsprodukte von großer Bedeutung. Hierbei werden meist dieselben Ergebnisse von den verschiedenen Seiten gegensätzlich interpretiert: Die künstliche Radioaktivität des Materials sei nicht auf den Fallout der bekannten oberirdischen Kernwaffenversuche zurückzuführen, so die Experten der einen Seite. Die Transurane deuteten sehr wohl auf den Bombenfallout hin, es lägen keine Hinweise auf Kernbrennstoffe vor, so die andere Seite. Einig ist man sich darüber, dass Transurane in erheblichem Umfang das Gebiet um das Kernkraftwerk verseucht haben.[13]

Ähnliche Pac-Kügelchen wurden um den THTR-300 in Hamm gefunden und spielen eine Rolle in der Diskussion um ein auffällig erhöhtes Vorkommen von Schilddrüsenkrebs.

Mutmaßliche Sonderexperimente auf dem GKSS-Gelände in Krümmel[Bearbeiten]

Die sechs zurückgetretenen Mitglieder um den ehemaligen Vorsitzenden Otmar Wassermann identifizierten 2004 als Ursache der seit 1989 aufgetretenen Häufung „geheim gehaltene kerntechnische Sonderexperimente auf dem GKSS-Gelände“.[14] Der Münchner Strahlenmediziner Edmund Lengfelder, einer der zurückgetretenen Wissenschaftler, beharrte 2004 gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Die Kommission habe in der Umgebung von GKSS und Krümmel millimetergroße Keramikkügelchen gefunden, die Kernbrennstoffe enthielten. Sie könnten dazu verwendet worden sein, miniaturisierte Atombomben herzustellen. Die Kügelchen seien offenbar bei einem Brand 1986 freigesetzt und in der Landschaft verstreut worden.“[14] Lengfelder unterstellt geheime Experimente, bei denen im Brennpunkt eines Ellipsoids aus Keramik eine millimetergroße Perle aus Plutonium 239 mittels eines Laserimpulses so hoch verdichtet wird, dass es zu einer Kettenreaktion und einer Freisetzung der Energie entsprechend einer Explosion von etwa 500 bis 1000 Kilogramm TNT-Sprengstoff komme. Hierauf solle ein vorgefundenes Gemisch aus Spalt- und Aktivierungsprodukten, Transuranen (Plutonium und Americium) sowie weiteren Kernbrennstoffen (angereichertes Uran und Thoriumderivate) hinweisen.[15] Ähnliche Kügelchen aus Thorium seien in Hanau für die Brennelemente des geplanten Hochtemperaturreaktors hergestellt worden.[15]

Erneute Funde von Transuranen in der Elbe[Bearbeiten]

Mitte 2010 wurden von unabhängiger Seite Untersuchungen der Unterelbe durchgeführt. Dabei wurden erhebliche Mengen von Transuranen im Schlamm der Elbe festgestellt. Transurane kommen in der Natur nur in Spuren vor, müssen bei höheren Konzentrationen also künstlich entstanden sein.[16]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Clustering of childhood acute leukaemia: The EUROCLUS Project.
  2. „Studie: Mehr Leukämiefälle nahe Atommeilern“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Dezember 2007
  3. Elbmarsch: Erneut erkrankt ein Kind an Leukämie, Hamburger Abendblatt vom 20. April 2009
  4. a b Abschlussbericht schleswig-holsteinische Fachkommission Leukämie, Vorsitzender Otmar Wassermann, 15. September 2004 (PDF; 2,0 MB)
  5. Leukämie-Cluster (pro-elbmarsch.de, 18. Januar 2008)
  6. DRadio (online)
  7. Staatsgeheimnis – Ein fast perfektes Verbrechen, Freitag 11. August 2006
  8. Sebastian Pflugbeil in einem Interview in der taz vom 28. November 2011 Nach seinen Angaben traten sechs der acht Mitglieder 2004 aus der Untersuchungskommission aus und verfassten einen eigenen Abschlussbericht, in dem sie geheimgehaltene kerntechnische Experimente auf dem GKSS-Gelände als wahrscheinliche Ursache für den Leukämiecluster angaben.
  9. Und niemand weiß, warum... Das rätselhafte Kindersterben, von Barbara Dickmann
  10. Und niemand weiß, warum... Das rätselhafte Kindersterben, Seite 94
  11. Und niemand weiß, warum... Das rätselhafte Kindersterben, Seite 96
  12. Gerdes A: Elemental and U-Th-Pu isotope composition of soil and spherical particles from the Elbmarsch, Northern Germany. DMG, Hannover, 24.–26. September 2006, Beih. z. Eur. J. Mineralogy, 18: in press.
  13. Anhörungsprotokolle: Protokolle der Anhörungen des Sozialausschuss des Niedersächsischen Landtages in Hannover vom 11. und 12. April 2007 zu den Ursachen der Leukämiehäufung bei Geesthacht
  14. a b Christopher Schrader und Martin Urban: Geesthacht. Labor bestreitet verbotene Atom-Experimente. In: Süddeutsche Zeitung, 3. November 2004 (online)
  15. a b Martin Urban: Atomperlen aus Geesthacht. Die „Atombombe in der Aktentasche“: Forscher glauben, Ursache der Kinder-Tumore in der Gemeinde Geesthacht entdeckt zu haben. In: Süddeutsche Zeitung, 2. November 2004
  16. Tageblatt: Plutonium schwimmt in der Unterelbe vom 19. Mai 2010

53.40444444444410.415Koordinaten: 53° 24′ 16″ N, 10° 24′ 54″ O