Lichter der Vorstadt

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Filmdaten
Deutscher Titel Lichter der Vorstadt
Originaltitel Laitakaupungin valot
Produktionsland Finnland
Originalsprache Finnisch, Russisch
Erscheinungsjahr 2006
Länge 78 Minuten
Altersfreigabe FSK 6
Stab
Regie Aki Kaurismäki
Drehbuch Aki Kaurismäki
Produktion Aki Kaurismäki
Kamera Timo Salminen
Schnitt Aki Kaurismäki
Besetzung

Lichter der Vorstadt (Originaltitel: Laitakaupungin valot, internationaler Titel: "Lights in the Dusk") ist ein Film des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki.

Handlung[Bearbeiten]

Koistinen ist Wachmann in einem modernen Geschäftsviertel von Helsinki, dessen Straßen nachts von gespenstischer Leere sind. Seine nächtlichen Kontrollgänge führen ihn durch große Einkaufsgebäude. Mit seiner Umwelt hat er nur wenig Berührungspunkte und er tut sich schwer, aus seinem Eigenbrötlerdasein auszubrechen. Von seinen Kollegen wird er geschnitten, wenn nicht gar gemobbt. Er klammert sich an die Vorstellung, als selbständiger Unternehmer in die Branche einzusteigen und büffelt BWL. Sein Antrag auf einen Anschubkredit wird von der Bank jedoch hochnäsig abgelehnt. Seine einzige Bekanntschaft ist Aila, die in einem Grillimbiss arbeitet.

Als eines Abends die blonde Mirja sich zu Koistinen an den Tisch setzt, scheint seine Einsamkeit ein Ende zu haben. Mirja ist jedoch der Lockvogel einer Verbrecherbande. Auftragsgemäß betäubt sie Koistinen mit einem Schlafmittel und entwendet ihm seine Dienstschlüssel, sodass ihre Komplizen problemlos ein Juweliergeschäft ausrauben können. Anschließend besucht Mirja ihn unter dem Vorwand, ihm „alles erklären“ zu wollen. Daran scheint er jedoch nicht interessiert zu sein. Er beobachtet, wie sie die Schlüssel und ein paar Halsketten unter seinem Sofakissen versteckt. Schicksalsergeben lässt er sich von der kurz darauf eintreffenden Polizei festnehmen. In der Verhandlung gibt er Mirja nicht preis und wird wegen Beihilfe zum Einbruchdiebstahl zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Aila schreibt ihm einen Brief in die Haft, den er ungelesen zerreißt.

Nach der Entlassung findet er Arbeit in einem Restaurant, in dem auch die Gangster verkehren. Als Mirja und der Gangsterboss ihn erkennen, stecken sie der Besitzerin des Restaurants, dass er wegen Diebstahls vorbestraft ist. Er wird sofort entlassen. Zum ersten Mal will er sich wehren, nimmt ein Messer in die Hand und geht damit auf den Gangsterboss und Mirjas Auftraggeber zu. Leibwächter fangen ihn ab. Wenig später sieht man ihn halbtot geprügelt am Boden liegen. Ein farbiger Junge, der den Hund der Leibwächter herumführt, sagt Aila Bescheid und führt sie zu Koistinen. Sie reicht ihm die Hand, die von ihm ergriffen wird.

Zwischen gewohntem Stil und Erneuerung[Bearbeiten]

Nach über einem Dutzend Filmen trifft Aki Kaurismäki öfter der Vorwurf, sich zu wiederholen und eine Karikatur seiner selbst zu werden. Sein Stil erscheine manieriert,[1] er habe sich in den 15 Jahren bis Lichter der Vorstadt nicht weiterentwickelt und variiere nur noch seinen inzwischen uninteressant gewordenen Kosmos.[2]

Auch in Lichter der Vorstadt sind die wesentlichen Elemente eines typischen Kaurismäki-Films vorhanden: Schweigsame Figuren, lange Blicke, lange Einstellungen, melancholische alte Schlager, Ungerechtigkeit. Gute und Böse sind leicht zu unterschieden. In einer trostlosen Umgebung wirkt die Hauptfigur durch ihre naive, romantische Hoffnung sympathisch.[3]

Jedoch sind die Bilder ungewohnt bunt, einige Innenräume fast Almodóvar-artig gestaltet, wenn auch sehr sparsam ausgeleuchtet. Das zeitgenössische Finnland, das aus den vorangegangenen Werken Kaurismäkis weitgehend ausgesperrt war, erhält diesmal mehr Platz; auch ein dunkelhäutiger Junge taucht auf. Die Hauptfiguren Koistinen und Mirja sind mit gutaussehenden Darstellern[1] besetzt, Kaurismäkis Anti-Diva Kati Outinen verbleibt ein Kurzauftritt als Kassiererin im Supermarkt.

Im Grunde genommen ist das Werk ein Film noir, weil der Held nur verlieren kann.[1] Jeder schikaniert Schwächere, und Koistinen mag sich nicht an diese Logik halten; sein Gang ins Gefängnis, so eine Deutung, bringe ihn nicht um seine Lebenschancen, weil er diese ohnehin nie hatte.[4]

Hintergrund[Bearbeiten]

Gedreht wurde in Helsinkis Viertel Ruoholahti, in dem in den 1990er Jahren nach dem Wegzug der Industrie (Nokias Kabelproduktion) moderne Glaspaläste hochgezogen wurden, die nun vor allem Technologie-Entwicklungszentren (Nokias Telekommunikation) und Geschäftsräume beherbergen. Nachts leert sich daher das Viertel.[4]

Der Titel des Films spielt auf Chaplins Lichter der Großstadt an. Der Film ist von Kaurismäki als dritter Teil einer Finnland-Trilogie deklariert worden. Der erste Teil (Wolken ziehen vorüber, 1996) behandelt das Thema Arbeitslosigkeit, der zweite (Der Mann ohne Vergangenheit, 2002) die Obdachlosigkeit und Lichter der Vorstadt widmet sich der Einsamkeit.

Kritiken[Bearbeiten]

epd Film sah ein „bestechendes Einsamkeits-Porträt und anrührendes Liebesmärchen, im Gewand eines cool nach Kaurismäki-Art erzählten Krimis.“ Die F.A.Z. war zwar nicht erfreut über Kaurismäkis immergleichen Stil und seine ungerührten Helden, doch in seiner todtraurigen Verzweiflung habe der Film eine stumme Größe, die es mit den Film-noir-Vorbildern aufnehmen könne. [1] Die taz konstatierte zustimmend, dass der Film die strukturelle Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, und die Entsolidarisierung der Gesellschaft offenlege.[4] Gemäß der Welt gibt es „kein angestrengtes Hinguckenmüssen, sondern die wohlige Rückkehr an einen längst vertrauten Ort.“ Dieser Film Kaurismäkis sei mit seinen erneut vorgetragenen, ewig gleichen Figuren und Schauplätzen „eine Selbstkopie zuviel.“ Sie nannte den Film zögernd Kitsch, weil Kaurismäki wohl glaube, Arme seien bessere Menschen.[2] In der Frankfurter Rundschau wurde der Film positiv besprochen, jedoch als ein „Nebenwerk“ des Regisseurs bezeichnet. Kaurismäki überzeuge mit Lakonik und ausgefeilten Details. Leider werde in der deutschen Synchronfassung die Hauptfigur Koistinen mit einem unangemessenen Pathos gesprochen.[3]

Nana A.T. Rebhan von arte resümierte: „Kaurismäki inszeniert einen in sich geschlossenen Kosmos, in dem jede Einstellung die Handschrift des finnischen Regisseurs trägt. Seine lakonischen Dialoge, das reduzierte Spiel der Schauspieler und der Soundtrack ergänzen sich hervorragend. Die Architektur des Viertels, in dem Koistinen arbeitet – das Ruoholahti-Viertel in Helsinki – wirkt kalt und menschenleer. Seine Wohnung ist minimal ausgestattet. Das Heim eines freudlosen Menschen, der sein Leben auf die praktischen Aspekte des Lebens - Essen, Trinken und Schlafen - reduziert hat. Mehr braucht Koistinen nicht, mehr erwartet er nicht (mehr) vom Leben. Deshalb fügt er sich auch in sein Schicksal. Er sitzt – wegen Mithilfe zum Diebstahl - zwei Jahre Gefängnis ab, um dann in einem Heim für Männer zu landen, in dem sein Leben auf das absolute Minimum reduziert ist: Es gibt ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl – das ist alles.“

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film war 2006 bei den 59. Internationalen Filmfestspielen von Cannes für die Goldene Palme nominiert, musste sich aber Ken Loachs The Wind That Shakes the Barley geschlagen geben. Bei der Verleihung des finnischen Filmpreises Jussi gewann der Film 2007 die Preise für den Besten Film des Jahres, Regie (ex aequo mit Aku Louhimies für Valkoinen kaupunki) und Szenenbild.

Lights in the Dusk war bei der Oscarverleihung 2007 ursprünglich Finnlands Kandidat auf eine Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Kaurismäki war, als die zuständige finnische Organisation diese Entscheidung traf, allerdings nicht gefragt worden und dagegen, dass man seinen Film einsendet. Grund war seine Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten und insbesondere gegen den von ihnen geführten Krieg im Irak. Der Regisseur forderte das Zurückziehen des Films, die Einsendung wurde disqualifiziert.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Dezember 2006, S. 33: Die allertraurigste Geschichte
  2. a b Die Welt, 21. Dezember 2006: Trocken, extra dry, ausgetrocknet
  3. a b Frankfurter Rundschau, 21. Dezember 2006, S. 15: Unschuld und Sühne
  4. a b c taz, 21. Dezember 2006, S. 15: Koistinens Kreuzweg

Weblinks[Bearbeiten]