Marie-Luise Jahn

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Marie-Luise Jahn, seit 1954 Marie-Luise Schultze-Jahn (* 28. Mai 1918 in Gut Sandlack/Kreis Bartenstein[1][2]; † 22. Juni 2010[3] in Bad Tölz[4]) war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und setzte die Arbeit der Weißen Rose fort.

Überblick[Bearbeiten]

Nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und Christoph Probsts erhielt sie im Februar 1943 das sechste Flugblatt der Weißen Rose und begann, es zusammen mit Hans Conrad Leipelt auf Schreibmaschine zu vervielfältigen und in Hamburg zu verbreiten, versehen mit dem Zusatz: „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“. Außerdem sammelte sie mit ihm Geld zur Unterstützung der Witwe des hingerichteten Professors Kurt Huber. Zusammen mit Leipelt wurde sie an die Gestapo verraten. 1944 wurde sie vom Volksgerichtshof als Hochverräterin wegen des Hörens ausländischer Rundfunksender, der Wehrkraftzersetzung und der „Feindbegünstigung“ zu einer Zuchthausstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Zum Kriegsende kam sie wieder frei.

Leben[Bearbeiten]

Marie-Luise Jahn wuchs als ältestes Kind mit zwei Brüdern auf dem elterlichen Landgut in Sandlack im heutigen Polen auf. Der Vater konnte ihnen als wohlhabender Grundbesitzer eine weitgehend unbeschwerte Kindheit ermöglichen, Unterricht erteilte eine Hauslehrerin. Zwischen 1934 und 1937 absolvierte Jahn das Internat Königin-Luise-Stiftung in Berlin, das sie erfolgreich mit dem Abitur abschloss. Am 9. November 1938 erlebte sie in der Reichshauptstadt die Ausschreitungen der Pogromnacht mit, die ihr eine bleibende Erinnerung blieben. Sie sah, wie auf offener Straße Menschen, zumeist jüdischer Abstammung, aus ihren Häusern gezerrt und misshandelt wurden. Danach begann sie, sich Gedanken über die Politik zu machen, und verstand nun auch die Aussage ihres Vaters nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, dass sich nunmehr alles ändern werde.

Studium und Widerstand[Bearbeiten]

Um ein Studium antreten zu können, leistete Schultze-Jahn von April bis Oktober 1939 in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze ihren Arbeitsdienst auf einem Bauernhof ab. Im Februar 1940 begann sie in München ein Chemiestudium am Staatslabor der Universität München, das seit 1927 unter der Leitung des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland stand.[5] Auf Grund der NS-Vorgaben durften Juden nicht mehr studieren. Wieland setzte sich über das Verbot hinweg und ermöglichte jüdischen und sogenannten halbjüdischen Kommilitonen dennoch den Universitätsbesuch. In diesem Umfeld, das aber auch Studenten kannte, die in NS-Uniformen zum Studium erschienen, lernte Jahn um die Jahreswende 1941/1942 Hans Leipelt kennen. Das gemeinsame Interesse an Fragen der Literatur machte sie zunächst zu Freunden, dann zu einem Liebespaar. Hans Leipelt, der in Hamburg wohnte, dort jedoch nicht mehr studieren konnte, besaß viele zu seiner Zeit verbotene Bücher. Da seine Mutter Jüdin war, galt er als sogenannter Halbjude.

Anfang Februar 1943 erhielt Hans Leipelt das sechste Flugblatt der studentischen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ mit der Post, in dem das genaue Kriegsgeschehen geschildert wurde. Den Inhalt machte er auch Jahn bekannt. Beide trafen sich jeden Abend im Englischen Garten in München, um ohne Ohrenzeugen offen reden zu können oder von Regimetreuen an die Gestapo verraten zu werden. Sie entschlossen sich, auf der Basis des Flugblattes, zum gemeinsamen Handeln, obschon sie zuvor nichts über die „Weiße Rose“ wussten oder auch nur Wissen um das Werk der Geschwister Scholl besaßen. Einzig, dass beide hingerichtet wurden, war ihnen bekannt. Sie tippten das sechste Flugblatt mit der ergänzten Überschrift „…Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“ ab und wollten es verteilen, um die Bevölkerung über den wirklichen Verlauf des Krieges aufzuklären. Im April 1943 gaben sie den Text an ihre Freunde Karl Ludwig Schneider, Heinz Kucharski und Margaretha Rothe weiter. Zudem beschlossen beide, für die Witwe und die Kinder des hingerichteten Kurt Huber Geld zu sammeln. Diese Sammelaktion wurde später der Gestapo bekannt.

Am 8. Oktober 1943 wurde Hans Leipelt verhaftet, zehn Tage später auch Jahn. Warnungen, sie solle nach der Verhaftung ins Ausland fliehen, hatte sie nicht befolgt, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie dort hätte leben sollen. Beim Verhör wurden ihr die eigenen Briefe, die sie an Hans geschrieben hatte, vorgelegt, so dass ein Abstreiten ihrer Regimekritik unmöglich wurde. Am 13. Oktober 1944 fand in Donauwörth der Prozess gegen Leipelt und Schultze-Jahn statt. Die Anklage lautete: „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen.“ Nur Jahn hatte einen Anwalt, der ihr von einem Bekannten vermittelt worden war. Leipelt bat den Juristen, die gesamte Verantwortung für die Widerstandshandlungen auf ihn zu schieben, um Marie-Luise Jahns Leben zu retten. Den Ausführungen des Anwalts, der Jude Leipelt habe das Mädchen verführt und in die Irre geleitet, widersprach sie nicht. Dass es für ihn auf Grund seiner jüdischen Abstammung keine Chance mehr gab, wusste er. Er wurde am 29. Januar 1945 hingerichtet.[5] Nachdem auch Wieland als Entlastungszeuge aufgetreten war, wurde Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Im Gefängnis von Aichach, in dem sie von Oktober 1943 bis Mai 1945 einsaß, war sie mit anderen politischen Gefangenen in Kontakt. Jedoch konnte sie die Berichte, die ihr aus den Konzentrationslagern gelegentlich zugetragen wurden, nicht glauben. Am 29. April 1945 befreiten US-Soldaten das Zuchthaus. Nach ihrer Entlassung war ihr der Weg in die alte Heimat, die von russischen Truppen besetzt war, versperrt. Mit Mühe erlangte sie eine Arbeitsstelle - sie galt noch immer als Hochverräterin - bei einer amerikanischen Behörde in Bayreuth.

Sie studierte Medizin an der Universität Tübingen und promovierte 1953. Seit ihrer Eheschließung mit dem Chemiker Hans Schultze heißt sie Marie-Luise Schultze-Jahn. 1954 trennte sich das Ehepaar.

Aktivitäten in Organisationen des Gedenkens[Bearbeiten]

Sie war 1987 bis 2002 Vorstandsmitglied der Weißen Rose Stiftung. Mitte Juli 2002 wurde ihr der Bayerische Verdienstorden verliehen. Im August schied sie als Schatzmeisterin nach Streitigkeiten mit der Geschäftsführung aus dem Vorstand der Weißen Rose Stiftung aus[6] und zählte im Mai 2003 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Weisse Rose Institut e.V.. 1988 gab sie ihre internistische Praxis in Bad Tölz (seit 1969) auf und widmete sich ganz dem Erinnern und Mahnen durch Zeitzeugeninterviews vor allem in Schulen[7] - aber auch in Kirchen[8]. Sie setzte sich für ein Todesmarsch-Denkmal an der Mühlfeldkirche in Bad Tölz ein und regte an, mit „Ge(h)denksteinen“ im Stadtbild an ehemalige jüdische Mitbürger zu erinnern.[9]

Schriften[Bearbeiten]

  • Marie-Luise Schultze-Jahn (unter Mitarbeit von Anne Barb-Hertkorn): … und ihr Geist lebt trotzdem weiter!, 2. Auflage, Metropol Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-25-5 (Bibliothek der Erinnerung, Band 10)

Literatur[Bearbeiten]

  • Zeitzeugeninterview mit Dr. Marie-Luise Schultze-Jahn am 4. Dezember 2008 in Bad Tölz, Gymnasium München-Fürstenried im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Gespräche dokumentiert durch Video-Mitschnitt der Ludwig-Maximilians-Universität München, Abteilung: Didaktik der Geschichte.
  • Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945, Mit der Geschichte leben, Band 2, I bis P, Literareon, Herbert Utz Verlag, München, 2003, ISBN 3-8316-1025-8, zu Aktivitäten Marie-Luise Jahns S. 161, 166-172 online auf ns-dokumentationszentrum-muenchen.de (PDF; 4,0 MB)
  • Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn - Studentischer Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus am Chemischen Staatslaboratorium der Universität München, Garnies, Haar/München 2003.

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Sandlack/Sedlawki auf ostpreussen.net, gesehen 27. Juni 2010
  2. Amtsbezirk Kinkheim/Gut Sandlack auf territorial.de, gesehen 27. Juni 2010
  3. Zeitzeugin der „Weißen Rose“: Marie-Luise Schultze-Jahn ist tot, Meldung der Süddeutschen Zeitung in der Regionalausgabe Dachau vom 23. Juni 2010, gesehen 27. Juni 2010
  4. Trauer um Zeitzeugin Schultze-Jahn, Meldung der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni 2010 09:58, auf sueddeutsche.de, gesehen 27. Juni 2010
  5. a b Zeitzeugin Marie-Luise Schultze-Jahn, Pressemitteilung der Universität München vom 31. Januar 2005 anlässlich des 60. Jahrestages der Hinrichtung von Hans Leipelt, gesehen 27. Juni 2010
  6. Süddeutsche Zeitung, Artikel Weiße Rose, gezaust, von Michael Stiller, 24. August 2002
  7. Marie-Luise Jahn über ihr Engagement für die „Weiße Rose“ auf merkur-online.de
  8. Lesung der Zeitzeugin Marie-Luise Schultze Jahn in der Dachauer Versöhnungskirche, 2005
  9. Gedenktexte zum Tode Marie-Luise Jahns

Weblinks[Bearbeiten]