Marie-Luise Jahn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Marie-Luise Jahn (* 28. Mai 1918 in Gut Sandlack/Kreis Bartenstein) war eine deutsche Widerstandskämpferin und setzte die Arbeit der Weißen Rose fort.

Nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und Christoph Probsts erhielt sie im Februar 1943 das 6. Flugblatt der Weißen Rose und begann es, zusammen mit Hans Conrad Leipelt auf Schreibmaschine zu vervielfältigen und in Hamburg zu verbreiten, versehen mit dem Zusatz: „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“. Außerdem sammelte sie mit ihm Geld zur Unterstützung der Witwe des hingerichteten Professor Kurt Huber. Zusammen mit Leipelt wurde sie an die Gestapo verraten. 1944 erhielt sie vom Volksgerichtshof als Hochverräterin eine Zuchthausstrafe von 12 Jahren wegen des Hörens ausländischer Rundfunksender, der Wehrkraftzersetzung und der „Feindbegünstigung“. Zum Kriegsende kam sie wieder frei. Sie studierte Medizin in Tübingen und promovierte 1953. Seit ihrer Eheschließung mit dem Chemiker Hans Schultze heißt sie Marie-Luise Schultze-Jahn. Aber bereits 1954 trennte sich das Ehepaar. Sie war 1987 bis 2002 Vorstandsmitglied der Weißen Rose Stiftung.

Quellenangaben
Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (Literatur, Webseiten oder Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

In einem Zeitzeugeninterview erarbeitete die Klasse 9a des Gymnasiums München-Fürstenried eine noch detailliertere Lebensbeschreibung von Frau Dr. Marie-Luise Jahn, die nachfolgend dokumentiert wird:

Familienumstände Marie-Luise Jahn wuchs als ältestes Kind mit zwei Geschwistern, Paul und Ilse, auf dem elterlichen Landgut in Sandlck im heutigen Polen auf. Der Vater konnte ihn als wohlhabender Grundbesitzer eine weitgehend unbeschwerte Kindheit ermöglichen, Unterricht erteilte eine Hauslehrerin.

Ausbildung/NS-Zeit Zweischen 1934 und 1937 absolvierte S. das Internati Königin Luise-Stiftung in Berlin, das sie erfolgreich mit dem Abitur abschloss. Am 9. November 1938 erlebte sie in der Reichshauptstadt die Ausschreitungen der Pogromnacht mit, die bei ihr eine bleibende Erinnerung blieben. Sie sah, wie auf offener Straße Menschen, zumeist jüdischer Abstammung, aus ihren Häusern gezerrt und misshandelt wurden. Nach eigenen Angaben habe sie ihre Erlebnisse nicht verstanden, habe dabei gestanden und zugesehen. Doch dieses Erlebnis wirkte in ihr, sie hat angefangen, sich Gedanken über die Politik zu machen. Schon unmittelbar, nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, hatte ihr Vater gesagt, dass sich nunmehr alles ändern werde. Spätestens nach dem Novemberpogrom verstand S. die Aussage ihres Vaters.

Um ein Studium antreten zu können, leistete S. von April bis Oktober 1939 in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze ihren Arbeitsdienst auf einem Bauernhof ab. Dabei putzte sie Gemüse und hütete Gänse - erstmals in ihrem Leben absolvierte sie manuelle Tätigkeiten.

Im Februar 1940 begann sie im damals noch sehr friedlichen München ihr Chemiestudium am Staatslabor der Universität München, das unter der Leitung des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Heinrich Wieland stand. Auf Grund der NS-Vorgaben durften jüdische Menschen nicht mehr studieren. Wieland setzte sich über das Verbot hinweg und ermöglichte jüdischen und un sogenannten halbjüdischen Kommilitonen dennoch den Universitätsbesuch. In diesem Umfeld, das aber auch Studenten kannte, die in NS-Uniformen zum Studium erschienen, lernte S. um die Jahreswende 1941/1942 Hans Leipolt kennen. Das gemeinsame Interesse an Fragen der Literatur machte sie zunächst zu Freunden, dann zu einem Liebespaar. Hans Leipolt besaß viele zu seiner Zeit verbotene Bücher. Er war sogenannter Halbjude, seine Mutter Jüdin.

Nach eigener Aussage stand S. nach Kriegsbeginn, als fast alle Männer zum Militärdienst einberufen wurden, sehr skeptisch gegenüber. Sie hatte Angst, wohnte die 21jährige doch alleine in München und hatte keine Informationen über ihre Eltern. Durch die Diktatur, die alle Nachrichten- und Pressewege kontrollierte, wurde der tatsächliche Kriegsverlauf verschleiert.

Anfang des Monats Februar 1943 erhielt Hans Leipolt das sechste Flugblatt der studentischen Widerstandsbewegung "Weiße Rose" mit der Post, in welchem das Kriegsgeschehengenau geschildert wurde. Den Inhalt machte er auch S. bekannt. Um in aller Ruhe reden zu können, traten sich beide jeden Abend im Englischen Garten in München. Nur so war es möglich, offen zu reden, ohne von Regimetreuen an die Gestapo verraten zu werden. Sie entschlossen sich, auf der Basis des Flugblattes, zum gemeinsamen Handeln, obschon sie zuvor nichts über die "Weiße Rose" wußten oder auch nur Wissen um das Werk der Geschwister Scholl besaßen, so S. bei ihren Ausführungen gegenüber der Klasse 9a des Gymnasiums Fürstenried. Einzig, dass beide hingerichtet wurden, war ihnen bekannt. Daher entschlossen sich Leipolt und Jahn, das sechste Flugblatt mit der ergänzten Überschrift "...Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!" abzutippen und zu verteilen, da sie die Bevölkerung über den wirklichen Verlauf des Krieges aufklären wollten. Im April 1943 gaben sie den Text an ihre Freunde Karl Schneider, Heinz Kucharski und Greta Rothe weiter. Zudem beschließen beide, für die Wittwe des hingerichteten Professors Kurt Huber und ihre beiden Kinder Geld zu sammeln. Diese Sammelaktion wird später der Gestapo bekannt.

Am 8. Oktober 1943 wird Hans Leipolt verhaftet, zehn Tage später auch S. "Zwei Männer von der Gestapo kamen zu uns ins Labor", erzählt S. im Gespräch mit den Schülern im Winter 2008. Warnungen, sie solle nach der Verhaftung ins Ausland fliehen, hatte sie nicht befolgt, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie dort hätte leben sollen. Beim Verhör wurden ihr die eigenen Briefe, die sie an Hans geschrieben hatte, vorgelegt, so dass ein Abstreiten ihrer Regimkritik unmöglich wurde. Am 13. Oktober 1944 fabd dann in Donauwörth der Prozess gegen Hans Leipolt und S. statt. Die Anklage lautete: "Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen." Nur S. hatte einen Anwalt, der ihr von einem Bekannten vermittelt worden war. Hans Leipolt bat den Juristen, die gesamte Verantwortung für die Widerstandshandlungen auf sich zu schieben, um Marie-Luise Jahns Leben zu retten. Den Ausführungen des Anwalts, der Jude Hans habe das deutsche Mädchen verführt und in die Irre geleitet, hat sie nicht widersprochen. Sie wollte leben. Dass es für ihn auf Grund seiner jüdische Abstammung keine Chance mehr gab, wußte Hans. Nachdem auch Prof. Wieland als Entlastungszeuge aufgetreten war, bekam Marie-Luise "nur" 12 Jahr Zuchthaus.

Im Gefängnis von Aichach, in welchem sie von Oktober 1943 bis Mai 1945 einsaß, war sie mit anderen politischen Gefangenen im Kontakt. Jedoch konnte sie die Berichte, die ihr aus den Konzentrationslagern gelegentlich zugetragen wurden, nicht glauben. Ihren Willen zum Überleben verlor sie, obschon sie keine Nachrichten über den Verlauf des Krieges beziehen konnte nie. "Den Nazis zuliebe gebe ich nicht auf", bringt sie ihre Motivation heute zum Ausdruck.

Am 29. April 1945 befreiten US-Soldaten das Zuchthaus. Nicht sofort erkannte J. die Dimension, dass sie nun frei war. Jedoch erkannte sie schnell, dass sie, anders als etwa die kriminellen Häftlinge, ihre Akte zu ihrer Entlastung besorgen musste. Nach ihrer Entlassung war ihr der Weg in die alte Heimat versperrt, dort waren die Russen. Nur mit Mühe erlangte sie eine Arbeitsstelle, denn sie galt noch immer als Hochverräterin. Jedoch erlangte sie dann bei einer amerikanischen Stelle in Bayreuth einen Arbeitsplatz.

[Bearbeiten] Quellen

  • Marie-Luise Schultze-Jahn, "und ihr Geist lebt trotzdem weiter!" Widerstand im Zeichen der Weissen Rose (Bibliothek der Erinnerung: Band 10), München 2004.
  • Zeitzeugeninterview mit Dr. Marie-Luise Schultze-Jahn am 4. Dezember 2008 in Bad Tölz, Gymnasium München-Fürstenried im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen
Andere Sprachen