Kurt Huber

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kurt Huber

Kurt Huber (* 24. Oktober 1893 in Chur; † 13. Juli 1943 in München-Stadelheim) war ein deutscher Professor für Musikwissenschaften und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Volksliedforscher und Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Biografie[Bearbeiten]

Geboren im bündnerischen Chur, zog Huber mit seinen Eltern 1896 nach Stuttgart, wo er seine Schulzeit verbrachte und das Abitur am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium ablegte. Nach dem frühen Tod des Vaters 1911 ließ sich die Mutter mit ihren Kindern in München nieder. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität studierte er Musikwissenschaften, Philosophie und Psychologie und promovierte im Jahr 1917 über den Renaissance-Musiker Ivo de Vento mit der Beurteilung „summa cum laude“.

Geburtshaus von Kurt Huber in Chur/Schweiz

Drei Jahre später (1920) habilitierte sich Huber in Psychologie und begann 1926 als außerordentlicher Professor seine Dozentenzeit an der Münchner Universität. Lehraufträge für Psychologie und Methodenlehre boten ihm eine bescheidene existenzielle Sicherung. Die Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl wurde seit 1933 durch die nationalsozialistische Hochschulpolitik verhindert; als Begründung diente ein fadenscheiniges Argument: Kurt Huber hatte eine kaum wahrnehmbare körperliche Behinderung durch eine Nervenerkrankung mit Lähmungsfolgen in der Kindheit. Der eigentliche Grund waren politische Denunziationen, unter anderem durch Herbert Gerigk, der in einem Schreiben an den Reichsstudentenführer vom 19. November 1936 geschrieben hatte: „Hubers Bindungen zum Katholizismus und sogar eine ausgesprochen parteifeindliche Haltung sind eindeutig erwiesen“.[1] Nach einer Beurteilung vom 18. Januar 1940 durch das NSDAP-Gauamt München galt Huber zwar weiterhin als „bedenklich“, aber nicht ablehnenswert.[2] Daraufhin stellte Huber am 15. Februar 1940 einen Antrag auf die Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde am 1. April 1940 als Parteimitglied Nr. 8.282.981 registriert.[3] Nach seiner Verhaftung Ende Februar 1943 wurde er am 3. April 1943 aus der Partei ausgestoßen.[3]

Den zweiten wissenschaftlichen Schwerpunkt bildete seine Musikbegabung. Sein ganz besonderes Interesse gilt dabei der Volksliedforschung, die ihn mit Carl Orff und Kiem Pauli, einem bekannten Volkssänger und Musikanten in Bayern zusammenführte. Auf Veranlassung von Huber und Pauli wurde zum Beispiel 1930 das erste oberbayerische Preissingen in Egern durchgeführt, bei dem Volksmusikgruppen aus ganz Bayern und Tirol auftraten. Pauli und Huber haben weithin in Vergessenheit geratenes Liedgut in Bayern wiederentdeckt und für das wiedererstehende Volksliedsingen erschlossen.

Durch seine Veröffentlichungen über Musikpsychologie, Musikästhetik und vokaltheoretische Forschungen gewann Huber zunehmend Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt. So war schon im Jahr 1937 ein Ruf nach Berlin erfolgt. Dort baute er das Volksmusikarchiv auf. Ihm wurde auch versprochen, er dürfe dort an der musikwissenschaftlichen Hochschule Vorlesungen halten. Das Versprechen wurde aber nicht eingelöst, da er sich weigerte, für den NS-Studentenbund Kampflieder zu komponieren. Daraufhin kehrte der Professor, der inzwischen mit seiner Frau Clara eine Familie gegründet hatte, nach München zurück.

Ein Sohn von Kurt Huber ist der Eichstätter Germanist Wolfgang Huber (* 1939).

Weiße Rose[Bearbeiten]

Mahnmal für die „Weiße Rose“ vor der LMU München

Im Dezember 1942 suchten Hans Scholl und Alexander Schmorell den Kontakt zu Professor Kurt Huber. Gemeinsam verfassten sie im Januar 1943 das fünfte Flugblatt Aufruf an alle Deutschen! der „Weißen Rose“, einer Widerstandsgruppe in München während der Zeit des Nationalsozialismus, die im Sommer 1942 gegründet worden war.

Das sechste Flugblatt wurde von Huber allein verfasst, aber von Hans Scholl und Alexander Schmorell redigiert.[4] Dieses Flugblatt, das sich gegen die Kriegspolitik des Dritten Reiches wandte, wurde der Gruppe zum Verhängnis. Nachdem nicht alle Exemplare verschickt werden konnten, wurde beschlossen, die übrig gebliebenen Flugblätter an der Münchner Universität zu verteilen. Am 18. Februar 1943 versuchten die Geschwister Scholl, die Blätter an der Universität auszulegen, wurden dabei vom Hausmeister entdeckt und von diesem an die Gestapo ausgeliefert.

Während die Geschwister Scholl bereits am 22. Februar zusammen mit Christoph Probst hingerichtet wurden, erging das Todesurteil gegen Kurt Huber, Willi Graf und Alexander Schmorell erst in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof. Huber und Schmorell wurden am 13. Juli 1943 im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet, die Hinrichtung Grafs erfolgte am 12. Oktober 1943 ebenfalls durch das Fallbeil.

In seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof hatte sich Huber zu seiner konservativ, völkischen Einstellung bekannt (Weber 1993, S. 186). Er kritisierte an der NSDAP, dass sie die wahre Volksgemeinschaft... zunichte gemacht (Huber 1986, S. 76) und keinen wahren, germanischen Führerstaat (ebd., S. 77) errichtet habe.

Professor Kurt Huber wurde in einem Familiengrab auf dem Alten Teil des Münchner Waldfriedhofs beigesetzt (Grab Nr. 21-W-22).

Kurt Huber und seine Einstellung zum Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Klaus Weber schreibt, dass Kurt Hubers widersprüchliches Leben nicht so ohne Weiteres auf einen einfachen Nenner zu bringen ist, wie so oft versucht. Dazu führt er näher aus:

„Er ist weder der geistige Mentor der ‚Weißen Rose‘ noch ein überzeugter ‚Antifaschist‘. Er wird gegen das System des deutschen Faschismus widerständig, ‚als ihm die ‚Anständigkeit‘, das ‚Wahre‘ daran verlorenging‘... An der Radikalität der Gegnerschaft zu bestimmten Erscheinungsformen innerhalb des Nationalsozialismus ist bei Kurt Huber nicht zu zweifeln. Diese Gegnerschaft darf aber weder zeitlich noch inhaltlich absolut gesetzt werden. Noch weniger rechtfertigt sie (s)eine (?) Verklärung der unterschiedlichen Aktivitäten Hubers…“[5]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Als Autor:

  • Ivo de Vento (ca. 1540–1575). Diss. phil., Ludwig-Maximilians-Universität zu München, München 1917. - (Der erste, biographische Teil der Dissertation schien mit gleichem Titel ohne Verlag in Lindenberg im Allgäu 1918.)
  • Der Ausdruck musikalischer Elementarmotive. Eine experimentalpsychologische Untersuchung. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923.
  • Joseph Geysers Stellung in Logik und Erkenntnistheorie. In: Fritz-Joachim von Rintelen (Hrsg.): Philosophia perennis: Abhandlungen zu ihrer Vergangenheit und Gegenwart. [Festgabe Josef Geyser zum 60. Geburtstag]. Verlag von Josef Habbel, Regensburg 1930, Bd. 2, S. 1141–1172.
  • Das Weihnachtslied in Oberbayern vor 50 Jahren. Zur Liedgeographie und musikalischen Stilkritik von August Hartmanns Sammelwerk. In: Eugen Franz, Julius Volk, Bruno Schweizer & Adolf Sandberger (Red.): Staat und Volkstum. Neue Studien zur bairischen und deutschen Geschichte und Volkskunde. Karl Alexander von Müller als Festgabe zum 20. Dezember 1932 mit einem Geleitwort von E[rich] Marcks. Jos. C. Hubers Verlag, Diessen 1933, S. 116–140.
  • Erich Becher als Psychologe. In: Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. 89, Hf. 3/4, 1933, S. 671–693.
  • Die Vokalmischung und das Qualitätensystem der Vokale. Erster Teil. In: Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. 91, Hf. 1/2, 1934, S. 153–199.
  • Über eine physikalische Beweisführung von W. Köhlers Vokaltheorie. (Im Anschluß an die „Vokalstudien“ von Engelhardt und Gehrcke). In: Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. 92, Hf. 3/4, 1934, S. 481–504.
  • Herders Begründung der Musikästhetik. In: Archiv für Musikforschung. 1. Jg., Hf. 1, 1936, S. 103–122.
  • Die volkskundliche Methode in der Volksliedforschung. In: Archiv für Musikforschung. 3. Jg., Hf. 3, 1938, S. 257–276.
  • Wo stehen wir heute? In: Guido Waldmann (Hrsg.): Zur Tonalität des deutschen Volksliedes. Georg Kallmeyer Verlag, Wölfenbüttel/Berlin 1938, S. 73–87.
  • Leibniz und wir. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Bd. 1, Hf. 1, 1946, S. 5–34 (online bei JSTOR).
  • Leibniz. Hrsg. von Inge Köck in Verbindung mit Clara Huber. Verlag von R. Oldenbourg, München 1951.
  • Ästhetik. Bearb., hrsg. [und mit einem Vorwort] von Prof. Dr. Otto Ursprung. [Mit einer Danksagung von Clara Huber]. Buch-Kunstverlag, Ettal 1954.
  • Musikästhetik. Bearb. und hrsg. von Prof. Dr. Otto Ursprung. [Mit einer Danksagung von Clara Huber]. Buch-Kunstverlag, Ettal 1954.
  • Grundbegriffe der Seelenkunde. Einführung in die allgemeine Psychologie. [Hrsg. und mit einem Nachwort von Josef Hanslmeier. Mit einem Geleitwort von Aloys Wenzl]. Buch-Kunstverlag, Ettal 1955.
  • Schluß der Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof. In: Clara Huber (Hrsg.): „… der Tod … war nicht vergebens.“ Kurt Huber zum Gedächtnis. Nymphenburger, München 1986.

Als Herausgeber:

  • mit Paul Kiem: Oberbayerische Volkslieder mit Bildern und Weisen. [Mit einem] Vorspruch von Karl Alexander von Müller. Verlag Knorr & Hirth, München 1930 (Landschaftliche Volkslieder, Hf. 23).
  • mit Carl Orff: Musik der Landschaft. Volksmusik in neuen Sätzen. Aus dem bajuvarischen Raum. Lieder und Tänze für Klavier von Hans Bergese. [Mit einem Vorwort von Kurt Huber]. B. Schott's Söhne, Mainz [1942].
  • mit Ludwig Simbeck: Niederbarisches Liederbuch. Mit Bilder von Paul Neu. Hrsg. von Clara Huber. Max Heiber/B. Schott's Söhne, München/Mainz [1951].

Ehrungen[Bearbeiten]

  • 1946 wurden die beiden Plätze vor dem Universitätsgebäude an der Ludwigstraße in München nach den Geschwistern Scholl und Professor Huber benannt,[6]
  • Die Straße in Gräfelfing, in der er zuletzt wohnte, erhielt seinen Namen.
  • Dem Realgymnasium Gräfelfing (RGG) wurde am 2. Februar 1966 der Name Kurt-Huber-Gymnasium Gräfelfing (KHG) verliehen. Vor dem Eingang der Universität erinnern in den Boden eingelassene Bronze-Nachbildungen der Flugblätter an die „Weiße Rose“.
  • Mehrere Kurt-Huber-Straßen wie in Bremen-Vahr, Ingolstadt Lüneburg, München-Grünwald, Oldenburg und Würzburg wurden nach ihm benannt.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Artikel Kurt Huber. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit.
  • Maria Bruckbauer: „... und sei es gegen eine Welt von Feinden!“ Kurt Hubers Volksliedsammlung und –pflege in Bayern. O. V., München 1991 (Bayerische Schriften zur Volkskunde, Bd. 2), ISBN 3-7696-0452-0.
  • Thrasybulos G. Georgiades: Huber, Kurt. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 697 f. (Digitalisat).
  • Hans Haase: Huber, Kurt. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Bd. 6, Friedrich Blume (Hrsg.). Bärenreiter, Kassel 1957, Sp. 811-814.
  • Clara Huber: Kurt Hubers Schicksalsweg. In: Clara Huber (Hrsg.): Kurt Hubers zum Gedächtnis. Bildnis eines Menschen, Denkers und Forschers. Dargestellt von seinen Freunden. [Mit einem Vorwort von Karl Vossler.] Verlag Josef Habbel, Regensburg 1947, S. 9-43.
  • Clara Huber (Hrsg.): Kurt Huber zum Gedächtnis. „... der Tod ... war nicht vergebens“. Nymphenburger, München 1986, ISBN 3-485-00523-1.
  • Wolfgang Huber: „Stalingrad ist mein Schicksal geworden“. Kurt Huber im Widerstand der „Weissen Rose“. Im Gespräch mit Detlef Bald und Jakob Knab. In: Detlef Bald (Hrsg.): „Wider die Kriegsmaschinerie“. Kriegserfahrungen und Motive des Widerstandes der „Weissen Rose“. Klartext, Essen 2005, S. 118-127.
  • Wolfgang Huber: Kurt Huber vor dem Volksgerichtshof. Zum zweiten Prozess gegen die Weiße Rose. Die Blaue Eule, Essen 2009, ISBN 978-3-89924-265-2.
  • Rainer Albert Müller: Huber, Kurt Theodor. In: Karl Bosl (Hrsg.): Bosls bayerische Biographie. Pustet, Regensburg 1983, ISBN 3-7917-0792-2, S. 375 (Digitalisat).
  • Georgi Schischkoff: Das Leibniz-Bild im Werke Kurt Hubers. In: Georgi Schischkoff (Hrsg.): Kurt Huber als Leibniz-Forscher. Zur Erinnerung an den Münchener Philosophen und Tonpsychologen im „Leibniz-Jahr 1966“. O. V., München 1966, S. 7-32.
  • Inge Scholl: Die Weiße Rose. Erw. Neuausg. Fischer, Frankfurt 1993, ISBN 3-596-11802-6.
  • Rosemarie Schumann: Leidenschaft und Leidensweg. Kurt Huber im Widerspruch zum Nationalsozialismus. Droste, Düsseldorf 2007 (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 66), ISBN 978-3-7700-1621-1.
  • Christoph Schwandt: Huber, Kurt. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Personenteil, Bd. 9, Ludwig Finscher (Hrsg.), 2. überarb. Aufl., Bärenreiter, Kassel 2003, Sp. 448-449.
  • Klaus Weber: Kurt Huber. In: Helmut E. Lück & Rudolf Miller (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Psychologie. München 1993, ISBN 3-92-803672-6, S. 185-187.

Film[Bearbeiten]

  • Die weiße Rose, deutscher Spielfilm von 1982, Regie: Michael Verhoeven
  • Der Yalu fliesst, koreanisch-deutsche TV Serie von 2008, Regie: Jonghan Lee
  • Die Widerständigen – Zeugen der Weißen Rose, deutscher Dokumentarfilm 2008, Regie: Katrin Seybold

Weblinks[Bearbeiten]

  Wikiquote: Kurt Huber – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vollständiges Zitat bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 3221-3222, Quelle BA NS 15/5.
  2. Prieberg: Handbuch, S. 3222, Quelle BA Namensakte Huber.
  3. a b Prieberg: Handbuch, S. 3221.
  4. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 270.
  5. Weber 1993, S. 187.
  6. Helga Pfoertner: Mit der Geschichte leben. Bd. 1, Literareron, München 2001, ISBN 3-89675-859-4, S. 150,208 (PDF; 1,1 MB)