Modernismus (Katholizismus)

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Unter dem Schlagwort Modernismus fasste man in der römisch-katholischen Kirche bis in die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil innerkirchliche Strömungen und wissenschaftliche Meinungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen, die theologische Lehren mit dem jeweiligen Erkenntnisstand der modernen Wissenschaften und Philosophie in einer Weise zu verbinden suchten, die Widersprüche zwischen katholischem Glauben und modernem Weltbild aufheben und der kirchlichen Lehre den Anschluss an die Moderne ermöglichen sollte.

Begriff[Bearbeiten]

Karikatur zum sogenannten Modernismus (1922)

Der Ausdruck „Modernismus“ war ein vorwiegend von Gegnern derartiger theologischer Bestrebungen gebrauchter Kampfbegriff; es war keine selbstgewählte Bezeichnung einer bestimmten Gruppe von Theologen. Unter dem Begriff „Modernismus“ wurden dabei verschiedenartige Erscheinungen zusammengefasst, sodass jeweils zu prüfen ist, welche Ansichten im Einzelfall als „modernistisch“ verurteilt wurden.

Weite Verbreitung fand der Begriff „Modernismus“ in der katholischen Kirche. Den heftigen innerkirchlichen Streit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der zu einer starken Polarisierung zwischen Gegnern und Anhängern „modernistischer“ Auffassungen führte und durch die explizite lehramtliche Verurteilung des Modernismus verschärft wurde, bezeichnet man als Modernismusstreit.

Der Ausdruck wird zum Teil auch für vergleichbare Strömungen im Protestantismus verwendet, wo derartige Ideen vielfach ganz oder teilweise auch von kirchlichen Mehrheitsmeinungen akzeptiert wurden. Es gab auch in evangelischen Kreisen „modernistische“ Interpretationen des christlichen Glaubens, die technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Prozesse bzw. Neuerungen als Fortschritt werteten; ebenso gab es Kreise, die selbige ablehnten bzw. sehr kritisch rezipierten. Aus ihnen entstanden der christliche („biblizistische“) Fundamentalismus und die evangelikale Bewegung.

Auch im Reformjudentum entwickelte sich ein Modernismus, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Auch hier ging es um das grundlegende Verhältnis zwischen überkommenen religiösen Traditionen und einer modernen, am wissenschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Fortschritt orientierten Weltanschauung und Lebensweise.

Inhalte[Bearbeiten]

Der Modernismus favorisierte eine bestimmte Anwendung der historisch-kritischen Exegese in Bibelauslegung und Dogmengeschichte. Diese Methoden begründeten den Verdacht, die kirchlichen Dogmen und Bekenntnisse zu relativieren. Als ein gemeinsames Ziel der des Modernismus beschuldigten Theologen kann ihr Wille angesehen werden, der Kirche durch eine Anpassung an das damalige Weltbild den Anschluss an die Moderne zu ermöglichen.

In der katholischen Kirche trat der Modernismus überwiegend in Frankreich, England und Italien auf; auch hatte er an den katholischen Fakultäten der süddeutschen Universitäten eine Reihe von Befürwortern. Er befürwortete die wissenschaftliche Bibelauslegung in Anlehnung an Hermann Samuel Reimarus, David Friedrich Strauß und Ernest Renan; ablehnend stand er der päpstlich geförderten, in Deutschland insbesondere am Bischöflichen Lyzeum in Eichstätt gelehrten neoscholastischen Theologie (Thomismus) gegenüber.

Modernismusstreit[Bearbeiten]

Durch den Modernismus sah sich insbesondere das kirchliche Lehramt angegriffen. Der Begriff „Modernismus“ als eine einheitliche Bezeichnung für eine breitere Strömung wurde durch die päpstliche Gegenwehr konstituiert (nicht etwa durch programmatische Schriften der „Modernisten“). Teilweise anknüpfend an die theologische Richtung des „Syllabus Errorum“ (1864) von Pius IX. und an seinen direkten Vorgänger im Amt Leo XIII. bezeichnete Papst Pius X., den Modernismus als „Sammelbecken aller Häresien“ (omnium haereseon collectum). Insbesondere verurteilte er den von ihm so genannten Modernismus in der Enzyklika Pascendi vom 7. September 1907, die vor allem gegen den französischen Theologen Alfred Loisy (1857-1940) gerichtet war. Vorausgegangen war das Dekret Lamentabili sane exitu vom 3. Juli 1907; darin wurde die kritische Haltung des Lehramts gegenüber der Bibelkritik von Loisy bekräftigt. Diese Publikation der Kongregation für die Glaubenslehre (damals auch 'Heiliges Offizium' genannt) wird auch als Kleiner Syllabus (Syllabus = Zusammenstellung) bezeichnet. Anders als der Syllabus enthält diese Zusammenstellung jedoch keine Verurteilungen von modernen Auffassungen über das Verhältnis von Kirche und Staat, die das Hauptthema im Werk Pius' IX. waren. In Lamentabili werden 65 dem „Modernismus“ zugeschriebene theologische Thesen aufgezählt und verworfen. Am 18. November 1907 verurteilte Pius X. nochmals die Lehren des „Modernismus“ in seinem Motu proprio Praestantia Scripturae und verhängte darin als Strafe für die Modernisten die automatische Exkommunikation. Loisy selbst äußerte, dass 1908 (mit seiner Exkommunikation) das völlige Scheitern seiner Bemühungen eingetreten sei.

Der Kampf des 1954 heiliggesprochenen Papstes war Teil einer mit größtem Eifer durchgeführten Reform der Kirche. Pius X. führte 1910 den Antimodernisteneid ein, mit dem jeder Kleriker dem Modernismus abschwören musste. Dies brachte unter anderem einige Theologieprofessoren in schwere Gewissenskonflikte. Der Antimodernisteneid wurde bis 1967 verlangt; heute steht an seiner Stelle ein Glaubensbekenntnis.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten]

Nachdem zunächst Papst Benedikt XV. seit 1914 die antimodernistischen Bestrebungen integralistischer Kreise eingedämmt hatte (vgl. Enzyklika Ad beatissimam Apostolorum principis), verurteilte Papst Pius XI. zwischen 1922 und 1939 als „sozialen Modernismus“ den Kommunismus, den Nationalsozialismus, den ital. Faschismus und die Ideologie der Action française (AF). Papst Pius X. hatte bereits im Jahr 1914 die AF verurteilt; am 20. Dezember 1926 verurteilte Pius XI. die AF; im März 1927 wurden die Mitglieder der AF sogar vom Sakramentenempfang ausgeschlossen (das Verbot wurde im Juli 1939 durch den neu gewählten Papst Pius XII. aufgehoben).

Papst Pius XII. veröffentlichte am 12. August 1950 sein Apostolisches Rundschreiben Humani Generis. Darin kritisiert er neue moderne Lehren und warnt vor Übertreibungen, unter anderen den Irenismus, den Relativismus und den Historizismus betreffend. Jedoch werden diese Lehren bewusst nicht mehr dem Modernismus (also dem Konflikt der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts) zugeordnet. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. kritisierten in ihren jeweiligen Antrittsenzykliken gleichfalls schwerwiegende Irrtümer, doch wird das Zweite Vatikanum von einigen Kirchenhistorikern (z.B. Manfred Weitlauff und Otto Weiß) als ein zumindest teilweiser Sieg ehedem als modernistisch empfundener Auffassungen betrachtet, vor allem was das Verhältnis der Kirche zum modernen Staat in der pluralistischen Gesellschaft betrifft. Die Sorge um eine angemessene Modernität in der Kirche kennzeichnete die Folgezeit und auch das Pontifikat von Papst Johannes Paul II.

Bereits in der o.g. Enzyklika verließ Pius X. 1907 die traditionelle Methode, bestimmte Sätze kontradiktorisch als falsch zu verwerfen, und versuchte, das gegnerische Weltbild systematisch zu beschreiben. Die meisten (gemäßigten) Modernisten konnten ihre Auffassung darin indessen nicht wiedererkennen, weswegen einige von ihnen auch den Anti-Modernisteneid leisteten, ohne ihre Überzeugungen zu ändern. Seit Benedikt XV. (Papst 1914-1922) sahen die Päpste wegen der offenkundigen Interpretationsprobleme die Verwerfung einzelner Sätze nicht mehr als taugliches Instrument der Disziplin an. Daher hat das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) der katholischen Kirche zur Aufgabe gemacht, den Anspruch Jesu durch Überzeugungsarbeit im Dialog zu verbreiten, anstatt Lehrverurteilungen einzelner Sätze auszusprechen. Kirchenamtliche Lehrverurteilungen von Zeitirrtümern (veränderlichen Irrtümern also) sind daher heute selten geworden. Die Kongregation für die Glaubenslehre beispielsweise, obwohl immer wieder mit der Geschichte der Inquisition in Zusammenhang gesetzt, hat seit 1968 nur mehr rund ein Dutzend Sondermeinungen einzelner Theologen als unvereinbar mit dem Dogma kritisiert.

Die nachkonziliare Krise begünstigte innerhalb der römisch-katholischen Kirche die Tendenz, dem modernen Weltbild entgegenzukommen. Bei konservativen bzw. integralistischen Gruppen hat sich dafür der Ausdruck neo-modernistisch bzw. Neo-Modernismus eingebürgert. Umgekehrt verwenden liberale Theologen im Hinblick auf die antimodernen Gruppen, zumindest in der Tendenz, die Bezeichnungen Fundamentalismus bzw. Integralismus.

Vertreter des Modernismus[Bearbeiten]

Katholizismus:

Protestanten:

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie-Joseph Lagrange: M. Loisy et le modernisme. Cerf, Paris 1932.
  • Michael Davies: Partisanen des Irrtums, Der hl. Papst Pius X gegen die Modernisten. Stuttgart 2004, ISBN 3-932691-43-1.
  • Manfred Weitlauff: Kirche zwischen Aufbruch und Verweigerung. Ausgewählte Beiträge zur Kirchen- und Theologiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; als Festgabe zum 65. Geburtstag. Kohlhammer, Stuttgart u.a. 2001, ISBN 3-17-016967-X (Einzelstudien zur Geschichte und Vorgeschichte des Modernismusstreits).
  • Hubert Wolf (Hrsg.): Antimodernismus und Modernismus in der katholischen Kirche. Beiträge zum theologiegeschichtlichen Vorfeld des II. Vatikanums. Schöningh, Paderborn 1998, ISBN 3-506-73762-7.
  • Hubert Wolf, Judith Schepers (Hrsg.): In wilder zügelloser Jagd nach Neuem. 100 Jahre Modernismus und Antimodernismus in der katholischen Kirche. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-76511-6.
  • Otto Weiß: Der Modernismus in Deutschland. Ein Beitrag zur Theologiegeschichte. Pustet, Regensburg 1995, ISBN 3-7917-1478-3.
  • Claus Arnold: Kleine Geschichte des Modernismus. Herder, Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-29106-7 (Einführung).
  • Peter Neuner: Der Streit um den katholischen Modernismus. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/M. 2009, ISBN 978-3458710219