Adolf von Harnack

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Adolf von Harnack

Karl Gustav Adolf Harnack, ab 1914 von Harnack (* 25. Apriljul./ 7. Mai 1851greg. in Dorpat, Gouvernement Livland; † 10. Juni 1930 in Heidelberg), Königlich Preußischer Wirklicher Geheimrat, war ein protestantischer Theologe und Kirchenhistoriker sowie Wissenschaftsorganisator in Preußen.

Leben[Bearbeiten]

Adolf Harnack kam aus der Welt des baltischen Luthertums. Sein Vater Theodosius Harnack war Luther-Forscher in Dorpat und Erlangen. In Dorpat begann auch Adolf Harnack seine Studien und trat der Corporation Livonia bei. Später studierte er in Leipzig Evangelische Theologie, promovierte 1873 und habilitierte sich 1874 dort. Die Leipziger Universität ernannte ihn 1876 zum außerordentlichen Professor. Als Ordinarius für Kirchengeschichte wirkte er später in Gießen (1879–86), Marburg (1886–88) und der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (1888–1924). Seit 1903 war er korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts.

Theologisches Werk[Bearbeiten]

Bereits als junger Privatdozent nahm er – beeinflusst durch die Theologie Albrecht Ritschls – eine kritische Perspektive zur christlichen Dogmengeschichte ein. Harnacks Verständnis des Protestantismus war das von Reformation und Revolution: Reformation der Heilslehre und Revolution gegen die Autorität der katholischen Kirche, gegen ihren hierarchischen Apparat mit eigener kirchlicher Rechtsordnung und gegen ihre Kultusordnung. Jesus habe das Kultische, das im Judentum galt, beiseitegeschoben. Er setzte nicht auf kultische Reinigung und Heiligung, sondern allein auf die Seele des Menschen. Das moralische Handeln des Einzelnen, seine Werke der Liebe würden entscheiden, ob der Einzelne in ein Reich Gottes eingehe oder nicht. Das römisch-katholische und das orthodoxe Christentum sei dem Kult des Judentums ähnlich. Nur das protestantische Christentum habe die Botschaft Jesu in seiner Reinheit wiederhergestellt.

Im Wilhelminischen Kaiserreich lehrte Harnack an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Seine sechzehn Vorlesungen über Das Wesen des Christentums, die er im Wintersemester 1899/1900 hielt, wurden von mehr als 600 Studenten aller Fakultäten gehört. Diese Vorlesungen waren allerdings auch Anlass intensiver Kritik von Seiten konservativer Theologen, namentlich von Theodor Zahn[1] und Eduard Rupprecht.[2] Bereits 1895 hatte der konservative Greifswalder Theologieprofessor Martin von Nathusius die seiner Meinung nach zu diesseitig bezogene theologische Sichtweise Harnacks kritisiert.[3] Leo Baeck setzte sich in seinem 1905 erschienenen Hauptwerk Das Wesen des Judentums kritisch mit den Positionen des evangelischen Theologen Adolf von Harnack auseinander, ohne jedoch dessen Namen zu erwähnen.

Sein dreibändiges Lehrbuch der Dogmengeschichte (1886–1890; mehrere erweiterte Neuauflagen) gilt als seine wichtigste theologische Publikation.

Politisches Engagement[Bearbeiten]

Harnack wurde zum politischen Berater mit vielfältigen politischen Kontakten bis hin zum Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Im engen Zusammenspiel mit den Reformern der Staatsbürokratie vertrat er eine mittlere Linie, setzte auf Interessenausgleich durch Sozialreformen, Konfliktvermeidung und Konsens und wandte sich gegen eine kulturkämpferische Polarisierung und Verschärfung der Klassenkonflikte.

Seine Wertvorstellungen waren bürgerlich-liberal, zielten auf eine parlamentarisch-konstitutionelle Monarchie und standen damit gegen die autoritäre politische Kultur des Kaiserreichs, der er aber Reformfähigkeit zubilligte. Seine traditionskritische Persönlichkeitsreligion enthielt starke Sozialideale, die er im Reich Gottes symbolisiert sah. Den innerweltlichen Beruf eines Christen deutete er als Dienstpflicht am Gemeinwesen.

Harnack bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Dahlem (rechts)
Feier zur Eröffnung der Königlichen Bibliothek 1914 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II., Festredner von Harnack als Generaldirektor

Harnack wurde am 23. Januar 1911 vom Senat der zehn Tage zuvor gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft) zu deren Präsidenten gewählt.[4] Dieses Amt hielt er bis 1930 inne.

Von 1905 bis 1921 war Harnack Generaldirektor der Königlichen Bibliothek, 1918 umbenannt in Preußische Staatsbibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin.

Außenpolitisch engagierte sich Harnack zwar für eine Verständigung zwischen England und Deutschland und wandte sich gegen den alldeutschen Imperialismus und riet zu Mäßigung und Ausgleich, aber er unterzeichnete auch das so genannte Manifest der 93, in dem unter anderem die Engländer als Lügner beschimpft werden. Seine kulturprotestantische Nationalgeschichte schloss die Bereitschaft ein, im Osten deutsche Kultur durch Vasallenstaaten zu sichern. Die Kriegsniederlage und die Novemberrevolution von 1918/19 deutete Harnack als Übergang zu Demokratie und Sozialismus. Gegen die Linie des Mehrheitsprotestantismus, der fast durchweg antirepublikanisch gesinnt war, engagierte sich der konservative Republikaner entschieden für eine soziale Demokratie in der Weimarer Republik.

Harnack war auch politischer Schriftsteller: In seiner 1922 verlegten Schrift Augustin postulierte Harnack seine politisch-theologische Forderung nach einem „neuen Augustinismus“, in dem „die Ehrfurcht vor Gott als der Quelle aller hohen Güter die Erkenntnis und die Gesinnungen der Menschen durchdringt, die wahre Freiheit begründet und einen Bund der Gerechtigkeit und des Friedens schafft“.[5] Harnacks Blick richtete sich in dieser Schrift auf eine Erneuerung der Kultur im Sinne eines zu vertiefenden Geistidealismus, allerdings ohne sich gegen die Errungenschaften der Moderne zu richten. Über Oswald Spenglers damals populäres Buch Der Untergang des Abendlandes, mit dem sich Harnack nach 1918 intensiv auseinandersetzte, schrieb er, dass dieses mit einem einzigen Namen „über den Haufen zu werfen“ sei: Augustin. Ausführliches Lob erhielt Harnack für seine Schrift Augustin von dem Dichter Gerhart Hauptmann, mit dem er seit 1909 zeitweilig in engem Kontakt stand.[5]

Harnack erhielt mehrere Auszeichnungen, so 1902 den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste, dessen Kanzler er von 1923 bis 1930 war. Für seine Verdienste wurde er am 22. März 1914 aus Anlass der Eröffnung des neuen Gebäudes der Königlichen Bibliothek (Unter den Linden 8) mit Diplom vom 9. Juni 1914 in den preußischen Adelsstand erhoben. 1925 wurde er mit der Harnack-Medaille der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und 1926 mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet.

1930 starb er nach kurzer Krankheit.

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Zu den Schülern und Studenten Harnacks gehörten mehrere Generationen von Theologen, so der später international bekannte Kirchenhistoriker und Theologe Ernst von Dobschütz (1870–1934) wie auch Dietrich Bonhoeffer und im Wintersemester 1904 der Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann.

Als höchste Auszeichnung für besondere Verdienste verleiht die Max-Planck-Gesellschaft die ursprünglich 1924 gestiftete Adolf-von-Harnack-Medaille.

Harnacks theologische Werke sind oft von einer Ablehnung des Alten Testaments bzw. von einem deutlichen Antijudaismus geprägt, weshalb Papst Benedikt XVI. 2007 in ihm einen Theologen sah, der das Erbe des Häretikers Marcion (85–160) vollstrecken wollte, nämlich die Christenheit von der Verbindung zum Alten Testament zu lösen.[6]

Der Zentralrat der Juden in Deutschland stuft mehrere von Harnacks Schriften als antisemitisch ein.[7]

Familie[Bearbeiten]

Adolf von Harnack[8] war der Sohn des Theologen Theodosius Harnack, Professor an der Universität Dorpat. Sein Zwillingsbruder Axel wurde Mathematiker, sein jüngerer Bruder Erich Pharmakologe und sein jüngerer Bruder Otto Literaturwissenschaftler.

Adolf Harnack heiratete am 27. Dezember 1879 in Leipzig Amalie Thiersch (* 31. August 1858 in Erlangen; † 28. Dezember 1937 in Berlin), eine Tochter des Chirurgie-Professors und Königlich Sächsischen Geheimen Medizinalrats Carl Thiersch (1822–1895), Professor an den Universitäten München, Erlangen und Leipzig, und der Johanna Freiin von Liebig, einer Tochter des Chemikers Justus von Liebig (1803–1873). Das Ehepaar hatte sieben Kinder.

Der von den Nationalsozialisten wegen der Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtete Sohn Ernst von Harnack (1888–1945) hatte sich in der SPD engagiert. Der jüngste Sohn Axel von Harnack (1895–1974) war als Historiker und Philologe Privatdozent an der Universität Tübingen tätig. Die Tochter Agnes von Zahn-Harnack (1884–1950) war eine prominente Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Sie war mit dem Ministerialbeamten Karl von Zahn verheiratet. Die Tochter Elisabet von Harnack (1892–1976) war eine bedeutende Sozialarbeiterin.

Der hingerichtete Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Arvid Harnack (1901–1942) und dessen Bruder Falk (1913–1991), Regisseur und ebenfalls Widerstandskämpfer, waren seine Neffen.

Schriften[Bearbeiten]

  • Lehrbuch der Dogmengeschichte. 3 Bde. 1886–1890 (4. Aufl. 1909/1910).
  • Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. Leipzig 1902 (4. Aufl. 1924), engl. Übers. der 2. dt. A. (Onlineausgabe mit Anhang zu Überarbeitungen der 4. dt. A.): The Mission and Expansion of Christianity in the First Three Centuries, Übers. James Moffatt, 2. A. London: Williams & Norgate / New York: G.P. Putnam's Sons 1908 (Theological Translation Library 19–20).
  • Geschichte der altchristlichen Literatur. 3 Bde., Leipzig 1893–1904
  • Das Wesen des Christentums. Leipzig 1900 (zuletzt 2007), ISBN 978-3-16-149388-1.
  • Reden und Aufsätze. 7 Bde., Gießen 1904–1930.
  • Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Leipzig 1921 (2. Aufl. 1924) (online).
  • Kleine Schriften zur Alten Kirche. Hrsg. v. J. Dummer. 2 Bde., Leipzig 1980.

Literatur[Bearbeiten]

Biographische Einträge

Sachbücher

  • Friedrich Smend: Adolf von Harnack. Verzeichnis seiner Schriften bis 1930. Mit einem Geleitwort und bibliographischen Nachträgen bis 1985 von Jürgen Dummer, Saur, München 1990, ISBN 3-598-10321-2.
  • Björn Biester: Harnack-Bibliographie. Verzeichnis der Literatur über Adolf von Harnack 1911–2002. Selbstverlag, Erfurt 2002.
  • Agnes von Zahn-Harnack: Adolf von Harnack. 2. Aufl. DeGruyter, Berlin 1951.
  • Christian Nottmeier: Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890–1930. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148154-2.
  • Carl-Jürgen Kaltenborn: Adolf von Harnack als Lehrer Dietrich Bonhoeffers. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1973.
  • Wolfram Kinzig: Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02181-6.
  • Kurt Nowak, Otto Gerhard Oexle, Trutz Rendtorff und Kurt-Victor Selge (Hrsg.): Adolf von Harnack. Christentum, Wissenschaft und Gesellschaft. Vandenoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-35854-7.
  • Kurt Nowak, Otto Gerhard Oexle (Hrsg): Adolf von Harnack. Theologe, Historiker, Wissenschaftspolitiker. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-35477-0.
  • Gunther Wenz: Der Kulturprotestant. Adolf von Harnack als Christentumstheoretiker und Kontroverstheologe. Utz Wissenschaftsverlag, München 2001, ISBN 3-8316-0038-4.
  • Männer um Kaiser Wilhelm II. – Bernhard von Bülow, Graf Philipp zu Eulenburg, Adolf von Harnack, Alfred von Tirlitz, Carl Velten. In: Die Mark Brandenburg. Heft 73, Marika Großer Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-910134-13-3.

Aufsätze

  • Peter C. Bloth: Adolf Harnacks Examenskatechese Dorpat 1872. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte, Bd. 112 (Vierte Folge XLX) 2001, ISSN 0044-2925.
  • Peter C. Bloth: Beobachtungen und Fragen zur Edition von Adolf Harnacks erster Marcion Schrift. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte, Bd. 116 (Vierte Folge LIV) Heft 1, ISSN 0044-2925.
  • Friedrich Wilhelm Kantzenbach: Harnack, Adolf von. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 14 (1985), S. 450–458.
  • Kurt Nowak: Adolf von Harnack. Wissenschaft und Weltgestaltung auf dem Boden des modernen Protestantismus. In: Ders.: Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. DeGruyter, Berlin 1996, ISBN 3-11-013799-2, S. 1–99.
  • Kurt Nowak: Was ist eine Nation? Die Antworten Ernest Renans und Adolf von Harnacks. In: Rechtshistorisches Journal 20 (2001), S. 311–324.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Uwe Swarat: Alte Kirche und Neues Testament. Theodor Zahn als Patristiker. Wuppertal 1991
  2. Eduard Rupprecht: Das Christentum von D. Ad. Harnack nach dessen sechzehn Vorlesungen. Eine Untersuchung und ein Erfahrungszeugnis an die Kirche der Gegenwart aller Konfessionen, Gütersloh 1901.
  3. vgl. Martin von Nathusius: Der evangelisch-sociale Kongreß. Eine Absage, in: Allgemeine Konservative Monatsschrift für das christliche Deutschland. 52. Jahrgang (1895, Januar–Juni), Verlag E. Ungleich, Leipzig 1895, S. 562.
  4. Chronik des Kaiser-Wilhelm- / Max-Planck-Instituts für Chemie (PDF; 3,6 MB).
  5. a b Christian Nottmeier: Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890–1930. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik. Tübingen 2004, ISBN 3-16-148154-2, S. 487.
  6. Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder, 2007, ISBN 3-451-29861-9, S. 80 ff.
  7. Seite des Zentralrats der Juden, mit Bezugnahme auf Harnacks Werke.
  8. http://bibliothek.bbaw.de/kataloge/literaturnachweise/harnack/literatur.pdf.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Adolf von Harnack – Quellen und Volltexte
 Commons: Adolf von Harnack – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien