Hermann Samuel Reimarus

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Hermann Samuel Reimarus; Ölgemälde von Gerloff Hiddinga, 1749

Hermann Samuel Reimarus (* 22. Dezember 1694 in Hamburg; † 1. März 1768 ebd.) war Gymnasialprofessor für orientalische Sprachen in Hamburg, Vertreter des Deismus und Wegbereiter der Bibelkritik in der Frühzeit der Aufklärung.

Leben[Bearbeiten]

Hermann Samuel Reimarus wurde am 22. Dezember 1694 als erstes Kind von Nikolaus Reimarus und Johanna Wetken in Hamburg geboren.

Väterlicherseits einer lutherischen Pfarrerfamilie, mütterlicherseits einer angesehenen Familie des Hamburger Bürgertums entstammend, erhielt Reimarus von 1708 an eine gründliche Schulbildung am Hamburger Johanneum, an dem sein Vater als Lehrer tätig war. Diese vertiefte er ab 1710 unter der Obhut des Theologen, Latinisten und Gräzisten Johann Albert Fabricius am Akademischen Gymnasium.

Mit 19 Jahren nahm Reimarus 1714 sein Studium der Theologie, Philosophie und der orientalischen Sprachen in Jena auf. Mit Hilfe seines Hamburger Lehrers Fabricius wechselte er 1716 nach Wittenberg, wo er mit einer Disputation über hebräische Lexikologie die Magisterwürde erreichte und 1719 zum Adjunkt der philosophischen Fakultät wurde. In den Jahren 1720/21 unternahm Reimarus eine Studienreise in die Niederlande und nach England und nahm nach kurzem Aufenthalt in Wittenberg 1723 den Rektorposten an der Wismarer Stadtschule an.

Nachdem er, von Fabricius unterstützt, 1728 die Professur für orientalische Sprachen am Akademischen Gymnasium in Hamburg angenommen hatte, heiratete Reimarus noch im selben Jahr die Tochter seines Kollegen und ehemaligen Lehrers, Johanna Friederike Fabricius (1707 ̶ 1783). Von den sieben Kindern der Familie erreichten nur der älteste Sohn Johann Albert Hinrich Reimarus und die Tochter Katharina Elisabeth Reimarus, genannt Elise, das Erwachsenenalter.

40 Jahre lang blieb Reimarus in seinem Rektoramt am Akademischen Gymnasium. In dieser Zeit verfasste er eine Reihe philologischer, theologischer und philosophischer Schriften, entwickelte sich zu einer bedeutenden und angesehenen Person der Hamburger Öffentlichkeit, bewegte sich in aufgeklärten Kreisen und knüpfte Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit. Reimarus war einer der Initiatoren der 1765 gegründeten Hamburger Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe.

Knapp zehn Tage vor seinem Tod am 1. März 1768 lud Reimarus seine Freunde ein und erklärte ihnen, dies sei sein letztes Abschiedsmahl.

Werk[Bearbeiten]

In schriftstellerischer Hinsicht war Reimarus zeitlebens äußerst produktiv. Nach kleineren Studien und Editionen in jüngeren Jahren vollendete er 1734 eine Übersetzung und Kommentierung des Buches Hiob, die der Hamburger Frühaufklärer Johann Adolf Hoffmann begonnen hatte. 1737 publizierte Reimarus eine Würdigung von Leben und Werk seines Schwiegervaters Johann Albert Fabricius, dessen Werkausgabe des römischen Historikers Dio Cassius (155 ̶ 235 n. Chr.) er fortführte und in zwei Bänden 1750 und 1752 veröffentlichte.

Die Reihe seiner eigenen philosophischen Werke begann 1754 mit der Veröffentlichung der zehn Abhandlungen „Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“, gefolgt von der „Vernunftlehre als eine Anweisung zum richtigen Gebrauch der Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit“ 1756, sowie dem Werk „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere“ 1760.

Mit diesem umfangreichen und vielseitigen Werk galt Reimarus bereits zu Lebzeiten als einer der wichtigsten Vertreter der aufgeklärten Popularphilosophie.

Sein bedeutendstes Werk jedoch, die „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“, an der er von 1736 bis 1768 parallel zu seinem offiziellen Werk gearbeitet hatte,wagte Reimarus zu Lebzeiten nicht zu veröffentlichen. Er war sich dessen bewusst, dass die damalige Generation noch nicht für die bibel- und religionskritische Schrift bereit war, die sich gegen den Biblizismus und die christliche Orthodoxie wandte und letztlich in grundsätzlicher Negation des christlichen Offenbarungscharakters mündete.„Die Schrift mag im Verborgenen, zum Gebrauch verständiger Freunde liegen bleiben; mit meinem Willen soll sie nicht durch den Druck gemein gemacht werden, bevor sich die Zeiten nicht aufklären“, schrieb Reimarus im „Vorbericht zur Apologie“ (Lacher, 1994).

Nach seinem Tod gelangte Gotthold Ephraim Lessing über Reimarus' Kinder, mit denen er befreundet war, in den Besitz einer früheren Fassung der "Apologie" und begann ab 1774 stückweise Auszüge aus der Schrift zu veröffentlichen. Um die Familie Reimarus zu schützen, gab er jedoch nicht den Namen des Verfassers bekannt. Erst 1814, als Albert Hinrich Reimarus die vollständige Handschrift der "Apologie" der Hamburger Bibliothek vermachte, bestand endgültige Sicherheit über die Verfasseridentität. Der zu Lebzeiten hoch angesehene Gelehrte Reimarus wurde daraufhin posthum äußerst kontrovers diskutiert.

Die Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente durch Lessing unter dem Titel Fragmente eines Wolfenbüttelschen Ungenannten verursachte den sogenannten "Fragmentenstreit" (), die wohl größte theologische Kontroverse im Deutschland des 18. Jahrhunderts.

„... Dass der Beweis aus der Schrift für die Auferstehung Jesu vor dem Richterstuhl der Vernunft in Ewigkeit nicht bestehen kann ....[1]

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Reimarus' deistische Religionskritik als Ausgangspunkt für die nachfolgende Leben-Jesu-Forschung diente und erhebliche Impulse für die historisch-kritische Arbeit an den Schriften des Alten und Neuen Testamentes setzte. Die Wolfenbütteler Fragmente sorgten seit dem Zeitalter der Aufklärung bis in die Neuzeit für Unruhe unter den kirchlich organisierten Christen, so dass die gesamte Apologie des Reimarus erst 1972 in Deutschland veröffentlicht werden konnte. Reimarus spiesst "zehn Widersprüche" in den Auferstehungsberichten der Evangelien einzeln auf.

Werkverzeichnis[Bearbeiten]

  • Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion (1754)
  • Die Vernunftlehre, als eine Anweisung zum richtigen Gebrauch der Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit (1756)
  • Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst. (1760)[2]
  • Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (geschrieben 1735-1767/68, als Gesamtwerk bekannt seit 1814, erstmals vollständig gedruckt 1972 und von Gerhard Alexander ediert. Im Insel-Verlag (Frankfurt).)
  • Kleine gelehrte Schriften. Vorstufen zur Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Hrsg. von Wilhelm Schmidt-Biggemann. Veröffentlichung der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg 79. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994. (656 S.) ISBN 3-525-86270-9
  • Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion Fünfte Auflage, durchgesehen, und mit einigen Anmerkungen begleitet von Johann Albert Heinrich Reimarus [1729-1814]. Hamburg, Bohn, 1781, 704 Seiten (wirkten beide als Gymnasialprofessoren in Hamburg)

Gegenschrift[Bearbeiten]

Einer der schärfsten Kritiker Lessings und Reimarus' war der Radikalpietist Johann Daniel Müller (1716 bis nach 1785) aus Wissenbach (Nassau), dem heutigen Ortsteil von Eschenburg. Er veröffentlichte anonym die Schrift

  • Der Sieg der Wahrheit des Worts Gottes über die Lügen des Wolfenbüttelschen Bibliothecarii, [Gotthold] Ephraim Lessing, und seines Fragmenten-Schreibers [d. i. Hermann Samuel Reimarus] in ihren Lästerungen gegen Jesum Christum, seine Jünger, Apostel, und die ganze Bibel (1780).[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dirk Fleischer: Reimarus, Hermann Samuel. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 337 f. (Digitalisat).
  • Wulf Kellerwessel: Hermann Samuel Reimarus’ Bibel- und Religionskritik. In: Aufklärung und Kritik 17 (2010), Heft 1, S. 159 – 169.
  • Dietrich Klein: Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Das theologische Werk, Mohr Siebeck, Tübingen 2009. ISBN 978-3-16-149912-8
  • Raimund LachnerHermann Samuel Reimarus. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 7, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4, Sp. 1514–1520.
  • Carl von PrantlReimarus, Samuel. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 27, Duncker & Humblot, Leipzig 1888, S. 702–704.
  • Werner Raupp: Art. Reimarus, Hermann Samuel (1694-1768). - In: The Dictionary of Eighteenth-Century German Philosophers. General Editors Heiner F. Klemme, Manfred Kuehn, Bd. 3, London/New York 2010, S. 923-928.
  • Harald Schultze: Reimarus, Hermann Samuel. In: Theologische Realenzyklopädie 28, 1997, S. 470–473.
  • Johann Anselm Steiger: Bibliotheca Reimariana. Die Bibliothek des Hamburger Aufklärers und Gelehrten Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). In: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte (ISSN 0341-2253), 30/2, 2005, S. 145–154
  • Johann Anselm Steiger: Ist es denn ein Wunder? Die aufgeklärte Wunderkritik. Oder: Von Spinoza zu Reimarus. In: Ders. (Hrsg.): 500 Jahre Theologie in Hamburg. Hamburg als Zentrum christlicher Theologie und Kultur zwischen Tradition und Zukunft. Mit einem Verzeichnis sämtlicher Promotionen der Theologischen Fakultät Hamburg. (= Arbeiten zur Kirchengeschichte; 95). De Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-018529-6, S. 112–130
  • Wolfgang Walter (Hrsg.): Hermann Samuel Reimarus. 1694-1768. Beiträge zur Reimarus-Renaissance in der Gegenwart. Kolloquium des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Hamburg, 25. Nov. 1994. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-86276-8 (=Veröffentlichung der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften 85).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aus der Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes
  2. Online : Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst in der Google-Buchsuche, 2. Auflage, Hamburg, Johann Carl Bohn, 1762
  3. Vgl. zum Lessing- und Reimarus-Gegner Johann Daniel Müller die Abhandlung von Reinhard Breymayer: Ein unbekannter Gegner Gotthold Ephraim Lessings. Der ehemalige Frankfurter Konzertdirektor Johann Daniel Müller aus Wissenbach/Nassau (1716 bis nach 1785), Alchemist im Umkreis [Johann Wolfgang] Goethes, Kabbalist, separatistischer Chiliast, Freund der Illuminaten von Avignon („Elias / Elias Artista“). In: Dietrich Meyer (Hrsg.): Pietismus – Herrnhutertum – Erweckungsbewegung. Festschrift für Erich Beyreuther. Köln [Pulheim-Brauweiler] und Bonn 1982 (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Band 70), S. 109–145 [dazu S. 108: „Schattenriss von [Johann] Daniel Müller“].

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hermann Samuel Reimarus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Werke (Digitalisate, Transkripte)