Ober Ost

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Stab des Ober Ost. Mittig im Vordergrund Paul von Hindenburg, links von diesem mit Spazierstock Erich Ludendorff (Foto vor dem 20. August 1915)

Ober Ost ist die Kurzbezeichnung für das Gebiet des Oberbefehlshabers der gesamten deutschen Streitkräfte im Osten während des Ersten Weltkrieges. Das Gebiet des Oberbefehlshabers erstreckte sich mit einer Fläche von rund 108.808 km² über Kurland, das Gebiet des heutigen Litauens, einige damals noch überwiegend litauische, jetzt polnische Distrikte wie Augustow und Suwalki und die westlichen Distrikte Weißrusslands.

Oberbefehlshaber[Bearbeiten]

Im November 1914 erhielt Paul von Hindenburg, mit Erich Ludendorff als Chef des Stabes, das Oberkommando über alle deutschen Truppen der Ostfront. Als Hindenburg und Ludendorff am 29. August 1916 die Oberste Heeresleitung übernahmen, wurde Prinz Leopold von Bayern zum Oberbefehlshaber Ost ernannt. Der eigentlich Bestimmende war der Stabschef Max Hoffmann.

Verwaltungsstruktur[Bearbeiten]

Karte von Ober Ost in einer zeitgenössischen Darstellung, 1917

Bis zum Spätsommer 1915 gelang es deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen, die russische Armee aus Polen, fast ganz Kurland und Litauen zurückzudrängen. Die Mittelmächte bildeten in Polen ein k. u. k. Generalgouvernement Lublin und ein deutsches Generalgouvernement Warschau, die jeweils unter Zivilverwaltung gestellt wurden, während das nordöstlich davon gebildete Territorium Ober Ost unter die Militärverwaltung eines deutschen Oberbefehlshabers kam.[1]

Die Verwaltung dieses neu eroberten Gebietes mit ethnischer und religiöser Vielfalt sowie einer Bevölkerungszahl von etwa drei Millionen Menschen gestaltete sich schwierig. Auf deutscher Seite lagen zudem kaum konkrete Pläne zur Besatzung vor. Erst die im Jahre 1916 erlassene Verwaltungsordnung teilte Ober Ost in sechs Verwaltungsbezirke ein. Dabei fanden die ethnographischen Grenzen der dort lebenden Volksgruppen keine Berücksichtigung. Auch hierin wurde der rein militärische Charakter der Besatzung sichtbar. Man findet deshalb auch die Bezeichnung Militärstaat Ober Ost. Nahezu sämtliche Mitarbeiter der Verwaltung gehörten dem Militär an.

Besatzungspolitik[Bearbeiten]

2-Kopeken-Münze in Eisen, 1916 in der Besatzungszone ausgegeben

Die Militärverwaltung verfolgte eine dreifache Strategie: Zuerst sollten dem Gebiet eigene, deutsche Regeln und eine ebensolche Ordnung aufgezwungen werden. Anschließend plante Ludendorff das Land voll auszunutzen. Die dritte und letzte Stufe sollte die Inbesitznahme des Landes sein.

Die Verwaltung der Besatzungsmacht beherrschte umfassend Handel und Gewerbe, größere Landgüter und die Finanzen. Sie wurde daher schnell zu einem gewichtigen wirtschaftlichen Faktor mit beträchtlichem industriellem Kapital und entsprechender Selbständigkeit. Eines ihrer Hauptziele war die intensive wirtschaftliche Ausbeutung des Landes, aber auch der menschlichen Ressourcen. Gewaltsame Requisitionen von Ernteerträgen und Vieh, aber auch die Zwangsrekrutierung von Arbeitern für die Zwangsarbeit in der deutschen Industrie, in Bergwerken und in der Landwirtschaft waren üblich. Eine in Kowno (Kaunas) eingerichtete Zentralverwaltung sorgte dafür, dass im Militärstaat Ober Ost die Interessen des Heeres denen der Politik vorangingen.

Mit einer sogenannten Verkehrspolitik versuchte die Militärverwaltung die Kontrolle über sämtliche Waren- und Personenströme zu erreichen und diese zu erfassen. Am Ende waren die Ambitionen der Verkehrspolitik so illusionär, dass ein Scheitern vorprogrammiert war. Dies lag auch daran, dass die Verwaltung gegensätzliche Ziele verfolgte. Es standen sich totale militärische Sicherheit (beziehungsweise Kontrolle) und der Versuch der wirtschaftlichen Belebung gegenüber. Letztendlich wurde keines der beiden Ziele erreicht.

Trotz der knappen Ressourcen während des Krieges verfolgte Ober Ost eine umfassende Kulturarbeit. Diese zielte auf eine Disziplinierung und Manipulation der Bevölkerungsgruppen ab. Deutsche Soldaten und Offiziere im Land spielten die Rolle der Organisatoren. Die Einheimischen sollten lediglich die Ausführenden der sogenannten Deutschen Arbeit sein. Die Publikation von Zeitungen unter strenger Zensur, Schulpolitik, Theater und Ausstellungen zur Archäologie, Geschichte und Religion bildeten hierbei die Schwerpunkte der deutschen Anstrengungen. Für das Gebiet Ober Ost wurden auch eine eigene Währung Ost-Mark oder Oberost-Mark und den Ost-Rubel (die das Kriegsende überdauerten)[2] sowie eigene Aufdruck-Briefmarken herausgegeben und dort verwendet.[3]

Von „Ober Ost“ zum „Generalplan Ost“[Bearbeiten]

Der US-amerikanische Historiker Liulevicius richtet in seinem Buch War Land on the Eastern Front (2000), dt. Kriegsland im Osten (2002) das Augenmerk auf den von der Historiographie bisher kaum beachteten Krieg im Osten. Bert Hoppe hebt in einer Rezension zu Liulevicius hervor, dass „er es schafft, die Ursachen für den Wandel des Bildes, das sich die Deutschen vom Osten machten, zu analysieren und die Verbindungslinien zwischen den Vorstellungen der Militärverwaltung von Oberost und denen der späteren NS-Elite nachzuzeichnen. Auf diese Weise gelingt es ihm, die in den Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges liegende Grundlage für die während des Zweiten Weltkrieges im ‚Generalplan Ost‘ gipfelnden Pläne aufzuzeigen, die in der Diskussion um die Rolle der Historiker als ‚Vordenker der Vernichtung‘ kaum erwähnt wurden“.[4] Nach dem Krieg war bereits Rüdiger von der Goltz mit einem Vortrag „Finnland, Baltikumfeldzug und Ostfragen“ unterwegs gewesen. In München war Heinrich Himmler als Student der Agronomie Zuhörer und trug am 21. November 1921 in sein Tagebuch ein: „Das weiß ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist das Wichtigste für uns. Der Westen stirbt leicht. Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln.“[5]

Hitler verwendete in seinem Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“ den Begriff „Ober Ost“ für die besetzten polnischen Gebiete. In Abschnitt II heißt es: „In den besetzten ehemals polnischen Gebieten führt der Verwaltungschef Ober-Ost die dem Reichsführer-SS übertragenen Aufgaben nach dessen allgemeinen Anordnungen aus. Der Verwaltungschef Ober-Ost und die nachgeordneten Verwaltungschefs der Militärbezirke tragen für die Durchführung die Verantwortung.“[6] Am 21. Juli 1940 wurde der Stab Ober Ost in den des „Militärbefehlshabers im Generalgouvernement“ (MiG) umgewandelt.[7]

Der als Reichskommissar für das Reichskommissariat Ostland tätige Hinrich Lohse ließ in seinem Hauptquartier in Riga zur Erstellung von Atlanten und Statistiken die Informationsmaterialien von „Ober Ost“ heranziehen. Einige seiner Mitarbeiter hatten schon im Ersten Weltkrieg oder nach seinem Ende dort gearbeitet und sorgten für personelle Kontinuität.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, 2. Aufl., Paderborn 2004, S. 379; Beitrag Vejas Gabriel Liulevicius’.
  2. Jürgen Lewerenz: Banken im Baltikum. Gestern, Heute, Morgen. Mit Vernunft und Anstand aus der Not zu innerem Gleichgewicht und zu erfolgreicher Zusammenarbeit zwischen Ost und West. Vorbilder aus der baltischen Geschichte als Orientierungshilfe für den Wiederaufbau einer bürgerlichen Ordnung. Verlag Fritz Knapp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-7819-0590-X, S. 70.
  3. Verzeichnet in jedem Michel Deutschland-Spezial-Katalog, Stichwort Deutsche Besatzungsausgaben 1914–1918 (Postgebiet Ob. Ost)
  4. Bert Hoppe: Ludendorff und die Deutsche Leitkultur im Ersten Weltkrieg [1]
  5. Josef Ackermann: Heinrich Himmler als Ideologe. Göttingen-Zürich-Frankfurt a. M. 1970, S. 198. – Insgesamt erweist sich Tomáš Garrigue Masaryk in seinem Buch Das neue Europa: Der slawische Standpunkt (Berlin 1991), das zwischen 1918 und 1922 zuerst in englischer und französischer, dann in tschechischer und deutscher Version erschien, als der Autor, der am aufmerksamsten und unmittelbarsten die deutsche Ostorientierung im Ersten Weltkrieg beobachtete und in seine Darlegung vom Deutschen Drang nach Osten einbettete. Auf den Friedensvertrag von Versailles vorgreifend sagt er: „Die deutsche Eroberungssucht und der pangermanistische Drang nach Osten sind schuld daran, dass die Nationalitätsfragen in Osteuropa am akutesten sind“ (S. 191).
  6. Vgl. Materialien zum „Generalplan Ost“.
  7. Vgl. Bundesarchiv: Heeresgruppen/Oberbefehlshaber.
  8. Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburger Edition, Hamburg 2002, ISBN 3-930908-81-6, S. 329 f.

Literatur[Bearbeiten]

  • Das Land Ober Ost. Deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno. Hrsgg. im Auftrage des Oberbefehlshabers Ost. Bearbeitet von der Presseabteilung Ober Ost. Stuttgart-Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1917.
  • Hans-Michael Körner, Ingrid Körner (Hrsg.): Leopold Prinz von Bayern 1846–1930 – Aus den Lebenserinnerungen. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1983, ISBN 3-7917-0872-4, S. 302–312.
  • Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg 1914–1918. Hamburg 2002.
  • Vejas Gabriel Liulevicius: Ober Ost, in: Gerhard Hirschfeld (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Zürich 2003, S. 762–763.
  • Abba Strazhas: Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg. Der Fall Ober Ost 1915–1917, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993, ISBN 3-447-03293-6.
  • Christian Westerhoff: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzten Polen und Litauen 1914–1918, Studien zur historischen Migrationserforschung, Band 25. Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2012, ISBN 978-3-506-77335-7.