Open Innovation

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Der Begriff Open Innovation bzw. offene Innovation bezeichnet die Öffnung des Innovationsprozesses von Organisationen und damit die aktive strategische Nutzung der Außenwelt zur Vergrößerung des Innovationspotenzials. Das Open-Innovation-Konzept beschreibt die zweckmäßige Nutzung von in das Unternehmen ein- und ausdringendem Wissen, unter Anwendung interner und externer Vermarktungswege, um Innovationen zu generieren.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff "Open Innovation" stammt von Henry Chesbrough (Haas School of Business/University of California, Berkeley).

Motivation[Bearbeiten]

Gassmann und Enkel (2006) nennen den steigenden Wettbewerbsdruck durch die Globalisierung, kürzere Produktlebenszyklen und den damit höheren Innovationsdruck als maßgebliche treibende Faktoren für die Notwendigkeit, den Innovationsprozess zu optimieren und als Folge zu öffnen. In vielen Branchen überfordern die für die Durchsetzung von Innovationen notwendigen Investitionen und sonstigen Vorleistungen die Ressourcen einzelner Akteure, so dass sich auch aus Gründen der Risikominimierung die Notwendigkeit zur Innovation im Verbund mit anderen Anbietern, Zulieferern oder Kunden ergibt.

Kernprozesse[Bearbeiten]

Open Innovation kann nach Gassmann und Enkel (2006) in drei Kernprozesse zerlegt werden:

(Als Voraussetzung ist jedoch zu beachten, dass das Unternehmen die Fähigkeit aufweisen muss, externes Wissen zu internalisieren oder internes Wissen zu externalisieren. Vgl. implizites Wissen bzw. tacit knowledge)

Outside-In-Prozess[Bearbeiten]

Der Outside-In-Prozess ist die Integration externen Wissens in den Innovationsprozess. Das Know-How der Lieferanten, Kunden und externer Partner (z. B. Universitäten) soll genutzt werden, um die Qualität und Geschwindigkeit des Innovationsprozesses zu erhöhen. Bereits 1986 hat Eric von Hippel die Lead-User-Methodik beschrieben – also die Einbeziehung besonders fortschrittlicher Verbraucher in die Entwicklung neuer Produkte. Mit Hilfe dieses Instruments, welches noch heute Anwendung findet, soll das Risiko von Innovationsflops und die damit verbundenen wirtschaftlichen Gefahren eines Unternehmens eingedämmt werden. Damit hat er eine frühe Methode des Outside-In-Prozesses entwickelt.

Der Outside-In-Prozess verdeutlicht, dass der Ort, an dem neues Wissen kreiert wird, nicht notwendig mit dem Ort übereinstimmen muss, an dem Innovationen entstehen.

Inside-Out-Prozess[Bearbeiten]

Der Inside-Out-Prozess ist die Externalisierung von internem Wissen. Unternehmen nutzen diesen Prozess zum Beispiel, um Lizenzgebühren für Patente bzw. Innovationen einzunehmen, die sie nicht für die operative Geschäftstätigkeit nutzen.

Der Inside-Out Prozess verdeutlicht, dass der Ort, an dem Wissen bzw. die Innovation entsteht, nicht mit dem Ort übereinstimmen muss, an dem die Innovation genutzt und in neue Produkte umgesetzt wird.

Coupled-Prozess[Bearbeiten]

Der Coupled-Prozess ist eine Mischform aus dem Outside-In-Prozess und dem Inside-Out-Prozess: Die Internalisierung von externem Wissen in Verbindung mit der Externalisierung von internem Wissen.

Das Schaffen von Standards und der Aufbau von Märkten stehen beim Coupled-Prozess im Fokus. Die jeweilige Umwelt soll aktiv bei der Entwicklung von Innovationen integriert werden, und durch die gleichzeitige Externalisierung dieser Innovation soll sich ein Markt um die Innovation herum aufbauen (z.B. die Freigabe des Solaris-Quellcodes von Sun Microsystems).

Ansätze[Bearbeiten]

Netnography, Crowdsourcing und webbasierte Innovationsstudien sind wesentliche Ansätze, um Anwender und Konsumenten in die Neuproduktentwicklung einzubeziehen. Netnography ist eine Methode, um die Innovationskraft von Online-Communitys zu nutzen. Crowdsourcing bezeichnet eine offene Gruppe von Internetnutzern, die über eine virtuelle Plattform an einer definierten Aufgabenstellung arbeitet [2] und damit interaktiv Wert schöpft.[3]

Abgrenzung[Bearbeiten]

Open Innovation grenzt sich von Closed Innovation ab, also dem Innovationsverständnis, welches nach Schumpeter (1942) die Exklusivität einer Innovation als wesentliche Rente des Innovators bezeichnet. Außerdem kann die Open-Source-Entwicklung von Produkten als eine Extremform von Open Innovation verstanden werden.

Weitere Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Neben der herstellenden Industrie wird Open Innovation in der Finanzbranche angewandt, wobei Institute eigene und Produkte von anderen Firmen – auch von Konkurrenten – anbieten. Diese Partnerschaftskonzepte für den Vertrieb von fremden Innovationen wurden von der herstellenden Industrie adaptiert und sind heute unter dem Begriff Open Architecture zu einem De-facto-Standard in der Finanzbranche geworden. Durch diesen Ansatz erzielen Anbieter von Finanzprodukten eine unabhängigere Beratung und bessere Kundenakzeptanz.

Neben diesen positiven Anwendungsgebieten gibt es aber auch negative Auswirkungen von Open Innovation. Fasnacht (2009) erklärt zum Beispiel, dass zu offene Geschäftsmodelle zu komplexen und unkontrollierten Systemen führen. Dieses systemische Risiko würde unterschätzt und gälte als Mitauslöser der globalen Finanzkrise.[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • "Open Innovation Best Practice", Video mit Open Innovation Praxisbeispielen unterschiedlicher Unternehmen wie BMW, Siemens, Henkel, Swarovski oder Beiersdorf.
  • www.iao.fraunhofer.de (PDF; 4 MB), Studie: Managing Open Innovation in large firms. Der Garwood Center for Corporate Innovation an der University of California, Berkeley (USA) und die Fraunhofer-Gesellschaft haben repräsentativ erhoben, wie große Unternehmen Open Innovation anwenden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Penin, Julien, Caroline Hussler and Burger-Helmchen, Thierry, (2011): New shapes and new stakes: a portrait of open innovation as a promising phenomenon Journal of Innovation Economics, n°7, 11-29.
  • Fasnacht, Daniel (2009): Open Innovation in the Financial Services: Growing through Openness, Flexibility and Customer Integration. Springer, Berlin.
  • Bartl, M. (2008): Open Innovation! (PDF; 7,0 MB). White Paper. München.
  • Brem, A. (2008): The Boundaries of Innovation and Entrepreneurship - Conceptual Background and Essays on Selected Theoretical and Empirical Aspects, Gabler, Wiesbaden, 2008.
  • Braun, Viktor R.G. (2007): Barriers to user-innovation & the paradigm of licensing to innovate, Dissertation: Technische Universität Hamburg-Harburg
  • Chesbrough, H. W. (2003): Open Innovation. The New Imperative for Creating and Profiting from Technology, Boston: Harvard Business School Press
  • Chesbrough, H. W./Vanhaverbeke, W./West, J. (Hg., 2006): Open Innovation. Researching a New Paradigm, Oxford: Oxford University Press
  • Gassmann, O./Enkel, E. (2006): Open Innovation. Die Öffnung des Innovationsprozesses erhöht das Innovationspotential (PDF; 172 kB), in: zfo, 3/2006 (75. Jg.), S. 132-138
  • Gerber, A. (2008): Antennen müssen auf Empfang stehen. Offene Kommunikation entscheidend für den Erfolg von Open Innovation. In: wissenschaftsmanagement, 4/2008, S. 20-29.
  • Gerber, A. (2009): Gemeinsam Wert schöpfen. Wissenschaft als strategischer Partner der Wirtschaft. In: Wissenschaft kommunizieren, 4/2009, S. 2-13.
  • Herzberg, Johann (2012): Staatsmodernisierung durch Open Innovation: Problemlage, Theoriebildung, Handlungsempfehlungen. Schriftenreihe des Deutsche Telekom Institute for Connected Cities (TICC) der Zeppelin Universität Friedrichshafen (Bd. 4), Berlin: epubli / Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.
  • Hippel, E. v. (1986): Lead Users. A Source of novel product concepts, in: Management Science, Vol. 32, S. 791-805
  • Hippel, E. v. (2005): Democratizing Innovation, Boston, Mass./London: MIT Press
  • Reichwald, R./Piller, F./Ihl, C. (2009): Interaktive Wertschöpfung: Open Innovation, Individualisierung und neue Formen der Arbeitsteilung, Wiesbaden: Gabler (unter Creative Commons-Lizenz), 2. Aufl
  • Reichwald, R./Meyer, A./Engelmann, M./Walcher, D. (2007): Der Kunde als Innovationspartner, Wiesbaden: Gabler
  • Rohrbeck, R., Hölzle K. and H.G. Gemünden (2009): "Opening up for competitive advantage - How Deutsche Telekom creates an open innovation ecosystem" R&D Management, Vol. 39, S. 420-430.
  • Sänn, A. (2011): Klasse statt Masse, in: Innovationsmanager, Vol. 16, S. 66-67.
  • Söbbing, Thomas (2011): Open Innovation und Crowdsourcing - Die rechtlichen Risiken offener Innovationsprozesse, Fachartikel IT Rechtsberater, Dr. Otto-Schmidt Verlag: ITRB 2011, 206 - 208
  • Vemuri, V.; Bertone, V. (2004): Will the open Source Movement Survive a Litigious Society?, Electronic Markets, Vol. 14, No. 2, pp. 114-123.
  • Walcher, D. (2007): Der Ideenwettbewerb als Methode der aktiven Kundenintegration, Wiesbaden, DUV.
  • Artikel über das Konzept eines Integrierten Ideenmanagements (mit der Möglichkeit eines kostenlosen Downloads des Full Papers)
  • Zhao, L.; Deek, F. (2004): User Collaboration in Open Source Software Development, Electronic Markets, Vol. 14, No. 2, pp. 89-103.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chesbrough, H.W. (2003): Open Innovation: The new imperative for creating and profiting from technology, Boston: Harvard Business School Press, S. XXIV
  2. Michael Bartl: Open Innovation. Der offene Umgang mit Wissen verändert das Innovationsmanagement, Open Journal of Knowledge Management, 29. März 2010
  3. Siehe Reichwald u.a., 2009
  4. Offene Geschäftsmodelle als Mitauslöser der globalen Finanzkrise, Neue Zürcher Zeitung, 9. Januar 2009