Technologie
Der Ausdruck Technologie (griechisch τεχνολογία technologia) leitet sich ab von τέχνη technē „Kunst (bes. a. Redekunst), Handwerk, Technik“ und λόγος logos „Rede, Wort, Kunde, Wissenschaft, Vernunft etc.“. Wegen der Mehrdeutigkeit der Wortbestandteile ist eine eindeutige Übersetzung nicht möglich. Im klassischen Altgriechisch ist das Wort nicht belegt.[1] Im hellenistischen Griechisch (Koine, ab ca. 300 v. u. Z.) wird damit gelegentlich die „systematische Behandlung der Grammatik und Rhetorik“ bezeichnet.[2] In neuerer Zeit überwiegen Bedeutungen wie „Lehre vom Handwerk“ und „Wissenschaft von der Technik“, doch unterscheiden sich die verschiedenen Begriffsauffassungen teilweise beträchtlich.
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Verschiedene Bedeutungen in der Neuzeit [Bearbeiten]
Bis ins 18. Jahrhundert verstand man, vermutlich unter dem Einfluss des hellenistischen Wortgebrauchs, unter Technologie die „Lehre von den Kunstwörtern oder terminis technicis“.[3] Diese Bedeutung ist bloß von sprachgeschichtlichem Interesse und spielt längst keine Rolle mehr.
Der Aufklärungsphilosoph Christian Wolff schrieb 1740 von einer „möglichen Philosophie der Handwerke, auch wenn sie bislang vernachlässigt wird. […] So ist die Technologie die Wissenschaft von den Handwerken und von den Handwerkserzeugnissen“.[4] Mit Handwerken und Handwerkserzeugnissen ist aus damaliger Sicht offenkundig die gesamte Technik gemeint (ein Wort, das es im heute geläufigen Sinn seinerzeit nicht gegeben hat). Ausdrücklich nennt Wolff auch die Architektur als einen Teil der Technologie. Interessant ist der Umstand, dass Wolff die Technologie als einen möglichen Zweig der Philosophie betrachtet. Das lässt sich damit erklären, dass die Ablösung der Einzelwissenschaften von der Philosophie großenteils noch nicht erfolgt war, aber man kann darin auch einen Vorgriff auf eine Philosophie der Technik sehen.
Als Begründer des deutschsprachigen Konzepts der Technologie gilt der Staatswissenschaftler Johann Beckmann. Nach kurzen Erwähnungen des Wortes in den Jahren 1769 und 1772[5] hat Beckmann 1777 das Buch Anleitung zur Technologie, oder zur Kenntniß der Handwerke, Fabriken und Manufacturen vorgelegt.[6] Darin sagt Beckmann: „Technologie ist die Wissenschaft, welche die Verarbeitung der Naturalien, oder die Kenntniß der Handwerke, lehret“ (ebd, S. 17). An dieser Stelle nennt er nur die Handwerke und nicht auch, wie Wolff, deren Erzeugnisse; allerdings geht er an zahlreichen Stellen des Buches auch darauf ein und ergänzt seine Anleitung später durch eine eigene Warenkunde.[7] Gleichwohl ist Beckmanns Programm vielfach so aufgenommen worden, als handele es allein von der Theorie der Produktionsprozesse und nicht auch der technischen Produkte.
Diese Auffassung steht bei Karl Marx im Vordergrund, dem es vor allem um das Verhältnis von Industriearbeit und Kapital geht. „Das Prinzip [der modernen Industrie], jeden Produktionsprozeß […] in seine konstituierenden Elemente aufzulösen, schuf die ganz moderne Wissenschaft der Technologie“.[8] Andererseits entwickelt er aber auch eine sehr viel weitergehende, sozusagen gesellschaftstheoretische Vorstellung: „Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen“.[9]
Seit dem späten 19. Jahrhundert wird Technologie zum Sondergebiet der Technikwissenschaften, das sich mit den Ver- und Bearbeitungsverfahren befasst. Man spricht von mechanischer, chemischer, Lebensmitteltechnologie usw., schränkt den Begriff also ausdrücklich auf die Lehre von den Produktionsverfahren ein.
Diese Fachtradition führt, gefördert durch ein einseitiges Marx-Verständnis, in der DDR dazu, die Technologie ebenfalls allein als Produktionslehre aufzufassen und sogar mittlere Fachkräfte in der Industrie (Fertigungsplaner, Arbeitsvorbereiter usw.) als Technologen zu bezeichnen. In einem repräsentativen Fachlexikon heißt es: „Technologie: Disziplin der technischen Wissenschaften, die die materiell-technische Seite des Produktionsprozesses, den technologischen Prozess, zum Gegenstand hat“.[10]
In Westdeutschland verbreitet sich unter dem Einfluss des Englischen seit den 1960er Jahren in Politik, Wirtschaft und Medien eine weitgehend unspezifische Wortverwendung, die mehr oder weniger dasselbe bedeutet wie Technik. So wird z.B. in der Produktwerbung oft schönfärberisch von Technologie statt von Technik gesprochen, um ein technisches Produkt wertvoller erscheinen zu lassen; spricht jemand z. B. im Zusammenhang mit Fahrzeugen von „neuester eingesetzter Technologie“, ist eigentlich die Fahrzeugtechnik gemeint. Im Englischen, besonders amerikanischer Prägung, ist das tatsächlich existierende Wort „technics“ als Pendant zum deutschen „Technik“ völlig ungebräuchlich, sodass alles, das im Deutschen korrekt Technik heißt, „technology“ genannt wird. Eine solche Übersetzung ist nur bedingt geeignet, da das Bedeutungsspektrum von technology viel breiter als das von Technologie ist: Es reicht von Technik über Gerät, Werkzeug, Computerprogramm bis hin zu System und Verfahren. Entsprechend ist bei der Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche semantisch zu differenzieren, und es scheint unzweckmäßig, Technik und Technologie miteinander gleichzusetzen. Gegen diese Gleichsetzung versuchen einige Autoren das Besondere der Technologie im gesellschaftlichen oder verwissenschaftlichten Charakter der modernen Technik zu sehen.
Schließlich findet inzwischen die Auffassung eine gewisse Resonanz, die Wortbedeutung aus dem 18. Jahrhundert wieder aufzunehmen und Technologie zu definieren als „die Wissenschaft von der Technik“. Technologie umfasst, ebenfalls nach einem Vorschlag von Johann Beckmann,[11] die speziellen Technologien, heute die einzelnen technikwissenschaftlichen Disziplinen, und eine Allgemeine Technologie als transdisziplinäre Technikforschung und Techniklehre.[12]
Fazit [Bearbeiten]
Den einen Technologiebegriff mit allgemein anerkannter Definition gibt es nicht. Man muss jeweils aus dem Zusammenhang erschließen, welche Bedeutung gerade gemeint ist.
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Jean Baudrillard, Hannes Böhringer, Vilem Flusser: Philosophien der neuen Technologie. Merve Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-88396-066-7.
- Peter Brödner: Der überlistete Odysseus. Edition Sigma, Berlin 1997, ISBN 3-89404-611-2.
- Susanne Fohler: Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. Wilhelm Fink Verlag, 2003. ISBN 3-7705-3759-9.
- Günter Ropohl: Allgemeine Technologie. Eine Systemtheorie der Technik. 3. Aufl. Universitätsverlag Karlsruhe, Karlsruhe 2009, ISBN 978-3866443747.
- Helmut Seiffert, Gerard Radnitzky (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. 2. unv. Aufl., dtv, München 1992, ISBN 3-423-04586-8, S. 362–365 (Stichwort Technologie und deren Abgrenzung zu anderen Wissenschaften).
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Menge-Güthling: Langenscheidts Großwörterbuch Altgriechisch, Berlin usw. 1997, S. 683; dort allerdings τέχνη λόγων technē logōn „Schrift über Redekunst“
- ↑ Liddell-Scott: A Greek-English Lexicon, Oxford 1940, S. 1785
- ↑ Zedler, J.H., Großes vollständiges Universallexikon, Halle 1732ff, zit. n. Timm, A., Kleine Geschichte der Technologie, Stuttgart 1964, S. 44
- ↑ Wolff, Ch., Philosophia Rationalis sive Logica, Frankfurt/Leipzig 1740, S. 33; übersetzt aus dem Lateinischen.
- ↑ Exner, W.F., Johann Beckmann, Begründer der technologischen Wissenschaft, Wien 1878, S. 8
- ↑ Göttingen, mehrere Auflagen und Nachdrucke, zuletzt 6. Aufl. Göttingen 1809; zitiert nach dem nicht autorisierten Nachdruck Wien 1789
- ↑ Beckmann, J., Vorbereitung zur Waarenkunde, 2 Bde., Göttingen 1793/1800
- ↑ Marx, K.: Das Kapital Bd. 1, in: Marx/Engels Werke (MEW) Bd. 23, Berlin 1959 u.ö., S. 510
- ↑ Marx, Das Kapital Bd. 1, S. 393, Fn. 89
- ↑ Banse, G. u. B. Thiele, Stichwort Technologie, in: Wörterbuch Philosophie und Naturwissenschaften, hg. v. H. Hörz, R. Löther u. S. Wollgast, Berlin (Ost) 1978, S. 911; ähnlich auch Wolffgramm, H., Allgemeine Technologie, Leipzig 1978
- ↑ Beckmann, J.: Entwurf der algemeinen Technologie, Göttingen 1806
- ↑ z.B. Ropohl, G., Allgemeine Technologie, 3. Aufl. Karlsruhe 2009, S. 32, ferner Banse, G. u.a.: Erkennen und Gestalten. Eine Theorie der Technikwissenschaften, Berlin 2006, S. 337