Oralismus

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Als Oralismus wird die Philosophie einer alleine auf Sprache basierenden Kommunikationserziehung von nicht hörenden (tauben) oder schwerhörigen Kindern bezeichnet, bei der auf Gebärdensprache weitgehend verzichtet wird und stattdessen die Bildung von Sprechlauten und das Ablesen vom Mund im Vordergrund stehen.

Man unterscheidet zwischen reinem Oralismus, bei dem jeder Gebrauch der Gebärden strengstens untersagt wird und so genanntem mildem Oralismus mit teilweiser Verwendung von bei Hörenden allgemeinüblichen Gesten oder dem Fingeralphabet.

Seit 1950 kommt die elektro-technische Ausnutzung des residualen Gehörs durch Hörgerät oder Cochleaimplantat, verbunden mit intensivem Hörtraining hinzu, wobei unter der auditiv-verbalen Methode das visuelle Wahrnehmen von Mundbewegungen im Anfangsstadium gänzlich vermieden wird. Synonym zu Oralismus ist die Bezeichnung (reine) Lautspracherziehung.

Herkunft des Wortes[Bearbeiten]

Das Adjektiv oral leitet sich etymologisch von lateinisch os, oris ('Mund') ab und bedeutet 'mündlich'. Aus diesem Wort lassen sich die Substantive Oralismus und Oralist und aus diesem wiederum oralistisch bilden.

Oralist wird von tauben und schwerhörigen Personen oft abwertend benutzt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die oralistische Spracherziehung begann um Ende des 18. Jahrhunderts durch Samuel Heinicke in Deutschland, Jacob Rodrigues Pereire in Frankreich und Thomas Braidwood in Großbritannien und erfährt Verfeinerungen unter Moritz Hill und Johannes Vatter im 19. Jahrhundert in Deutschland. Sie fand eine weite Verbreitung in vielen Ländern, was zu dem Beschluss des Kongresses der Taubstummenlehrer 1880 in Mailand führte, in dem beschlossen wurde, das ausschließliche Sprechen und Mundabsehen im Unterricht mit tauben Kindern den absoluten Vorzug zu geben und die Gebärdensprache aus dem Unterricht zu verbannen. Taube Lehrer wurden entweder entlassen oder nicht mehr eingestellt. Daraufhin war die Gebärdensprache in den meisten Schulen für taube Kinder für lange Zeit verboten. In den USA trat Alexander Graham Bell, Lehrer der Artikulation und Erfinder des „taubfeindlichen“ Telefons, vehement für den „reinen“ Oralismus auf und benutzte den von ihm für die Erfindung des Telefons gewonnenen Volta-Preis für die Propagierung des Oralismus.

Siehe auch: Geschichte der Gebärdensprachen, Geschichte der Gehörlosen