Patriziat (Alte Eidgenossenschaft)

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Der Berner Patrizier Franz Rudolf Frisching in der Uniform eines Obersten der Berner Jäger mit seinem Berner Laufhund, gemalt von Jean Preudhomme, 1785

Als Patrizier wurden in der Alten Eidgenossenschaft die Familien bezeichnet, die im Ancien Régime in mehreren Stadtkantonen (explizit in Bern, Freiburg, Luzern, Genf, Solothurn und Zürich) die politische Macht monopolisierten.

Geschichte[Bearbeiten]

Die im 13. bis 15. Jahrhundert emanzipierten freien Reichsstädte wurden anfangs relativ demokratisch von ihren Bürgern und Zünften verwaltet. In mehreren Städten wurden die politischen Ämter jedoch bald auf eine Gruppe von reichen und alteingesessen Familien begrenzt. Diese spätmittelalterliche Oberschicht setzte sich zusammen aus reich gewordenen Kaufmannsfamilien mit oder ohne Adelsbrief, aus bürgerlichen Notabeln und zuweilen stadtsässig gewordenem Landadel und stellte die Mitglieder einer Versammlung von 100 bis 200 Personen, aus deren Mitte die Regierung gebildet wurde. Diese Patrizier erwarben häufig Landsitze oder Grundherrschaften mit eigener Gerichtsbarkeit, erbauten sich Schlösser und führten eine aristokratische Lebensform. In den Städten bildeten sie den alles beherrschenden Rat und verdrängten Zünfte und Handwerkerschaft von der Macht. Ergebnis war eine Aristokratie, gegenüber der die Mehrzahl der Einwohner kaum politischen Einfluss hatte.

Mit dieser Annäherung der bürgerlichen Notabeln an die Lebensweise des Adels und der zunehmenden Abschottung gegenüber Aufsteigern bildete sich in den Städten der frühen Neuzeit das Patriziat, ein Begriff, der in der Renaissance eingeführt wurde, vergleichbar dem Patriziat in der italienischen Signoria, etwa den venezianischen Nobilhòmini. Wie diese - und im Unterschied zum sonstigen Landadel im Alten Reich - blieben die Patrizier aber zumeist auch wirtschaftlich (überwiegend im Handel, jedoch zunehmend auch im Söldnerwesen) tätig, im Unterschied zur ansonsten sozial ähnlich strukturierten englischen Gentry, die hauptsächlich von Pachteinnahmen lebte.

Da die Schweiz bis zum Westfälischen Frieden 1648 offiziell Teil des Heiligen Römischen Reichs war (die Drei Bünde sogar bis 1789), verlieh der römisch-deutsche Kaiser den Reichsadelsstand nicht selten auch an schweizerische Geschlechter.

Wenige Jahre nach der Loslösung vom Reich (1648) schuf etwa Bern eine eigene gesellschaftliche Rangordnung, die sich nicht nach dem Adelsrecht im Reich richtete. 1651 wurde innerhalb der gesamten Einwohnerschaft die Abstufung in Patrizier, Burger und Hintersassen (Stadtbewohner ohne politische Rechte) vorgenommen. Innerhalb der Kategorie der Patrizier (Regierende) wurde zudem eine offizielle Rangordnung geschaffen, welche die drei Prädikate Wohledelfest, Edelfest und Fest umfasste. Diese basierte auf Adelsnachweisen, Briefadel, dem Schultheissenamt und diplomatischen Aufträgen (temporär). Gleichzeitig verliehen jedoch auch ausländische Mächte wie Frankreich, Preußen oder der Heilige Stuhl Adelstitel an in ihren Diensten stehende Schweizer. Ende 17. Jahrhundert stieg zum Beispiel die Anzahl neuer, im Ausland erworbener Adels- und Freiherrendiplome im Berner Patriziat rasch an, daher beschloss der Grosse Rat der Stadt und Republik Bern 1731, "dass alle Diplomata, sie seyen dissmahlen vorgewiesen worden, oder andern die gegenwärtig nit bekannt, in unseren Statt und Landen keine Kraft noch Gültigkeit haben sollen" und weiterhin 1737, dass das Prädikat Edelfest auf Anfrage ausnahmslos allen regimentsfähigen Geschlechtern gestattet werden solle; 1783 erliess der Grosse Rat ein Dekret, wonach allen regimentsfähigen Geschlechteren von Bern erlaubt und freigestellt sei, das Adelsprädikat zu führen; davon machten bis 1798 lediglich 16 regierende Geschlechter Gebrauch. Im bis 1848 von Preußen in Personalunion regierten Neuchâtel wurden bis ins 19. Jahrhundert viele Patrizierfamilien vom preußischen König in den Briefadel aufgenommen.

Formell verloren die „Gnädigen Herren“ in den Städten der Schweiz ihre Macht vorübergehend mit der Helvetischen Republik und definitiv mit den liberalen Revolutionen in den 1830er und 1840er Jahren, (Regeneration 1831 und Sonderbundskrieg 1847). Die ehemaligen Patrizierfamilien spielten aber noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Schweiz, insbesondere in den Städten, und konnten ihren Einfluss in der Schweizer Politik und Wirtschaft über lange Zeit erhalten. Es gab noch bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Personen, die als typische Patrizier bezeichnet wurden, zum Beispiel Elisabeth de Meuron aus Bern und Gonzague de Reynold aus Freiburg.

Die alten Patrizierfamilien behielten in einigen Kantonen auch nach 1848 ihren Zusatz „von“. Es ist in der Schweiz nicht einfach, alten Adel (Grafen von Erlach, Grafen von Hallwyl, Freiherren von Bonstetten), neuzeitliches, briefadeliges Patriziat (von Graffenried, von Wattenwyl) und nicht-adelige Herkunftsnamen (von Gunten, von Siebenthal) zu unterscheiden. Als Synonym zu „von“ wird in der Westschweiz „de“ verwendet, wie de Reyff, de Watteville etc. Die höheren Adelstitel (Graf, Freiherr) werden in der Schweiz allenfalls inoffiziell, nicht aber im Pass und in behördlichen Dokumenten geführt.

Dreizehn Alte Orte[Bearbeiten]

Zürich[Bearbeiten]

Zürich (Stadt)[Bearbeiten]

Bonstetten (Zürcher Linie † 1606) • Brun • Bürkli • Escher vom Glas • Escher vom Luchs • Hirzel • Jori • KilchspergerLandenbergManesse († 1. Hälfte 15. Jh.) • Meiss • Meyer von Knonau • Mülnervon Orelli

Winterthur[Bearbeiten]

Goldschmid • Graf • Hafner • Hegner • Hettlinger • Kaufmann • Meier • Steiner • Sulzer (1408) • Winman (vor 1400) • Ziegler

Bern[Bearbeiten]

Aarau[Bearbeiten]

Hallwyl • Feer • Meyer • Rothpletz

Bern (Stadt)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Patriziat (Bern)

Lenzburg[Bearbeiten]

Hünerwadel • Spengler

Waadt[Bearbeiten]

de Crousazde Gingins • de Goumoëns • de Mestral • de Sacconay

Zofingen[Bearbeiten]

Ringier • Senn • Thut

Luzern[Bearbeiten]

Hauptartikel: Patriziat (Luzern)

Nach der Schlacht bei Sempach 1386 traten die regimentsfähigen Familien der Stadt Luzern, von Rudolf von Habsburg einst zum ritterlichen Dienst für würdig erklärt, die Rechtsnachfolge der Grafen von Habsburg an. Im 16. Jahrhundert errichteten sie eine aristokratische Verfassung und erschwerten zunehmend den Zugang zum Kreis der regierenden Kleinratsfamilien. So in den Jahren 1571, 1588, 1648 und schliesslich mit dem Fundamentalgesetz von 1773. Neben den ähnlich regierten Orten Bern, Freiburg und Solothurn besass Luzern das konzentrierteste Patriziat, da es sich nur auf etwa 30 an der Regierung beteiligten Familien beschränkte. Ihre Glieder hatten den Anspruch auf den in Luzern gebräuchlichen Titel Junker und die neunzinkige Souveränitäzskrone, meist eine Laubkrone (vier Erdbeerblätter und fünf Perlen), wie sie in den aristokratisch regierten Stadtrepubliken typisch war. Viele dienten in ausländischen Schweizerregimentern, bekleideten hohe militärische Ränge und hatten diplomatische Funktionen inne. Einige der noch heute blühenden Kleinratsfamilien wurden zwischen 1442 und 1858 mit Adelsdiplomen ausgestattet, so die am Rhyn, Göldlin von Tiefenau, Mayr von Baldegg, Meyer von Schauensee, Pfyffer von Altishofen, Schumacher, Schwytzer von Buonas, Segesser von Brunegg und von Sonnenberg. Sie alle haben ihre Stellung vorwiegend als Akademiker im beruflichen und gesellschaftlichen Leben bewahrt. Die Tatsache, dass Luzern katholischer Vorort war und nur wenige Familien zum Patriziat gehörten, führte dazu, dass ein grosses Potential der Politik und dem Militär entzogen war, da viele Mitglieder geistlichen Standes waren. Dies betraf insbesondere die Karrieren im Ausland insbesondere in Frankreich, wo die drei Städte Bern, Freiburg und Solothurn schon auf Grund ihrer geographischen Lage grosse Konkurrenten waren.

Die Jahreszahlen in der folgenden Liste bedeuten der Reihe nach: Erste Erwähnung, Eintritt in die Regierung, ausgestorben (†). Die noch blühenden Familien sind kursiv gestellt.

1. an der Allmend, 1495, 1606,† 1829; 2. Balthasar (von), 1531, 1598; 3. Bircher, 1500, 1525, † 1791; 4. Cysat, 1538, 1659, † 1802; 5. Dulliker, 1522, 1564, † 1820; 6. Dürler, 1570, 1633,† 1847; 7. Entlin, 1522, 1640, † 1822; 8. Feer, 1372, 1433, † 1794; 9. von Fleckenstein, 1462, 1516, † 1833; 10. zur Gilgen, 1428, 1475; 11. Göldlin v. Tiefenau, 1387, 1655; 12. Haas, 1373, 1423, † 1796; 13. Hartmann (von), 1424, 1671; 14. von Hertenstein, 1213, 1413, † 1853; 15. Keller (von Kellern), 1584, 1677, † 1865; 16. Krus, 1483, 1565, † 1805; 17. Mayr v. Baldegg, 1452, 1517; 18. Meyer v. Schauensee, 1468, 1581; 19. Mohr (von), 1436, 1521, † 1913; 20. Peyer im Hof, 1300, 1730, † 1842; 21. Pfyffer v. Altishofen, 1322, 1509; 22. am Rhyn, 1518, 1564, 23. Rüttimann (von), 1565, 1774, † 1873; 24. Schnyder v. Wartensee, 1350, 1715; 26. Schumacher (von), 1431, 1568; 27. Schwytzer v. Buonas, 1527, 1633; 28. Segesser v. Brunegg, 1241, 1564; 29. von Sonnenberg, 1357, 1480.

Weitere Familien sind: Helmlin †; Holdermeyer †; Krebsinger †; von Moos; Ritzi

Uri[Bearbeiten]

Müller • Schmid

Schwyz[Bearbeiten]

Ab Yberg • Büeler • Reding • Weber

Unterwalden[Bearbeiten]

Achermann ab Ennerberg • Leuw • Lussi • Trachsler (Traxler)

Zug[Bearbeiten]

Zurlauben

Freiburg[Bearbeiten]

d'Alt • d'Affry • d'Amman • de Boccard • de Bourgknecht • de Buman • de Castella • de Diesbach • de Duens / de Duding [du Dyn] • d'Englisberg • de Faucigny • de Fégely • de Gady • de Griset de Forel • de Gottrau • von Kessler • de Lanthen-Heid • de Lenzbourg • von Maggenberg († 1370) • de Maillardoz • de Montenach • Mossu • d'Odet • de Praroman • de Raemy • de Ratzé • de Reynold • de Reyff • de Rich • Rudellad • de Saydor /von Seedorf • de Schaller • de Schroeter • de Techtermann • de Tiefenthal • de Vevey • de Weck • von der Weid • de Werro • Zellweger

Solothurn[Bearbeiten]

Aregger (von Wildensteg) • Grimm (von Wartenfels) • vom Staal • von Sury • von Vigier (de Vigier, Vigier von Steinbrugg) • von Roll • Besenval • von Glutz (Glutz von Blotzheim) • Wallier (Wallier von Wendelstorf) • Voitel • Surbeck

Basel[Bearbeiten]

Hauptartikel: Daig

VischerSarasinBernoulliBurckhardtMerian • Iselin • LiechtenhanStaehelin • Schlumberger

Schaffhausen[Bearbeiten]

Cron • von Fulach • von Mandach • von Meyenburg • Peyer (im Hof)Peyer (mit den Wecken)von Stokar/Stockarim Thurnvon Waldkirch • Ziegler

Appenzell[Bearbeiten]

Brugger • Geiger • Sutter • Zellweger

Zugewandte Orte[Bearbeiten]

Biel[Bearbeiten]

DachselhoferWyttenbach

St. Gallen[Bearbeiten]

Hunger • Falck • Zollikofer von Altenklingen

Drei Bünde[Bearbeiten]

Abis • Aspermont • Bavier • Beeli • Belmont • Brügger • Buol • Cabalzar • Capol/Capaul • Caprez • CastelbergCastelmur • Caviezel • Ehrenfels • Enderlin • Flisch von Scheidt • Florin • Frauenberg • Gugelberg von Moos • Guler • Haldenstein • Jecklin • Jenatsch • Jochberg • JuvaltLatour • à Marca • Marmels • Mont/DemontMontaltPlanta • Raschèr • Ringg von BaldensteinRosenroll (aus Thusis) • RuinelliRuchenberg/RuhenbergSalis • Scarpatetti • Schauenstein • Schmid • Schorsch • Sprecher von Bernegg • Travers • TscharnerÜbercastelUnterwegen

Wallis[Bearbeiten]

de CourtenSupersaxo

Genf[Bearbeiten]

Necker

Fürstentum Neuenburg[Bearbeiten]

de Bellevaux • de Chambrier • de Meuron • Du Paquier • de Pury


Gemeine Herrschaften[Bearbeiten]

Thurgau[Bearbeiten]

von Spiegelberg • von Streng

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Roland Gerber: Münzer contra Bubenberg. Verwandtschaften und Faktionen im Berner Rat zu Beginn des 14. Jahrhunderts. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde. Heft 4/2006, 68. Jahrgang, Bern 2006, ISSN 0005-9420, S. 179–234 (http://www.bzgh.ch/4_06/gerber.pdf, abgerufen am 12. Januar 2010).
  • Manuel Kehrli: Patriziat, Briefadel und Titulaturen. In: Berns goldene Zeit. Das 18. Jahrhundert neu entdeckt. Bern 2008, S. 209.
  •  Nadir Weber: Auf dem Weg zur Adelsrepublik. Die Titulaturenfrage im Bern des 18. Jahrhunderts. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde. Heft 1/2008, 70. Jahrgang, Bern 2008, ISSN 0005-9420, S. 3–34 (Bachelor-Arbeit Juni 2007, Historisches Institut der Universität Bern, http://www.bzgh.ch/1_08/weber.pdf, abgerufen am 12. Januar 2010).

Einzelnachweise[Bearbeiten]