Sündenbock

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Als Sündenbock wird umgangssprachlich jemand bezeichnet, dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle. Ähnliche Ausdrücke dafür sind: Bauernopfer, Prügelknabe, Schwarzer Peter, Schwarzes Schaf oder Watschenmann.

The Scapegoat (Der Sündenbock)
William Holman Hunt (1854)

Begriffsherkunft[Bearbeiten]

Der Begriff ist biblischer Herkunft (Lev 16,1–28 EU). Am Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung im Judentum, machte der Hohepriester die Sünden des Volkes Israel bekannt und übertrug sie durch Handauflegen symbolisch auf einen Ziegenbock. Mit dem Vertreiben des Bocks in die Wüste wurden diese Sünden mitverjagt. Ähnliche Rituale sind aus Mesopotamien und Anatolien bekannt.

Das Opferprozedere wird von JHWH dem Mose wie folgt vorgeschrieben:

„Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los ‚für den Herrn‘ und ein Los für Azazel. 9 Aaron soll den Bock, für den das Los ‚für den Herrn‘ herauskommt, herbeiführen und ihn als Sündopfer darbringen. 10 Der Bock, für den das Los für Azazel herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. ...Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ (Lev 16,8-21 EU)

Der Text wie das dahinter stehende Ritual haben vermutlich ein mehrstufiges Wachstum hinter sich.

Der Sündenbock wird in der Endfassung dem Wüstendämon Azazel geopfert und der andere Bock an JHWH. Über die etymologische Herleitung des Namens Azazel gibt es verschiedene Theorien. Sowohl akkadische, ugaritische oder ägyptische Wurzeln werden vorgeschlagen. Lev 16 ist innerhalb der Bibel die einzige Stelle zu Azazel. Erst in nachbiblischer Zeit (Qumran und 1. Henoch) wird er zu einem Verbündeten Satans, der zusammen mit diesem die Welt verdirbt und dafür bestraft werden muss.

Theologisch entspricht dieses Bild einem dualistischen Gottesverständnis. So werden auch im Animismus schadenstiftende Geister durch bestimmte rituelle Handlungen besänftigt.

Das Bild des segenbringenden Gottes aus der Wüste (JHWH ins gelobte Land Kanaan) und des verbleibenden schadenstiftenden Gottes in der Wüsteneinöde (Azazel) hat im kanaanitischen Pantheon seine Parallele. In der ugaritischen Darstellung ist Baal-Hammon der Fruchtbarkeitsgott und der von ihm bekämpfte Yam (Lothan) der Überschwemmungen und Wassernot bringende Meeresgott. Der griechische Raum kennt diese Dualität als Herakles und die von ihm besiegten Schlange Ladon.

Das Bild des Ziegenbockes, der dem Teufel dargebracht wird, ist auch in mittelalterlichen Sagen präsent. Besonders eindrucksvoll ist z.B. diejenige des sogenannten Teufelsstein in der schweizerischen Schöllenenschlucht am Gotthard-Pass. Er soll vom Teufel aus Wut darüber geschleudert worden sein, dass man dem Teufel für den Bau der dortigen ersten Brücke das erste lebende Wesen versprach, das darüber lief. Als der Teufel seine Arbeit geleistet hatte, jagten die Urner Landleute aber statt einer Menschenseele als erstes einen Ziegenbock über die Brücke und hielten ihr Wort, damit kein Schadenzauber für den Wortbruch geschah und keine Menschenseele Schaden nahm.

Soziologische Relevanz des Begriffes[Bearbeiten]

Die soziale Rolle des Sündenbocks lässt sich auch einer ganzen Gruppe von Menschen per Attribution zuweisen. Sind Menschen frustriert oder unglücklich, richten sie ihre Aggression oft auf Gruppen, die unbeliebt, leicht identifizierbar und machtlos sind.[1]

Dies kann auch mittels einer durch Machteliten verbreiteten Ideologie geschehen, die ein Feindbild bewusst entwickelt mit dem Ziel, bestimmte soziale, ethnische oder politische Minderheiten zum Sündenbock für aktuelle Krisenerscheinungen zu machen oder von der eigenen mangelnden oder schwindenden Legitimation abzulenken (siehe zum Beispiel Holocaust). Eine solche Projektion auf einen Sündenbock kann für die Bevölkerungsmehrheit identitätsstiftende Funktion bekommen.

Der Soziologe Lewis A. Coser hat 1964 in Sociological Theory den Begriff „Sündenbock“ in Bezug auf die Verschiebung von nicht direkt ausfechtbaren sozialen Konflikten (realistic conflicts) auf abstraktere, aber ausfechtbare Konfliktebenen (unrealistic conflicts) verwendet.

Der Religionsphilosoph René Girard machte in seiner Anthropologie aus dem von ihm so benannten „Sündenbockmechanismus“ (engl. Scapegoating) eine grundlegende Hypothese über die Entstehung der menschlichen Kultur: Gebraucht wird der Sündenbock, wenn die Gemeinschaft innerlich zerrissen ist oder sich von einer Katastrophe bedroht fühlt. Indem eine falsche kausale Verbindung zwischen Bedrohung und dem ausgewählten Sündenbock hergestellt wird, kann das Übel veräußert und die Gemeinschaft wieder geeinigt und stabilisiert werden.[2]

Literatur[Bearbeiten]

Anthropologie[Bearbeiten]

  • René Girard: Der Sündenbock. Benziger, Zürich 1988, ISBN 3-545-25069-5.
  • Sylvia Brinton-Perera: Der Sündenbock Komplex. Die Erlösung von Schuld und Schatten. Ansata Verlag, Interlaken 1987, ISBN 3-7157-0102-1.
  • Marcia Rainer: Der Sündenbock. Zeitlose Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Phänomens. Grin, München 2010, ISBN 978-3-656-25364-8.

Psychologie[Bearbeiten]

  • Gordon Allport: The nature of prejudice. Addison-Wesley 1954.
  • G. Gemmill: The dynamics of scapegoating in small groups. Small Group Behavior 20, 1989, S. 406–418.

Theologie[Bearbeiten]

Politik[Bearbeiten]

  • Lutz Brangsch, Martin Wolfram: Emanzipation statt Sündenbock. Ein politisches Gespräch gegen den Haß auf die anderen. Books on Demand, Norderstedt 2001, ISBN 3-8311-1783-7.

Romane[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Scapegoats – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 448
  2. [Girard, René]: Generative Scapegoating. In: Hamerton-Kelly, R. [Hrsg.]: Violent Origins. Walter Burkert, René Girard, and Jonathan Z. Smith on Ritual Killing and Cultural Formation. Stanford University Press, Stanford 1987, S. 103.