Proposition (Linguistik)

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Mit dem Ausdruck Proposition bezeichnet man in der Linguistik, genauer gesagt in der linguistischen Semantik, den Inhalt eines Satzes, also den durch einen Satz ausgedrückten Sachverhalt. Die Proposition ist das, was durch die Äußerung eines Satzes im gegebenen Kontext über bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte der Welt behauptet, mitgeteilt oder ausgesagt wird. Ein verwandter und oft deckungsgleicher Begriff ist der der logischen Aussage.

Diese Definition der Proposition als Satzinhalt hat keine ontologischen Konsequenzen für Sprache und Logik, und auch nicht für Propositionen selbst: Es ist nicht festgelegt, ob Propositionen Dinge sind, noch ist bestimmt, welche Dinge als Referenten von Äußerungen in Frage kommen.[1] Hierin unterscheidet sich die linguistische Proposition beispielsweise vom Sachverhalt, aber auch vom Gebrauch des Ausdrucks Proposition bei Bertrand Russell. Er ist somit ontologisch offen.[2]

Beispiele[Bearbeiten]

Der linguistische Begriff der Proposition wird am besten durch Beispiele deutlich:

  1. Der Satz „Ich behaupte, dass Hans vor dem Tisch steht.“ und der Satz „Ich befehle, dass Hans vor dem Tisch steht!“ drücken im dass-Satz denselben propositionalen Inhalt aus.[3]
  2. Die Sprechakte Feststellung: "Katrin arbeitet fleißig.", Frage: "Arbeitet Katrin fleißig?" oder Aufforderung: "Katrin, arbeite fleißig!" haben eine unterschiedliche illokutive Rolle, jedoch dieselbe Referenz <Katrin>, Prädikation [fleißig arbeiten] und dieselbe Proposition.[4]
  3. Die Proposition: {<Karl> [Tür öffnen]} ist identisch in den Sätzen: „Karl öffnet die Tür. - Karl öffnet nicht die Tür. - Die Tür wird von Karl geöffnet. - Öffnet Karl die Tür? - Karl, öffne die Tür! - Wenn Karl doch die Tür öffnete! - Wenn Karl die Tür öffnet, [...].“[5] (Dies gilt auch interlingual: Charles opens the door. ...)

Die Proposition ist damit etwas, was mit Gottlob Frege als gemeinsamer Sinn von verschiedenen Aussagen in unterschiedlicher sprachlicher Form, Fragen und Befehlen verstanden werden kann und der in einer Paraphrase erfasst wird. Dabei sind diese verschiedenen komplexen sprachlichen Ausdrücke aus denselben Teilausdrücken (Karl, Öffnen, Tür) gebildet. Frege bezeichnet diesen Sinn jedoch als „Gedanke“[6]

Proposition in der Sprechakttheorie[Bearbeiten]

„In der Sprechakttheorie wird davon ausgegangen, dass es verschiedene Modi gibt, durch die eine Proposition (bzw. ihr propositionaler Gehalt) zum Ausdruck gebracht werden kann“.[3]

Durch die Krise der formalen Semantik, die vor allem auf die Kritik durch Willard van Orman Quine zurückzuführen ist, traten Propositionen als intensionale Bedeutung von Sätzen zugunsten von pragmatischen Aspekten der regelgeleiteten Verwendung von Ausdrücken in den Hintergrund. Durch die in der Sprechakttheorie getroffene Unterscheidung zwischen propositionalem Gehalt und illokutionärer Funktion einer Äußerung kam es zu einer Wiederbelebung. Dort wird die Proposition als ein Aspekt der einzelnen Äußerung verstanden und nicht mehr als eine Bestimmung des Satzes als Typus sprachlicher Äußerungen.[7]

Proposition in der Semantik[Bearbeiten]

Trotz der Leistungen der Sprechakttheorie hat sich in der Formalen Semantik ein anderes Propositionenverständnis gehalten, das den Satzinhalt als mentales Objekt behandelt, oder als objektiven Gedanken im Sinne Freges. Der Propositionsbegriff der Semantik kann daher für das unter Umständen auch vorsprachliche Objekt eines Glaubensaktes (s. epistemische Logik) verwendet werden,[3] so dass Aussagen wie die Folgende möglich sind:

Wenn x glaubt, dass M a, aber nicht M b, jedoch a = b, dann bezieht sich sein Glaube nicht auf eine Tatsache, sondern nur auf eine Proposition.

Ein solches Verständnis der Proposition ist allerdings ontologisch problembehaftet, da es sich weder um einen normalen Gegenstand, noch bloß um das Ergebnis einer sprachlichen Analyse handelt: „In diesem Sinn bezeichnet Proposition keinen Gegenstand, sondern gehört zur Klasse der abstrakten Entitäten."[8]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Ernst Tugendhat, Ursula Wolf: Logisch-semantische Propädeutik. Reclam, 1983, ISBN 3-15-008206-4, S. 17.
  2. vgl. Ernst Tugendhat, Ursula Wolf: Logisch-semantische Propädeutik. 1983, S. 1.
  3. a b c Bräuer: Proposition. In: Wulff D. Rehfus (Hrsg.): Handwörterbuch Philosophie. UTB, Stuttgart 2003, ISBN 3-8252-8208-2, S. 570.
  4. Proposition. In: Homberger: Sachwörterbuch zur Sprachwissenschaft. 2000.
  5. so Ulrich: Proposition. In: Linguistische Grundbegriffe. 5. Auflage. 2002.
  6. Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. In: Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus. 2 1918–1919, S. 58–77 (online). Frege stellt zudem auch unmittelbar ontologische Mutmaßungen über Gedanken an, auf die die Linguistik verzichtet.
  7. Peter Ernst: Pragmalinguistik : Grundlagen, Anwendungen, Probleme. de Gruyter, Berlin/ New York 2002, ISBN 3-11-017013-2, S. 97.
  8. Bräuer: Proposition. In: Rehfus: Handwörterbuch Philosophie. 2003, S. 571.