Religionsfreiheit in der Schweiz

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Die Glaubens- und Gewissensfreiheit stellt in der Schweiz ein durch die Verfassung und die Europäische Menschenrechtskonvention garantiertes Grundrecht dar. Ob die Religionsfreiheit ein Teil dieser Freiheit ist, müsste belegt werden. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung von Religionsgemeinschaften wird im Staatskirchenrecht geregelt, das in der Schweiz hauptsächlich auf der Ebene der Kantone umgesetzt wird.

Verfassungsmässige Grundlage[Bearbeiten]

Die Schweizer Bundesverfassung (BV) sichert die Glaubens- und Gewissensfreiheit in Artikel 15:[1]

1Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.
2Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen.
3Jede Person hat das Recht, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören und religiösem Unterricht zu folgen.
4Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören, eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen.“

Schutzobjekt[Bearbeiten]

Unter den Begriff der Religion fallen in der Schweiz gemäss Rechtsprechung und juristischer Lehre "alle Überzeugungen, die sich auf das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen, zum Transzendenten beziehen und weltanschauliche Dimensionen haben".[2]

Geschützt ist das Recht, religiöse Auffassungen zu äussern und zu verbreiten, sich kritisch mit anderen religiösen Anschauungen auseinanderzusetzen, nach seiner religiösen Überzeugung zu leben, die damit verbundenen Handlungen vorzunehmen, die entsprechenden Vorschriften zu beachten und Religionsgemeinschaften zu gründen.

Art. 15 Abs. 4 BV beinhaltet die negative Religionsfreiheit. Demnach darf der Staat niemanden am Austritt aus einer Religionsgemeinschaft hindern, zum Bezahlen von Kultussteuern für eine religiöse Gemeinschaft, der er nicht angehört, verpflichten oder zu religiösen Handlungen wie Schulgebet, Feldgottesdienst oder religiösem Eid zwingen. Weiter muss der Unterricht in öffentlichen Schulen religiös neutral sein, insbesondere ist der Bibelunterricht als fakultatives Fach getrennt vom übrigen Unterricht zu erteilen. Das Bundesgericht beurteilte 1990 Kruzifixe in Klassenzimmern der Primarschule Cadro als Verstoss gegen die Pflicht zur religiösen Neutralität an öffentlichen Schulen (BGE 116 Ia 252ff.).

Einschränkungen[Bearbeiten]

Die Religionsfreiheit kann gemäss Art. 36 BV - wie andere Freiheitsrechte auch - unter bestimmten Voraussetzungen eingeschränkt werden. So darf die Benützung des öffentlichen Grunds für Kultushandlungen wie Prozessionen aus verkehrspolizeilichen Gründen beschränkt werden (BGE 108 Ia 41). Ebenfalls gestattet sind gewerbepolizeiliche Regelungen des Hausierens mit religiösen Schriften (BGE 56 I 431).

Die bundesgerichtliche Rechtsprechung beurteilt - im Gegensatz zur Mehrheit der juristischen Lehre und zur Rechtsprechung des deutschen Bundesverfassungsgerichts - die Kirchensteuerpflicht für juristische Personen als verfassungskonform (z.B. BGE 126 I 122, 125ff.). Gemäss Bundesgericht sind weiter allgemeine kantonale Steuern von natürlichen Personen auch in dem Umfang zu bezahlen, in dem damit Beiträge an Kirchen (z.B. Pfarrerbesoldungen) finanziert werden, bei Gemeindesteuern kann die Bezahlung im entsprechenden Umfang hingegen verweigert werden (BGE 107 Ia 126, 130).

Art. 20 f. Tierschutzgesetz (TSG) verbietet das im Judentum und Islam vorgeschrieben Schächten ohne vorherige Betäubung. Der Import von geschächtetem Fleisch ist jedoch erlaubt (Art. 9 Abs. 1 TSG).[3] Einschränkungen der Glaubens- und Gewissensfreiheit können sich auch aus der in Art. 59 Abs. 1 BV statuierten Pflicht für männliche Bürger ergeben, Militärdienst oder zivilen Ersatzdienst zu leisten.

Art. 261 des Strafgesetzbuches qualifiziert die Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit als Vergehen.[4] Art. 261bis StGB (sogenannte Rassismus-Strafnorm) stellt das öffentliche Diskriminieren, Verunglimpfen oder Verfolgen von Angehörigen einer Religion unter Strafe. Dabei ist es unerheblich, ob sich die Aktion gegen Vertreter einer religiösen Minderheit (zum Beispiel Juden) oder der christliche Mehrheit richtet.

Art. 72 Abs. 3 der Bundesverfassung untersagt den Bau von Minaretten.

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten]

Bis zur Gründung der Helvetischen Republik bestand in der Schweiz faktisch keine Religionsfreiheit. Dies betraf vor allem die seit der Reformationszeit in der Schweiz bestehenden Täufergemeinden (Schweizer Täufer), die bis weit in 18. Jahrhundert verfolgt wurden. In der Bundesverfassung von 1848 wurde die Kultusfreiheit nur den anerkannten christlichen Konfessionen gewährt.

Mit der Teilrevision der Bundesverfassung von 1866 wurde den Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährt. Diese Gleichberechtigung trat in sämtlichen Kantonen in Kraft, mit Ausnahme des Kantons Aargau, wo sie erst am 1. Januar 1879 angenommen wurde.

In der total revidierten Bundesverfassung von 1874 wurde die Religionsfreiheit im heutigen Umfang eingeführt. Allerdings enthielt sie verschiedene Ausnahmebestimmungen: So war der Jesuitenorden verboten, ebenso die Gründung von neuen Klöstern und Orden. Bürger geistlichen Standes, worunter auch ordinierte reformierte Pfarrer fielen, waren von der Wahl in den Nationalrat ausgeschlossen. Die Errichtung von Bistümern auf schweizerischem Gebiete unterlag der Genehmigung des Bundes.

Das Jesuitenverbot und der Klosterartikel wurden 1973 aufgehoben. Mit der Verfassung von 1999 wurde der Ausschluss Geistlicher vom Nationalrat fallengelassen. Der Bistumsartikel wurde hingegen in die neue Verfassung übernommen (Art. 72 Abs. 3 BV) und erst in der Volksabstimmung vom 10. Juni 2001 aufgehoben.

Am 29. November 2009 wurde die Minarett-Initiative angenommen, welche den Bau von Minaretten in der Schweiz verbietet. Dies schränkt nach Ansicht des Bundesrates und von Staatsrechtlern die Religionsfreiheit von Muslimen ein. Die Gegner von Minaretten argumentieren, diese Gebäude würden ein religiös-politisches Machtsymbol des Islams darstellen, da im Koran keine Gewaltentrennung zwischen Religion und Staat vorgesehen sei.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Häfelin / Walter Haller: Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 6. Auflage. Zürich, Schulthess, 2005. S. 124 ff. ISBN 3-7255-4907-9

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999, SR 101, [1].
  2. Häfelin/Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, S. 124, N. 406.
  3. Tierschutzgesetz vom 9. März 1978, SR 455, [2], [3].
  4. Strafgesetzbuch vom 21. Dezember 1937, SR 311.0, [4].
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