Rhein-Maasländische Dialekte

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Lage des Rhein-Maasländischen

Rhein-Maasländisch (ndl.: Maas-Rijnlands) gewann seit dem 12. Jahrhundert im Rheinmaasdreick eine große Bedeutung für die regionale Schriftsprache und für mittelalterliche Literatur (Minneromane) Rechtstexte und Chroniken. Es bildete sich heraus im Sprachgebiet der südöstlichen Dialektgruppe innerhalb des Niederfränkischen. Rheinmaasländisch ist ein relativ neuer von Sprachwissenschaftlern benutzter, geographisch einsichtiger Terminus, der alle Dialektgebiete des Rhein-Maas-Dreiecks umfasst: Südniederfränkisch oder Limburgisch einerseits sowie Nordniederfränkisch oder Kleverländisch andererseits. Damit umging man die umstrittene Frage, ob die dort ansässigen Dialekte nun „niederländisch“ oder „deutsch“ seien.[1]

Schriftsprache und Mundarten[Bearbeiten]

Bei Rheinmaasländisch handelt es sich demgemäß um eine Schriftsprache (geschriebene Sprache) der gehobenen Stände für Erlasse, Verordnungen und offizielle Briefwechsel, zwar im niederfränkischen Sprachraum entstanden, aber von den gesprochenen niederrheinischen Mundarten abzugrenzen. Wie auch neben den in „Amtsdeutsch“ verfassten Schriften heutzutage existierten auch im Mittelalter neben der Schriftsprache regionale und örtliche plattdeutsche Dialekte, die sich im Spätmittelalter zu den noch in der Neuzeit beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze sich ähnelnden Mundarten entwickelten.[2]

Ablösung von Latein[Bearbeiten]

Rheinmaasländisch löste allmählich das bis dahin für Erlasse vorrangig benutzte Latein ab. In Ermangelung orthographischer und grammatikalischer Regeln variierte die Schreibweise von Ort zu Ort und von Schreiber zu Schreiber; dieselben Stadtschreiber änderten im Laufe der Zeit ihre Schreibweisen, was z. B. der Sprachforscher Georg Cornelissen in seinem Buch „Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte“ anhand von Beispielen aus Städten der Region beschrieben hat.[3] Während im Geldrisch-Klevischen Raum – aufgrund historischer Regionalgrenzen nach der Reichsneuordnung durch Kaiser Karl V. - die Schriftsprache tendenziell eher dem heute so genannten Niederländischen ähnelte, war in den weiter südlichen Gebieten der Einfluss des aus dem kurfürstlichen Köln sich ausbreitenden „Ripuarischen“ spürbar.[4]

Handschrift anno 1542 Herzog Wilhelm V. von Kleve

Textbeispiele[Bearbeiten]

Die folgenden Textauszüge lassen unschwer die „Nähe“ des Rheinmaasländischen zum heutigen Niederländischen wie zu dem am deutschen Niederrhein gesprochenen Platt erkennen:

  • Aus einem Bündnisbrief des Jahres 1364 des Grafen von Kleve an die Herzöge von Brabant, Jülich und die Stadt Aachen (einsichtlich im öffentlichen Landesarchiv Düsseldorf):[5]
An dyn gheswaren des verbunts der hertoghen van Brabant, van Guilighe ind der stat van Aken onsen gůeden vrynden. Wi Greve van Cleve begheren u teweten, gůede vrynde, op uwen brief in den ghii ons scryvet van den verbonde, dat uwe heren die .. hertoghen van ... Brabant end van Guiligh, dye stat van Aicken end die ridderscaff ghemaickt hebben omme noytsaken (nötige Angelegenheiten) wille van alrehande unbescheit, die in den landen gheschien, end mede van heren Walraven onsen neve, heren van Borne, dat her Walraven, onse neve, in langhen tiiden by ons niet gheweest en is, doch soe wovere he by ons queme (kam), woude wi gerne oen berichten end onderwiisen nae onsen vermoeghen, dat he bescheit neme end gheve van onsen lieven heren den hertoghe van Brabant. Voert guede vrynde want ghii scryvet van alrehande misdedighen luden sich the onthalden weder end wert in den landen, en is ons nyet kůndich; kůnden wi doch daer einghe waerheit af vernemen, of uytgheghaen, daer soude wi gerne na onsen vermoghen also besceidelich iin doen, dat ghiit mit gůede nemen soudt. Oeck soe siin wi van daer baven vast aenghetast end ghebrant, daer wi doch die waerheit claerlich nyet aff enweten, van wylken steden of sloeten ons dat gheschiet sii. Got bewaer u guede vrynde altoys. Geg. tot Cleve op den Goedesdach na sent Lucien dagh.
  • Aus einem im Jahre 1517 vom Duisburger Johanniterkaplan Johann Wassenberch festgehaltenen „Wetterbericht“ : [6]
In den selven jair op den XVden (15ten) dach yn den Aprijl, ende was doe des goedesdachs (Ableitung von Wodans Tag = Mittwoch) nae Paischen (Ableitung von „Passah-Fest“ = Ostern), van den goedesdach op den donredach (Ableitung von Donars Tag = Donnerstag) yn der nacht, wastz soe calt, dat alle vruchten van allen boemen , van eyckelen, van noethen, van kyrssen, van proemen (Pflaumen), van appelen etc. neyt uytgescheyden (nichts ausgenommen) vervroren ende verdorven (erfroren und verdorben) , want sy stoenden yn oeren voellen blomen (voller Blüte). Item (alldieweil) alle die vynstocken vervroren ende verdorven , off (oder) sy verbrant gewest weren. Ende (und) dair geschach groeten verderflicke (verderblicher) schade.
Druckschrift anno 1533 Herzog Johann III von Kleve
  • Aus der Zeit ab dem 14. Jahrhundert gibt es aus der Herrlichkeit Hüls (Ortsteil von Krefeld) überlieferte Dokumente, die sich aber durchaus von der gesprochenen Sprache , dem örtlichen Hölsch Plott, unterscheiden. Hier der Auszug aus einer Erbteilung im Jahre 1363 zwischen den Rittern Matthias von Hüls und seinen Brüdern Geldolf und Johann: [7]
Ich Mathys van Hulß, Herren Walravens Soen…doen kundt und kendlich allen Luiden onder mynem Siegel…dat ich mit volcomenen Rade ind Wille miner maege ind geleken mit Geldolp ind mit Johan, minen Broederen…so waer ind so wat kunne rechten gelegen sien, die my van minem Vader angestorven sien ind hierna von miner Moder Frouwe Stynen van Hulß ansterven ind fallen moegen na oeren Dode...

Hochdeutsch und Niederländisch[Bearbeiten]

Ab dem 16. Jahrhundert ging die Bedeutung des Rheinmaasländischen allmählich zurück; einerseits zugunsten des sich von Köln her ausbreitenden „Hochdeutschen“ am Niederrhein, andererseits zugunsten einer in den heutigen Niederlanden entstehenden eigenen Schriftsprache. So hatte Kurköln bereits im Jahre 1544 eine (dem Hochdeutschen ähnelnde) Schreibsprache eingeführt, was schon bald Auswirkungen auf die Kanzleien u. a. in Moers, Duisburg und Wesel hatte. Allerdings konnte sich diese „Hochdeutsche Schriftsprache“ in einigen Gebieten, z. B. im Geldrischen Oberquartier, aufgrund der Bindungen an das Haus Habsburg nur sehr langsam durchsetzen. Über einen längeren Zeitraum existierten in manchen Städten (u. a. in Geldern, Kleve, Wesel, Krefeld) Deutsch und Niederländisch nebeneinander und Erlasse wurde in beiden Schriftsprachen herausgegeben.[8][9]

Ab dem 18. Jahrhundert war die sprachliche Trennung zwischen (Deutschem) Niederrhein und (Niederländischem ) Maasgebiet endgültig abgeschlossen. Die jeweiligen Hoch- und Schriftsprachen gingen getrennte Wege. Gesprochene Mundarten überdauerten aber die neuen Grenzen und hielten sich bis in die Neuzeit.[10][11]

Wie geschrieben wurde[Bearbeiten]

Niedergeschrieben wurden die handschriftlichen Dokumente in einer vom jeweiligen Schreiber personifizierten (der neuzeitlichen Sütterlinschrift entfernt ähnelnden) Kurrentschrift. Auf alten Rechnungen ist außerdem festzustellen, dass bis ins 16. Jahrhundert keine – heute gebräuchlichen – „arabischen“ Ziffern , sondern die alte, aus Buchstaben bestehende Römische Zahlschrift benutzt wurde (Buchstabenfolgen für Zahlen – die Zahl „0“ war unbekannt und wurde erst durch Adam Riese eingeführt). Diese Lateinischen Zahlen erscheinen uns heute handschriftlich „verfremdet“ so dass sie, wie die Handschriften selbst, für Ungeübte kaum lesbar oder verständlich erscheinen.

Gedruckte Veröffentlichungen waren in Textur-Schrift verfasst, wie sie in spätmittelalterlichen Dokumenten zu finden ist; ab dem 16. Jahrhundert auch in der ähnlichen so genannten Fraktura.

Anmerkung[Bearbeiten]

Der Geltungsbereich des Rhein-Maasländischen bildet geographisch ein Dreieck. Dieses wird im Nordosten von den westfälischen Dialekten, im Nordwesten vom Brabantischen und im Südwesten vom Wallonischen begrenzt. Im Süden bildet die Benrather Linie Grenze des Geltungsbereiches. Während sich das Niederländische und das daraus entstandene Afrikaans zu National- und Schriftsprachen entwickelten, traten die eigenständigen niederfränkischen Dialekte auf deutschem Gebiet ab dem 18. Jahrhundert gegenüber dem Hochdeutschen zurück. Allerdings gibt es eine reichhaltige regionale und örtliche Mundartliteratur - nach persönlichen orthographischen Eigentümlichkeiten des jeweiligen Schreibers verfasst; außerdem wird niederrheinische Mundart zwischen Kleve und Düsseldorf in Mundartzirkeln und Theaterstücken gepflegt. Im Rhein-Maas-Dreieck gibt es zahlreiche kleinräumige und Ortsdialekte; nicht selten durchschneiden Mundartgrenzen die im Zuge regionaler Neuordnung neu gegliederten Stadtgebiete.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Cornelissen 1995: "De dialecten in de Duits-Nederlandse Roerstreek - grensdialectologisch bekeken" (= Mededelingen van de Vereniging voor Limburgse Dialect- en Naamkunde, Nr. 83). Hasselt; auch in : http://www.dbnl.org/tekst/corn022dial01_01/index.htm (18. März 2007)
  • Georg Cornelissen 2003: Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300-1900) : eine regionale Sprachgeschichte für das deutsch-niederländische Grenzgebiet zwischen Arnheim und Krefeld : met een Nederlandstalige inleiding. Geldern/Venray: Stichting Historie Peel-Maas-Niersgebied, ISBN 90-807292-2-1
  • Michael Elmentaler, Die Schreibsprachgeschichte des Niederrheins. Forschungsprojekt der Uni Duisburg, in: Sprache und Literatur am Niederrhein, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Bd. 3, 15-34.
  • Theodor Frings 1916: Mittelfränkisch-niederfränkische studien I. Das ripuarisch-niederfränkische Übergangsgebiet. II. Zur Geschichte des Niederfränkischen in: Beiträge zur Geschichte und Sprache der deutschen Literatur 41 (1916), 193-271 und 42, 177-248.
  • Irmgard Hantsche 2004: Atlas zur Geschichte des Niederrheins (= Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie 4). Bottrop/Essen: Peter Pomp . ISBN 3-89355-200-6
  • Uwe Ludwig, Thomas Schilp (red.) 2004: Mittelalter an Rhein und Maas. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins. Dieter Geuenich zum 60. Geburtstag (= Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas 8). Münster/New York/München/Berlin: Waxmann. ISBN 3-8309-1380-X
  • Arend Mihm 1992: Sprache und Geschichte am unteren Niederrhein, in: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 88-122.
  • Arend Mihm 2000: Rheinmaasländische Sprachgeschichte von 1500 bis 1650, in: Jürgen Macha, Elmar Neuss, Robert Peters (red.): Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte. Köln usw. (= Niederdeutsche Studien 46), 139-164.
  • Helmut Tervooren 2005: Van der Masen tot op den Rijn. Ein Handbuch zur Geschichte der volkssprachlichen mittelalterlichen Literatur im Raum von Rhein und Maas. Geldern: Erich Schmidt. ISBN 3-503-07958-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Irmgard Hatsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4, ISBN 3-89355-200-6, S. 66
  2. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4, ISBN 3-89355-200-6, S. 66
  3. Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300 – 1900), Verlag B.O.S.S-Druck , Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 19 - 61
  4. Dieter Heimböckel: Sprache und Literatur am Niederrhein, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 3, ISBN 3-89355-185-9, S. 15 - 55
  5. Stadtarchiv Düsseldorf, Archiv-Verzeichnis - Herzöge von Kleve, Jülich, Berg - Beilage IV
  6. Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300 – 1900), Verlag B.O.S.S-Druck , Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 32
  7. Werner Mellen: Hüls – eine Chronik. Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Krefeld-Hüls, 1998, ISBN 3-9804002-1-2, S. 105 ff
  8. Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300 – 1900), Verlag B.O.S.S-Druck , Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 62 - 94
  9. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4, ISBN 3-89355-200-6, S. 66
  10. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4, ISBN 3-89355-200-6, S. 66
  11. Dieter Heimböckel: Sprache und Literatur am Niederrhein, Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 3, ISBN 3-89355-185-9, S. 15 - 55