Niederlandistik

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Niederlandistik (auch Nederlandistik) ist das wissenschaftliche Forschungs- und Studienfach, das sich mit niederländischer und flämischer Sprachwissenschaft, Literatur, Landeskunde, Gesellschaft und Kultur beschäftigt.

Studium[Bearbeiten]

Niederlandistik kann an mehr als 20 Universitäten im deutschsprachigen Raum (Münster, Germersheim, Aachen, Köln, Kiel, Hildesheim, Berlin, Oldenburg, Wien, Zürich usw.) als Hauptfach oder Nebenfach belegt werden. Daneben können Sprachkurse im Niederländischen beim Studium der Germanistik angerechnet werden. Die Niederlandistik ist auch im englischsprachigen Raum (Großbritannien sowie USA) etabliert und gewinnt im slawischen Sprachraum besonders seit der EU-Erweiterung verstärkt an Bedeutung.

Grundstudium[Bearbeiten]

Zu Beginn des Studiums steht meist das Erlernen der niederländischen Sprache. Manche Studenten haben Niederländisch aber bereits als Schulfach gehabt, wie es besonders in Grenzregionen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen angeboten wird.

Hauptstudium[Bearbeiten]

Im Hauptstudium werden speziellere Themen, wie z. B. Literaturgeschichte, Linguistik, Übersetzung, Kulturwissenschaften, Gesellschaftskunde gelehrt und erforscht.

Berufsbilder[Bearbeiten]

Das Berufsbilder der Absolventen sind der Lehrerberuf in höheren Schulen, die Arbeit als Lektor in Verlagen, Kulturarbeit (z. B. Ausstellungen, Kunstgeschichte) sowie der Beruf als Übersetzer oder Journalist. Ferner sind bei Doppelqualifikation im sozial-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Bereich interessante Berufsperspektiven in der freien Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst möglich. In den sprachlichen Grenzgebieten bestehen meist eine regional oder auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Behörden und freier Wirtschaft.

Geschichte der Niederlandistik[Bearbeiten]

Anfängliche Geringschätzung des Mittelalters[Bearbeiten]

Anfang des 16. Jahrhunderts wurde, unter dem Einfluss des Humanismus, das Mittelalter (das erst gerade zu Ende gegangen war), eher negativ bewertet, nämlich als die dunkle und ungebildete Zeit zwischen der Antike und der eigenen Zeit. Dementsprechend hat man es oft nicht für nötig gehalten, die mittelniederländischen Handschriften aufzubewahren. Häufig wurden alte Handschriften wiederverwertet: als Bucheinbände oder Füllmaterial verwendet oder zu Leim zerkocht.[1]

Neues Interesse am Mittelniederländischen[Bearbeiten]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es unter dem Einfluss des deutschen Lyrikers und Germanisten August Hoffmann von Fallersleben zu einem erneuten Interesse an der mittelniederländischen Sprache und Literatur. Hier zeigten sich regionale Unterschiede beim neuen Interesse an der Sprachgeschichte.[1]

Belgien[Bearbeiten]

Im niederländischsprachigen Teil von Belgien, Flandern, interessierten sich die Philologen besonders für die ruhmreiche Vergangenheit des Niederländischen im Mittelalter (siehe Herzogtum Brabant und Grafschaft Flandern). Im innerbelgischen Sprachenkonflikt wollten sie aufzeigen, dass das Niederländische auf dem Gebiet des heutigen Belgien bereits im Mittelalter eine ruhmreiche Kultursprache war. Namhafte Vertreter dieser Ausrichtung waren Jan Frans Willems, Snellaert, Serrure und Blommaert.[1]

Niederlande[Bearbeiten]

In den Niederlanden hingegen war das Mittelalter für die eigene Geschichte und Identität weniger wichtig. Das Goldene Zeitalter der Niederlande war das 17. Jahrhundert, nicht das Mittelalter. Dementsprechend behandelten die niederländischen Philologen die mittelniederländische Sprache und Literatur auch sachlicher als ihre Kollegen in Flandern. Diese Philologen fasst man auch als die Leidener Schule von Matthias de Vries zusammen. Dazu gehörten (neben de Vries) W.J.A. Jonckbloet, E. Verwijs, J. Verdam, L.A. te Winkel, W.L. van Helten, H.E. Moltzer, G. Kalff, F.A. Stoett, J.W. Muller und teilweise auch J. Franck.[1]

In dieser Zeit fingen Verwijs und Verdam das Middelnederlandsch Woordenboek an, das "Mittelniederländische Wörterbuch".

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im 20. Jahrhundert machte die Niederlandistik Fortschritte, aber es wuchs auch das Bewusstsein, dass es folgende große Wissenslücken und Ungewissheiten gab:

  • Das amtliche Mittelniederländisch war nicht genügend untersucht, also die nicht-literarischen Texte, z.B. die vielen Urkunden und Bekanntmachungen. Dabei haben amtliche Texte den großen Vorteil, dass aus ihnen hervorgeht, wann und wo sie geschrieben wurden. Literarische Texte hingegen können Abschriften von Abschriften sein, und alle, die diesen Text abgeschrieben haben, können darin ihre sprachlichen Spuren hinterlassen haben.
  • Die Artes-Literatur (also die Fachbücher der mittelalterlichen Wissenschaften) waren nicht genügend untersucht worden.
  • Es gab zu wenig Textausgaben, und die wenigen Ausgaben, die es gab, waren zu unzuverlässig.
  • Man hatte anfangs zu oft angenommen, das Mittelniederländische sei im Wesentlichen eine Standardsprache gewesen, ohne bedeutende Unterschiede zwischen den einzelnen Jahrhunderten und den einzelnen Regionen.

Um diese Lücken füllen zu können, begann Maurits Gysseling mit einer sehr umfangreichen Ausgabe aller niederländischen Texte bis 1300, dem Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1300), auch Corpus Gysseling genannt. Diese Textausgabe soll die frühen niederländischen Texte genau und sorgfältig wiedergeben, und zwar amtliche und literarische. Diese Textausgabe soll es ermöglichen, die zeitliche und räumliche Verteilung von Lauten, Beugungsformen und Satzbauformen zu untersuchen.[1]

Publikationen[Bearbeiten]

  • Niederländisch lernen: Warum und Wie?; Reiner Arntz und Jos Wilmots, Universität Hildesheim sowie Universität Hasselt, 2005 (24 S.)
  • Jos Wilmots & Jos de Rooij: Voor wie Nederland en Vlaanderen wil leren kennen, Diepenbeek, Belgien, 1978
  • ders.: Voor wie al wat Nederlands kent, Diepenbeek Belgien, 1980,
  • P.C. Paardekooper: Beknopte a.b.n. spraakkunst, Antwerpen Amsterdam

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Niederlandistik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fachzeitschriften[Bearbeiten]

  • Forum der Letteren
  • De Gids
  • Levende Talen
  • Literatuur
  • Nachbarsprache Niederländisch
  • Nederlandse letterkunde
  • Nederlandse taalkunde
  • Neerlandia
  • Neerlandica extra muros
  • De Nieuwe Taalgids
  • Onze Taal
  • Spektator
  • Taal en tongval
  • Tijdschrift voor literatuurwetenschap
  • Tijdschrift voor Nederlandse Taal- en Letterkunde

Einen direkten Zugang zu elektronischen Zeitschriften bietet der Fachzugang Niederlandistik, Afrikaans, Friesisch der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek (EZB). Dieser Fachzugang ist Teil der EZB-Fachsicht der Virtuellen Fachbibliothek (ViFa) Benelux.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Herman Vekeman und Andreas Ecke, "Geschichte der niederländischen Sprache", Bern 1992, ISBN 3-906750-37-X