Niederfränkisch

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Verbreitung des Niederfränkischen inklusive des heute als Südniederfränkisch bezeichneten niederfränkisch-ripuarischen Übergangsbereich in Limburg. Der ripuarisch-basierte Dialekt von Kerkrade und Umgebung wird nicht dargestellt.
Rheinischer Fächer - Fränkische Mundarten und Isoglossen im Rheinland – das niederfränkische Sprachgebiet liegt oberhalb der maken-machen-Linie

Niederfränkisch ist die Sammelbezeichnung für eine Sprachgruppe im kontinental-westgermanischen Dialektkontinuum in den Niederlanden, im nördlichen Belgien (Flandern), nordöstlichen Gebiet Frankreichs und westlichen Deutschland (Region Niederrhein). Bedingt durch Auswanderungen werden niederfränkische Mundarten auch in Suriname, Südafrika und Namibia gesprochen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Franken (sinngemäß „die Mutigen, Kühnen“) formierten sich im 3. Jahrhundert während des Rückzuges der Römer aus dem besetzten Teil Germaniens zu einen der germanischen Großstämme, aus dem später das Volk der Franken entstand.[1]

Die (proto)-fränkischen Stämme siedelten zunächst rechts des Rheins und stießen immer wieder zu Raubzügen in gallo-römisches Gebiet vor. Aus den vom unteren Niederrhein bis zum Salland an der Overijssel siedelnden Stämmen bildete sich der Teilstamm der Salier, auch Salfranken genannt. Die vom Großraum Köln über den Mittelrhein bis zur Lahn siedelnden Stämme gingen nach und nach in den Rheinfranken und von diesen abstammenden Moselfranken auf. Vom Niederrhein aus expandierten Salfranken und Rheinfranken zunächst räumlich getrennt, bis sie im 5. Jahrhundert unter dem Merowinger Chlodwig I. vereinigt wurden.[2]

Ausbreitung von Salfranken und Rheinfranken bis zum 5./6. Jahrhundert

Fränkische Mundarten[Bearbeiten]

Die niederfränkischen Mundarten in den Niederlanden, Belgien und in der westdeutschen Region am Niederrhein (zwischen Kleve und Düsseldorf) werden auf Dialekte des Salfränkischen zurückgeführt, wobei das Südniederfränkische zwischen Uerdinger Linie und Benrather Linie als niederfränkisch-ripuarisches Übergangsgebiet gilt.

Ripuarisch werden die im Großraum Köln (Kölsch) / Bonn / Aachen (Öcher Platt) gesprochenen Dialekte genannt. Zusammen mit dem im Moselgebiet über Trier bis Luxemburg gesprochenen Moselfränkisch zählt es zum heute so bezeichneten Mittelfränkischen. Die weiter südlich in Hessen und Rheinland-Pfalz gesprochenen Mundarten werden als Rheinfränkisch bezeichnet. Historisch gab es (ab dem 5./6. Jahrhundert) eine Gleichsetzung der Begriffe Rheinfranken und Ripuarier. Heute werden aber nur noch die zwischen dem Westbergischen und Köln/Aachen/Bonn gesprochenen Dialekte „Ripuarisch“ genannt. Der Terminus „Rheinfränkisch“ gilt für die fränkischen Mundarten oberhalb des Mittelrheines im Gebiet der Mainmündung, östlich nach Hessen hinein, südwestlich nach Rheinland-Pfalz.

Die Zuordnung einer Mundart zu einer bestimmten Region oder Stadt ist durch regionale Neuordnungen schwieriger geworden, da inzwischen Dialektgrenzen sich quer durch Kommunen ziehen. So verläuft die Uerdinger ek-ech-Linie jetzt durch das Stadtgebiet von Krefeld und trennt das südniederfränkische Krieewelsch vom nordniederfränkischen Hölsch Plott des Ortsteiles Hüls. Derartige Beispiele lassen sich auch für andere Kommunen aufführen.

von „Frencisk“ zu „Diutisk“ zum „platten Duytsche“[Bearbeiten]

Die frühen Franken bezeichneten ihre Sprache als „Frencisk“ (oder „Frencisg“)[3]Es gibt nur wenige schriftliche Quellen zur Sprache der frühen Franken. Ein niederfränkischer Satz, der aus der Merowingerzeit überliefert ist, stammt aus dem fränkischen Volksrecht des 6. Jahrhunderts (der Lex Salica):[4]

Maltho thi afrio lito
Wörtlich: (Ich) melde dich/dir erfreie Late
Sinngemäß: (Ich) verkünde dir ich mache dich frei, Halbfreier (lito)

Als sich der westfränkische Teil des Frankenvolkes (im heutigen Frankreich und Wallonien) sprachlich vom östlichen Teil (in den heutigen Benelux-Ländern und Deutschland) zu trennen begann, kam es zu Konflikten mit der Bezeichnung „Frencisk“ (Fränkisch). Die Westfranken, die allmählich die galloromanische Sprache übernommen hatten, beanspruchten den Begriff „Française“ (Fränkisch = Französisch) für ihre neue Sprache, das Altfranzösische. Im Ostfrankenreich setzte sich ein neuer Begriff für die eigene Sprache durch: „Diutisk“ (Deutsch).[5]Dieser Begriff entstammt einer altgermanischen Bezeichnung „Theodo“ für Volk und taucht in lateinischen Schriften des frühen Mittelalters als „theodisca lingua“ auf. Zunächst nur auf die „Sprache“ des Volkes bezogen, bekam der Wortstamm um das Jahr 1000 herum auch die Bedeutung für das „Volk an sich“ – und zwar nicht nur für das Volk fränkischen Ursprungs sondern für alle germanischen Ethnien im Fränkischen Reich. Dies galt auch für Luxemburger, Flamen und Niederländer, die sich noch viele Jahrhunderte nach der Reichstrennung nach der Abdankung von Kaiser Karl V. (1500 bis 1558) auch als „Deutsche“ bzw. „Niederdeutsche“ bezeichneten (siehe den Begriff „Dutch“ der Engländer für „Niederländer“).

Auf ostfränkischer (deutscher) Seite kam es zu einer Bezeichnung „Walhisc“ (Welsch, ursprünglich für einen Stamm der Gallier) für die gallorömische Bevölkerung im Westfränkischen Reich, einschließlich der jetzt romanisierten Westfranken (siehe auch Kauderwelsch und Rotwelsch). Auf westfränkischer (französischer) Seite kam es zur Unterscheidung von den Bewohnern des Ostfrankenreiches zur Bezeichnung „Allemant“ (für die Deutschen, abgeleitet vom germanischen Stamm der „Alamannen“).[6]

Aus der Zeit der sprachlichen Trennung der (jetzt französischen) Westfranken von den (jetzt deutschen/niederländischen/flämischen) Franken im Ostreich gibt es ein wichtiges Sprachzeugnis: die Straßburger Eide des Jahres 842. Sie besiegelten das Bündnis zweier Enkel Karls des Großen (Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche) gegen ihren Bruder Lothar. Weil das Gefolge die Sprache der jeweiligen anderen Seite nicht (mehr) verstand, wurden die Eide in zwei Sprachen geleistet – in einer Vorläuferform von Altfranzösisch (der Sprache Karls) und in Altfränkisch (der Sprache Ludwigs).[7] Der Altfränkische Eidestext lautete:

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.
Übersetzung: Für die Liebe Gottes und des christlichen Volkes und unser aller Erlösung, von diesem Tage an, soweit mir Gott Wissen und Können gibt, werde ich meinem Bruder Karl beistehen, sowohl in der Hilfeleistung als auch in jeder anderen Angelegenheit, so wie man seinem Bruder beistehen soll, auf dass er mir genauso tue, und ich werde niemals ein Abkommen mit Lothar treffen, das willentlich meinem Bruder Karl zum Schaden sei.
Lage des Rhein-Maasländischen

Auf das 12. Jahrhundert wird ein „berühmter“ Satz datiert, der als wichtigstes altniederländisches (altfränkisches) Schriftdokument gilt – Hebban olla vogala – ein fast poetischer Reim:[8]

Hebban olla vogala nestas hagunnan hinase hic enda thu uuat unbidan uue nu
Haben alle Vögel Nester begonnen hinaus ich und du, was unbieten wir nun
sinngemäß: Haben alle Vögel Nester begonnen außer mir und dir, was warten wir nun

Rheinmaasländisch im niederfränkischen Sprachraum[Bearbeiten]

Erst die Schriftdokumente aus dem 14. bis 16. Jahrhundert sind für heutige Leser dem Sinne nach eher verständlich. Im deutsch-niederländischen Rhein-Maas-Dreieck hatte sich zu dieser Zeit - im Niederfränkischen Sprachraum - eine Schrift- und Kanzleisprache herausgebildet, die das bislang für schriftliche Erlasse vorrangig verwendete Latein ablöste: Rheinmaasländisch.[9]

Hier ein Beispiel aus dieser Periode, ein im Jahre 1517 vom Duisburger Johanniterkaplan Johann Wassenberch festgehaltener „Wetterbericht“ :[10]

In den selven jair op den XVden (15ten) dach yn den Aprijl, ende was doe des goedesdachs (Ableitung von Wodans Tag = Mittwoch) nae Paischen (Ableitung von „Passah-Fest“ = Ostern), van den goedesdach op den donredach (Ableitung von Donars Tag = Donnerstag) yn der nacht, wastz soe calt, dat alle vruchten van allen boemen , van eyckelen, van noethen, van kyrssen, van proemen (Pflaumen), van appelen etc. neyt uytgescheyden (nichts ausgenommen) vervroren ende verdorven (erfroren und verdorben) , want sy stoenden yn oeren voellen blomen (voller Blüte). Item (alldieweil) alle die vynstocken vervroren ende verdorven , off (oder) sy verbrant gewest weren. Ende (und) dair geschach groeten verderflicke (verderblicher) schade.

Der vorstehende Textauszug lässt unschwer eine gewisse „Nähe“ des „Rheinmaasländischen“ zum heutigen Niederländischen wie zu dem am deutschen Niederrhein gesprochenen niederrheinischen Platt erkennen.

Die im 12. Jahrhundert im Rhein-Maas-Dreieck aufgekommene Schriftsprache (Rheinmaasländisch) wies zwar viele Elemente der regionalen Mundart auf, ist aber nicht mit dieser gleichzusetzen. Das Niederrheinische Platt war die gesprochene Sprache der - oft schreibunkundigen - Bauern, Handwerker und einfachen Leute; das Rheinmaasländische dagegen war die Schriftsprache (geschriebene Sprache) der gehobenen Stände, des Adels und der Kanzleien. Rheinmaasländisch hatte Latein als Schreibsprache weitgehend abgelöst, bis es ab dem 16. Jahrhundert an Bedeutung verlor; einerseits zugunsten des sich von Köln her ausbreitenden „Hochdeutschen“, andererseits zugunsten einer in den heutigen Niederlanden entstehenden eigenen Schriftsprache. So hatte Kurköln bereits im Jahre 1544 eine (dem Hochdeutschen ähnelnde) Schreibsprache eingeführt, was schon bald Auswirkungen auf die Kanzleien u. a. in Moers, Duisburg und Wesel hatte. Allerdings konnte sich diese „Hochdeutsche Schriftsprache“ in einigen Gebieten, z.B. im Geldrischen Oberquartier, aufgrund der Bindungen an das Haus Habsburg nur sehr langsam durchsetzen. Über einen längeren Zeitraum existierten in manchen Städten (u. a. in Geldern, Kleve, Wesel, Krefeld) Deutsch und Niederländisch nebeneinander und Erlasse wurden in beiden Schriftsprachen herausgegeben.[11][12]

Ab dem 18. Jahrhundert war die sprachliche Trennung zwischen (Deutschem) Niederrhein und (Niederländischem ) Maasgebiet endgültig abgeschlossen. Die jeweiligen Hoch- und Schriftsprachen gingen getrennte Wege. Niederrheinisch als gesprochene Mundart überdauerte aber die neuen Grenzen und hielten sich bis in die Neuzeit.[13][14]

Platt sprechen heißt Klartext reden[Bearbeiten]

Der im Norden und Westen Deutschland verwendete Begriff Platt für die eigene Mundart leitet sich nicht etwa davon ab, dass es auf dem „platten Lande“ gesprochen wird; vielmehr bedeutete das altfränkische „plat“ zwar „flach“, aber auch soviel wie „klar und deutlich“ für seine Sprecher.

In einer Delfter Bibel des Jahres 1524 ist vom „platten duytsche“ die Rede. Am Niederrhein gibt es die Redewendungen, jemanden etwas „platt vür dä Kopp“ zu sagen (unmissverständlich ins Gesicht zu sagen).[15]Da es auch im Altfränkischen Sprachraum Unterschiede zwischen der „geschliffenen“ Ausdrucksweise der gehobenen Stände und der „Sprache des gemeinen Vokes“ gab, hieß in diesem Sinne „Platt sprechen“ so viel wie „Klartext reden“.[16]Klartext, den jeder Bauer und Handwerker verstand. Platt war demnach die Sprache des gemeinen Volkes schlechthin.

Sprachgrenzen[Bearbeiten]

Die genauen sprachlichen Grenzen des Niederfränkischen sind heute umstritten. Historisch waren die niederfränkischen Mundarten nördlich der Benrather Linie und westlich der Einheitsplurallinie verbreitet. Die Mundartgrenze verlief an der IJssel und stimmte dort ziemlich genau mit den früheren Herrschaftsgrenzen der gelderischen Niederquartiere Arnheim und Nimwegen überein. Diese Einheitspluralline ist aber inzwischen weit abgeschwächt und die Dialekte des Ost- und West-Veluws, die sich westlich der IJssel befinden, werden heute dem Niedersächsischen zugerechnet, in den Niederlanden auch als Nedersaksisch bezeichnet.

Die niederfränkische Dialektgruppe ist im Südwesten durch den französischen Sprachraum begrenzt. Die Küstendialekte der Nordsee bilden hier den Übergang zum Friesischen und weisen insofern ein starkes friesisches Substrat auf, das nach Norden hin weiter zunimmt. Das Holländische weist das stärkste Substrat unter den niederfränkischen Dialekten auf, darunter am meisten das Stadtfriesische. Das Seeländische weist in seinem an Belgien grenzenden Küstengebiet ein starkes Substrat des Westflämischen auf.

Verbreitung[Bearbeiten]

Das staatsübergreifende Hauptverbreitungsgebiet des Niederfränkischen liegt in den Niederlanden und in Belgien (Flandern); des Weiteren in der Region Dünkirchen in Frankreich und im nordwestlichen Rheinland in Deutschland (Bundesland Nordrhein-Westfalen) am Niederrhein.

Die niederfränkischen Dialekte Deutschlands werden wegen ihrer Ortslage auch als Niederrheinisch bezeichnet und die jeweiligen Ortsdialekte umgangssprachlich als „Platt”, wissenschaftlich meist „Ortsname-er Platt”. Sie werden heute als Übergangsdialekte zwischen dem Niederländischen auf der einen und dem Niederdeutschen auf der anderen Seite betrachtet, wo einige Kilometer östlich der Rheinschiene (etwa auf Höhe des Stadtbereiches von Essen) der Westfälische Mundartraum beginnt.

Niederfränkisch unterscheidet sich von den übrigen fränkischen Dialekten durch die weitgehende fehlende zweite (oder hochdeutsche) Lautverschiebung. Breite dialektale Übergangsgebiete gibt es zum Ripuarischen, Niedersächsischen und zum Friesischen (siehe Dialektkontinuum). Nur im unmittelbaren Grenzgebiet zum Mittelfränkischen erscheint t häufig als z oder s.

Niederfränkische Dialekte werden heute noch vorwiegend in den Regionen westlich von Rhein und IJssel in den Niederlanden, im flämischen Teil Belgiens, aber auch am Niederrhein in Deutschland gesprochen.

Gliederung[Bearbeiten]

Niederfränkische Varietäten verändern sich aufgrund des bis heute bestehenden Dialektkontinuums ständig. Durch den Einfluss der jeweilige Dachsprache in Deutschland (Deutsch) und in den Niederlanden (Niederländisch) sind die örtlichen Mundarten in ihrer dialektalen Ausprägung stark bedrängt und die Zahl der muttersprachlichen niederfränkischen Dialektsprecher verringert sich von Generation zu Generation.

Hinzu kommt, dass die verschiedenen niederfränkischen Ortsdialekte in den Niederlanden sich weniger ausgeprägt vom Standard-Niederländischen unterscheiden, als beispielsweise die niedersächsischen oder die friesischen Mundarten in den Niederlanden und daher einem stärkeren Verdrängungsdruck durch die niederländische Dachsprache unterliegen.

Zum Niederfränkischen zählt man heute die folgenden Varietäten, von denen zwei den Status von National- und Schriftsprachen haben:

  • Afrikaans (in Südafrika und Namibia)
  • Negerholländisch (kreolisiertes Niederländisch, das zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert auf den westindischen Jungferninseln St. Thomas und St. Jan gesprochen wurde.)
  • Ceylon Dutch (kreolisiertes Niederländisch, das zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert auf dem heutigen Sri Lanka gesprochen wurde. Gilt auf der Insel seit 1907 als ausgestorben.)

Von ihrer Herkunft her müssten aber auch Teile deutscher Mundarten zum Niederfränkischen gerechnet werden:

  • Kleverländisch, das lange Zeit dem Niederländischen ausgesetzt war.
  • Verschiedene Bergische Dialekte, die durch die sogenannte „Kölner Expansion“ stark dem Ripuarischen ausgesetzt waren und damit heute zwischen dem Ripuarischen und dem eigentlichen Niederfränkischen stehen.

Eine genauere Beschreibung des Niederrheinischen erfolgt im nächsten Abschnitt.

Einordnung des Niederfränkischen[Bearbeiten]

Beim Niederfränkischen handelt es sich um eine Familie eng verwandter westgermanischer Dialekte. Ordnet man die Dialekte einer Dachsprache zu, ist dies bei den niederfränkischen Mundarten das Niederländische. Aus niederfränkischen Mundarten sind Niederländisch und das in Südafrika verbreitete Afrikaans entstanden.

In der früheren Sprachwissenschaft war es üblich, unter Verabsolutierung des Merkmals der fehlenden hochdeutschen Lautverschiebung das Niederfränkische als einen Zweig des Niederdeutschen zu betrachten, gemäß der Stammbaumtheorie von August Schleicher. So wurden die in Deutschland beheimateten ostniederfränkischen Dialekte, wie z.B. das Kleverländische, demzufolge manchmal noch als „niederdeutsche Dialekte“ bezeichnet. Heute gilt diese Stammbaumtheorie bei renommierten Germanisten allerdings vielfach als veraltet und wird im Wesentlichen nur noch in der teilwissenschaftlichen Sekundärliteratur vertreten und verwendet.

Sprachhistorisch betrachtet gehen die niederfränkischen Mundarten auf die alten Dialekte der Salfranken zurück, deren Dialekte während des Mittelalters in unterschiedlichem Maße von der fortschreitenden hochdeutschen Lautverschiebung beeinflusst und ausdifferenziert wurden. Somit gliederte sich das ehedem einheitliche fränkische Sprachgebiet in Niederfränkisch, Ripuarisch (dazu gehört das Kölsche) und Moselfränkisch. Die weiter südlich gelegenen rheinfränkischen und süd-/ostfränkischen Mundarten wurden stark vom Alemannischen beziehungsweise Bairischen beeinflusst und haben ihren sprachlichen Charakter noch wesentlich stärker verändert.

Die niederfränkischen Dialekte sind im Gegensatz zum Ripuarischen um Köln, Bonn, Aachen und (zu einem geringeren Teil) im südlichen Bergischen Land nicht oder nur teilweise von der hochdeutschen Lautverschiebung erfasst worden, weshalb sie heute weitgehend denselben Lautstand aufweisen wie das Niedersächsische und das Niederländische.

Das „Düsseldorfer Platt" zeigt neben einigen angrenzenden (süd)niederfränkischen Dialektvarianten geringfügige hochdeutsche Einflüsse („t" am Wortanfang wird zu „z" verschoben; z.B.: „zwei" statt üblicherweise „twee"; „p" und „k" im Wortinneren bleiben auch nur teilweise unverschoben; z.B.: „lope" = laufen, „make" = machen, was auf den Einfluss über den Rhein gekommener Handelsreisender zurückgeführt werden kann). Somit unterscheiden sich die von der Struktur her doch so ähnlichen rheinischen Dialekte um Köln und Düsseldorf erheblich im Lautstand.

Die Dialekte von Mönchengladbach und eines Teils seiner Umgebung sind relativ stark ripuarisch beeinflusst. Sagt man beispielsweise im Kleverländischen und im Niederdeutschen „hebbe(n)“ oder „höbbe(n)“ für haben, heißt es dort, wie im mittelfränkischen „han“.[17] Das Ostbergische weist in Langenberg sowohl die Formen „han“ und „häw(we)“ auf, je nachdem auf welcher Seite des Deilbachs es sich befindet.

Das Kleverländische, das Ostbergische, sowie das Südniederfränkische (Limburgisch in Deutschland) werden oftmals auch als „niederländische Mundarten" bezeichnet, da der sprachliche Abstand zur hochdeutschen Standardsprache (Deutsch) wesentlich ausgeprägter ist als zum Niederländischen.

Niederrheinisch in zwei Bedeutungen[Bearbeiten]

Mit Niederrheinisch werden heute zwei unterschiedliche Dialektvarianten bezeichnet:

  1. die Niederfränkische MundartPlatt - (Nord-Niederfränkisch und Süd-Niederfränkisch)
  2. ein Regiolekt der zumeinst als Niederrhein-Deutsch bezeichnet wird und der sich – da es immer weniger Platt-Sprecher gibt – als „neue Umgangssprache“ etabliert (was auch für andere Regionen gilt).
Niederrhein-Deutsch findet sich z.B. in den Aufführungen und Schriften von Hanns Dieter Hüsch - dem „schwarzen Schaf vom Niederrhein“ – der allerdings gelegentlich auch „Grafschafter Platt“, das Idiom seiner Heimatstadt Moers, einfließen liess. „Niederrhein-Deutsch“ ist gekennzeichnet durch „Vereinfachungen und Zusammenfassungen von Wörtern (hassse, kannse, willsse, tuusse) mit gelegentlichen Neubildungen, z.B.
Regiolekt: „da kannse abber Gift drauf nehmen – hassese eintlich noch alle ?“
Dialekt: „da köösse ävver Geef drop neähme – hässese ejentlich noch oll ?“
Hochdeutsch: „da kannst du aber Gift drauf nehmen – hast du sie eigentlich noch alle ?“
Da im Niederrhein-Platt „mir und mich“ verwechselt werden darf (es gibt wie im Niederländischen und Englischen nur eine Form) kommen diese Verwechslungen auch – gelegentlich - im Regiolekt vor – im Hochdeutschen wären sie fatal:
Dialekt: „min Moder hätt för mesch jeseit, dinne Vaader hätt dech noch nied ens jeschrieeve.“
Regiolekt: „mein Mutter hat für mich gesacht, dein Vater hat dich noch nicht mal geschrieben.“
Hochdeutsch: „meine Mutter hat für mich (zu mir !) gesagt, dein Vater hat dich (hat dir !) noch nicht einmal geschrieben.“
Auch Redewendungen wie: „…es geht sich drum, dass…“ anstelle von: „es geht darum, dass…“ sind typisches Niederrhein-Deutsch.
Regiolekt (das Wort benutzt aber kein „Regiolekt-Sprecher“) wird in lockerer Runde benutzt, wenn man „unter sich ist“. Sollten Mundartsprecher in der Runde sein, kommt ein Gemisch aus Dialekt und Regiolekt dabei heraus. Je „förmlicher“ ein Gespräch wird oder im Gespräch mit Fremden, je mehr tritt der Regiolekt gegenüber dem Hochdeutschen zurück und der ansonsten Regiolekt Sprechende wird ein „gepflegtes Hochdeutsch“ sprechen – zumindest wird er es dafür halten (wodrauf de disch verlassen kanns !“).
Regiolekt folgt in der Wortwahl zwar weitgehend dem Hochdeutschen, aber im Satzbau ähnelt er dem Dialekt. Auch der Tonfall (der „Singsang“) des Regiolektes entspricht dem der Mundart – einen Klever oder Krefelder oder Mönchengladbacher kann man am Tonfall erkennen, auch wenn er Hochdeutsch spricht.
Der Sprachforscher Georg Cornelissen hat in seinem Buch „Der Niederrhein und sein Deutsch“ die Entwicklung aufgezeichnet, die immer mehr Menschen vom Gebrauch der Mundart zum Gebrauch des als Regiolekt bezeichneten Niederrhein-Deutsch geführt hat.[18]

Demgegenüber gehört Niederrhein-Platt zu den Niederfränkischen Mundarten, die in Deutschland beiderseits des unteren Niederrheins, westlich der niedersächsisch-niederfränkischen Dialektscheide gesprochen werden. Das ist eine Linie, die etwa westlich von BocholtEssenWuppertal-BarmenWipperfürth verläuft und nördlich der sogenannten Uerdinger Linie, der nördlichsten Linie des Rheinischen Fächers, die im Norden von Krefeld-Uerdingen den Rhein überschreitet. Ferner gehören auch die ostbergischen Dialekte (Velbert-Langenberg, Wuppertal-Elberfeld, Gummersbach) dazu.

Die letzteren liegen in einem schmalen Streifen östlich dieser Uerdinger Linie, die, nachdem sie den südlichsten Stadtbezirk Duisburgs durchschreitet, in süd-östlicher Richtung weiter verläuft, und in der Nähe von Wipperfürth auf die Benrather Linie trifft und zusammen mit dieser in ihrem weiteren Verlauf Richtung Osten die Grenze zwischen den niederdeutschen und hochdeutschen Mundarten markiert. Als Sprachgrenze zum Westfälischen, das zur niedersächsischen Dialektgruppe gehört, gilt die sich nach Norden abschwächende Einheitsplurallinie.

Der so abgegrenzte nord-niederrheinische und ostbergische Bereich gelten als

Als Kleverländisch gesprochen u. a. im Kreise Kleve mit Geldern, in Teilen des Kreises Viersen , z.B. in Kempen, im Krefelder Stadtteil Hüls mit dem Hölsch Plott, im Kreis Wesel mit Moers, sowie rechtsrheinisch von Duisburg über Wesel bis Emmerich.
Als Ostbergisch gesprochen in einem schmalen Streifen östlich der Uerdinger Linie, der von Mülheim an der Ruhr, Essen-Werden und großen Teilen von Essen-Kettwig, Velbert-Langenberg über Wuppertal-Elberfeld, Remscheid-Lüttringhausen, Remscheid-Lennep, Radevormwald, Hückeswagen, Wipperfürth, Marienheide und Gummersbach bis Bergneustadt reicht.

Das sogenannte „niederfränkische Übergangsgebiet” (mit vereinzelten sprachlichen Elementen des Ripuarischen) zwischen der Uerdinger und der Benrather Linie gilt als

gesprochen u. a. in Krefeld, Mönchengladbach, Teilen des Kreies Viersen, Heinsberg, Düsseldorf, Solingen, Remscheid, Mettmann sowie im nördlichen Kreis Neuss mit Meerbusch

Sprachgeschichte[Bearbeiten]

Einige der niederfränkischen Dialekte, besonders Holländisch und Brabantisch, haben die niederländische und flämische Schriftsprache entscheidend geprägt.

Die ursprünglichen niederfränkischen Dialekte wurden oder werden aufgrund der zunehmenden Mobilität der Menschen von regionalen Varianten der Standardsprache verdrängt. In Deutschland ist der sprachliche Unterschied des „niederfränkischen" Platt zur hochdeutschen Schriftsprache größer als zum Niederländischen. Mundartsprecher am deutschen Niederrhein – deren Zahl in den letzten Jahren zurückgegangen ist - können sich mit den Mundart sprechenden Nachbarn jenseits der Grenze gut verständigen.

Im Zuge der Ostsiedlung ab dem ausgehenden Mittelalter gelangten auch niederfränkische, genauer gesagt niederländische Mundarteinflüsse, ins Ostniederdeutsche, besonders ins Märkisch-Brandenburgische, weil viele Altsiedler aus Flandern zuzogen. Diese wurden in seltenen Einzelfällen später wieder in die umgekehrte Richtung mitgenommen, so entstand zum Beispiel das Hötter Platt.[19]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arend Mihm: Sprache und Geschichte am unteren Niederrhein. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 115, 1992, ISSN 0083-5617, S. 88–122.
  • Arend Mihm: Rheinmaasländische Sprachgeschichte von 1500 bis 1650. In: Jürgen Macha, Elmar Neuss, Robert Peters (Hrsg.): Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte. Böhlau, Köln u. a. 2000, ISBN 3-412-06000-3, S. 139–164. (Niederdeutsche Studien 46)
  • Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch. Greven Verlag Köln, 2009, ISBN 978-3-7743-0394-2

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günther Drosdowski (Hrsg.): Das Herkunftswörterbuch / Band 7 – Etymologie der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim 1989, ISBN 3-411-20907-0, S. 202.
  2. Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. C. H. Beck, München 1970, S. 109.
  3. Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, ISBN 3-423-03025-9, S. 59–61.
  4. Karl August Eckhardt: Lex salica. Hahn, Hannover 1969, (Monumenta Germaniae Historica; Leges; Leges nationum Germanicarum; 4, 2) ISBN 3-7752-5054-9.
  5. Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, ISBN 3-423-03025-9, S. 59–61.
  6. Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, ISBN 3-423-03025-9, S. 59–61.
  7. Erwin Koller: Zur Volkssprachlichkeit der Straßburger Eide und ihrer Überlieferung. In: Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach, Lothar Voetz (Hrsg.): Althochdeutsch. Band 1. Winter, Heidelberg 1987, ISBN 3-533-03878-5, S. 828–838, EIDE.
  8. A. Quak, J. M. van der Horst: Inleiding Oudnederlands. Leuven 2002, ISBN 90-5867-207-7.
  9. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins. (Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4), ISBN 3-89355-200-6, S. 66.
  10. Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300 – 1900), Verlag B.O.S.S-Druck , Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 32.
  11. Georg Cornelissen: Kleine Niederrheinische Sprachgeschichte (1300 – 1900). Verlag B.O.S.S-Druck , Kleve, ISBN 90-807292-2-1, S. 62–94.
  12. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins. (Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4), ISBN 3-89355-200-6, S. 66.
  13. Irmgard Hantsche: Atlas zur Geschichte des Niederrheins. (Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 4), ISBN 3-89355-200-6, S. 66.
  14. Dieter Heimböckel: Sprache und Literatur am Niederrhein. (Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie Band 3), ISBN 3-89355-185-9, S. 15–55.
  15. Georg Cornelissen: Meine Oma spricht noch Platt. Verlag Greven, Köln 2008, ISBN 978-3-7743-0417-8, S. 25–27.
  16. Georg Cornelissen: Meine Oma spricht noch Platt. Verlag Greven, Köln 2008, ISBN 978-3-7743-0417-8, S. 25–27.
  17. Vgl. hierzu: Kurt-Wilhelm Graf Laufs: Niederfränkisch-Niederrheinische Grammatik - für das Land an Rhein und Maas. Niederrheinisches Institut, Mönchengladbach, 1995, ISBN 3-9804360-1-2, S. 6.
  18. Georg Cornelissen: Der Niederrhein und sein Deutsch, Greven Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-7743-0349-2, S. 11 ff.
  19. Peter Honnen, Cornelia Forstreuter: Sprachinseln im Rheinland. Eine Dokumentation des Pfälzer Dialekts am unteren Niederrhein und des „Hötter Platt“ in Düsseldorf-Gerresheim. — „Rheinische Mundarten“, Band 7, Rheinland-Verlag, Köln 1994. Mit einer CD, ISBN 3-7927-1456-6.

Weblinks[Bearbeiten]