Schwangerschaftsdiabetes

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
O24 Diabetes mellitus in der Schwangerschaft
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Der Schwangerschaftsdiabetes, auch als Gestationsdiabetes, GDM oder Typ-4-Diabetes bezeichnet, ist definiert als eine erstmals in der Schwangerschaft diagnostizierte Glucose-Toleranzstörung. In seltenen Fällen kann es sich um einen neu aufgetretenen Diabetes -Typ 1 oder -Typ 2 handeln. Beim typischen Gestationsdiabetes tritt nach der Geburt bei den meisten Frauen wieder ein normaler Zuckerstoffwechsel auf.[1] Der Gestationsdiabetes zählt insgesamt zu den häufigsten schwangerschaftsbegleitenden Erkrankungen. Als Risikofaktoren gelten Übergewicht, ein Alter über 30 Jahren und eine erbliche Vorbelastung mit Diabetes mellitus. Ein Schwangerschaftsdiabetes kann jedoch auch ohne bekannte Risikofaktoren auftreten.

Ursachen[Bearbeiten]

Ursächlich ist die vermehrte Sekretion verschiedener Schwangerschaftshormone, wie etwa Cortisol, das humane Plazentalaktogen, Östrogen, Progesteron, und Prolactin, die als Gegenspieler des Insulins fungieren und ihrerseits zu einer zunehmend höheren Insulinresistenz während der Schwangerschaft führen. Kann die Bauchspeicheldrüse durch eine erhöhte Insulinausschüttung keinen Ausgleich mehr schaffen, entwickelt sich ein Schwangerschaftsdiabetes mit erhöhten Blutzuckerwerten.

Etwa 2 % aller Fälle von Schwangerschaftsdiabetes liegt ein MODY Typ 2 zugrunde. Charakteristisch für diese autosomal-dominant vererbte Störung ist eine Mutation im Glucokinase(GCK)-Gen (Gen-Variante rs1799884).[2]

Risikofaktoren[Bearbeiten]

  • Übergewicht (Adipositas) mit einem Body-Mass-Index vor der Schwangerschaft > 27,0
  • Diabetes Mellitus Typ 2 in der Familie
  • mütterliches Alter über 30 Jahren
  • Gestationsdiabetes während einer früheren Schwangerschaft
  • exzessive Gewichtszunahme in der Schwangerschaft
  • gestörte Glukosetoleranz vor der Schwangerschaft
  • ein bereits geborenes Kind mit einem Geburtsgewicht von über 4500 g
  • mehr als 3 Fehlgeburten unbekannter Ursache in der Vorgeschichte

Ungeachtet dieser Risikofaktoren wird heute bei jeder schwangeren Frau zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche ein Zuckerbelastungstest (auch: oraler Glucose-Toleranztest) empfohlen.

Symptome[Bearbeiten]

Betroffene Frauen bemerken häufig nichts von ihrer Erkrankung, da der Schwangerschaftsdiabetes meist beschwerdefrei bleibt. Anzeichen, wie etwa ein gesteigertes Durstgefühl (Polydipsie), Harnwegs- und Nierenentzündungen, Zucker im Urin (Glucosurie), Veränderungen der Fruchtwassermenge, Wachstumsstörungen des Feten, die der betreuende Frauenarzt im Ultraschall feststellt, übermäßige Gewichtszunahme und erhöhter Blutdruck (Arterielle Hypertonie) können jedoch auftreten.

Diagnose[Bearbeiten]

Zur Feststellung eines Schwangerschaftsdiabetes wird ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT) durchgeführt. Dabei unterscheidet man zwischen einem Suchtest (Screening) (50g Glucose in 200 ml Wasser), der unabhängig von der Tageszeit und vorheriger Nahrungsaufnahme mit Messung der Blutglukose aus venösem Plasma 1 Stunde nach Trinken der Lösung durchgeführt wird, und dem diagnostischen 75g oGTT, der spätestens dann durchgeführt wird, wenn der Blutglucosewert im Suchtest über 135 mg/dl liegt. Andere Parameter wie der Glucosegehalt des Urins, der HbA1c oder die Nüchternglucose sind als Suchtest nicht geeignet. Beim 75g-oGTT, der unter standardisierten Bedingungen durchgeführt werden sollte, werden 75 g Glucose in 300 ml Wasser innerhalb von 3-5 Minuten getrunken. Liegt mindestens ein Blutglucosewert im venösen Plasma über den definierten Grenzwerten (nüchtern: 92, nach 1 Stunde 180, nach 2 Stunden 153 mg/dl), gilt die Diagnose als gesichert.[1]

In Österreich wurde diese Untersuchung im Jahr 2008 in die Routineuntersuchungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes aufgenommen.[3] In Deutschland ist dieser Test seit März 2012 Teil der Mutterschaftsrichtlinien[4] und damit eine Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen.

Therapie[Bearbeiten]

Bei etwa 9 von 10 Schwangeren führt eine Ernährungsumstellung (z. B. kleine, dafür häufigere Mahlzeiten, Vollkornprodukte statt Weißmehl, weitgehender Verzicht auf schnell resorbierbare Kohlenhydrate wie beispielsweise Fruchtsäfte, Limonaden) in Verbindung mit regelmäßiger Bewegung zu normalen Blutzuckerwerten. Falls dadurch keine Besserung erzielt werden kann, muss mit einer Insulintherapie begonnen werden. Eine Insulinpumpentherapie wird nur in extrem seltenen Fällen nötig sein. Diabetes-Medikamente wie Metformin oder Sulfonylharnstoffe bieten sich aufgrund neuerer Erkenntnisse (Jahrestagung DDG 2010) durchaus an, sind aber zumindest in der BRD nicht zugelassen.

Komplikationen[Bearbeiten]

Gefahren für den Feten bestehen einerseits durch die Gefahr einer gestörten Entwicklung der Plazenta. Dies kann zu einer Mangelversorgung des Feten bis hin zum intrauterinen Fruchttod führen. Andererseits führt der erhöhte Blutzucker der Mutter, der über die Nabelschnur das Kind ernährt, zu verschiedenen Risiken. Durch die anhaltende Überzuckerungen der Mutter nimmt der Fetus zu viel Kohlenhydrate zu sich. Dies führt zu einem vermehrten Wachstum (Makrosomie). Jedoch kommt es zu einer Reifungsstörung der Lunge, was zu einem Atemnotsyndrom nach der Geburt führen kann.

Das Kind versucht den erhöhten Blutzuckerspiegel durch vermehrte Insulinsekretion und Hypertrophie der Bauchspeicheldrüse auszugleichen. Nach der Geburt fehlt jedoch plötzlich die mütterliche Zuckerzufuhr und es tritt eine Unterzuckerung ein. Die Unterzuckerung kann zur Folge haben, dass das Neugeborene extrem gereizt wirkt und schreit oder dass es lethargisch wirkt. Es kann in schweren Fällen zu Krampfanfällen oder Atemaussetzern kommen. Das Neugeborene sollte vorbeugend innerhalb von 30 Minuten nach der Geburt gestillt oder gefüttert werden und eventuell ein Dextrosegel in die Wangenschleimhaut des Kindes einmassiert werden.[5]

Die Schwangere trägt das Risiko, an Bluthochdruck und Präeklampsie zu erkranken und ist anfälliger für Harnwegsinfektionen und Scheidenentzündungen. Hinzu kommt, dass an Schwangerschaftsdiabetes erkrankte Frauen unter anderem durch das zu große Kind oder auch durch Komplikationen zum Ende der Schwangerschaft eine erhöhte Kaiserschnittrate aufweisen.[6]

Für die Mutter besteht ein ca. 50-%-Risiko, bei einer erneuten Schwangerschaft erneut einen Gestationsdiabetes zu entwickeln. Auch hat sie ein erhöhtes Risiko, im Verlauf der nächsten 10 Jahre an einem Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken. (Wenn sie ihr Kind mindestens drei Monate stillt, verringert sich dieses Risiko.[7])

Das Kind hat – insbesondere bei einem unzureichend eingestellten Gestationsdiabetes – im Laufe des Lebens ein erhöhtes Risiko, an einem metabolischen Syndrom zu erkranken.[8]

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Prävalenz des Gestationsdiabetes in Deutschland lag 2010 nach einer Studie bei 3,7 % der untersuchten Schwangeren und zeigt sich seit 2002 stetig ansteigend. Da sich Übergewicht und Adipositas in der Weltbevölkerung mittlerweile pandemisch ausbreiten, ist insgesamt mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Zahlen aus den USA zeigen etwa, dass mindestens vier Prozent aller schwangeren Frauen einen Diabetes entwickeln, der in 88 Prozent der Fälle auf einen Schwangerschaftsdiabetes zurückzuführen ist.[9]

Aktuelle Studie[Bearbeiten]

2010 wurden die endgültigen Ergebnisse der HAPO-Studie (= hyperglycemia adverse pregnancy outcome) veröffentlicht. In der Studie (abgeschlossen 2006) wurden weltweit 25.000 Schwangere eingeschlossen. Man erwartete entscheidende Erkenntnisse über die Auswirkungen von erhöhten Blutzuckerwerten bei der Mutter auf das ungeborene Kind. Die Leitlinie wurde 2011 von den Fachgesellschaften, der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), u.a. auf der Basis dieser Studie aktualisiert.[10][11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Leitlinien[Bearbeiten]

Ratgeber[Bearbeiten]

  • Heike Schuh: Diabetes in der Schwangerschaft. Der Ratgeber für Schwangere mit Gestationsdiabetes, Kirchheim, Mainz 2007, ISBN 978-3-87409-441-2

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Schwangerschaftsdiabetes – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b S3-Leitlinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). In: AWMF online (Stand 2011)
  2. Freathy et al. Diabetes. 2010;59(10):2682-9
  3. ÖDG-Presseaussendung Dezember 2008: Großer Erfolg bei Schwangerschaftsdiabetes! Die ÖDG begrüßt Aufnahme des Glukosetoleranztests in den Mutter-Kind-Pass (PDF; 11 kB)
  4. [1] (PDF; 255 kB) G-BA, Richtlinien über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung (Mutterschafts-Richtlinien): Einführung eines Screenings auf Gestationsdiabetes, 15. Dezember 2011
  5. Schwangerschaftsdiabetes: Neugeborene haben oft Unterzucker! In: Diabetes Journal. Deutsche Diabetes Gesellschaft, 28. November 2013, abgerufen am 12. Juni 2014.
  6. P Weiss, W Walcher, H Scholz: Der vernachlässigte Gestationsdiabetes: Risiken und Folgen. In: Geburtsh Frauenheilk 1999; 59: 535–44.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatStillen mindert Diabetes Typ-2 Risiko. www.heilpraxisnet.de, 30. Oktober 2012, abgerufen am 2. Februar 2013.
  8. Roche Diagnostics Accu-Chek Diabeteswissen
  9. M. M.Engelgau, R. R. German, W H. Herman, R. E. Aubert, P J. Smith: The epidemiology of diabetes and pregnancy in the U. S., 1988. Diab. Care 18 (1995), S. 1029–1033.
  10. Dr. med. Ute Schäfer-Graf: Diabetes-Portal DiabSite – Abstract PD 11/2008
  11. Hyperglycemia and Adverse Pregnancy Outcomes. The HAPO Study Cooperative Research Group In: The New England Journal of Medicine, Volume 358:1991-2002 May 8, 2008
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!