Sentinelesen

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Sentinelesen sind ein von der Außenwelt isoliertes indigenes Volk, das auf North Sentinel Island lebt, einer Insel im Indischen Ozean, die zur Inselgruppe der Andamanen gehört und von Indien im Unionsterritorium der Andamanen und Nikobaren verwaltet wird.

Die genaue Anzahl der Inselbewohner ist unbekannt. Schätzungen gehen von 50 bis 400 Menschen aus.[1] Die Zahlen haben jedoch keinen statistischen Hintergrund.

Einordnung[Bearbeiten]

Nach ihren physischen Merkmalen werden die Sentinelesen den Negritos zugeordnet, einer Sammelbezeichnung für mehrere kleinwüchsige und kraushaarige Ethnien, die zumeist in abgelegenen Regionen der Malaiischen Inselwelt verbreitet sind.

Die Insel wurde vermutlich von South Andaman Island aus besiedelt. Die dort lebenden Jarawa, mit denen die Sentinelesen näher verwandt zu sein scheinen als mit anderen Negritos, überwanden die rund 35 Kilometer lange Strecke bis zur nächstgelegenen Küste beim heutigen Port Muat wahrscheinlich mit Bambusflößen oder Auslegerkanus.[2]

Die zu den andamanischen Sprachen zählende Sprache der Sentinelesen ist nicht erforscht. Selbst nächstgelegene Nachbarvölker, etwa die auf Little Andaman lebenden Onge, die als Bindeglied dienen könnten, teilen anscheinend kein ausreichend gemeinsames Vokabular, das eine Verständigung möglich machen könnte.

Die Sentinelesen sind das letzte isoliert lebende indigene Volk auf den Andamaneninseln, nachdem die benachbarten Jarawa seit 1998 Kontakt mit indischen Siedlern haben.[3]

Es gibt genetische Hinweise in Verbindung mit der Untersuchung der Sprache, dass die Sentinelesen Nachfahren von vor gut 100.000 Jahren aus Afrika ausgewanderten Menschengruppen darstellen.[4]

Lebensweise[Bearbeiten]

Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit ist nur wenig über die Sentinelesen bekannt, man weiß jedoch, dass sie im Wald jagen und sammeln und einen großen Bestandteil ihrer Nahrung aus dem Meer beziehen.

Es ist ebenfalls bekannt, dass sie in Langhäusern wohnen und Kanus nutzen, um sich in der Gegend fortzubewegen. Sie nutzen Naturmaterialien, die sie auf der Insel finden, ebenso wie Gegenstände, die an den Strand gespült werden. [5]

Bedrohungen[Bearbeiten]

Wilderer beuten verstärkt die Fischgründe um die Andamanen aus, was den Sentinelesen ihre Nahrungsgrundlage raubt. Auch benachbarte indigene Völker wie die Jarawa, die Kontakt mit Außenstehenden haben, klagen immer wieder über Wilderei und deren Auswirkungen auf ihre Nahrungsgründe.[6]

Krankheiten stellen eine ernste Bedrohung für die Sentinelensen dar, die durch ihre abgeschiedene Lebensweise keine Abwehrkräfte entwickelt haben. Andere indigene Völker auf den Andamanen wurden durch Gewalt und Krankheiten nach dem Kontakt zu 99 % ausgelöscht. Die indische Regierung hat daher die Kontaktaufnahme untersagt und erkennt ihr Recht auf Autonomie an.

Kontakt mit Außenstehenden[Bearbeiten]

In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, Kontakt mit den Sentinelesen aufzunehmen, um sie zu erforschen. Einige wurden verschleppt. Die Sentinelesen reagierten mit Rückzug in den Wald oder sie attackierten die Eindringlinge mit Pfeil und Bogen. 1997 wurden die Kontaktversuche von der indischen Regierung eingestellt.

Sehr wahrscheinlich nur vom Hörensagen beschrieb Marco Polo um 1296 die Bewohner der Andamanen erstmals generell als die wildeste und gefährlichste Menschenrasse, die mit Augen, Ohren und Zähnen von Hunden ausgestattet sei.

Im Jahr 1771 sah die Besatzung eines an der Küste vorbeisegelnden Schiffes der East India Company in einer Nacht den Schein von Feuerstellen. Dies gilt als erstes Zeugnis für auf der Insel lebende Menschen. Zu einem Landgang kam es nicht.

Als 1867 ein indisches Handelsschiff auf einem Riff Schiffbruch erlitt, rettete sich die zwanzigköpfige Besatzung in einem Ruderboot an den Strand. Während sich die Männer Essen zubereiteten, wurden sie von Sentinelesen mit Pfeilen angegriffen. Es gelang ihnen, sich mit ihrem Boot auf das Meer abzusetzen, wo sie später von einem Dampfer aufgegriffen wurden.

1879 wurde ein älteres Sentinelesen-Paar und einige Kinder von den britischen Kolonialherren gewaltsam auf eine Nachbarinsel nach Port Blair verschleppt. Ein Offizier beschrieb, dass die ganze Gruppe „schnell erkrankte und der alte Mann und seine Ehefrau starben, sodass die vier Kinder mit mehreren Geschenken nach Hause geschickt wurden.“[7]

Der Brite M.V. Portman soll in den 1880er Jahren versucht haben, auf der Insel zu landen, aber beim Versuch, zu Sentinelesen zu gelangen, gescheitert sein. Ein hinduistischer Sträfling entfloh 1896 dem Gefangenenlager auf den Großen Andamanen mit einem selbst gebauten Floß und trieb bis zu einem Strand der Nord-Sentinel-Insel. Dort fanden seine Verfolger den toten Körper mit mehreren Pfeilwunden und aufgeschnittener Kehle.

Im März 1911 landete der britische Kolonialbeamte M. C. C. Bonig mit einigen Begleitern an der Westküste der Insel. Diese Gruppe wurde nicht mit Pfeilen empfangen. Laut Bonigs Beschreibung flohen acht Männer in den Dschungel und zwei machten sich in Kanus davon. Die Briten gingen einige Kilometer ins Landesinnere, wo sie einige Behausungen mit Schutzdächern fanden, aber auf keinen Widerstand stießen. Bonig glaubte, dass es gelingen könnte, die Sentinelesen durch Geschenke zu „zähmen“. Solche Versuche gab es offensichtlich nicht und die Insel wurde danach nur noch umrundet und nicht mehr betreten.[8]

Heinrich Harrer filmte die Insel in den 1970er Jahren aus der Ferne. Weitere Aufnahmen von Sentinelesen gelangen 1974 einem Filmteam, das für den Dokumentarfilm Man in Search of Man drehte.[9] Die Gruppe landete mit einigen Ethnologen, bewaffneten Polizisten und dem indischen Fotografen Raghubir Singh, der im Auftrag von National Geographic aufsehenerregende Bilder schoss.

Weitere Aufnahmen entstanden bei späteren Expeditionen der indischen Regierung.[10] Den Sentinelesen wurden dabei immer wieder Geschenke hinterlassen [11]. Die Annäherungsversuche der Regierung wurden nach 1997 eingestellt, sollten die Sentinelesen nicht selbst Kontakt wünschen. Damit trägt die Regierung auch den Gefahren des Kontaktes Rechnung. Jede Art von Besuchen wäre für die Sentinelesen tragisch, da sie gegen eingeschleppte Krankheiten nicht immun sind.

Drei Tage nach dem Erdbeben im Indischen Ozean 2004 flog ein Hubschrauber über die Insel und wurde von einem Sentinelesen mit Pfeilen beschossen. Es ist bekannt, dass viele indigene Völker den Tsunami 2004 überlebt haben, da die Ältesten das Zurückziehen des Meeres richtig deuten konnten und die Gemeinschaften in höhere Gebiete flüchteten. So überlebten wohl auch die Sentinelesen unbeschadet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Adam Goodheart: The Last Island of the Savages. In: The American Scholar, Vol. 69, No. 4, Herbst 2000, S. 13–44
  • S. S. Sarkar: The Jarawa of the Andaman Islands. In:Anthropos, Band 57, Heft 3./6. 1962, S. 670–677
  • Raghubir Singh:The Last Andaman Islanders. National Geographic Magazine 148(1), 1975, S. 32–37
  • Raghubir Singh: Der Kampf ums Überleben. GEO, 1976, S. 8-24
  • Heinrich Harrer: Die letzten Fünfhundert. Expedition zu den Zwergvölkern auf den Andamanen. Ullstein, Berlin 1977, ISBN 3-550-06574-4

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In der offiziellen indischen Statistik werden 117 Sentinelesen im Jahr 1901 und 39 im Jahr 2001 geschätzt. Nach: Pankaj Sekhsaria, Vishvajit Pandya (Hrsg.): The Jarwaw Tribal Reserve Dossier. Cultural & biological diversities in the Andaman Islands. (PDF; 12,9 MB) UNESCO Dossier, 2010, S. 17
  2. S. S. Sarkar, S.670
  3. Stefan Kirschner: Indigenous Policy Journal, Vol. 23, No. 1, 2012
  4. Dokumentation auf Sky Vision (online)
  5. "C. Brumann, Ethnologie der Globalisierung" (PDF; 1,2 MB)
  6. "World’s Most Isolated Tribe Threatened By Poachers: Jarawa And Sentinelese People, Indigenous Peoples Issues and Resources"
  7. Das abgeschiedenste Volk der Welt?
  8. S. S. Sarkar, S. 672
  9. "Dokumentation Man in Search of Man"
  10. "Videoclip In größter Isolation"
  11. Adam Goodheart, S. 15f