Auslautverhärtung

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Auslautverhärtung ist ein Fachbegriff aus der Sprachwissenschaft, im Speziellen aus der Phonetik und Phonologie, und bezeichnet den Vorgang, dass Geräuschkonsonanten (d. h. Plosive, Affrikaten und Frikative) am Ende einer Silbe [1] (also in ihrem Auslaut) ihre Stimmhaftigkeit verlieren und stimmlos ausgesprochen werden.

Dieses Phänomen ist kein Merkmal aller Sprachen, sondern existiert nur in bestimmten einzelnen Sprachsystemen, beispielsweise im Deutschen und im Türkischen, nicht aber im Englischen. So wird etwa das deutsche Wort Rad entgegen der Schreibung wie Rat [ʁaːt] ausgesprochen. Im An- und Inlaut eines Wortes bleibt hingegen die Stimmhaftigkeit der Konsonanten erhalten.

Die Auslautverhärtung ist eines jener sprachlichen Merkmale, die beim Erwerb der Muttersprache im Kleinkindalter unbewusst gelernt werden und in der Folge dem nicht fachkundigen Sprecher auch unbewusst bleiben. Das hat zur Folge, dass ein solcher die Auslautverhärtung beim Sprechen von Fremdsprachen auch auf jene überträgt, die dieses Phänomen nicht zeigen, was zum typischen ausländischen Akzent beiträgt.

Sprachen mit Auslautverhärtung[Bearbeiten]

Deutsch[Bearbeiten]

Die Auslautverhärtung betrifft im Deutschen folgende Konsonantenphoneme: die Plosive /b d g/, die Frikative /v z ʒ/ sowie die Affrikate //.

Beispiele:

Dabei handelt es sich um eine kontextabhängige Neutralisation einer phonologischen Opposition, denn die Phoneme /b, d, …/ und /p, t, …/ stehen im Deutschen ansonsten in Opposition zueinander, wie sich an Minimalpaaren zeigen lässt:

  • Bulle : Pulle
  • Dorf : Torf
  • geil : Keil
  • weise : weiße
  • Wall : Fall

Weil in den südlichen Varietäten des Deutschen die Lenis-Phoneme /b, d, .../ stimmlos sind, lässt sich die deutsche Auslautverhärtung besser als eine Aufhebung der Opposition zwischen Lenis und Fortis beschreiben als zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten.

Die Auslautverhärtung ist im Deutschen eine grundlegende und produktive phonologische Regel, vergleichbar z. B. mit der Aspiration stimmloser Plosive im Deutschen (Pardon! wird z. B. „automatisch“ mit behauchtem p gesprochen, auch dann, wenn sonst die französische Aussprache mit Nasalvokal beibehalten wird). Das heißt, dass die Auslautverhärtung (und die partielle regressive Assimilation) selbstverständlich auch für neue Wörter und Phoneme gilt (z. B. bei der Fremdwortintegration: Klub, Grog, jogg!, Trend, Standard, Blues, brav, kurv!, oder bei der Verwendung regionalsprachlicher Wörter im Hochdeutschen: z. B. stow!). Auch wenn neue Obstruenten-Phoneme aus anderen Sprachen ins deutsche Phonemsystem integriert werden, sind sie der Auslautverhärtung (und der partiellen regressiven Assimilation) unterworfen (so beim stimmhaften sch-Laut /ʒ/ und der Affrikate //: orange, orangefarben, manag(e)!, gemanagt, die jedoch in vielen Varietäten der deutschen Standardsprache sowieso immer stimmlos sind).

Die Auslautverhärtung dürfte in der Zeit des Übergangs vom Alt- zum Mittelhochdeutschen eingesetzt haben. Sie ist heute in den meisten deutschen Dialekten anzutreffen, mit Ausnahme der hoch- und höchstalemannischen sowie der südbairischen. Im Gebiet der binnendeutschen Konsonantenschwächung verschwindet die Opposition von Fortis und Lenis nicht nur im Auslaut, sondern auch im Anlaut und in jeder anderen Position.

Die heutige Orthographie des Deutschen spiegelt die Auslautverhärtung nicht wider, sie bevorzugt das so genannte Stammprinzip (ein Wortstamm wird, soweit es geht, immer gleich geschrieben, vgl. auch Rechtschreibreform von 1996). Im Mittelhochdeutschen dagegen war es noch üblich, der Auslautverhärtung in der Schrift Rechnung zu tragen, so finden sich Schreibweisen wie <tac> vs. <tages> („Tag“), <nît> vs. <nîdes> („Neid“) usw.

Ein vergleichbares Phänomen findet sich synchron im dem Deutschen verwandten Niederländischen, nicht aber im ebenfalls verwandten Englischen. Deutsche Muttersprachler werden deshalb beim Sprechen fremder Sprachen leicht durch ihren dadurch verursachten typisch deutschen Akzent identifiziert, wenn sie also die Auslautverhärtung auch in den Sprachen praktizieren, wo sie nicht vorkommt (vgl. Interferenz).

Gotisch[Bearbeiten]

Die Auslautverhärtung betrifft die stimmhaften Konsonanten b <b>, d <d> und z <z>, die – wenn sie in den Auslaut oder vor auslautenden s <s> zu stehen kommen – zu den entsprechenden stimmlosen Konsonanten f <f>, þ <þ> und s <s> werden. Für den stimmhaften Konsonant g <g> bleibt das Resultat offen, da graphisch keine Veränderung eintritt (vermutlich wurde der stimmlose Konsonant χ graphisch nicht separat realisiert). Beispiele für die Auslautverhärtung sind:

  • urgerm. 2.sg.imper.präs. *ǥeƀe 'gib!' > vorgot. *ǥiƀ > got. gif (vgl. inf. gib-an);
  • urgerm. nom.sg. *χlai̯ƀaz 'Brot' > vorgot. *χlai̯ƀz > *χlai̯ƀs > got. hlaifs (vgl. gen.sg. hlaib-is)
  • urgerm. nom.sg. *χau̯ƀiđa 'Haupt' > vorgot. *χau̯ƀiđ > got. *χau̯ƀiþ (vgl. gen.sg. haubid-is)
  • urgerm. nom.sg.m. *ǥōđaz 'gut' > vorgot. *ǥōđz > *ǥōđs > got. goþs (vgl. gen.sg.m. god-is)
  • urgerm. *mai̯z 'mehr' > vorgot. *mai̯z > got. mais

Tschechisch[Bearbeiten]

Stimmhafte Konsonanten im Auslaut werden stimmlos ausgesprochen, die Schreibweise wird davon nicht berührt. Insgesamt gibt es acht Paare stimmhafter und stimmloser Konsonanten, die auch bei der Assimilation Anwendung finden. Beispiele für Auslautverhärtung sind:

stimmhafter Konsonant stimmloser Konsonant Schreibung Aussprache deutsche Übersetzung
v f Václav Václaf
b p zub zup Zahn
d t had hat Schlange
g k smog smok Smog
h ch sníh sních Schnee
z s obraz obras Bild
ď ť teď teť jetzt
ž š muž muš Mann

Bulgarisch, Russisch[Bearbeiten]

Wie im Tschechischen tritt auch im Russischen und Bulgarischen ein Verlust der Stimmhaftigkeit im Auslaut auf. Auch hier spiegelt sie sich nicht im Schriftbild wider. Im Vergleich zur Germanistik wird dieses Phänomen in der Slavistik jedoch als Auslautentstimmlichung bezeichnet, da die Begriffe hart/weich bereits anders belegt sind, siehe Palatalisierung .

stimmhafter Konsonant
(geschrieben)
stimmloser Konsonant
(gesprochen)
Schreibung Aussprache deutsche Übersetzung
ж /ʒ/ ш /ʃ/ нож „нош“ Messer
д /d/ т /t/ город „гoрат“ Stadt

Altfranzösisch[Bearbeiten]

Im Altfranzösischen existierte eine Auslautverhärtung. Diese ist zum Teil heute noch sichtbar, z. B. in:

  • neuf [nœf] 'neu (m.)' vs. neuve [nœv] 'neu (f.)'; bœuf [bœf] „Rind; Ochse“ und nef [nɛf] „Kirchenschiff“ aus lat. novum, bovem bzw. navem;
  • nur noch graphisch ist dieselbe Verhärtung auch bei anderen franz. Wörtern auf (heute in der Aussprache verstummtes) -f vorhanden, vgl. clef „Schlüssel“; cerf „Hirsch“; nerf „Nerv“ aus lat. clavem, cervum bzw. nervum.
  • grand „groß“ (aus lat. grandem) wurde im Altfranzösischen noch <grant> geschrieben, dann aber in der Schrift zu <grand> relatinisiert; die stimmlose Aussprache hat sich bei Zusammensetzungen gehalten, vgl. un grand homme [œ̃ gʀãtɔm] „ein großer Mann“ bzw. grand-oncle [gʀãtõkl] „Großonkel“.

Türkisch[Bearbeiten]

Historisch:

synchron: orthografisch wird die Auslautverhärtung wiedergegeben, z. B.

  • Dativ: kebabi (ins gebratene Fleisch) – Nominativ: kebap; kulübe (in den Klub) – kulüp (Klub)
  • gidecek (er wird gehen) – git (geh')
  • Genitiv: birliğin (der Einheit) – Nominativ: birlik (Einheit)

Jedoch ohne Verhärtung des v [v] zu f oder des z [z] zu s [s]:

  • eve (nach Hause) – ev (Haus)

Literatur[Bearbeiten]

  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4. Aufl., Verlag Kröner, Stuttgart, 2008; ISBN 3-5204-5204-9
  • Paul/Schröbler/Wiehl/Grosse: Mittelhochdeutsche Grammatik, 24. Auflage, Tübingen 1998.
  • Duden, Die deutsche Rechtschreibung, 23. Auflage, Mannheim 2004.
  • Duden, Das Aussprachewörterbuch, 4. Auflage, Mannheim 2000.
  • Wilhelm Braune (Begr.), Frank Heidermanns (Bearb.): Gotische Grammatik. (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. Hauptreihe A, Bd 1). 20. Auflage. Max Niemeyer, Tübingen 2004, ISBN 3-484-10852-5, ISBN 3-484-10850-9
  •  Arend Mihm: Zur Geschichte der Auslautverhärtung und ihrer Erforschung. In: Sprachwissenschaft. Nr. 29, 2004, S. 133–206.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Auslautverhärtung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Heinz-Ramers: Einführung in die Phonologie 2. Auflage, München 2001, S. 88 f.