Stagflation

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Die Stagflation (ein Kofferwort aus den Wörtern „Stagnation“ und „Inflation“) beschreibt den Zustand eines Währungsgebietes, in dem volkswirtschaftliche Stagnation und Inflation zusammenkommen. Während einer Phase der Stagflation gelingt es einer Volkswirtschaft weder, die Produktionskapazitäten durch vermehrten Geldeinsatz und Krediterleichterung stärker auszulasten, noch die überhöhte Geldentwertungsrate durch ein geringeres Aktivitätsniveau zu reduzieren. Beide Ziele schließen sich gegenseitig aus und stellen insofern ein wirtschaftspolitisches Dilemma dar.

Das Phänomen wurde in den 1970er Jahren im Zuge der Ölkrise beobachtet. Die Wortschöpfung Stagflation wird dem 1970 verstorbenen britischen Finanzminister Iain Macleod und John Overcountry zugeschrieben.

Ursachen und Auswirkungen von Stagflation[Bearbeiten]

Auslöser von Stagflationen sind in der Regel Angebotsschocks, etwa durch einen Krieg im Nahen Osten stark steigende Energiepreise. Der stark gestiegene Ölpreis erhöht die Produktionskosten. Die Unternehmen reagieren darauf indem sie die Produktion verringern. Bei gleichbleibender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage steigen die Preise. Es kommt also zu der Situation, dass das Wirtschaftswachstum sinkt, während die Arbeitslosigkeit und die Inflation steigen. Wenn sich eine Inflationserwartung herausbildet, kann dies zudem zu einer Lohn-Preis-Spirale führen, welche die Stagflation noch verschärft.[1]

Stagflation stellt die Wirtschaftspolitik vor ein Problem, da eine gleichzeitige Bekämpfung von Inflation und Arbeitslosigkeit mit Nachfragepolitik nicht möglich ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Stagflation in den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Eine Stagflation wurde in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit der Ölkrise beobachtet. Die OPEC verknappte 1973 wegen politischen Spannungen im Nahen Osten die Ölförderung und verdoppelte damit den Ölpreis innerhalb von zwei Jahren (1973-75). In den westlichen Industriestaaten kam es daraufhin zu einer deutlichen Erhöhung der Inflationsraten, von 6% (1972) auf 13% (1974). 1979/80 kam es erneut zu einer starken Steigerung des Ölpreises und zu einer stark erhöhten Inflationsrate. Mitte der 1980er Jahre schwand die Einigkeit des OPEC-Preiskartells, der Ölpreis entspannte sich.[2] Zu dieser Zeit kam es auch zu einem starken Anstieg der Arbeitslosenquote. Im Jahr 1975 stieg die Arbeitslosenquote der USA auf 8,4 % und hatte sich somit gegenüber dem Jahr 1973 ebenfalls fast verdoppelt (4,9 %).

Ölpreisschock 2006-08[Bearbeiten]

Ab 2002 kam es erneut zu einem starken Anstieg des Ölpreises, der 2006-08 den Höhepunkt erreichte. Dieser Anstieg des Ölpreises verursachte keine Stagflation. Warum dies so war ist volkswirtschaftlich noch ungeklärt. Zum Teil ist dies damit erklärbar, dass sich aufgrund steigender Energieeffizienz der Ölverbrauch je 1$ BIP in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern halbiert hat. Die meisten Ökonomen sind der Ansicht, dass wir hauptsächlich Glück hatten.[3]

Stagflation in der volkswirtschaftlichen Diskussion[Bearbeiten]

Alban W. Phillips entdeckte 1958 den statistischen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosenrate. Dieser wurde in der ursprünglichen Phillips-Kurve dahingehend interpretiert, dass ein einfacher trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosenrate bestehe. Diese simplistische Sichtweise wurde durch die Stagflation widerlegt.

Nach Ansicht des heutigen Mainstreams der Volkswirtschaftslehre (Monetarismus, Neukeynesianismus) besteht ein simpler trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosenrate nur bei stabilen Inflationserwartungen. Wenn sich bei den privaten Haushalten eine erhebliche Inflationserwartung verfestigt, kann steigende Arbeitslosigkeit mit erhöhter Inflation einhergehen (Verschiebung der Phillips-Kurve). Monetaristen und Angebotstheoretiker empfehlen die Brechung der Inflationserwartungen um die Inflation zu reduzieren.[4]

Die heterodoxe Österreichische Schule sieht den Ursprung der Stagflation hingegen in der ihrer Ansicht nach grundsätzlich schädliche Wirkung einer wachsenden Geldmenge, weil durch eine anfänglich ungleiche Verteilung des neuen Geldes Produktionsentscheidungen und Güterpreise verzerrt würden.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. N. Gregory Mankiw, Principles of Macroeconomics, Cengage Learning, 2008, ISBN 9780324589993, S. 464
  2. Heinz-Dieter Hardes, Alexandra Uhly, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Oldenbourg Verlag, 2007, ISBN 9783486585575, S. 535-536
  3. William Baumol, Alan Blinder, Macroeconomics: Principles and Policy, Cengage Learning, 2011, ISBN 9781133715726, S. 2007
  4. Gabler Wirtschaftslexikon, Stagflation
  5. Dirk Glebe, Börse verstehen: Die globale Finanzkrise: Alle Informationen zur Wirtschaftskrise 2007-2009, dazu Geschichte und umfassendes Gesamtwissen zu den bisherigen Finanzkrisen dieser Welt. Ursachen, Auswirkungen, Reaktionen, Books on Demand, 2012, ISBN 9783848271351, S. 190