Stocherkahnrennen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kostümwettbewerb (2005)
Im Nadelöhr (2006), rechts der Schottenkahn
Kurz nach dem Start (1977)
Beim Nadelöhr (2012)
Kostümparade vor dem Rennen (2012)

Das Tübinger Stocherkahnrennen ist ein traditionelles Bootsrennen studentischen Ursprungs auf dem Neckar. Als solches handelt es sich um ein lokal bedeutendes und überregional bekanntes touristisches Ereignis. Es findet jährlich am Fronleichnamstag statt, Teilnehmer sind hauptsächlich lokale studentische Gruppen mit ihren Stocherkähnen. Das Stocherkahnrennen zählt zu den Höhepunkten[1] des universitären Sommersemesters, bei schönem Wetter verfolgen rund 10.000 Zuschauer regelmäßig die Veranstaltung.

Geschichte und Bedeutung[Bearbeiten]

Das Rennen wurde 1956 von Mitgliedern der Studentenverbindung Tübinger Lichtenstein ins Leben gerufen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Verwendung von Stocherkähnen in Tübingen bereits eine lange Tradition. Die erste bildliche Darstellung eines Stocherkahns im Zusammenhang mit Tübingen stammt aus dem 16. Jahrhundert, dargestellt in der Cosmographia Sebastian Münsters. Erste Bildbelege über eine Nutzung von Stocherkähnen zu Vergnügungszwecken durch studentische Verbindungen finden sich schließlich im 19. Jahrhundert.[2]

Das Stocherkahnrennen selbst entwickelte sich aus einer Einweihungsfeier für den neu erworbenen Stocherkahn der Studentenverbindung. Die Lichtensteiner traten mit ihrem Kahn „Bluthund“ (heute Kahn #77) gegen sechs weitere Studentenverbindungen an. Das erste Schiedsgericht stellte die AV Virtembergia, da sie mangels Kahn nicht teilnehmen konnte, seither wird das Rennen regelmäßig durch den Verlierer des Vorjahres organisiert. Bereits in den Anfangszeiten des Wettbewerbs nahmen Mannschaften in Verkleidungen am Stocherkahnrennen teil. Seit 1967 wird daher zusätzlich zum Sieg im Wettrennen ein Preis für die originellste Kostümierung vergeben.[3]

Das Teilnehmerfeld der ursprünglich auf studentische Verbindungen begrenzten Veranstaltung wurde im Laufe der Zeit auch für andere Gruppierung geöffnet. Inzwischen ist die Veranstaltung fester Bestandteil des städtischen Veranstaltungskalenders und eine touristische Attraktion,[4][5][6] die regelmäßig 10.000 Besucher,[7][3] in der Spitze sogar zwischen 15.000 und 20.000 Besucher zählt.[8][9]

Vergleichbare studentische Stocher-Traditionen existieren unter der Bezeichnung „Punting“ (engl.: to punt = staken, stochern) im britischen Oxford und Cambridge.[10]

Wettkampfbedingungen[Bearbeiten]

Zum Rennen zugelassen sind lediglich unmotorisierte Stocherkähne aus Holz. Eine Mannschaft besteht aus acht Personen inklusive des „Stocherers“, wobei sieben davon versuchen, mit Hilfe der Hände den Kahn weiter zu beschleunigen oder sich der anderen Kähne zu erwehren. Mit Ausnahme der Stocherkahnstange sind Hilfsmittel jedweder Art untersagt. Die Details der Wettkampfbedingungen unterliegen häufigen Änderungen und entsprechen den Vorgaben des Stocherkahngerichts, das sich aus Mitgliedern der ausrichtenden Gruppierung zusammensetzt und jährlich wechselt.

Das Stocherkahnrennen beginnt traditionell mit einer Kostümparade aller Stocherkahnmannschaften auf dem Neckar. Die zuletzt rund 50 teilnehmenden Kähne und ihre Mannschaften präsentieren sich dabei den Zuschauern und der Jury des Stocherkahngerichts in selbst gebastelten Verkleidungen.[11] Aus allen Teilnehmern wird von einer Jury der Sieger des Kostümwettbewerbs gekürt, der einen Sonderpreis erhält.

Das anschließende Wettrennen führt um die Tübinger Neckarinsel herum. Die Länge der Wettkampfstrecke beträgt etwa 2,5 km,[12] der Zieleinlauf des Siegers erfolgt nach rund zwanzig Minuten.[13] Startpunkt ist eine Fußgängerbrücke westlich der Insel, von der aus die Insel nördlich umfahren werden muss. Der Wendepunkt befindet sich unmittelbar östlich der Insel, an einem Pfeiler der angrenzenden Neckarbrücke. Statt eines einfachen Wendemanövers muss der Pfeiler jedoch in Form einer Schleife umfahren werden. Der entscheidende Rennabschnitt ist dadurch der als Nadelöhr bezeichnete Zwischenraum zwischen Neckarinsel und Neckarbrücke, da er von jeder Mannschaft zweimal durchfahren werden muss. Er ist regelmäßig Schauplatz von Rangeleien, wenn sich die Stocherwege der an der Spitze liegenden, ausfahrenden Mannschaften mit denen des ebenfalls zur Wende ansetzenden Hauptfeldes kreuzen und sich die Teilnehmer somit gegenseitig blockieren. Nach Absolvierung des Nadelöhrs wird die Neckarinsel stromaufwärts im Süden umfahren, das Ziel befindet sich hinter einer Eisenbahnbrücke an der Westspitze der Insel.

Der Abschluss des Wettbewerbs mit Pokalvergabe und Lebertrantrinken fand früher auf dem sogenannten Bügeleisen, nahe dem Ziel am Westende der Neckarinsel, statt und heute auf einem Floß. Traditionell erhalten die Sieger des Rennens den Wanderpokal zusammen mit einem von der Stadt Tübingen gestifteten Fass Bier und verpflichten sich zur Ausrichtung der abendlichen Siegesfeier.[5][3] Die Mitglieder des Verliererteams müssen vor den Augen der Zuschauer pro Kopf jeweils einen halben Liter Lebertran austrinken und fungieren üblicherweise im Folgejahr als Veranstalter für das Rennen, was zugleich mit einer einjährigen Auszeit als Teilnehmer verbunden ist. Lebertran gibt es auch für wegen Regelwerksverstößen disqualifizierte Kähne. Ein Spanferkel als Sonderpreis geht an die Mannschaft mit der besten Kostümierung.

Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen um die Art und Weise der konkreten Austragung. Da das Reglement im Wortlaut häufig geändert wird, tauchen diesbezüglich immer wieder Unstimmigkeiten auf. So wurden 2003 die Regeln vor dem Rennen derart verschärft, dass nur studentische Gruppierungen zum Rennen zugelassen wurden. Daraufhin wurde dieses Rennen von vielen Stocherkahnfahrern boykottiert und ein weiteres, offenes Rennen im Anschluss ausgetragen. Diese scharfe Trennung wurde im Folgejahr jedoch wieder aufgehoben.[14]

Resultate[Bearbeiten]

Ergebnisse des Stocherkahnrennens seit 1956
Jahr Siegermannschaft Verlierermannschafta Kostümpreisb Boote
1956 Tübinger Lichtenstein 6
1957 Ev. Studentenkreis „Schwaben“ Lichtenstein 8
1958 Akademische Verbindung Igel 9
1959 ATV Arminia 14
1960 Igel 18
1961 Arminia Ev. Studentenkreis „Schwaben“ 21
1962 Igel 29
1963 Verbindung Normannia Eberhardina - Markomannia 35
1964 Normannia A.V. Guestfalia Tübingen 38
1965 Normannia
1966 Arminia Christliche Pfadfinder
1967 Normannia Tübinger Burschenschaft Derendingia 41
1968 Arminia Ghibellinia Landsmannschaft Schottland 35
1969 Arminia Schottland 14
1970 Normannia Schottland 23
1971 K.St.V. Rechberg Cheruskia Ghibellinia 22
1972 Normannia Königsgesellschaft Roigel 14
1973 Normannia Roigel 19
1974 Verbindung Ulmia Rechberg Roigel 16
1975 Ulmia Turnerschaft Hohenstaufia Normannia 13
1976 Normannia Arminia Roigel 21
1977 K.St.V. Alamannia Roigel Roigel 12
1978 Alamannia Stochdorphia 16
1979 Ulmia [15] Schottland Stochdorphia 18
1980 VDSt zu Tübingen Eberhardina - Markomannia Roigel 22
1981 Normannia Rechberg 21
1982 Stochdorphia Hohenstaufia / Ulmia Stochdorphia 21
1983 AV Virtembergia 24
1984 Alte Straßburger Burschenschaft Germania Föhrberg Stochdorphia 28
1985 Tübinger Burschenschaft Derendingia Hohenstaufia Studentengemeinschaft Sachsenhausen 27
1986 Igel Arminia 27
1987 Igel Fachschaft Zahnmedizin Cheruskia 27
1988 Stochdorphia Alamannia / Schottland Akademische Verbindung Laetitia / Roigel 32
1989 Igel / Team „Brutus“ Hohenstaufia / Tübinger Wingolf Laetitia / Roigel 35
1990 Team „Iltis“ Rechberg / Sängerschaft Hohentübingen / Team Albrecht-Bengel-Haus VDSt 33
1991 Team „Iltis“ Guestfalia Roigel 31
1992 Pegasus Corps Franconia Franconia
1993 Team „Brutus“ 35
1994 Team „Brutus“ Stochdorphia Roigel 36
1995 Team „Brutus“ Palatia Roigel 40
1996 Pegasus Arminia Arminia 36
1997 Spleinix Sängerschaft Hohentübingen Roigel 42
1998 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Laetitia Roigel 38
1999 Sleipnir Studentenwohnheim Geigerle Roigel 43
2000 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Germania Roigel 46
2001 A.V. Cheruskia Tübingen Corps Borussia Roigel
2002 Evangelisches Stift Tübingen Straßburger Burschenschaft Arminia Normannia
2003c Fachschaft Sport Corps Franconia Tübingen Akademische Gesellschaft Stuttgardia Tübingen
Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Leibniz Kolleg Leibniz Kolleg
2004 Akademische Verbindung Normannia Tübingen Hohenstaufia Akademischer Skiclub Tübingen - ASCT
2005 Stocherkahnverein Tübingen (Kahn „Brutus“) Burschenschaft Germania Tübingen Königsgesellschaft Roigel
2006 Professorenkahn Claus Hipp Corps Borussia Tübingen Fachschaft Geologie
2007 Tübinger Stocherkahnverein Sängerschaft Hohentübingen Akademische Gesellschaft Stuttgardia Tübingen
2008 Carusos Sänger Tübinger Wingolf Fachschaft Geowissenschaften 55
2009 Fachschaft Zahnmedizin Verein Deutscher Studenten Fachschaft Geowissenschaften 47
2010 Team Oktopus Alte Straßburger Burschenschaft Germania Team Geowissenschaften 2 54
2011 Fachschaft der Sportwissenschaftler A.V. Guestfalia Tübingen Fachschaft Geowissenschaften 56
2012[16] Sportwissenschaftlerinnen Schottland Jugendhaus Lustnau 54
2013[17] Fachschaft der Sportwissenschaftler Straßburger Burschenschaft Arminiad Fachschaft Geowissenschaften 55
2014[18] Akademisch-Musische Verbindung Stochdorphia Akademische Verbindung Igel Fachschaft Geowissenschaften 57

Quellen: Hug/Mielke 2000, Tübinger Blätter, Schwäbisches Tagblatt.

a Die Verlierermannschaft ist üblicherweise der Ausrichter des nächsten Jahres.
b Wird erst seit 1967 vergeben.
c Wegen einer Regelwerksverschärfung fanden 2003 zwei Rennen statt. Rennen 1 wurde ausschließlich von studentischen Gruppen ausgetragen, Rennen 2 stand allen interessierten Gruppen offen.
d Wegen "absichtlichen Verlierens" und unsportlichen Verhaltens wurde die Mannschaft der A.V. Cheruskia Tübingen disqualifiziert. Die für diesen Regelverstoß zugedachte Strafe (Lebertran zu trinken) wurde demonstrativ verweigert[19]

Sonstige Rezeption[Bearbeiten]

  •  Lutz Rathenow: Kapitalismus mit Tübinger Antlitz. In: Jahrhundert der Blicke. Neue Gedichte. Landpresse Verlag, 1997, ISBN 9783930137565.
  •  Franz Moser: Tübinger Stocherkahnrennen (Würfelspiel). Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 2001, ISBN 9783874073745.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Stefan Hug, Jörg Mielke: ‚Die Stange bleibt am Mann‘. Der Stocherkahn und das Stocherkahnrennen in Tübingen. Universitas Verlag, Tübingen 2000, ISBN 3924898308.
  •  Ingeborg Weber-Kellermann: Volksfeste in Deutschland (= HB-Bildatlas spezial. 3). HB-Verlag, Hamburg 1981, DNB 830972137.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Wolfgang Sannwald, Landkreis Tübingen (Hrsg.): Geschichtszüge. zwischen Schönbuch, Gäu und Alb: Der Landkreis Tübingen. 4. aktualisierte Auflage Auflage. Gomaringer Verlag, 2006, ISBN 978-3-926969-25-5., S. 189
  2. Hug/Mielke 2000, S. 8-14.
  3. a b c blz: Die Stange bleibt am Mann. In: Berliner Zeitung. Berliner Verlag GmbH. 27. Mai 2006. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  4. „Studentische Traditionen wie das weit verbreitete Maiensingen der Studenten (und oft auch der studentischen Korporationen), Semesterabschlusstraditionen wie das Stocherkahnrennen in Tübingen oder die Ruderregatta in Oxford und Cambridge, verschiedene Graduierungszeremonien werden gepflegt und als touristische Attraktionen ausgenutzt, auch wenn Universität und Stadt zugleich ihr modernes Image verteidigen müssen.“
     Cora Dietl: Universitätsstädte. Stätten des Geistes und des Streits. In: Ulrich Müller, Werner Wunderlich (Hrsg.): Burgen, Länder, Orte (= Mittelalter-Mythen. 5). UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008, ISBN 978-3-89669-636-6, S. 877.
  5. a b Bürger- und Verkehrsverein Tübingen: Veranstaltungen / Highlights 2012, Tuebingen-Info.de. Zuletzt abgerufen am 20. Juni 2012.
  6. Deutsche Zentrale für Tourismus: Die ewige Studentenstadt: Tübingen. In: germany.travel.de. Abgerufen am 20. Juni 2012: „Eine echte Volksbelustigung ist das Stocherkahnrennen rund um die Neckarinsel, das wohl wildeste Spektakel im Tübinger Veranstaltungskalender.
  7. Andreas Heimann: Tübingen: Selber stochern im Neckar. In: Spiegel Online. SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein. 17. September 2002. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  8.  Horst Kunz: Tübinger Chronik. In: Bürger- und Verkehrsverein Tübingen (Hrsg.): Tübinger Blätter. Nr. 90, Tübingen 2004, ISSN 0930-3642, S. 120.
  9. Die Schnellsten im Stocherkahn. In: Stuttgarter Nachrichten. Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft. 3. Juni 2010. Abgerufen am 25. Juni 2012.
  10.  R. T. Rivington: Punting: Its History and Techniques. R. T. Rivington Punting Books, Oxford 1983, ISBN 9780950804521.
    Darin auch die folgende Passage zum Tübinger Stocherkahnrennen: „There are about 50 Stocherkähne at Tübingen, most of them owned by student clubs of the University, the Studentenverbindungen. There is a traditional annual race for these boats in June, the Stocherkahnrennen-Rennen [sic!]. It is a light-hearted event, the winning club has to give a party at it's club-house and the losers have to drink a glass of fish oil.“ (zitiert nach Hug/Mielke 2000)
  11. Jecke Bootsfahrt auf dem Neckar. In: Kölner Stadt-Anzeiger. M. DuMont Schauberg. 7. Juni 2012. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  12. An Fronleichnam startet in Tübingen das Stocherkahnrennen. In: Bild Online. Axel Springer AG. 7. Juni 2012. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  13. Turbulente Wasserschlacht auf dem Neckar. In: Welt Online. Axel Springer AG. 7. Juni 2012. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  14. Fabian Ziehe: Chaos-Tradition mit unfehlbaren Richtern. In: Schwäbisches Tagblatt. Schwäbisches Tagblatt GmbH. 8. Juni 2012. Abgerufen am 22. Juni 2012.
  15. "Tübinger Blätter", Bürger- und Verkehrsverein Tübingen e.V., 1979, Seite 121
  16. Sportwissenschaftler gewinnen Stocherkahnrennen. In: SWR Nachrichten. Südwestrundfunk. 7. Juni 2012. Abgerufen am 20. Juni 2012.
  17. Stocherkahnrennen in Tübingen: Turbulente Wasserschlacht auf dem Tübinger Neckar beim Stocherkahnrennen. Schwarzwälder Bote, 30. Mai 2013 18:15 Uhr.
  18. Stocherkahn-Rennen lockt Tausende an die Neckarinsel Schwäbisches Tagblatt, 19. Juni 2014 18:45
  19. Tübingen - Cherusker verweigern Lebertran. Beim Stocherkahnrennen in Tübingen begingen die Cherusker ein Sakrileg: Sie verhielten sich unsportlich und verweigerten den Lebertran Südwestpresse Ulm, 2. Juni 2013 17:00