Suffragetten
Als Suffragetten (von englisch/französisch suffrage ‚Wahl‘) bezeichnete man Anfang des 20. Jahrhunderts (zentral 1903–1928) mehr oder weniger organisierte Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten (hier war die selbstgewählte Bezeichnung eigentlich suffragist), die vor allem mit passivem Widerstand, Störungen offizieller Veranstaltungen bis hin zu Hungerstreiks für ein allgemeines Frauenwahlrecht eintraten. Die Suffragettenbewegung wurde überwiegend von Frauen aus dem Bürgertum getragen.
Im Nachlauf der Bewegung wurde der Begriff abwertend für engagierte Frauenrechtlerinnen verwendet. Insofern entspricht er dem heutigen Begriff Emanze in seiner pejorativen Bedeutung.
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Geschichte [Bearbeiten]
Die Suffragetten entwickelten sich in Großbritannien aus Gegnerinnen der Contagious Diseases Acts, der Gesetze von 1864 bis 1869 über die Zwangsuntersuchungen von Prostituierten zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten. Ihr Engagement führte 1883 dazu, dass die Rechtserlässe außer Kraft gesetzt und 1886 endgültig aufgehoben wurden. Der Erfolg der Kampagne radikalisierte die Befürworterinnen eines Frauenwahlrechts, die sich organisierten und neue Methoden des politischen Protests entwickelten.[1]
Im Jahr 1903 gründete Emmeline Pankhurst in Großbritannien die Women’s Social and Political Union, eine bürgerliche Frauenbewegung, die in den folgenden Jahren durch öffentliche Proteste, politische Demonstrationen und Hungerstreiks auf sich aufmerksam machte. Ihre Tochter Christabel Pankhurst war eine der führenden Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht in Großbritannien. Ein weiterer Tabubruch der Suffragetten war das demonstrative Rauchen in der Öffentlichkeit, das damals als ausschließlich männliches Vorrecht galt und von Frauen ausgeübt als Anmaßung empfunden wurde. Nachdem 1910 eine Gesetzesinitiative scheiterte, deren Ziel es war, die Rechte der Frauen auszuweiten, wurden auch Schaufenster von Kaufhäusern eingeworfen, große Landsitze angezündet und öffentliche Gebäude – darunter Westminster Abbey – mit Bombenanschlägen terrorisiert. Am 18. November 1910 kam es vor dem britischen Unterhaus zu blutigen Auseinandersetzungen nach einer Rede von Premierminister Herbert Henry Asquith,[2] auch als schwarzer Freitag bezeichnet. Achtzig bewaffnete Frauen wurden verhaftet. Im Mai 1912 zerstörten Suffragetten sämtliche Schaufenster einer Einkaufsstraße im Londoner Westend, was zur Verhaftung von 124 Frauen führte.[1] Im Jahr 1913 stürzte sich Emily Davison aus Protest vor das Pferd Georgs V. und starb wenige Tage später.[1] Der Erste Weltkrieg führte zu einer vorübergehenden Unterbrechung der Wahlrechtskampagne in Großbritannien. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges, 1918, erhielten Frauen ab 30 Jahren, die im Besitz von Grundeigentum waren, das Wahlrecht.
Alice Paul und Lucy Burns führten in den Vereinigten Staaten dagegen eine Serie von Protesten gegen den als „Kaiser Wilson“ titulierten amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson an. Zahlreiche Mitglieder der im Juni 1916 von Alice Paul gegründeten National Woman’s Party (NWP) waren in den Jahren 1917 bis 1919 unter fragwürdigen Bedingungen inhaftiert, wodurch es zu Hungerstreiks und Zwangsernährung kam. Es gelang mit Hilfe des Senators Thomas Leighton, der mit der ebenfalls inhaftierten Emily Leighton verheiratet und anfänglich ein scharfer Gegner der Suffragetten war, einen Kassiber aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Die Presse griff die Geschichte auf und prägte für die Frauen, wegen ihrer außergewöhnlichen Willensstärke, den Begriff Iron Jawed Angels („Engel mit eisernem Kiefer“).
Durch den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel kam es sowohl in den USA als auch in Großbritannien zu einer stärkeren Verankerung der Frauen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens, was letztlich auch zur allgemeinen Akzeptanz des Frauenwahlrechts führte.
Mit der Umsetzung des Frauenwahlrechts in den USA in den Jahren 1919 und 1920 (19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten) und in Großbritannien ab dem 2. Juli 1928 erreichte die Bewegung ihre Ziele.
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Linda Ford: Iron Jawed Angels. 1991 (Werk zur US-Bewegung)
- Beatrix Geisel: Klasse, Geschlecht und Recht – Vergleichende sozialhistorische Untersuchung. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1997, ISBN 3-7890-4933-6.
- Jana Günther: "Suffragetten. Mediale Inszenierung und symbolische Politik", in Gerhard, Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 108-115, ISBN 978-3-525-30011-4.
- Jana Günther: Die politische Inszenierung der Suffragetten in Großbritannien. fwpf-Verlag, Freiburg 2006, ISBN 978-3-939348-04-7.
- Melanie Phillips: The Ascent of Woman – A History of the Suffragette Movement and the ideas behind it. Time Warner Book Group, London 2003, ISBN 0-349-11660-1.
Film [Bearbeiten]
- Alice Paul – Der Weg ins Licht, Katja von Garnier, USA, 2004
Weblinks [Bearbeiten]
- Biographien (englisch)
- Radikale Suffragette. Ein Porträt zum 75. Todestag der Frauenstimmrechts-Kämpferin Emmeline Pankhurst
- Sally Roesch Wagner: The Untold Story of the Iroquois Influence on Early Feminists
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ a b c Frank Patalong: Bürgerkrieg der Geschlechter. Spiegel Online, 4. März 2013, abgerufen am 20. März 2013.
- ↑ dradio.de Kalenderblatt: "Wir wollten die Öffentlichkeit aufbringen"