Vierjahresplan

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Reichsgesetzblatt vom 24. März 1933: Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich

In der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnete der Begriff Vierjahresplan zunächst eine frühe Regierungserklärung Adolf Hitlers, dann eine Behörde unter Hermann Göring.

Entstehung[Bearbeiten]

Drei Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler erklärte Hitler am 2. Februar 1933: „Binnen vier Jahren muß die Arbeitslosigkeit beseitigt sein!“[1] In der Folge wurde am 24. März 1933 das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich als sog. Ermächtigungsgesetz erlassen.[2] Der Begriff „Vierjahresplan“ bezog sich auf Hitlers Regierungserklärung am 2. Februar 1933.

Ab April/Mai 1936 bürokratisierte Göring den Vierjahresplan als eine Oberste Reichsbehörde.[3] Ihr Zweck bestand darin, Autarkie und Kriegsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu schaffen. Der Plan wurde auf dem Reichsparteitag im September 1936 verkündet. Göring führte die Behörde aus dem Preußischen Staatsministerium und stellte sie als Beauftragter für den Vierjahresplan im Oktober 1936 der Öffentlichkeit vor.

Hitlers Forderung „Gebt mir vier Jahre Zeit!“ begründete im April 1937 den zweiten Vierjahresplan, der 1940 um vier weitere Jahre verlängert wurde.[3][4][5][6] So war der „Vierjahresplan“ auch im Weltkrieg von großer wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Die von der Behörde ausgearbeiteten Pläne fanden ihren Niederschlag u. a. in der Grünen Mappe für das Unternehmen Barbarossa.

Der Plan[Bearbeiten]

    Durchschnittliche Gold- und Devisenbestände Deutschlands in Mill. RM[7]
1928 1929 1930 1931 1932 1933 1934 1935 1936
2.405 2.506 2.806 1.914 975 530 165 91,0 75,0
Reichsgesetzblatt vom 19. Oktober 1936: Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes


Ziel war die Ausrichtung der Wirtschaft auf die beschleunigte Rüstung und Autarkie, da Deutschland mit seiner Rohstoffabhängigkeit vom Ausland sonst keinen Krieg führen konnte.

Der zweite Vierjahresplan wurde durch eine geheime im August 1936 verfasste Denkschrift Adolf Hitlers befohlen. Diese war eingeleitet mit der Feststellung, dass ein Krieg mit der Sowjetunion unvermeidlich sei. Die Denkschrift beruhte auf Materialien, die der I.G.-Farben-Konzern ausgearbeitet hatte. Folgerichtig wurden dann in der neu geschaffenen Vierjahresplanbehörde hauptsächlich Vertreter der I.G. Farben beschäftigt.

Die zentralen Forderungen Hitlers in seiner Denkschrift zum Vierjahresplan waren:

  1. „Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein.“
  2. „Die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.“[8]

Warum und wofür Armee und Wirtschaft 1940 hauptsächlich einsatz- und kriegsfähig sein sollten, hatte Hitler vor seinem Schlussfazit in der Denkschrift wie folgt erläutert: „Wir sind übervölkert und können uns auf der eigenen Grundlage nicht ernähren […] Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes. Es ist die Aufgabe der politischen Führung, diese Frage dereinst zu lösen.“[9]

Hermann Göring, der Vertrauensmann der I.G. Farben, trug die Denkschrift in einer Kabinettssitzung am 4. September 1936 vor. Er erörterte die Pläne mit den Worten: „Sie geht von dem Grundgedanken aus, dass die Auseinandersetzung mit Russland unvermeidbar ist.“ Er schloss die Kabinettssitzung mit dem Hinweis:

„Alle Maßnahmen haben so zu erfolgen, als ob wir im Stadium der drohenden Kriegsgefahr uns befänden.“[10]

Auf organisatorischer Ebene sah Görings Erlass vom 22. Oktober 1936 die Einrichtung eines kleinen Ministerrats der wirtschafts- und sozialpolitischen Ressorts für Grundsatzentscheidungen vor, während ein aus den jeweiligen Staatssekretären bestehender Generalrat „als exekutive Koordinierungsinstanz“ fungieren sollte. Da der Ministerrat selten zusammentrat, wurde der eigentlich untergeordnete, aber wöchentlich tagende und alle Probleme des Vierjahresplan erörternde Generalrat „wichtiger als der Ministerrat“.[11]

Die Methoden waren durch Rohstoffkontingentierung, Investitionen sowie Lenkung des Arbeitseinsatzes gekennzeichnet. Unter anderem war es das Ziel, die Autarkie der deutschen Wirtschaft mit Hilfe der unrentablen Erzeugung synthetischer Rohstoffe (Synthetisches Benzin, Buna, Sprengstoff und Dünger) zu erreichen.

Im Rahmen des Vierjahresplans gründete die NS-Regierung unter anderem die Reichswerke Hermann Göring, die dem Abbau und der Verhüttung von armen Eisenerzen dienten. Als Verantwortlicher wurde Göring eingesetzt. Der Vierjahresplan war nicht besonders effektiv organisiert. Dennoch konnte eine beträchtliche Steigerung der Wirtschaftsleistung erreicht werden. Was bei besserer Organisation möglich gewesen wäre, zeigte sich ab 1942, als unter der Leitung Albert Speers trotz Kriegsbedingungen die Produktion innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt wurde ( Näheres siehe; ob sie tatsächlich verdoppelt wurde, gilt spätestens seit 2006 als fraglich).

Am 17. Dezember 1936 hielt Göring vor über 100 Industriellen eine Rede im Preußenhaus über die Durchführung des Vierjahresplans; in dieser Rede äußerte er:

„Die Auseinandersetzung, der wir entgegengehen, verlangt ein riesiges Ausmaß von Leistungsfähigkeit. Es ist kein Ende der Aufrüstung abzusehen. Allein entscheidend ist hier der Sieg oder Untergang. […] Wir stehen bereits in der Mobilmachung und im Krieg, es wird nur noch nicht geschossen.“[12]

Gegenüber der Öffentlichkeit verkündete Göring am 28. Oktober 1936 im Berliner Sportpalast den Vierjahresplan als eine Konzeption zur Sicherung der Ernährung des Volkes.

Nach dieser Denkschrift Hitlers war der Vierjahresplan nur als vorübergehende Lösung anzusehen („Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes.“). Demgemäß wurde ab 1941 die Planung zunächst unter Fritz Todt und nach dessen Tod ab Februar 1942 unter Speer völlig auf die totale Kriegswirtschaft umgestellt.

Am 18. Oktober 1936 ernannte Hitler Göring zum „Bevollmächtigter für den Vierjahresplan“, womit seine Macht im nationalsozialistischen Deutschen Reich noch weiter zunahm. Der Plan löste den Neuen Plan Hjalmar Schachts ab. Durch die Ernennung Görings wurde die Macht von Hjalmar Schacht beschnitten, der sich bald genötigt sah, von seinem Posten als Wirtschaftsminister zurückzutreten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Michalka (Hg.): Deutsche Geschichte 1933–1945. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik (= Fischer 50234 Die Zeit des Nationalsozialismus). Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-50234-9
  • Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 16). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968 (Zugleich: Mannheim, Wirtschaftshochschule, Diss., 1965: Der nationalsozialistische Vierjahresplan von 1936)
  • Wolfgang Schieder: Spanischer Bürgerkrieg und Vierjahresplan. Zur Struktur nationalsozialistischer Außenpolitik. In: Ulrich Engelhardt, Volker Sellin, Horst Stuke (Hg.): Soziale Bewegung und politische Verfassung. Beiträge zur Geschichte der modernen Welt. Festschrift für Werner Conze zum 31. Dezember 1975 (= Industrielle Welt. Sonderband). Ernst Klett, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-901850-6, S. 832–856.
  • Arthur Schweitzer: Der ursprüngliche Vierjahresplan. Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 168 (1956), S. 348–396
  • Wilhelm Treue: Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 3, Heft 2, 1955, S. 184–210, online (PDF; 5 MB), (enthält im Unterschied zu Michalka u.a. Hitlers Denkschrift ungekürzt in vollem Wortlaut)
  • Anton Zischka: Wissenschaft bricht Monopole. Goldmann, Leipzig u. a. 1936 (zahlreiche, auch fremdsprachige, Ausgaben; Nazistische Propagandaschrift für den Vierjahresplan)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rundfunkansprache von Adolf Hitler zu seiner Regierungserklärung vom 2. Februar 1933
  2. Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 27. März 1933, RGBl. 1933 I, S. 141
  3. a b Dietrich Eichholtz: Vierjahresplan, in: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. München 2007, ISBN 978-3-423-34408-1, S. 851 f.
  4. Originalvideo von 1937
  5. Reichstagsprotokolle 1937 Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 30. Januar 1937, RGBl. 1937 I, S. 105
  6. Gesetz zur Verlängerung des Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 30. Januar 1939 RGBl. 1939 I, S. 95
  7. Monatlicher Bericht des Wehrwirtschaftsstabes über den „Stand der wirtschaftlichen Lage. 1.2.1938“ BA-MA Wi I F 5/543. entnommen aus: Friedrich Forstmeier, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. 2. Auflage. Droste, Düsseldorf 1981, ISBN 3-7700-0399-3, S. 85.
  8. Wolfgang Michalka (Hg.): Deutsche Geschichte 1933–1945. 1999, S. 112; Wilhelm Treue: Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936. 1955.
  9. Wilhelm Treue: Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan 1936. 1955
  10. Wolfgang Michalka (Hrsg.): Deutsche Geschichte 1933–1945. 1999, S. 112 f.
  11. Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 16). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968 (Zugleich: Mannheim, Wirtschaftshochschule, Diss., 1965: Der nationalsozialistische Vierjahresplan von 1936), S. 58f.
  12. Nürnberger Dokument NI-051, Zitiert nach: Wilhelm Treue: Das Dritte Reich und die Westmächte auf dem Balkan. Zur Struktur der Außenhandelspolitik Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs 1933–1939. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 1, Heft 1, 1953, S. 45–64, hier S. 53 f., online (PDF; 5,1 MB); Auszug online in Englisch.

Weblinks[Bearbeiten]