Vinzenz Fettmilch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Vinzenz Fettmilch (* zwischen 1565 und 1570 in Büdesheim; † 28. Februar 1616 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Schreiber und Lebkuchenbäcker und einer der Anführer des Fettmilchaufstandes 1612 bis 1614 in Frankfurt am Main.

Vinzenz Fettmilch, Conrad Gerngroß und Conrad Schopp, die Anführer des Fettmilchaufstandes, Stich 1614

Vor dem Aufstand[Bearbeiten]

Vinzenz Fettmilch wurde zwischen 1565 und 1570 in Büdesheim geboren. Als sein Vater wird der Untergräfe und „reisige Diener“ (berittener Soldat) auf der Burg Friedberg, Reinhard Fettmilch[1], vermutet. Er hatte einen Bruder, der 1598 in Marburg an der Universität Marburg studierte.

Vinzenz Fettmilch war Unteroffizier. Nach seiner Heirat in Frankfurt am Main erhielt er am 11. Juni 1593 das Frankfurter Bürgerrecht. Vergeblich bemühte er sich um die Stelle eines Schreibers am Hospital zum heiligen Geist. Aus finanziellen Gründen wurde er Lebkuchenbäcker und erwarb 1607 das Gebäude „Zum Hasen“. Fettmilch gehörte zu den Anführern des nach ihm benannten Fettmilchaufstandes zwischen 1612 und 1614 in Frankfurt am Main.[2]

Der Aufstand[Bearbeiten]

Im Mai 1612 nutzten Frankfurter Bürger die Wahl und Krönung von Kaiser Matthias, um die Offenlegung der Privilegien, die Verringerung der Anzahl der Juden und die Einrichtung eines wöchentlichen Kornmarktes, eine Zinsherabsetzung von 12 auf 8 Prozent und die Vertreibung aller Juden, die nicht mindestens 15.000 Taler Vermögen besaßen, vom Rat der Stadt zu verlangen.[3][4] Im Juli 1612 gründete sich ein „Bürgerausschuss“, dem Fettmilch angehörte, um diese Forderungen durchzusetzen. Fettmilchs Auftritte führten zu seinem Arrest in der Frankfurter Ratsstube vom 5. bis. 8. Mai 1614. In einem „Bürgervertrag“ wurde die Privilegieneinsicht und die Kontrolle der Finanzen der Stadt vereinbart. Der Bürgerausschuss gab sich damit aber nicht zufrieden. Fettmilch führte die Plünderung der Judengasse am 22. August 1614 an.

Verhaftung und Bestrafung[Bearbeiten]

Kaiser Matthias verkündigte daraufhin die Reichsacht über Fettmilch, den Schreiner Conrad Gernegroß und den Schneider Conrad Schopp, die Haupträdelsführer. Der Ratsherr Mattias Müller beantragte am 24. November 1614, Fettmilch zu verhaften. Drei Tage später wurde er vom Schöffen Hans Martin Bauer nach einem Handgemenge festgenommen. Empörte Handwerksgesellen, darunter der Frankfurter Bürger und Buchdruckergeselle Hans Schlegel,[5] befreiten ihn noch am selben Tag aus dem Bornheimer Turm. Am 2. Dezember 1614 wurde er beim Gutleuthof an den Schultheißen von Mainz ausgeliefert und nach Aschaffenburg gebracht. Am 28. Februar 1616 wurde er mit seinen Kumpanen zum Roßmarkt geführt. Der Scharfrichter trennte zwei Finger seiner Schwurhand ab, enthauptete und vierteilte ihn.

Die in der Töngesgasse anstelle von Fettmilchs Haus errichtete Schandsäule

Die Leiche Fettmilchs wurde gemeinsam mit denen der anderen Verurteilten am Galgen aufgehängt und die Köpfe an Eisenstangen auf der Südseite des rechtsmainischen Brückenturms ausgestellt.

„Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte, hatte man den Turm vor sich, und der Schädel fiel ins Auge.“

Goethe: Dichtung und Wahrheit. 4. Buch Teil 1

1801 wurde der Brückenturm abgerissen und die Köpfe der Verurteilten beseitigt.[6]

Als Damnatio memoriae wurde sein Haus Zum Hasen dem Erdboden gleichgemacht. Frau, Kinder und Bruder mussten die Stadt verlassen.[7] 1617 wurde an der Stelle des ehemaligen Hauses Zum Hasen eine Schandsäule zum Gedächtnis an den Aufstand errichtet.

Quellen[Bearbeiten]

Archivalien[Bearbeiten]

  • Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. Signaturen: Sammlung Personengeschichte S2–286; Criminalia 679, 873, 709, 752, Impressen 72, 77, Juden wider Fremde 999

Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Christof Wagenseils Belehrung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart. Conrad Monat, Frankfurt 1715; darin:Von der Aufruhr welche Vinzenz Fettmilch im Jahr 1616 in des H.R. Reichs Freye Stadt Frankfurth angestifftet und wie dieselbige folglich gestillet worden. Digitalisat
  • Rudolf Frank: Vincenz Fettmilch. Eine historische Erzählung aus der Geschichte der Freien Stadt Frankfurt a/M. (1612–1616). Gustav Oehme, Leipzig 1861 Digitalisat
  • Otto Speyer: Die Frankfurter Revolution unter Vincenz Fettmilch 1612–1616. Frankfurter Intelligenzblatt, Frankfurt a. M. 1883
  • Ernst KelchnerFettmilch, Vincenz. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 6, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 728 f.
  • Heinz F. Friedrichs: Fettmilch, Vincenz. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 5, Duncker & Humblot, Berlin 1961, ISBN 3-428-00186-9, S. 105 (Digitalisat).
  • Der Frankfurter Fettmilch-Aufstand. In: Hauptwache: Frankfurter illustrierte Zeitung. Bd. 2; (1977), Heft 14, S. 18–22 und 22–26
  • Robert Brandt: Der Fettmilch-Aufstand. Bürgerunruhen und Judenfeindschaft in Frankfurt am Main 1612–1616. Ein Ausstellungsprojekt des Historischen Museums Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Historisches Museum, Frankfurt am Main 1996
  • Andrea van Dülmen: Bürger kämpfen um die politische Macht. Der Fettmilch-Aufstand von 1612–1614. Bayerischer Rundfunk, München 1988
  • Christopher R. Friedrichs: Politics or Pogrom? The Fettmilch Uprising in German and Jewish History. In: Central European history. Cambridge University Press ISSN 1569-1616, Bd. 19.1986, S. 186–228
  • Thomas Bauer: Fettmilch, Vincenz. In:  Wolfgang Klötzer (Hrsg.): Frankfurter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. Erster Band. A–L (= Veröffentlichungen der Frankfurter Historischen Kommission. XIX, Nr. 1). Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7829-0444-3., S. 199–201
  • Helmut Lenz: Die Rebellion des Vincenz Fettmilch. Frankfurter Bürger kämpften 1614 um religionspolitische Gleichstellung. In: Diözese, Limburg Lahn Hrsg: Almanach, Kalender für das Bistum Limburg. Knecht, Frankfurt a. M. 1994, S. 142–144
  • Turmoil, trauma, and triumph. The Fettmilch uprising in Frankfurt am Main (1612–1616) according to Megillas Vintz. A critical edition of the Yiddish and Hebrew text including an English translation. Peter Lang, New York 2001
  • Konrad Schneider: Der Frankfurter Politiker und „Volkstribun“ Vinzenz Fettmilch – auch ein Falschmünzer?. In: Heimatbund. Marburg/Lahn Bd. 53, 2003, Heft 2, S. 76–80

Belletristik[Bearbeiten]

  • Elchanan Heln: Megilass Winz. Amsterdam 1648
  • Carl Fedmann von Gotha: Vinzenz Fettmilch der Lebküchler von Frankfurt. Ein Trauerspiel. Offenbach [1850]
  • Theodor Poppe: Die Tragoedia von Vincenz Fettmilch. In fünf Aufzügen. Georg Müller, München 1905
  • Adolf Stoltze: Vinzenz Fettmilch. Drama in fünf Aufzügen. 1.–3. Tsd. Stoltze Nachf., Frankfurt am Main 1927
  • Hans Albrecht: Fettmilch will an die Macht. Schauspiel. 1964[8]
  • Revolution in Frankfurt, deutscher Fernsehfilm von 1979. Regie Fritz Umgelter.
  • Albrecht Glöckner: Vinzenz Fettmilch 1616 und die "Parierer" Diller-Glöckler. (Kurzgeschichte in Briefform)[9]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. NDB, S. 105.
  2. Thomas Bauer, S. 199.
  3. Nachum T. Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Könemann, Köln 1997, S. 91.
  4. Fettmilch-Aufstand. In: Julius H. Schoeps: Neues Lexikon des Judentums. Gütersloh 1992 ISBN 3-570-09877-X, S. 146.
  5. Institut für Stadtgeschichte Signatur Criminalia 752.
  6. Thomas Bauer, S. 201.
  7. Thomas Bauer, S. 201.
  8. Institut für Stadtgeschichte. Signatur: Manuskripte S6a.
  9. Institut für Stadtgeschichte. Signatur: Manuskripte S6a 329.