Walter Bau

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum deutschen Lehrer, Geologen, Paläontologen und Zoologen siehe Walter Bau (Lehrer).
Walter Bau AG
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Rechtsform Aktiengesellschaft
ISIN DE0007477507
Gründung 1865 (ab 1991 als Walter Bau)
Auflösung 1. April 2005 (Eröffnung des Insolvenzverfahrens)
Sitz Augsburg, Deutschland
Mitarbeiter etwa 9.367 (2005)
Branche Bauunternehmen

Die Walter Bau AG war ab Mai 1996 der größte Baukonzern (Walter-Gruppe) in Deutschland und einer der fünf größten Baukonzerne in Europa. Im Jahr 2000 beschäftigte die Walter-Gruppe 48.000 Mitarbeiter im In- und Ausland und erbrachte eine Gesamt-Bauleistung von 16,5 Mrd. DM. Die Walter-Gruppe arbeitete mit hohem Gewinn, war kapitalstark und verfügte im Jahr 2000 über liquide Mittel in Höhe von ca. 2,3 Mrd. DM. Die zusätzlichen stillen Reserven bezifferten sich auf 2,6 Mrd. DM. Das bilanzielle Eigenkapital lag bei 1,527 Mrd. DM. Die Bilanz-Summe betrug 8,385 Mrd. DM.

Trotz dieser in der europäischen Bauwirtschaft technisch und wirtschaftlich sehr guten Gesamtsituation, kündigte die Deutsche Bank im Mai 2000 der Walter Bau AG die vorhandene Aval-Linie. Dieser Kündigung folgten die meisten anderen Banken und Versicherungen in kurzer Zeit. Die Walter Bau AG war nun gezwungen, zur Beschaffung der Avale Bargeld zu hinterlegen und Lieferanten und Subunternehmer im Voraus zu bezahlen. Viele Bauherren verzögerten gleichzeitig ihre Zahlungen. Bei 16,5 Mrd. DM Umsatz waren nach neun Monaten 2,3 Mrd. DM Bargeld aufgebraucht. Die Walter Bau AG war ohne Avale nicht mehr in der Lage, Angebote abzugeben. Demzufolge blieben die Aufträge aus, den Mitarbeitern fehlte die Arbeit und entstanden hohe Verluste.

Am 01. Februar 2005 kapitulierte der Vorstand der Walter Bau AG schließlich und meldete Insolvenz an.

Geschichtliches und Konzernaufbau[Bearbeiten]

Bürogebäude Walter Bau AG in Augsburg

Ignaz Walter übernahm 1978 die Aktienmehrheit bei der Thosti Bau AG (ehemals Thormann + Stiefel). 10 Mio. DM Nominalkapital, ca. 360 Mio. DM Leistung, 4.500 Mitarbeiter. Im gleichen Jahr übernahm Walter den Vorsitz des Vorstands. Sofort begann der Umbau und die Neuaktivierung des Konzerns. 1982 Kapitalerhöhung bei Thosti AG von 10 Mio. DM auf 20 Mio. DM. 600 Mio. DM Leistung, 5.300 Mitarbeiter. 1983 übernahm die Thosti Bau AG 98 % der Aktien der Firma Boswau & Knauer AG. Diese hatte 20 Mio. Nominalkapital, 580 Mio. DM Leistung, 6.200 Mitarbeiter.

1983 erfolgte die Fusion der Fa. Thosti mit der Fa. Boswau & Knauer bei gleichzeitiger Namensänderung zu WTB – Walter Thosti Boswau AG und Kapitalerhöhung von 20 Mio. DM auf 40 Mio. DM. 1984 Der fusionierte Betrieb zählte nun zu den ganz großen Baukonzernen in Deutschland und erzielte eine Leistung von 1,3 Mrd. DM und beschäftigte 10.700 Mitarbeiter. 1986 übernahm die Familie Walter 98 % der Aktien der Heilit + Woerner Bau AG. 27 Mio. DM Nominalkapital, 650 Mio. DM Leistung, 6.000 Mitarbeiter. 1988 übernahm Thosti 54 % der Aktien der Züblin AG. 25 Mio. DM Nominalkapital, 1,1 Mrd. DM Bauleistung, 8.500 Mitarbeiter. Die WTB änderte 1990 den Namen in WB – Walter Bau AG, erhöhte das Kapital von 40 Mio. DM auf 75 Mio. DM und ging an die Börse.

1991 übernahm die WB – WALTER BAU AG 51 % der Aktien von DYWIDAG. Herr Dr. Herrhausen (Vorstandssprecher Deutsche Bank AG) war hier unterstützend tätig. 1992 wurde bei der Heilit + Woerner AG das Nominalkapital von 40,75 Mio. DM auf 75 Mio. DM erhöht. Aktionär war die Familie Walter. Am 6. August 1992 wurde das neue Hauptverwaltungsgebäude der Walter Bau AG in Augsburg eingeweiht. Auf 23.000 m² Bürofläche, mit einer 1.400 m² großen, beeindruckenden zentralen Glashalle, mit 290 Tiefgaragenplätzen und mit 60 oberirdischen Parkplätzen war die Konzernzentrale der Walter-Gruppe vorbildlich untergebracht. 1993 wurden in Zusammenwirkung mit Züblin AG weitere 25 % der Aktien der Firma Dywidag AG übernommen. Bei der Firma Dywidag stellte sich schnell heraus, dass das offizielle Erscheinungsbild der Firma mit der wirtschaftlichen Wahrheit nicht übereinstimmte. Sie wies bilanziell konstant Gewinn aus, produzierte jedoch schon seit Jahren und auch in den folgenden Jahren beachtliche operative Verluste. Die Dividende wurde jeweils aus der Substanz bezahlt. Zusätzlich hatte das Unternehmen riesige ungedeckte Pensionsverpflichtungen. Für die Walter Bau AG wäre eine schnelle und seriöse Sanierung von Dywidag AG weder finanziell noch technisch ein Problem gewesen. Wie bei allen anderen von Walter übernommenen Konzernen hätten weniger als 12 Monate ausgereicht, um die Dywidag AG nachhaltig zu sanieren. Dies hätte allerdings die Zustimmung des Vorstandes der Dywidag AG und der Banken vorausgesetzt.

Alle Firmen-Übernahmen durch Walter Bau zwischen 1978 und 1996 wurden ohne Aufnahme irgendwelcher Kredite ausschließlich aus Eigenkapital und Ertrag finanziert. Die Walter-Gruppe verfügte 1996 trotz aller Übernahmen über 2,6 Milliarden DM liquide Mittel. 1996 wechselte Ignaz Walter vom Vorsitzenden des Vorstands der Walter Bau zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Walter Bau AG. Auch bei Heilit + Woerner AG, bei Züblin AG und bei Dywidag AG führte Walter den Aufsichtsrat. 1999 wurde die Heilit + Woerner AG in die Walter Bau AG eingeschmolzen. 2000 wurde die Dywidag AG eingeschmolzen.

2000 war Walter Bau weltweit tätig. Sie erbrachte eine Bauleistung von 16,5 Mrd. DM, beschäftigte 48.000 Mitarbeiter, verfügte trotz hoher Investitionen für Zuerwerb im In- und Ausland über liquide Mittel in Höhe von 2,3 Mrd. DM. Die zusätzlichen stillen Reserven bezifferten sich auf 2,6 Mrd. DM. Das bilanzielle Eigenkapital der Gruppe lag bei 1,527 Mrd. DM. Die Bilanzsumme betrug 8,385 Mrd. DM.

Die Walter Bau AG war in 2000 ein Weltkonzern[Bearbeiten]

Walter Bau und die gesamte Walter-Gruppe sind im Jahr 2000 die größte Baugruppe in Deutschland und zählten zu den 5 größten Baugruppen in Europa. Sie verfügte über alle Haupt- und Randtechniken, welche zur Entwicklung, zu Planung, zur Konstruktion und zur Herstellung jeglicher Art von Bauprojekten notwendig sind. Zudem erbrachte sie ihre Leistungen im In- und im Ausland über die Konzerngesellschaft und deren weltweite Niederlassungen sowie durch viele Spezialtechnik-Tochtergesellschaften. Die Walter-Gruppe war in sehr vielen Großstädten dieser Welt mit eigenen Gesellschaften vertreten.

Ca. 1.600 Groß-Baustellen liefen ständig parallel in ca. 70 Ländern dieser Erde. Die Walter-Gruppe war hierbei teilweise allein und teilweise in Arbeitsgemeinschaft tätig.

Herausragende Baumaßnahmen[Bearbeiten]

In mehr als 70 Ländern dieser Erde legen riesige, meist markante oder pompöse Bauwerke Zeugnis ab von der fast grenzenlosen Leistungskraft der WALTER BAU AG. Viele tausende Bauwerke wurden weltweit errichtet. Nachfolgend wird eine kleine Auswahl genannt: [1]

Deutschland
  • Sanierung des Olympia-Stadions Berlin
  • Neubau des Großstadions Düsseldorf
  • Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden
  • Sanierung des Schlosses, des Zwingers und der Semper Oper in Dresden
  • Neubau des Leipziger Hauptbahnhofs
  • Flughäfen mit Start- und Landebahnen in München, Düsseldorf, Köln, Hamburg, Hannover
  • Tunnels und U-Bahnen in München, Berlin, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Duisburg, Hamburg
  • ICE-Strecke Frankfurt – Köln
  • große Autobahnabschnitte und riesige Spannbetonbrücken in ganz Deutschland
International
  • Flughafen Hong Kong
  • Bayioke Tower in Bangkok
  • Tollway, Bangkok
  • Hochhaus-Forum, Sydney
  • eines der größten Stahlwerke der Welt in Misurata – Libyen
  • Metro in Algier
  • viele Meerwasserentsalzungs-Anlagen in Arabien und Afrika
  • Universität Riad
  • eine der weltgrößten Spannbeton-Brücken über das Eismeer von Kanada zu den Pince-Edward-Islands
  • New-Westminster-Tunnel in British Columbia
  • Tower Vancouver
  • Bellagio Hotel, Las Vegas
  • Garcon Point Bridge, Florida
  • 15.000 Wohnungen auf Permafrost in Russland
  • Spannbeton-Großbrücken auf der ganzen Welt

Insolvenz[Bearbeiten]

Im Jahre 2000 verfügte die Walter-Gruppe über 2,3 Milliarden DM liquide Mittel. Sie erbrachte gleichzeitig eine weltweite Bauleistung von über 16 Milliarden DM. Sie beschäftigte weltweit 48.000 Mitarbeiter und sie hatte einen weit überdurchschnittlichen und nachhaltigen jährlichen Ertrag. Trotz dieser einmalig positiven Situation in der Baubranche kündigte die Deutsche Bank im Mai 2000 Walter Bau und damit der Walter-Gruppe die Aval-Linie.

Der Aval-Linien-Kündigung der Deutschen Bank folgten nach relativ kurzer Zeit nahezu alle wichtigen Banken im Inland und im Ausland. Keine dieser Banken hatte einen echten Grund. Sie hatten nur Angst („Wenn die Deutsche Bank kündigt, muss bei WALTER BAU AG irgendetwas nicht stimmen“) war anscheinend die Denkweise bei den anderen Banken. Vielleicht liefen aber auch Gespräche zwischen der Deutschen Bank und anderen Banken.

Die Kündigung der Aval-Linie ist in diesem Fall gleichzusetzen mit der Kündigung der gesamten Avale. Denn jedes frei werdende Aval wurde in diesem Fall von den Banken kassiert und die Firma WALTER BAU AG erhielt solange kein neues Aval, bis die neue Aval-Linie erreicht war. Dies war natürlich nicht möglich. Also erhielt die WALTER BAU AG über Nacht keine Avale mehr. Weil sich nahezu alle anderen Banken gleichermaßen verhielten, verfügte die WALTER BAU AG nunmehr über keinerlei freie Avale mehr. Dies hatte für WALTER BAU AG schlimme Folgen. Die Firma konnte am Markt nicht mehr anbieten (ihr fehlten die notwendigen Angebots-Bürgschaften). Die Firma erhielt deshalb keine Aufträge mehr (ihr fehlten nämlich auch die Ausführungs-Bürgschaften). Die Firma erhielt auch keine Anzahlungen mehr. Auch die Schlusszahlungen für fertiggestellte Baustellen wurden gestoppt (es fehlten nämlich auch die Gewährleistungs-Bürgschaften). Eine weitere schlimme Folge war, dass die WALTER BAU AG auch für die laufenden Baustellen kein Material mehr geliefert bekam. Die Lieferanten sprangen ab (es fehlten die Sicherheits-Avale). Auch die Subunternehmer stellten ihre Leistungen ein, weil die notwendigen Bürgschaften fehlten.

Ganz schlimm war, dass schließlich auch die leitenden Mitarbeiter die Firma verließen. In der Folge dieser dramatischen Situation entstanden nun beträchtliche Verluste an jeder Baustelle und in der gesamten Firma. Die Kunden bezahlten nämlich ihre Rechnungen mit großer Verspätung oder nur teilweise oder gar nicht mehr. In wenigen Monaten waren bei mehr als 16 Milliarden DM Umsatz die 2,3 Milliarden DM liquide Mittel völlig verbraucht.

Die bis dato kerngesunde WALTER BAU AG stand nun plötzlich vor existenziellen Schwierigkeiten. Die Banken bestätigten nun die schlimme Situation den Medien. Die Medien berichteten negativ. Die Wirkung war katastrophal. Nun war also das anscheinend geplante Ziel erreicht. Die WALTER BAU AG, der größte Konkurrent von Hochtief, von Bilfinger Berger, war „stillgelegt“. Die Aktienkurse der obigen Firmen, an denen die Banken beteiligt waren, konnten wieder steigen und Baufirmen, bei welchen die Banken um ihre Kredite bangten, konnte nun geholfen werden.

Ein Bankenpool wurde für die WALTER BAU AG gebildet. Eine vernichtende Poolmannschaft wurde installiert. Die Beraterfirma Roland Berger wurde durch die Banken eingesetzt. Die bisher sehr erfolgreichen Leistungsträger der WALTER BAU AG wurden über Nacht entmachtet. Unternehmerische Theoretiker hatten plötzlich das Sagen in der Firma WALTER BAU AG. Kapitalvernichtung in unvorstellbarem Ausmaß war die Folge. Arbeitsplatzvernichtung war täglich angesagt.

Von Mai 2000 bis Februar 2005 kämpfte die WALTER BAU AG vor diesem vernichtenden Hintergrund einen aussichtslosen Kampf ums Überleben. Eine ganze „Kompanie“ unfähiger „Berater“ und „Sanierer“, abgestellt vom Bankenpool und der „Sanierungsfirma“ Roland Berger, führten im Rahmen einer praktizierten Dauer-Restrukturierung zur Auflösung und Zerstörung vieler wichtiger und unersetzbarer WALTER BAU – Strukturen. Anfänger, Anti-Unternehmer und unglaubliche Wichtigmacher zerstörten Tag für Tag viele Arbeitsplätze und sehr viel Kapital. Dass dieser Kampf ums Überleben fast 5 Jahre dauerte, zeugte von der nahezu unzerstörbaren Kraft der Firma WALTER BAU AG.

Am 01. Februar 2005 kapitulierte der Vorstand der WALTER BAU AG und meldete Insolvenz an. Ab Mai 2000, also ab Kündigung der Aval- bzw. Bürgschafts-Linien, hatte Prof. WALTER keine Chance mehr, den Konzern zu retten. Das Lebenswerk von Prof. WALTER wurde mutwillig zerstört.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

Alles über Prof. WALTER, über den Konzernaufbau und über die Konzernvernichtung ist bis ins kleinste Detail in einem dreibändigen Buchwerk von Prof. Dr. h. c. Ignaz WALTER beschrieben. BAND I – VON UNTEN – Aus Not und Elend zum Erfolg – ISBN 978-3-00-045217-8 BAND II - NACH OBEN – Konzernaufbau – ISBN 978-3-00-045218-5 BAND III – OBEN – Konzernvernichtung – ISBN 978-3-00-045219-2

  1. Imagebroschüre 2004 (PDF; 4,6 MB)

Weblinks[Bearbeiten]