Wernerkapelle (Bacharach)

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Wernerkapelle in Bacharach am Rhein

Die Wernerkapelle ist ein rheinromantisches Wahrzeichen der Stadt Bacharach am Rhein. Sie liegt auf dem Weg von der Stadt aus zur Burg Stahleck. Sie ist Nachfolgerin einer an gleicher Stelle gelegenen dem heiligen Kunibert geweihten Kapelle. Die Ruine ist mittlerweile baudenkmalgemäß gesichert und hat eine Gedenktafel zur Erinnerung an die unmenschlichen Verbrechen gegen die jüdischen Mitbürger, mit einem Gebetzitat Papst Johannes XXIII., in welchem um Sinnesänderung der Christen in ihrem Verhältnis zu den Juden gebeten wird.[1]

Hintergründe[Bearbeiten]

Hauptartikel: Werner von Oberwesel

Eine lateinische Chronik des 14. Jahrhunderts berichtet von einem angeblichen Hostienfrevel, Mitbürger aus jüdischen Gemeinden hätten Werner in Oberwesel an den Füßen aufgehängt, um eine Hostie zu entwenden, die er zu schlucken im Begriff war. Anschließend hätten sie ihn in den Rhein geworfen. In Bacharach, wo der Leichnam angeschwemmt worden sein soll, wurde er an der Kuniberts-Kapelle begraben, zu der sich bald eine Wallfahrt entwickelte. Mit Beiträgen der Wallfahrer wurde dann an Stelle der Kunibertskapelle die Wernerkapelle errichtet. Nach der falschen Ritualmordlegende soll am Gründonnerstag 1287 der 16-jährige, aus armen Verhältnissen stammende christliche Tagelöhner Werner von Juden ermordet worden sein, die sein Blut für das Passah-Fest verwendet hätten. Die Pogromwelle, die auf den angeblichen Ritualmord folgte, erschütterte nicht nur mittelrheinische Orte, sondern verbreitete sich auch an der Mosel und im niederrheinischen Raum. Die jüdischen Gemeinden wandten sich an König Rudolf I., der von der Grundlosigkeit der Beschuldigungen überzeugt war. Er legte den christlichen Gemeinden, die gemordet und jüdische Gemeinden zerstört oder ausgelöscht hatten, eine Geldbuße auf und befahl, die Leiche Werners von Oberwesel zu verbrennen, um einer Verehrung im Volkschristentum vorzubeugen.

Im Volkschristentum entstand der Wernerkult, der Heilige wurde erst 1963 im Kalender der Diözese Trier gestrichen. Doch noch immer steht der „heilige Werner von Oberwesel“ in deutschen Heiligenverzeichnissen, wie im Ökumenischen Heiligenlexikon.[2]

Geschichte des Gebäudes[Bearbeiten]

Bacharach 1645 (Matthäus Merian) mit vollendeter Wernerkapelle
Wernerkapelle um 1830

Schon bald wurde mit dem Bau der Wernerkapelle begonnen im zeitgenössischen gotischen Stil. Bereits 1293[3] wurde im fertiggestellten Südarm ein Werner-Altar geweiht und 1337 erfolgte die Weihe des Ostchores. Vollendet wurde die Kapelle aber erst nach 1426 auf Betreiben des Theologieprofessors und Humanisten Winand von Steeg, der von 1421 bis 1438 Pfarrer in Bacharach war. Bis zur Einführung der Reformation in Bacharach war die Kapelle ein beliebter Wallfahrtsort. 1685, als das katholische Fürstenhaus Pfalz-Neuburg die Pfalz erbte, wurde den wenigen Bacharacher Katholiken die Kapelle als Pfarrkirche zugewiesen, aber schon 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde bei der Sprengung der Burg Stahleck die Kapelle in Mitleidenschaft gezogen und verfiel daraufhin zur Ruine. 1759 musste der Nordarm wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. 1787 wurden die verbliebenen Gewölbe und Dächer abgetragen. Mit dem Aufkommen der Rheinromantik gewann die Ruine wieder mehr Interesse. So wurden 1847 erste Sicherungsmaßnahmen durchgeführt, weitere folgten im Jahre 1901. Die letzten und gründlichsten Sicherungen erfolgten zwischen 1981 und 1996, weil wieder der Einsturz der Ruine befürchtet wurde. Durch das Fehlen der Nordapsis hatte sich im Laufe der Zeit die Statik verändert, was zu tiefen Rissen im Mauerwerk geführt hatte, dazu kam die fortschreitende Verwitterung. Initiator dazu war der aus einer Bürgerinitiative entstandene "Bauverein Wernerkapelle", der dann mit Hilfe des Eigentümers, der katholischen Gemeinde, und Diözese, Land und Bund sowie privaten Spendern die 6 Millionen teure Maßnahme unter der Leitung des Kölner Dombaumeisters Arnold Wolff betreute.[4]

Baubeschreibung[Bearbeiten]

Wernerkapelle 2013, mit deutlich erkennbaren Sicherungseinbauten

Die aus rot-weißen bis rot-gelben mittel bis feinkörnigem Sandstein mit erdigen Einschlüssen, der vermutlich aus dem unteren Main-Gebiet oder der nordöstlichen Rhein-Pfalz stammt [5], auf einem kleeblattartigen Grundriss errichtete Wernerkapelle gilt wegen der Klarheit des Aufbaues und der Schönheit der Einzelformen als eine der vollendetsten Schöpfungen der rheinischen Gotik. An die quadratische Vierung mit etwa 8,60 Seitenlänge schließen sich nach Norden, Süden und Osten regelmäßige Apsiden an. Der Ostchor ist als Hauptchor um ein Zwischenjoch von halbem Vierungsmaß verlängert. Auf westlicher Seite war möglicherweise wegen der Enge des Baugeländes nur ein schmales Joch angebaut. Der später vollendete Westteil besteht fast ganz aus dem ortsüblichen Grauwacke-Schiefer. Die Seitenwände sind fast völlig von den hohen Spitzbogenfenstern mit Maß- und Stabwerk durchbrochen, das dazu einen reichen Figurenschatz aufweist.[6] Die Gesamthöhe der Fenster beträgt etwa 12,20 m, die Höhe der Wand bis zur Dachtraufe etwa 18,15 m.[7]

Werner und Wernerkapelle in der Kunst[Bearbeiten]

Die temporäre Kunstinstallation „DAS FENSTER – Wernerkapelle Bacharach“[8] des Künstlers Karl-Martin Hartmann machte die Ruine für drei Jahre zu einem Ort der Begegnung, um über Toleranz nachzudenken und sich auszutauschen. Auf dem weithin rot leuchtenden Glasfenster waren Ausschnitte aus Heinrich Heines Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“ zu lesen. Die Installation wurde ohne Eingriffe in die Bausubstanz vorgenommen und bestand von Mai 2007 bis Mai 2010. Während dieser Zeit wurden in der Ruine regelmäßig Vorträge zum geschwisterlichen Umgang zwischen den Religionen und Toleranz abgehalten.

Womrath: Werner-Kapelle am Geburtsort

Vortragende waren u.a. Leo Trepp, Necla Kelek, Ruth Lapide, Gerhart Baum und Heidemarie Wieczorek-Zeul. Auf der Abschlussveranstaltung nahm der Rabbiner Leo Trepp das erste Exemplar einer Dokumentation über Kunstprojekt und Vortragsreihe „mit der allergrößten Hoffnung, dass die Wernerkapelle ein Symbol der Liebe, Toleranz und Gleichberechtigung wird“[9] entgegen. Eine weitere dem Werner von Oberwesel geweihte Kapelle in der dem Rhein zugewandten Seite der Stadtmauer von Oberwesel wurde um 2001 renoviert und 2008 zur Mutter-Rosa-Kapelle umgeweiht. An seinem Geburtsort besteht bis heute eine ihm gewidmete Kapelle.

Heinrich Heine verarbeitete die Legende in seiner fragmentarischen Erzählung Der Rabbi von Bacherach.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Ludwig Wagner und Arnold Wolff: Die Wernerkapelle in Bacharach am Rhein. Neusser Druckerei u. Verl., Neuss 1983, ISBN 3-88094-428-8 (Rheinische Kunststätten; 276).
  • Daniela Wolf: Ritualmordaffäre und Kultgenese: der ‚gute Werner von Oberwesel‘. Bauverein Wernerkapelle, Bacharach 2002, ISBN 3-00-009539-X.
  • Toleranz vor Augen: Das Projekt von Karl-Martin Hartmann in der Wernerkapelle Bacharach in Zusammenarbeit mit dem Bauverein Wernerkapelle. Hrsg. vom Bauverein Wernerkapelle Bacharach e.V. Universitätsdruckerei H. Schmidt, Mainz 2010, ISBN 978-3-935647-49-6.
  • Schwitzgebel, Frieder: Toleranz vor Augen: Die Installation von Karl-Martin Hartmann in der Wernerkapelle in Bacharach. In: Das Münster 62 (2009), Heft 1, ISSN 0027-299X, S. 17–20.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wernerkapelle Bacharach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gebet Papst Johannes XXIII. am 3. Juni 1963 beim 2. Vatikanisches Konzil: „Wir erkennen heute […] Denn wir wußten nicht, was wir taten.“ Eventuell geht der Text weiter, manche Quellen verwenden „ … am Ende … “
  2. Ökumenisches Heiligenlexikon, abgerufen am 10. Dezember 2012
  3. nach Link Regionalgeschichte
  4. Rettung der Wernerkapelle aus Regionalgeschichte von Peter Keber
  5. Steinmaterial aus Fraunhofer Baufachinformationen (zugriff August 2013)
  6. Wernerkapelle bei Bacharach.Mittelrhein
  7. Objektbeschreibung bei Baufachinformationen
  8. Karl-Martin Hartmann, Toleranz vor Augen – Wernerkapelle, Bacharach. Abgerufen am 10. Juni 2010.
  9. Ausrufezeichen abgebaut. In: Allgemeine Zeitung (Rheinland-Pfalz), 25. Mai 2010. Abgerufen am 10. Juni 2010.
  10. Stadt Bacharach, Bauverein Wernerkapelle Bacharach e.V., Rhein-Nahe Touristik, Bacharach: Das Fenster – Wernerkapelle Bacharach; bacharach.de

50.0594722222227.7671111111111Koordinaten: 50° 3′ 34″ N, 7° 46′ 2″ O