Wilhelm Löhe

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Wilhelm Löhe

Johann Konrad Wilhelm Löhe (* 21. Februar 1808 in Fürth; † 2. Januar 1872 in Neuendettelsau) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe des 19. Jahrhunderts. Wegen der Gründung eines Mutterhauses für Diakonissen wurde er als fränkischer Diakonissenvater bekannt. Durch seine Schriften hat er zur Profilierung der Lutherischen Kirche beigetragen.

Leben[Bearbeiten]

Löhes Geburtshaus in der Königstraße 27 in Fürth, 2010
Wilhelm Löhe im Alter von 25 Jahren
Wilhelm-Löhe-Denkmal von Johannes Götz auf dem Kirchenplatz in Fürth, 2010

Wilhelm Löhe wurde als Sohn eines Kaufmannes in Fürth geboren. Der Vater starb früh, die Mutter erzog das Kind im Geist des Pietismus. Mit der Schulzeit in Nürnberg kam der als einsames Kind beschriebene Löhe erstmals in Kontakt mit dem Gedankengut der Aufklärung. 1826 studierte Löhe Evangelische Theologie in Erlangen, wo ihn vor allem Christian Krafft beeinflusste und er Mitglied der Burschenschaft Arminia wurde. In Erlangen lernte er durch David Hollaz das Luthertum kennen. Die wichtigste Lektüre jener Zeit war für Löhe Thomas von Kempens Von der Nachfolge Christi. Es ist möglich, dass er sich schon damals vom herrschenden Rationalismus abwandte.

1828 studierte Löhe ein Jahr in Berlin und besuchte unter anderem die Vorlesungen von Friedrich Schleiermacher und Georg Hegel. Beide Denker blieben ihm jedoch fremd, wie er später schreibt. 1829 kehrte er aus familiären Gründen zurück nach Erlangen und bestand dort 1830 sein Examen. Bei der Ordination 1831 empfand er sich bereits als ein bekenntnistreuer Lutheraner.

In den folgenden Jahren wechselte Löhe als Vikar und Pfarrverweser mehrfach die Pfarrstelle. So war er in Nürnberg, Behringersdorf, Lauf, Altdorf, Bertholdsdorf und Merkendorf. Er beschäftigte sich vor allem mit Fragen des Abendmahls und der Kirchenverfassung und nahm Anteil am Kampf der schlesischen Altlutheraner gegen die preußische Union.

Ab 1837 war er Pfarrer in Neuendettelsau; seine spätere Frau Helene Andreae (1819 - 1843) hatte er vorher in Nürnberg kennengelernt und im Juli 1837 geheiratet. In Neuendettelsau war Löhe im Geiste des Neuluthertums tätig.

Theologische Akzente[Bearbeiten]

Die 1845 erschienenen Drei Bücher von der Kirche  beleben im entstehenden Neuluthertum die Diskussion um das Wesen von Kirche. Schon 1847 veröffentlichte der Erlanger Franz Delitzsch seine Vier Bücher von der Kirche explizit in Bezug auf das Löhe-Werk. Löhe ging es, wie er Delitzsch schreibt, in seinem Buch darum, „[...] in der Zerrissenheit der Kirche denjenigen Fleck aufzuzeigen, wo die Wahrheit ihr völligstes Zeugnis gibt“ Und: „[...] in den Bekenntnissen unserer Väter [haben wir] [...] den historischen Boden wieder gefunden [...], auf welchem wir fortschreiten können“. Die lutherische Kirche aber ist dabei die einigende „Mitte der Konfessionen“.

Löhe wandte sich gegen einen Unionismus in der Evangelischen Kirche; er unterschied stark zwischen reformiert und lutherisch. Einer seiner Biographen, Friedrich Wilhelm Kantzenbach, hat auf Missverständlichkeiten hingewiesen. Löhes Ekklesiologie beispielsweise mit einer an Cyprian angelehnten Forderung, dass „jeder, welcher zur unsichtbaren Kirche zu gehören wünscht, auch zur sichtbaren gehören müsse“, blieb nicht unbestritten.

Schließlich geriet Löhe mit seinem Verständnis vom Amt, das er als begründenden Ausgangspunkt der Gemeinde, nicht als ihr Resultat ansah, dann mit einem Teil seiner in die USA ausgewanderten Schüler und mit Oberkonsistorialpräsident Adolf Harleß aneinander - wurde von diesem aber insgesamt verstärkt in die Kirche eingebunden.

In praktischer Konsequenz versuchte Löhe, die altlutherische Liturgie wiederzubeleben, akzentuierte den Begriff der Kirchenzucht neu und griff selbst (und auch mittels seiner zunehmenden Anhängerschar) oft in das kirchenpolitische Tagesgeschehen ein. So wird auf ihn die ab 1853 bestehende Selbstbezeichnung der evangelischen Kirche Bayerns als „evangelisch-lutherisch“ zurückgeführt (Schumann).

Praktische Arbeit[Bearbeiten]

Das Neuendettelsauer Mutterhaus
100. Todestag von Wilhelm Löhe: Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1972

Löhe wurde gleichzeitig mit Theodor Fliedner Begründer einer lutherischen Mission. Seit 1841 wurden dort Missionare für die Seelsorge der nach Nordamerika Auswandernden ausgebildet. So hat er Einfluss auf die kirchliche Prägung der Neuen Welt genommen.

1853 wurde die Ausbildung von Frauen in der Diakonie eingeführt, um Frauen in sozial schwieriger Lage eine Möglichkeit zu eröffnen. Durch die Diakonissen konnten personell problematische (vor allem dörfliche) Regionen nun besser versorgt werden.

1854 wurde dem ein Lutherischer Verein für weibliche Diakonie zur Seite gestellt, der vor allem Mädchen und Frauen ansprechen sollte, die den radikalen Schritt zur Diakonisse nicht gehen wollten. Das Neuendettelsauer Mutterhaus entwickelte sich schnell auch zur geistigen Heimat der dort Ausgebildeten. Die Diakonie Neuendettelsau besteht bis heute.

Löhes Ansätze - Gründung eines Vereins für ein apostolisches Leben oder der Versuch, eine bischöflich-brüderliche Kirche in lutherischem Geist zu begründen -, ließen sich so nicht umsetzen. Ergebnis dieser Bemühungen war aber die 1849 ins Leben gerufene und bis heute bestehende Gesellschaft für Innere und Äußere Mission. Die Gründung der „Gesellschaft” erfolgte mit dem Ziel, entschiedene Christen zu sammeln und ihnen zu einem Leben in der Nachfolge Jesu zu verhelfen. Christen sollten auf der Grundlage der Schrift und der lutherischen Bekenntnisse „Kern, Licht und Salz” in den Gemeinden sein.

Löhe erwog zeitweilig, die Landeskirche zu verlassen und eine lutherische Freikirche zu gründen.

Als Löhe 1872 verstarb, hinterließ er ein umfangreiches Werk sowohl als Publizist wie als Gründer von Institutionen.

In Neuendettelsau dokumentiert ein Löhe-Zeit-Museum sein Wirken. In seinem Geburts- und Elternhaus in Fürth befindet sich ein Gedenkraum mit einer Ausstellung zu Wilhelm Löhe.

Wilhelm-Löhe-Schule Nürnberg[Bearbeiten]

Von der Gründung 1901 bis zur Erweiterung des Schulgebäudes in der Rollnerstraße hieß die Schule ganz offiziell: „Höhere Mädchenschule der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Neuendettelsau mit Erziehungsinstitut zu Nürnberg“. Am 20. Februar 1932 wurde dann das Schulgebäude unter dem Namen „Wilhelm-Löhe-Schule“ feierlich eingeweiht. Primär wollte man durch diese Namensgebung den Neuendettelsauer Diakonissen ein Dankeszeichen setzen. Diese hatten ganz im Sinne Löhes auf dringende Bitten aus Nürnberg die Gründung der Schule gewagt. Doch vor allem konnte sich die Schule mit den Idealen, Gedanken und Ideen Löhes identifizieren, besonders mit seiner Auffassung von Schule und ihrem Zweck.

Gedenktag[Bearbeiten]

Folgende Kirchen erinnern am 2. Januar an Wilhelm Löhe:

Literatur[Bearbeiten]

Bibliographie[Bearbeiten]

  • Blaufuß, Dietrich u.a.: Wilhelm Löhe, in: Schmidt, Heiner (Hrsg.): Quellenlexikon zur deutschen Literaturgeschichte. Bibliography of German Literary History. Bd. 19. Duisburg: Verlag Pädagogische Dokumentation 1999, 243-255 [bearb. von] siehe auch Quellenlexikon im Netz.

Primärtexte[Bearbeiten]

  • Sabbat und Vorsabbat - Eine Anleitung zur Stille und zum Gebet, Linea Bad Wildbad, 2009, ISBN 978-3-939075-27-1
  • Gesammelte Werke, hg. v. Klaus Ganzert, Bd. 3,1-7,2 (10 Bde.), Neuendettelsau 1951-1966.
  • Gesammelte Werke, hg. v. Klaus Ganzert, Bd. 1-2 (Briefe), Neuendettelsau 1985-1986.
  • Gesammelte Werke. Ergänzungsreihe, hg. v. der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinn der lutherische Kirche, Bd. 1: Abendmahlspredigten (1866), hg. v. Martin Wittenberg, Neuendettelsau 1991. ISBN 978-3-86540-157-1. Bd. 2 [zugleich Arbeiten zur Kirchengechichte Bayerns 86]: Wilhelm Löhe und seine Zeit (1908), von Hermann Bezzel, hg. von Helmut Baier und Rudolf Keller. Neuendettelsau|Nürnberg 2008.
  • Studienausgabe, hg. v. Dietrich Blaufuß, Bd. 1: Drei Bücher von der Kirche (1845), hg. von Dietrich Blaufuß. Neuendettelsau 2006, ISBN 978-3-86540-016-1. Bd. 2: Vorschlag zur Vereinigung lutherischer Christen für apostolisches Leben. Sammt Entwurf eines Katechismus des apostolischen Lebens (1848), hg. v. Dietrich Blaufuß, Neuendettelsau 2011, ISBN 978-3-86540-098-7

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Blaufuß, Dietrich: Wilhelm Löhe. Erbe und Vision. Gütersloh 2009.
  • Deinzer, Johannes: Löhes Leben, 3 Bände, Neuendettelsau 1872/1880/1892.
  • Endraß, Elke: Wilhelm Löhe. Wie der Diakonissenvater Frömmigkeit, Nächstenliebe und Management in Einklang brachte, Berlin 2012, ISBN 978-3-88981-340-4
  • Klaus Ganzert: Löhe, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 35 f. (Digitalisat).
  • Geiger, Erika: Wilhelm Löhe, Leben - Werk - Wirkung, Neuendettelsau 2003, ISBN 3-7726-0244-4
  • Hebart, S.: Wilhelm Löhes Lehre von der Kirche, ihrem Amt und Regiment, Neuendettelsau 1939.
  • Heintzen, E. H.: Wilhelm Löhe and the Missouri Synod, St. Louis, MO [u.a.]: Concordia Publ. House, 1973.
  • Liebenberg, Roland: Wilhelm Löhe (1808–1872). Stationen seines Lebens. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2011. ISBN 978-3-374-02991-4
  • Müller, Gerhard: Wilhelm Löhe, in: M. Greschat, Gestalten der Kirchengeschichte, Bd 9/2, 1985, 71-86
  • Schönauer, Gerhard:Kirche lebt vor Ort. Wilhelm Löhes Gemeindeprinzip als Widerspruch gegen kirchliche Grossorganisation; 1990 (dazu R. Keller 1992, D. Blaufuß 1994)
  • Schoenauer, Hermann: Wilhelm Löhe (1808 - 1872): Seine Bedeutung für Kirche und Diakonie, Stuttgart 2008
  • Frank Schumann: Löhe, Johann Konrad Wilhelm. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 163–167.
  • Stempel-de-Fallois, Anne: Das diakonische Wirken Wilhelm Löhes, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016266-7
  • Weber, Christian: Missionstheologie bei Wilhelm Löhe: Aufbruch zur Kirche der Zukunft. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1996 ISBN 3-579-00138-8.
  • Wittenberg, Martin: Löhe und die Juden, Neuendettelsau 1954.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Wilhelm Löhe – Quellen und Volltexte
 Commons: Wilhelm Löhe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien