William S. Schlamm

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William S. Schlamm (* 10. Juni 1904 als Wilhelm Siegmund Schlamm in Przemyśl, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Polen; † 1. September 1978 in Salzburg) war ein politischer Publizist. Er schrieb bis in die 1930er Jahre für kommunistische Organe, wechselte im US-amerikanischen Exil zum Konservatismus und galt nach seiner Rückkehr nach Europa als einer der bekanntesten „Kalten Krieger“ in der deutschsprachigen Publizistik.

Die kommunistische Phase[Bearbeiten]

Schlamm war der Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns. Schon als Gymnasiast in Wien schloss er sich der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Österreichs an. Als Mitglied der KPÖ avancierte er, noch Student der Staatswissenschaften, zum Redakteur der Wiener Roten Fahne, dem Zentralorgan der Partei.

Im Wiener Jung-Wandervogel lernte er 1920 den Psychoanalytiker Wilhelm Reich kennen. Dieser schrieb damals, er habe zu dem sieben Jahre Jüngeren „tiefe Verehrung gefasst“.[1] Beide wurden enge Freunde, und auch die Ehepaare Willy/Stefanie Schlamm und Wilhelm/Annie Reich blieben in den 1920er Jahren eng befreundet.[2] Schlamm und Reich erlebten die Ereignisse, die zum Wiener Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 führten, als biographisch einschneidend. Schlamm sah in ihnen Zeichen eines Aufstands, der bis „zur siegreichen proletarischen Revolution, bis zur Diktatur des Proletariats voranzutreiben sei".[3] Während Reich, der eine beachtliche Karriere in der psychoanalytischen Bewegung machte, jedoch durch sie erst politisiert wurde und 1929 in die KPÖ eintrat, wurde Schlamm zur gleichen Zeit als „Rechtsabweichler“ aus ihr ausgeschlossen. Obwohl ihre Wege sich spätestens in den Exiljahren nach 1933 trennten, berührten sie sich noch einmal 1937 im gleichzeitigen endgültigen Bruch mit dem Sowjetkommunismus aufgrund der Moskauer Prozesse.[4]

Im Exil in Prag[Bearbeiten]

1933 wurde er Redakteur der von Berlin nach Wien übersiedelten Weltbühne. Kurz darauf emigrierte er jedoch nach Prag. Dort war er Mitbegründer der Europäischen Hefte, in denen er für pazifistische und sozialistische Positionen eintrat. In seiner Prager Zeit entwickelte Schlamm eine vertrauliche Beziehung zu Milena Jesenska, der Freundin Franz Kafkas. Diese war es auch, die Schlamm 1938 half, die Tschechoslowakei zu verlassen und in die USA zu emigrieren.

Im Exil in den USA[Bearbeiten]

In den Kriegsjahren schreibt er vor allem für die Zeitschriften Time und Life von Henry Luce. Von seinen ursprünglichen Positionen verabschiedete sich Schlamm mehr und mehr. 1942 wurde er zum Senior Editor der Zeitschrift Fortune ernannt. Über Whittaker Chambers und James Burnham hatte Schlamm Beziehungen zum Congress for Cultural Freedom und zur New Yorker Zeitschrift Partisan Review. Schlamm wandelte sich zu einem Konservativen, zu dessen Kreis auch Russell Kirk, eine Führungsfigur des amerikanischen Neokonservativismus, und die antikommunistische John Birch Society gehörten.

Joseph McCarthy, der Vorsitzende des 1947 gegründeten Komitee für unamerikanische Umtriebe verhalf Schlamm zu einer Karriere in den USA. Schlamms Angriffe galten nicht nur dem Sowjetkommunismus, er kritisierte auch das linksliberale Amerika. Er schrieb für den Freeman, drängte aber den jungen, streng konservativem Millionär Buckley zur Gründung einer ausdrücklich konservativen und streng antikommunistischen Wochenzeitschrift. Am 19. November 1955 erschien schließlich die erste Ausgabe der National Review. Schlamm war Mitherausgeber. Als ihre Aufgabe – wie es in einem Leitartikel hieß – verstand die Zeitung es, sich quer zur Geschichte zu legen und lauthals „Stop" zu schreien. Rasch wurde das Blatt zum Zentralorgan der konservativen Bewegung. Buckley gelang es, namhafte Vertreter aller konservativen Richtungen zur Mitarbeit zu bewegen. Zur Redaktion gehörten in den ersten Jahren Denker wie Schlamm, James Burnham, Willmoore Kendall, Whittaker Chambers und Frank S. Meyer. Russell Kirk steuerte 25 Jahre lang eine Kolumne bei. Die meisten der Autoren hatten einen christlichen (katholischen) Hintergrund.

Zurück in Europa[Bearbeiten]

1959 kehrte er nach Europa zurück. Zunächst versuchte er von der Schweiz aus ein deutschsprachiges Journal zu gründen. Ende der fünfziger Jahre verpflichtete ihn der deutsche Verleger Axel Springer als Kommentator für Die Welt. Auch von seinen pazifistischen Positionen hatte sich Schlamm verabschiedet und betrachtete die Drohung mit Krieg als legitimes Mittel der Diplomatie. Pazifisten und Atomkriegsgegner verdienten „nichts als Verachtung und den Sowjetstiefel im Genick“.[5] Diese Position, die gut in die Politik der Regierung Adenauer passten, vertrat er auf Vortragsreisen, die vom Bundespresseamt organisiert und finanziert wurden.

Er hatte sich in jeder Hinsicht von seinen früheren, linken Idealen gelöst. In der Welt kritisierte Schlamm 1968, „dass die linken Medien einer verschandelten Jugend grinsend den Hof machten.“ 1972 gründete Schlamm mit Otto von Habsburg die Zeitbühne.

1961 wurde er mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichnet.

Schriften (Eine Auswahl)[Bearbeiten]

  • Die Grenzen des Wunders. Ein Bericht über Deutschland, Europa Verlag, 1959.
  • Vom Elend der Literatur. Pornographie und Gesinnung, Seewald, 1966.
  • Am Rande des Bürgerkriegs, Zeitbuch-Verlag, 1970.
  • Germany and the East-West Crisis: The Decisive Challenge to American Policy
  • Glanz und Elend eines Jahrhunderts. Europa von 1881 bis 1971

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Gallus: Heimat Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1117-6.
  • Alexander Gallus: Der Amüsanteste unter den Renegaten. William Schlamms Wandlungen vom Kommunisten zum Konservativen. In: Michael Hochgeschwender: Epoche im Widerspruch. Bouvier, Bonn 2011, S. 52–73.
  • Susanne Peters: William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert. be.bra Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-95410-007-1.
  • Caspar von Schrenck-Notzing: Schlamm, William S. (Willi Schlamm). In: ders. (Hrsg.): Lexikon des Konservatismus. Leopold Stocker Verlag, Graz 1996, S. 481.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilhelm Reich: Leidenschaft der Jugend. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994, S. 138.
  2. Vgl. Karl Fallend: Wilhelm Reich in Wien. Wien: Geyer-Edition 1988, S. 174.
  3. ...
  4. Vgl. Willi Schlamm: Die Diktatur der Lüge. Zürich: Der Aufbruch 1937; dazu die Besprechung in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie.
  5. Die Grenzen des Wunders, S. 184. Zitiert nach Hoimar von Ditfurth, Innenansichten eines Artgenossen, DTV 1991, S. 282.