Zungen des Malteserordens

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Zungen, im Sinn von Zunge als Synonym für Sprache, hießen vom 14. bis zum 18. Jahrhundert die landsmannschaftlichen Gliederungen des Malteserordens. Sie entsprachen in ihrer Funktion in etwa den Provinzen anderer geistlicher Orden.

Diese Form der Organisation entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als der Orden die Insel Rhodos in Besitz nahm. Sie wurde auf einem 1301 abgehaltenen Generalkapitel des Ordens beschlossen. Zunächst gab es sieben Zungen: Provence, Auvergne, Frankreich, Italien, Aragon (mit Navarra), England (mit Schottland und Irland) und Deutschland. Im Jahr 1462 trennten sich Kastilien und Portugal von Aragon und bildeten eine eigene achte Zunge.

Durch die Vorgänge während der Reformation wurden einzelne Zungen (z. B. die englische und deutsche) so geschwächt, dass sie diese Funktionen nicht mehr wahrnehmen konnten, so dass es zu einer Umorganisation kam. Im 18. Jahrhundert gab es kurzzeitig eine bayerische Zunge, diese beinhaltete die untergegangenen Zungen von Deutschland und England.

Organisation[Bearbeiten]

Wie sich an den Namen der Zungen leicht ablesen lässt, entsprach ihre Einteilung nicht wirklich den Sprachgrenzen, sondern fasste meist Ritter und Ordensniederlassungen mehrerer Nationen zusammen. So gehörten zum Beispiel zur deutschen Zunge auch alle Ritter aus den skandinavischen Ländern, sowie die aus Ungarn, Polen und Böhmen.

Jede Zunge verfügte über mindestens ein Großpriorat. Der Großprior und das von den Balleien und Kommenden beschickte Kapitel leiteten die einzelnen Ordensgliederungen. Diese waren in ihrem Sprengel für die Verwaltung des Ordensbesitzes, die Unterhaltung und Beaufsichtigung der caritativen Werke des Ordens (Hospitäler u.ä.) zuständig. Sie hatten auch die Vergabe von Pfründen, etwa Pfarreien die dem Orden inkorporiert waren, zu besorgen. Nicht zuletzt entrichteten die Zungen finanzielle Beiträge für die Verteidigung von Rhodos (ab 1530 Malta) gegen die Türken und für die Unterhaltung der Ordensflotte im Mittelmeer.

Sie waren aber auch direkt in der Ordenszentrale vertreten. Zum einen entsandten sie Ordensritter in das Generalkapitel, zum anderen war jeder Zunge ein Teil der Befestigung auf Rhodos zur Verteidigung zugewiesen. Diesen Abschnitt musste jede Zunge ausreichend mit Rittern und Söldnern besetzen. Jede Zunge hatte dort ein eigenes Haus, in dem sich ihre Angehörigen versammelten und die Mahlzeiten gemeinsam einnahmen. Auf Malta wurde später in ähnlicher Weise verfahren.

Die Ordensstruktur nach der Reorganisation von 1301 im Überblick[Bearbeiten]

Teilansicht der Deutschen Zunge um 1300
  • Zunge der Provence: umfasst den Süden Frankreichs, mit zwei Groß-Prioraten in Toulouse und Saint-Gilles
  • Zunge der Auvergne: Zentralfrankreich, mit dem Groß-Priorat Bourganeuf
  • Französische Zunge: Groß-Priorat Frankreich, mit Nord- und Westfrankreich; 1317 geteilt in die Groß-Priorate Aquitanien (Poitiers), Champagne und Frankreich
  • Zunge von Aragon: die Iberische Halbinsel, mit Groß-Prioraten für Aragon (Amposta), Katalonien, Kastilien und León, Navarra, und Portugal,
    • Teilung 1462:
die Groß-Priorate Amposta, Katalonien und Navarra bilden die Zunge von Aragon;
die Groß-Priorate Kastilien-León und Portugal bilden die Zunge von Kastilien
  • Italienische Zunge: mit den Groß-Prioraten Messina, Barletta, Capua, Rom, Pisa, Lombardei und Venedig
  • Englische Zunge: mit den Groß-Prioraten England, Schottland und Irland
  • Deutsche Zunge: mit den Groß-Prioraten Böhmen, Ober- und Niedergermanien, Dacien (=Dänemark), Schweden, Polen und Ungarn

Entwicklung im 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Fürst Karl August von Bretzenheim (Gemälde um 1790)

Nach Auflösung und Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 gründete Kurfürst Karl Theodor von Bayern aus Teilen von dessen Besitz zur Versorgung seines natürlichen Sohnes Karl August von Bretzenheim (1768–1823) im Jahre 1780 eine "Bayerisch-Englische Zunge" des Malteserordens.

Obwohl die Englische Zunge seit der Vertreibung des Ordens durch König Heinrich VIII. praktisch nicht mehr existierte, bestand der Orden auf deren rechtmäßige Existenz. König Georg III. von England erteilte seine Zustimmung zur Verbindung der neugeplanten Bayerischen Zunge mit der Zunge Englands und ihr den Namen "Englisch-Bayerische Zunge" zu geben. An der zwischen Dezember 1781 und April 1782 erfolgten offiziellen Gründung der Englisch-Bayerischen Zunge des Malteserordens mit dem neuen Großpriorat Bayern war maßgeblich der Generalvikar des Bayerischen Großpriorates und spätere Kardinal Johann Casimir Häffelin beteiligt. Karl August von Bretzenheim wurde schon als Knabe Großprior des bayerischen Malteserordens, bzw. des Georgsordens mit entsprechender laufender Apanage.

Die Französische Revolution und die Dritte Polnische Teilung (Österreich, Preußen und Russland) 1795 änderte auch die Lage des Malteserordens. Zar Paul wurde Protektor des Priorats Polen und errichtete ein orthodoxes polnisch-russisches Priorat, das er 1797 durch Ordensbeschlüsse (also noch vor Eroberung Maltas durch Napoleon im Juni 1798) mit der Englisch-Bayerischen Zunge zur "Englisch-Bayerisch-Russischen Zunge" des Malteserordens verband.

Später im Frieden von Amiens (1802) handelten Frankreich und England aus, dass kein Angehöriger dieser beiden Nationen Mitglied in einem kirchlichen Ritterorden sein durfte. Aus der Englisch-Bayerisch-Russischen Zunge des Malteserordens wurde dadurch die "Bayerisch-Russische Zunge".

Die Rheinbund-Staaten beschlossen dann 1806 die Auflösung des deutschen Großpriorats und die Enteignung des gesamten Ordensbesitzes in seinen Mitgliedsländern. 1808 wurden die Malteserbesitzungen auch im Königreich Bayern durch König Maximilian I. Joseph säkularisiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Malteserorden – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Malteserorden

Literatur[Bearbeiten]

  • Bertrand Galimard Flavigny: Histoire de l'ordre de Malte. Paris 2006. ISBN 2-262-02115-5