Ökonomisierung

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Der Begriff der Ökonomisierung bezeichnet die Ausbreitung des Marktes bzw. seiner Ordnungsprinzipien und Prioritäten auf Bereiche, in denen ökonomische Überlegungen in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Rolle spielten bzw. die solidarisch oder privat organisiert waren; "So werden zunehmend immer mehr Güter und Praktiken, die einst außerhalb der Marktsphäre lokalisiert waren, in „Produkte“ umgewandelt, die über einen Preis auf einem „Markt“ gehandelt werden können"[1]. Ebenso wird damit das Vordringen marktwirtschaftlichen Denkens in die Sphäre der privaten Lebensführung bezeichnet und die Umwertung vieler gesellschaftlicher Sphären durch die "symbolischen Ordnung der Marktgesellschaft"[2] bezeichnet.

Häufig wird synonym der Begriff Kommerzialisierung verwendet. Während Ökonomisierung eher als Begriff für das Eindringen der Logik des Wirtschaftsystems in andere Subsysteme darstellt, wird mit Kommerzialisierung eher die wirtschaftliche Verwertung bereits bestehender Leistungen oder Güter bezeichnet. Ökonomisierung bezieht sich daher auf eine Veränderung des Denkens, Kommerzialisierung auf eine Veränderung des Handelns.

Ökonomisierung im Sinne von Selbsttechnologien[Bearbeiten]

Mit Selbsttechnologien bezeichnet Michel Foucault die aus der christlichen Praxis der Buße hervorgegangen Verfahren zur Selbstkontrolle, welche zu einer vollkommenen Übernahme von gesellschaftlichen Normen und Werten führt, die das Individuum schließlich als die Eigenen begreift und übernimmt. [3]

Dabei lassen sich die folgenden [4] finden:

  • Subjektivierung - diese beschreibt Prozesse der Entkollektivierung und eine gesteigerte Bedeutung des Individuums. Beispiele Hierfür sind: Etwa die Abnahme der Bedeutung von Gewerkschaften, kollektiven Arbeitsverträgen und sowie eine verstärkte Selbststeuerung des Individuums. Dadurch soll die Kreativität und Innovativität der Arbeitenden gefördert werden, andererseits werden Aufgaben, die bisher beim Management lagen, an die arbeitenden Subjekte übertragen. Daher die Steuerung welche früher von außen bzw. von oben in der Hierarchie erfolgte wird nun in die Person internalisiert. Zum anderen werden Tätigkeiten zunehmend Ansprüche der Selbstverwirklichung zugeschrieben. Dies birgt durchaus Raum für neue Freiheiten, Flexibilitäts- und Autonomiegewinne. Zugleich greifen die Unternehmen aber auch – im Sinne einer umfassenden Verwertbarkeit – vermehrt auf die subjektiven Potentiale der Beschäftigten und auf ihre ‚ganze Person‘ zu. Damit schafft diese Entwicklung neue [[Prekarisierung]sZuschreibung] Potentiale.[5]
  • Flexibilisierung - bezeichnet in der Organisationstheorie die Erhöhung der Anpassungsfähigkeit von Organisationen und Personen an äußere Umstände und sich wandelnde Bedingungen. Diese wird durch die Reduzierung fester Regeln und festgefügter Strukturen erreicht. Etwa durch die Einführung von Arbeitszeitkonten, Zeitarbeit, Wegfall des herkömmlichen Überstundenbegriffs und Vergütung, sowie der Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit. Hingegen ermöglicht Flexiblisierung auch mehr Freiheit in der Zeiteinteilung für den Arbeitnehmer. Daneben wird kritisiert, dass dies auch ein Primat der unternehmerischen Zeit über private Zeit bedeuten kann.[6]
  • Entgrenzung der Arbeit - Wird von Soziologen als ein Prozess beschrieben, in dem die Grenzen der Arbeit(szeit) zunehmend verschwinden. Zunächst waren diese Auswirkungen nur bei Personen im Management sichtbar. Durch die zunehmende Zuschreibung von Sinnstiftung in Arbeit bzw. bestimmte Berufe verschwimmt die mit der Industrialisierung erstrittene Grenzziehung von Arbeit und Privatsphäre, bzw. für den Teil der Arbeitnehmer in kreativen und Führungspositionen erscheint die Forderung nach Recht auf Feierabend obsolet oder sinnfrei. Zudem wird der Erwerbarbeit - etwa durch eine staatliche Sozialpolitik die auf Eingliederung in den Arbeitsprozess zielt - immer größe Bedeutung zugemessen. Durch die Entgrenzungen entsteht zudem ein ständiger Selbstoptimierungsdruck, der alle Lebensbereiche (Beziehung, Freizeitgestaltung, Freundschaften,...) umfasst.
  • Optimierung - Häufig auch als Selbstoptimierung bezeichnet. Sie soll die Leistungsfähigkeit des Menschen durch entsprechende Maßnahmen sicherstellen. So aber auch der Versuch über Eingriffe in den eigenen Körper, etwa Schönheitschirurgie, die Einnahme leistungssteigernder Medikamente für den Sport oder auch das Gehirn sog. 'biotechnologischen Neuro-Enhancement' die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Zudem wird durch die Messung von Schlaf, Sportlicher Tätigkeit, Stimmung, Nahrungsaufnahme, der eigene Körper vermessen und dadurch Steigerungspotentiale abgeleitet.[7] [8]
  • Erfolgsorientierung - bedeutet die Hinwendung zu Erfolg und die Abkehr von einer Leistungsorientierung als gesellschaftliche Orientierungsnorm. Während in der frühen Phase des Kapitalismus Leistung als entscheidendes Kriterium für soziale Stellung propagiert wurde, die sogenannte Meritokratie wird heute einzig Erfolg ob nun durch Zufall oder herausragende Einzelleistungen als Kriterium für die soziale Stellung wichtig[9]. Bestes Beispiel sind Fernsehsendungen wie etwa "Wer wird Milionär" und die Verehrung von Lottomilionären, Fußballspieleren oder ähnlichen Personen, die nicht durch ihre berufliche oder wissenschaftliche Leistungen sondern durch Zufall Erfolgreich werden.[10]
  • Outputorientierung - Bedeutet die Orientierung hin und Steuerung durch, eines Systems über die gemessene Performanz Kennzahlen. Etwa die Steuerung von Schulen über die erreichte Leistung der Schüler,die League Tables Britischer Schulen[11], , Hochschulrankings und andere neue Formen der Konkurrenzorientierten Leistungsmessung.
  • Konkurrenzbewußtsein - Das Wissen um die Bedeutung von Konkurrenz und das Bestreben in einem tatsächlichen oder vermeintlichen Wettbewerb mitzuhalten und sich entsprechend zu verhalten. Dazu zählt auch Selbstvermarktung etwa über soziale Medien, Blogs aber auch eine ständige Selbstdarstellung. Dazu gehört auch das Messen der eigenen Performativität außerhalb der Arbeitswelt, etwa über Fitness Tracker.
  • Managerialisiserung - Ist ein Begriff, der zunächst im Rahmen des ab Anfang der 1990er Jahre aufkommenden New Public Management aufkam. Public Choice Theorie und Managementtheorie wurden auf die öffentliche Verwaltung übertragen, was zunächst darauf hinauslief Politik und Management der Verwaltung deutlicher voneinander zu trennen. [12] Als Selbsttechnologie bedeutet es die Verlagerung von Managementfunktionen in den einzelnen Arbeitnehmer bzw. Beschäftigten hinein. Daher zum einen bekommt dieser erhöhten Entscheidungsspielraum, mehr Verantwortung, zum anderen werden aber auch ökonomische Risiken zu diesem hin verlagert. "Basierend auf dem Glauben an die Gestaltungskraft des Managements und die der Dreifaltigkeit 'managers markets and measurement'[13] stellt der Managerialismus eine spezifische ideologische Form der Anwendung von Instrumenten der Managementlehre dar[14]
  • Aufkommen des Arbeitskraftunternehmers - Dies bezeichnet einen Typ Arbeitnehmer, der genötigt ist, mit seiner eigenen Arbeitskraft wie ein Unternehmer umzugehen. Was im Gegensatz zur traditionellen Arbeitnehmerrolle steht. Dieser hat die folgenden Eigenschaften: Verstärkte selbstständige Planung, Steuerung und Überwachung der eigenen Tätigkeiten im Gegensatz zum traditionellen Arbeitnehmer, Produktion und Vermarktung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen, bewusste Durchorganisierung von Alltag und Lebensverlauf, häufiges Nutzer moderner Kommunikationstechnologien, geringe rechtliche oder soziale Normierung der Beschäftigung. [15]

Konsequenzen der Ökonomisierung[Bearbeiten]

Als Konsequenz der Ökonomisierung kann die Ausbreitung von Marktprinzipien in andere gesellschaftliche Teilbereiche gesehen werden. Das führt dazu, dass die spezifische Handlungslogik des Systems Wirtschaft in andere Subsysteme (Lebenswelt, Medien, Politik, Recht, Medizin oder Berufswelt, etc.) vordringt und dort ihre Operationen und Orientierung überträgt, welche schädlich für die Funktionslogiken dieses Subsystems sind und gegebenenfalls den Zweck dieses Systems untergräbt. Dies hat zum einen direkte Folgen, etwa die Umorientierung etwa des Subsystems Medizin von dem Ziel Heilung, auf das Ziel der Erbringung abrechnungsfähiger Leistungen. Weiterhin führt diese zur Etablierung einer „Kultur des Unternehmens“ in faktisch allen Lebensbereichen,[16] verbunden auch mit einer Veränderung des professionellen Selbstverständnisses.

Gleichzeitig führt diese Ausbreitung eines „neoliberalen Charakters“ auch zu einer Vergrößerung der Widersprüche im Subjekt: „Sei mobil, aber kümmere dich um Familie und Gemeinwesen, sei teamfähig, aber denke an dein Vorwärtskommen, konsumiere, bis die Schwarte kracht, aber sorge für das Alter vor, misstraue dem Staat, aber gehorche seinen Gesetzen, verachte das Alte, aber schätze die Traditionen, erlerne die Tugenden, aber brich die Regeln, vertraue dem Markt, aber akzeptiere seine Unberechenbarkeit, plane weitsichtig, aber riskiere stets alles. Wer diesen kategorischen Imperativen gehorcht, lebt prekär.“[17]

Ökonomisierung meint nicht nur, dass zusätzlich ökonomische Sichtweisen (Gewinn/Verlust) neben anderen, nicht-wirtschaftlichen Vorgängen bestehen, sondern dass ökonomische Prinzipien die nicht-ökonomischen Prinzipien vollständig überlagern oder ihnen jedenfalls Priorität eingeräumt wird. Das passiert dann, wenn jegliche Grenzziehung zwischen Wirtschaft und dem befallenen Subsystem aufgehoben wird. Subsysteme, wie die Justiz (Recht/Unrecht), Politik (Legitimität/Illegitimität/Macht), Wissenschaft (wahr/unwahr), Medien (Information/Nichtinformation - wobei sich Massenmedien in weitere Teilbereiche unterteilen: z. B. Nachrichten/Berichte, Werbung, etc...), sind dann nicht mehr in der Lage, ihre eigentlichen Funktionen wahrzunehmen, denn diese Subsysteme können in solch einem Fall zwischen sich und anderen nicht mehr unterscheiden (Selbst-/Fremdreferenz)[18], vgl. hierzu Systemtheorie (Luhmann).

Ökonomisierungsstrategien[Bearbeiten]

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Welcher organisatorischen Neuordnungen bedienen sich die Prozesse der Ökonomisierung nun im einzelnen. Nachfolgend ein nicht abschließender Überblick:

  • Effizienzorientierung - Die alleinige und verkürzte Orientierung an der Wirtschaftlichkeit ohne Rücksicht auf die sozialen oder ökologischen Folgen einer Handlung oder eines Vorgehens
  • Gewinnmaximierung - Im Fall der Ökonomisierung meint dies, die Orientierung an einer möglichst starken Steigerung der kurzfristigen Gewinnerzielungsmöglichkeiten eines Unternehmens, ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen. Etwa, indem Forschung und Entwicklung reduziert werden, Investitionen unterlassen werden, Wartung vernachlässigt, aber auch der Versuch Schäden bzw. Kosten zu externalisieren.
  • Outputsteuerung - Die Steuerung eines Systems über die von ihm produzierten Outputs. Etwa der Wandel von Input Steuerung in der Schule durch die Abkehr vom Lehrplänen, die vorschreiben was zu unterrichten ist hin zu Output steuernden Bildungsplänen, die nur die von Schülern zu erreichenden Kompetenzen vorschreiben.
  • Kosten - Nutzen - Kalkühle - die einseitige Orientierung an eine ökonomischen Evaluationsinstrument ohne Rücksicht auf die sozialen, ökologischen oder sonstigen Folgen.
  • Wettbewerb - Daher auch die Etablierung von Pseudo Märkten (vgl. Öffentliche Reformverwaltung), wie dem Handel um Emissionsrechte oder eben die Einführung von Berichten zur Krankenhausqualität oder Hochschulrankings. Daher die Einführung eines Wettbewerbs bezogenen Steuerungsmechanismus, wo vorher etwa administrative Steuerung vorherrschte.
  • Konkurrenzzunahme - Die Einführung neuer Konkurrenten auf bisher geschlossenen oder geregelten Märkten. Zum einen durch die Verbreitung neuer Technologien und damit die auch die Möglichkeit etwa das Befunden von Röntengenbildern von Ärzten in Regionen mit niedrigeren Löhnen erledigen zu lassen, die Auslagerung von Buchhaltung oder Entwicklung und damit die Zunahme von Konkurrenz auch bei Tätigkeiten, die bisher als Berufe der Mittelschicht galten. Zudem die Öffnung von bisher geschützten Berufsgruppen, wie etwa die Möglichkeit selbstständig bestimmte Handwerksberufe ohne Meisterbrief auszuüben.
  • Bepreisung - Die Einführung von Preisen, für Güter die bisher ohne Kosten zur Verfügung standen. Dazu gehört etwa die Einführung von Verschmutzungsrechten im CO2-Handel. Aber auch die Einführung von Wasseruhren, Citymaut, Frequenzspektrum oder den Wandel von Gütern, die bisher keinem oder der Allgemeinheit gehörten, zu solchen, vor deren Nutzung ein Entgelt entrichtet werden muss, etwa Autobahnmaut. Somit die Steuerung des Gebrauchs eines Guts über Preissignale im Gegensatz etwa zu einer dirigistischer Steuerungslogik.
  • Quantifizierung / Rankings - Die Ausweitung von Steuerung von Unternehmen, aber auch der primären ökonomischen Sphäre entzogenen Organisationen wie Hochschulen, Verwaltungen, Hilfsorganisationen oder Kirchen über für diese Bereiche angepasste Balanced Scorecard Systeme, die auch häufig zu einer Reduktion der Komplexität führen. Mit der Gefahr auf eine einseitige Konzentration auf die Kennzahlen oder gar deren Manipulation. Etwa durch die Auflösung von Stillen Reserven in der Bilanz eines Unternehmens, um dem scheidenden Management nochmal einen Bonus zu verschaffen.
  • Verwertbarkeit - Im Bereich der Wissenschaft, die Zunahme an Forschung mit direkter Verwertbarkeit bzw. Evaluationsforschung und die Abkehr von Grundlagenforschung. Die einseitige Orientierung von nicht wirtschaftlichen Systemen an der wirtschaftlichen Verwertbarkeit ihres Handelns.[19]
  • Kommodifizierung - bezeichnet das „zur Ware Werdens“ (vom englischen commodity, Ware), von bisher nicht strukturierten Gütern und Institutionen. In der Informationswissenschaft bedeutet Kommodifizierung die Betrachtung von Informationsobjekten als Waren, aus denen Informationsprodukte hergestellt werden können, für deren Nutzung Gebühren erhoben und die auf Informationsmärkten gehandelt werden können. In die Sozialwissenschaften wird damit die Unterordnung aller Produktionsfaktoren wie Boden, Arbeit und Geld unter das „reine Marktregime“ - der sog. Kommodifizierung - komme es zu einer sozialen Desintegration und zur Ablösung humaner Werte durch einen materialistischen Individualismus (Konsumgesellschaft). In der geographischen Stadtforschung wird mit Kommodifizierung der Prozess der (zunehmenden) Privatisierung zuvor "öffentlicher" Räume bezeichnet.

Fälle von Ökonomisierung[Bearbeiten]

Ein Beispiel ist „[…] die organisatorische Neuordnung staatlicher Verwaltungen, bei der durch interne Rationalisierung und die Übernahme marktpreissimulierter Kosten-Ertrags-Kalküle angestrebt wird, die Qualität öffentlicher Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig deren Produktionskosten zu senken. Ökonomisierungsstrategien wie New Public Management u.Ä. lehnen sich am Modell des privatwirtschaftlichen Konzerns an und kommen vor allem in den öffentlichen Diensten im engeren Sinne (Bildungs- und Gesundheitswesen, Sozialwesen usw.) sowie in den klassischen hoheitlichen Bereichen staatlicher Tätigkeit (Polizei, Steuerwesen, Militär usw.) zur Anwendung. Grundsätzlich gilt dabei das Prinzip der Kostenwahrheit.“[20]

Ein aktuelles Beispiel, marktferne Bereiche wie Bildung, Wissenschaft und Kultur ökonomischen Kriterien zu unterwerfen und nach Kosten-Nutzen-Kalkülen zu bewerten, ist die Reform der britischen Wissenschaftspolitik: Wissenschaftler müssen demnach künftig die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung ("economic and social impact") ihrer Forschungen nachweisen, um Fördermittel zu erhalten.[21] Die universitäre Grundlagenforschung wird dadurch zugunsten der Anwendungsforschung (kommerzielle Produktinnovation) zunehmend aus dem Wissenschaftssystem herausgeschnitten.

Stufen der Ökonomisierung[Bearbeiten]

Schimank und Volkmann (2008)[22] nennen fünf Grade der Ökonomisierung funktional differenzierter gesellschaftlicher Teilsysteme, die sie anhand der Autonomie und gegebener Verlust- und Gewinnziele eines betrachteten Teilsystems definieren. Dadurch versuchen sie, die Durchdringung verschiedener Subsysteme zu einem Zeitpunkt oder eines Subsystems im Zeitverlauf einordnen zu können.

Stufe Bedeutung
1 keinerlei Kostenbewußtsein der Akteueren; Zahlungsfähigkeit ist problemlos gegeben; Akteure können völlig autonom handeln
2 Verlustvermeidung als „Soll-Erwartung“ an die Akteure; ansonsten handeln die Akteure autonom
3 Verlustvermeidung als „Muss-Erwartung“ an die Akteure; Autonomie der Akteure in in Teilen beschnitten (z. B. in Form von Rationierung)
4 Verlustvermeidung als „Muss-Erwartung“ kombiniert mit Gewinnzielen als „Soll-Erwartung“; Akteure sollen ihr Handeln an die Marktgängigkeit anpassen
5 Gewinnerzielung als einziges Ziel des Teilsystems

Empirische Untersuchung von Ökonomisierungsthesen[Bearbeiten]

Ob es tatsächlich eine Ökonomisierung der Gesellschaft gibt, ist umstritten.[23] Eine Worthäufigkeitsanalyse mit dem Google Ngram Viewer des deutsch-französischen Soziologen Steffen Roth hat unlängst herausgearbeitet, dass es sich bei der Diagnose von der Ökonomisierung der Gesellschaft eher um ein semantisches Artefakt denn um eine zutreffende Beschreibung moderner Gesellschaften handeln könnte.[24][25]

Anhänger der Ökonomisierungsthese behaupten dagegen, die reine Worthäufigkeit lasse keinerlei Rückschluss auf die Konnotation oder den Kontext eines Wortes zu, zumal der Google Ngram Viewer eine Sentiment- oder Konkordanzanalyse nicht unterstützt. In theoretischer Hinsicht werde zudem das Problem nicht thematisiert, dass mit zunehmender hegemonialer Wirkmächtigkeit einer Denkweise diese im öffentlichen Sprachgebrauch immer weniger erklärungsbedürftig werde und folglich weniger häufig auftrete. Dieses Argument bleibt dann wiederum die Frage nach seiner empirischen Überprüfbarkeit schuldig.

In diesem Sinne stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit von Ökonomisierungsthesen. Gegenwärtig wird sie etwa im Rahmen eines vom BMBF finanzierten Forschungsprojekts ePol – Verbundprojekt Postdemokratie und Neoliberalismus[26] unter Verwendung von Text Mining Verfahren für die These einer Ökonomisierung der politischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik von 1949 bis 2011 untersucht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, 2003, ISBN 3-89669-555-X.
  2. Schimank, Uwe (2006): Teilsystemische Autonomie und politische Gesellschaftssteuerung ISBN 978-3-531-90102-2 http://www.springer.com/us/book/9783531146843
  3. Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, 3. Aufl., ISBN 3-518-28317-0, S. 18
  4. Selbsttechnologien unter: http://regierungspraktik.twoday.net/topics/Bloggen+als+Selbsttechnologie/
  5. Mona Motakef, Julia Teschlade, Christine Wimbauer in SozBlog: Vom Recht auf einen verlässlichen Feierabend oder: Wie wollen „wir“ leben und arbeiten? unter: http://soziologie.de/blog/2014/07/vom-recht-auf-einen-verlaesslichen-feierabend-oder-wie-wollen-wir-leben-und-arbeiten/#more-3430
  6. Die Ökonomisierung von Zeit im flexiblen Kapitalismus (PDF; 173 kB), Kerstin Jürgens, WSI Mitteilungen 4/2007, Seiten 167–173. Abgerufen am 21. Oktober 2007
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Dezember 2014, "Mensch in der Mangel ": http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/selbstoptimierung-mensch-in-der-mangel-13305118.html
  8. http://www.br.de/puls/themen/leben/apps-zur-selbstoptimierung-100.html
  9. Luc Boltanski,Eve Chiapello (2005):The New Spirit of Capitalism in International Journal of Politics, Culture, and Society, Vol. 18, No. 3/4, The New Sociological Imagination (Spring - Summer, 2005), pp. 161-188 http://www.jstor.org/stable/20059681
  10. Deutschlandradio http://www.deutschlandfunk.de/soziologie-unser-optimiertes-leben.1148.de.html?dram:article_id=290861
  11. http://www.education.gov.uk/schools/performance/
  12. Manfred Röber (2005): „Managerialisierung“ als Herausforderung für die Integrität der öffentlichen Verwaltung https://publishup.uni-potsdam.de/frontdoor/index/index/docId/2021
  13. CHANGING DEVELOPMENTS IN NPM,10.1081/PAD-120014256,International Journal of Public Administration, Ewen Ferlie, Peter Steane CHANGING DEVELOPMENTS IN NPM,10.1081/PAD-120014256,International Journal of Public Administration,Ewen Ferlie,Peter Steane
  14. Otto, H.U./Ziegler, H. (2011): Managerialismus. In: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit (S. 901- 911). München/Basel: Reinhardt
  15. Voß, G.G./Pongratz, H.J. (1998): Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, H. 1, S. 131-158
  16. Gertenbach, Lars (2007): Die Kultivierung des Marktes: Foucault und die Gouvernementalität des Neoliberalismus. Berlin: Parodos., S. 127
  17.  Ulrich Brieler: Der neoliberale Charakter. In: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (Hrsg.): DISS-Journal. 2013 (Online).
  18. Franz Kasper Krönig: Die Ökonomisierung der Gesellschaft: Systemtheoretische Perspektiven, 2007, S. 13.
  19. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Februar 2015: Erst verschwinden die Dörfer, dann wir http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autor-norbert-niemann-zur-lage-der-kultur-13631027.html
  20. Alessandro Pelizzari: Ökonomisierung. In: SocialInfo – Informations sur les politiques sociales en Suisse, Wörterbuch der Sozialpolitik. Abgerufen am 27. Mai 2015.
  21. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2011, S. 8; Artikel Das Vereinigte Königreich verabschiedet die Wissenschaftsfreiheit.
  22.  Uwe Schimank und Ute Volkmann: Die Ökonomisierung der Gesellschaft. In: Andrea Maurer (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 385-386.
  23. Weigel, Tilman (2014) Mythos Ökonomisierung, http://www.statistiker-blog.de/archives/mythos-okonomisierung/4475.html
  24. Roth, S. (2014), Fashionable functions. A Google ngram view of trends in functional differentiation (1800–2000), International Journal of Technology and Human Interaction, Band 10, Nr. 2, S. 34-58 (english; online: http://ssrn.com/abstract=2491422).
  25. Roth, Steffen (2014), There ist no such thing as economized societies, http://steffen-roth.ch/2014/09/04/there-is-no-such-thing-as-economization/
  26. Webauftritt des Projektes ePol. Abgerufen am 27. Mai 2015