Ökonomisierung

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Der Begriff der Ökonomisierung bezeichnet die Ausbreitung des Marktes bzw. seiner Ordnungsprinzipien und Prioritäten auf Bereiche, in denen ökonomische Überlegungen in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Rolle spielten bzw. die solidarisch oder privat organisiert waren; "So werden zunehmend immer mehr Güter und Praktiken, die einst außerhalb der Marktsphäre lokalisiert waren, in „Produkte“ umgewandelt, die über einen Preis auf einem „Markt“ gehandelt werden können"[1]. Ebenso wird damit das Vordringen marktwirtschaftlichen Denkens in die Sphäre der privaten Lebensführung bezeichnet und die Umwertung vieler gesellschaftlicher Sphären durch die "symbolischen Ordnung der Marktgesellschaft"[2] bezeichnet.

Häufig wird synonym der Begriff Kommerzialisierung verwendet. Während Ökonomisierung eher als Begriff für das Eindringen der Logik des Wirtschaftsystems in andere Subsysteme darstellt, wird mit Kommerzialisierung eher die wirtschaftliche Verwertung bereits bestehender Leistungen oder Güter bezeichnet. Ökonomisierung bezieht sich daher auf eine Veränderung des Denkens, Kommerzialisierung auf eine Veränderung des Handelns.

Konsequenzen der Ökonomisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Konsequenz der Ökonomisierung kann die Ausbreitung von Marktprinzipien in andere gesellschaftliche Teilbereiche gesehen werden. Das führt dazu, dass die spezifische Handlungslogik des Systems Wirtschaft in andere Subsysteme (Lebenswelt, Medien, Politik, Recht, Medizin oder Berufswelt, etc.) vordringt und dort ihre Operationen und Orientierung überträgt, welche schädlich für die Funktionslogiken dieses Subsystems sind und gegebenenfalls den Zweck dieses Systems untergräbt. Dies hat zum einen direkte Folgen, etwa die Umorientierung etwa des Subsystems Medizin von dem Ziel Heilung, auf das Ziel der Erbringung abrechnungsfähiger Leistungen. Weiterhin führt diese zur Etablierung einer „Kultur des Unternehmens“ in faktisch allen Lebensbereichen,[3] verbunden auch mit einer Veränderung des professionellen Selbstverständnisses.

Gleichzeitig führt diese Ausbreitung eines „neoliberalen Charakters“ auch zu einer Vergrößerung der Widersprüche im Subjekt: „Sei mobil, aber kümmere dich um Familie und Gemeinwesen, sei teamfähig, aber denke an dein Vorwärtskommen, konsumiere, bis die Schwarte kracht, aber sorge für das Alter vor, misstraue dem Staat, aber gehorche seinen Gesetzen, verachte das Alte, aber schätze die Traditionen, erlerne die Tugenden, aber brich die Regeln, vertraue dem Markt, aber akzeptiere seine Unberechenbarkeit, plane weitsichtig, aber riskiere stets alles. Wer diesen kategorischen Imperativen gehorcht, lebt prekär.“[4]

Ökonomisierung meint nicht nur, dass zusätzlich ökonomische Sichtweisen (Gewinn/Verlust) neben anderen, nicht-wirtschaftlichen Vorgängen bestehen, sondern dass ökonomische Prinzipien die nicht-ökonomischen Prinzipien vollständig überlagern oder ihnen jedenfalls Priorität eingeräumt wird. Das passiert dann, wenn jegliche Grenzziehung zwischen Wirtschaft und dem befallenen Subsystem aufgehoben wird. Subsysteme, wie die Justiz (Recht/Unrecht), Politik (Legitimität/Illegitimität/Macht), Wissenschaft (wahr/unwahr), Medien (Information/Nichtinformation - wobei sich Massenmedien in weitere Teilbereiche unterteilen: z. B. Nachrichten/Berichte, Werbung, etc...), sind dann nicht mehr in der Lage, ihre eigentlichen Funktionen wahrzunehmen, denn diese Subsysteme können in solch einem Fall zwischen sich und anderen nicht mehr unterscheiden (Selbst-/Fremdreferenz)[5], vgl. hierzu Systemtheorie (Luhmann).

Fälle von Ökonomisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Beispiel ist „[…] die organisatorische Neuordnung staatlicher Verwaltungen, bei der durch interne Rationalisierung und die Übernahme marktpreissimulierter Kosten-Ertrags-Kalküle angestrebt wird, die Qualität öffentlicher Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig deren Produktionskosten zu senken. Ökonomisierungsstrategien wie New Public Management u.Ä. lehnen sich am Modell des privatwirtschaftlichen Konzerns an und kommen vor allem in den öffentlichen Diensten im engeren Sinne (Bildungs- und Gesundheitswesen, Sozialwesen usw.) sowie in den klassischen hoheitlichen Bereichen staatlicher Tätigkeit (Polizei, Steuerwesen, Militär usw.) zur Anwendung. Grundsätzlich gilt dabei das Prinzip der Kostenwahrheit.“[6]

Ein aktuelles Beispiel, marktferne Bereiche wie Bildung, Wissenschaft und Kultur ökonomischen Kriterien zu unterwerfen und nach Kosten-Nutzen-Kalkülen zu bewerten, ist die Reform der britischen Wissenschaftspolitik: Wissenschaftler müssen demnach künftig die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung ("economic and social impact") ihrer Forschungen nachweisen, um Fördermittel zu erhalten.[7] Die universitäre Grundlagenforschung wird dadurch zugunsten der Anwendungsforschung (kommerzielle Produktinnovation) zunehmend aus dem Wissenschaftssystem herausgeschnitten. Gleichzeitig kann Ökonomisierung im Bildungswesen dazu führen, dass formale Aspekte wie die Anzahl der Veröffentlichungen gegenüber inhaltlichen Punkten in den Vordergrund treten.[8]

Der für ein demokratisches Staatswesen so wichtige Journalismus[9] steht ebenfalls unter einem Ökonomisierungsdruck. Vor allem die Digitalisierung trägt dazu bei.[10] Es ist zu befürchten, dass die Funktionsfähigkeit des Journalismus darunter leidet[11].

Stufen der Ökonomisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schimank und Volkmann (2008)[12] nennen fünf Grade der Ökonomisierung funktional differenzierter gesellschaftlicher Teilsysteme, die sie anhand der Autonomie und gegebener Verlust- und Gewinnziele eines betrachteten Teilsystems definieren. Dadurch versuchen sie, die Durchdringung verschiedener Subsysteme zu einem Zeitpunkt oder eines Subsystems im Zeitverlauf einordnen zu können.

Stufe Bedeutung
1 keinerlei Kostenbewußtsein der Akteueren; Zahlungsfähigkeit ist problemlos gegeben; Akteure können völlig autonom handeln
2 Verlustvermeidung als „Soll-Erwartung“ an die Akteure; ansonsten handeln die Akteure autonom
3 Verlustvermeidung als „Muss-Erwartung“ an die Akteure; Autonomie der Akteure in Teilen beschnitten (z. B. in Form von Rationierung)
4 Verlustvermeidung als „Muss-Erwartung“ kombiniert mit Gewinnzielen als „Soll-Erwartung“; Akteure sollen ihr Handeln an die Marktgängigkeit anpassen
5 Gewinnerzielung als einziges Ziel des Teilsystems

Empirische Untersuchung von Ökonomisierungsthesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob es tatsächlich eine Ökonomisierung der Gesellschaft gibt, ist umstritten.[13] Eine Worthäufigkeitsanalyse mit dem Google Ngram Viewer des deutsch-französischen Soziologen Steffen Roth hat herausgearbeitet, dass es sich bei der Diagnose von der Ökonomisierung der Gesellschaft eher um ein semantisches Artefakt denn um eine zutreffende Beschreibung moderner Gesellschaften handeln könnte.[14][15]

Anhänger der Ökonomisierungsthese behaupten dagegen, die reine Worthäufigkeit lasse keinerlei Rückschluss auf die Konnotation oder den Kontext eines Wortes zu, zumal der Google Ngram Viewer eine Sentiment- oder Konkordanzanalyse nicht unterstützt. In theoretischer Hinsicht werde zudem das Problem nicht thematisiert, dass mit zunehmender hegemonialer Wirkmächtigkeit einer Denkweise diese im öffentlichen Sprachgebrauch immer weniger erklärungsbedürftig werde und folglich weniger häufig auftrete. Dieses Argument bleibt dann wiederum die Frage nach seiner empirischen Überprüfbarkeit schuldig.

In diesem Sinne stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit von Ökonomisierungsthesen. Gegenwärtig wird sie etwa im Rahmen eines vom BMBF finanzierten Forschungsprojekts ePol – Verbundprojekt Postdemokratie und Neoliberalismus[16] unter Verwendung von Text Mining Verfahren für die These einer Ökonomisierung der politischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik von 1949 bis 2011 untersucht.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, 2003, ISBN 3-89669-555-X.
  2. Schimank, Uwe (2006): Teilsystemische Autonomie und politische Gesellschaftssteuerung ISBN 978-3-531-90102-2 http://www.springer.com/us/book/9783531146843
  3. Gertenbach, Lars (2007): Die Kultivierung des Marktes: Foucault und die Gouvernementalität des Neoliberalismus. Berlin: Parodos., S. 127
  4. Ulrich Brieler: Der neoliberale Charakter. In: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (Hrsg.): DISS-Journal. 2013 (Online).
  5. Franz Kasper Krönig: Die Ökonomisierung der Gesellschaft: Systemtheoretische Perspektiven, 2007, S. 13.
  6. Alessandro Pelizzari: Ökonomisierung. In: SocialInfo – Informations sur les politiques sociales en Suisse, Wörterbuch der Sozialpolitik. Abgerufen am 27. Mai 2015.
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2011, S. 8; Artikel Das Vereinigte Königreich verabschiedet die Wissenschaftsfreiheit.
  8. Oliver Fohrmann: Im Spiegel des Geldes. Bildung und Identität in Zeiten der Ökonomisierung. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3583-6.
  9. Marie Luise Kiefer 2011: Die schwierige Finanzierung des Journalismus
  10. Christian Schäfer-Hock 2015: Der Ökonomisierungssprung des Journalismus im digitalen Zeitalter. Identifizierung eines Umbruchs mittels klarer Indikatoren doi:10.5771/9783845264868-164
  11. Rudolf Gerhardt, Hans Mathias Kepplinger und Marcus Maurer 2005: Klimawandel in den Redaktionen
  12. Uwe Schimank und Ute Volkmann: Ökonomisierung der Gesellschaft. In: Andrea Maurer (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 385–386.
  13. Weigel, Tilman (2014) Mythos Ökonomisierung, http://www.statistiker-blog.de/archives/mythos-okonomisierung/4475.html
  14. Roth, S. (2014), Fashionable functions. A Google ngram view of trends in functional differentiation (1800–2000), International Journal of Technology and Human Interaction, Band 10, Nr. 2, S. 34-58 (english; online: http://ssrn.com/abstract=2491422).
  15. Roth, S., C. Clark, and J. Berkel (2016), The Fashionable Functions Reloaded. An Updated Google Ngram View of Trends in Functional Differentiation. In: Mesquita, A. (Ed.) Research Paradigms and Contemporary Perspectives on Human-Technology Interaction. Hershey: IGI-Global, forthcoming. (english; online: http://ssrn.com/abstract=2798759).
  16. Webauftritt des Projektes ePol. Abgerufen am 27. Mai 2015