Adolphe Thiers

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Adolphe Thiers, Aufnahme Nadar
Adolphe Thiers

Louis Adolphe Thiers (* 16. April 1797 in Marseille; † 3. September 1877 in Saint-Germain-en-Laye) war ein französischer Politiker und Historiker. Von 1830 bis 1851 sowie von 1863 bis 1877 gehörte er dem französischen Parlament an.

Herkunft und Jugend[Bearbeiten]

Thiers wurde in einer Beamtenfamilie geboren: Sein Vater Pierre-Louis-Marie Thiers, ein Beamter des Stadtarchivs, später Unternehmer, war der älteste Sohn des früheren Bürgermeisters und Parlamentsadvokaten Louis-Charles Thiers. Seit 1806 besuchte er das Lyzeum seiner Heimatstadt, 1815 begann er in Aix-en-Provence Jura zu studieren. 1820 wurde er als Rechtsanwalt zugelassen, fühlte sich jedoch mehr zur Literatur als zum Anwaltsberuf hingezogen und beschäftigte sich in seiner Freizeit auch mit historischen Studien[1].

Leben[Bearbeiten]

Thiers lebte ab 1821 in Paris und schloss sich dort liberalen Kreisen an. Talleyrand wurde sein Förderer. Schnell stieg Thiers zum wichtigsten Journalisten des Constitutionnel auf, des wichtigsten Blattes der liberalen Bewegung. Später wurde er Mitbegründer der radikaleren liberalen Zeitung Le National, die eine konstitutionelle Monarchie forderte und damit zum Sprachrohr der Julirevolution 1830 wurde. Mit der Veröffentlichung von Thiers’ Geschichte der französischen Staatsumwälzung (Histoire de la Révolution française) (1823 bis 1827) begann allgemein eine neue, positivere Sichtweise der französischen Revolution; Thiers war vor allem ein Bewunderer Napoleons.

1830 war Thiers der entscheidende Fürsprecher der Herrschaftsübernahme durch den „Bürgerkönig“ Louis Philippe. Bei der auf die Revolution folgenden Wahl wurde Thiers zum Abgeordneten gewählt und in den Staatsrat entsandt. In den Jahren 1832 bis 1836 bekleidete Thiers nacheinander mehrere Ministerämter. Vom 22. Februar bis zum 5. September 1836 sowie vom 1. März bis zum 28. Oktober 1840 war er Ministerpräsident. Die innenpolitische Krise suchte er durch außenpolitische Erfolge zu überspielen. In der Orientkrise unterstützte Frankreich unter Thiers die ägyptischen Separationsbestrebungen, musste jedoch wegen der entschiedenen Haltung der verbündeten Großmächte Großbritannien, Russland, Preußen und Österreich einlenken. Von diesem Misserfolg sollte mit der Rheinkrise abgelenkt werden, die durch französische Forderungen nach dem Rhein als französischer Ostgrenze ausgelöst wurde. Die Ausweitung des französischen Einflusses bis an den Rhein sowie im Mittelmeer waren Thiers’ zentrale politische Forderungen. Nicht zuletzt dadurch geriet er in Konflikt mit dem König und mit großbürgerlichen Kreisen, worauf er im Oktober 1840 – nach den Misserfolgen in der Orientkrise und der Rheinkrise [2] – zurücktreten musste und ins oppositionelle Lager wechselte. Allerdings wandte sich Thiers noch stärker gegen die radikale republikanische Linke als gegen Louis Philippe und Ministerpräsident François Guizot.

Nach dem Sturz Louis Philippes 1848 verfolgte Thiers eine liberal-konservative Politik und bekämpfte die politische Linke. In seinen Vorstellungen von einer „konservativen Republik“ wandte er sich unter anderem gegen das 1848 eingeführte allgemeine Wahlrecht und befürwortete einen großen Einfluss der katholischen Kirche im Bildungswesen.

Thiers hielt zwar Napoleon Bonaparte für einen großen Mann, weigerte sich jedoch, dessen Neffen Napoleon III. bei seinem Staatsstreich zu unterstützen. Dafür wurde er 1851 verhaftet und ins Exil getrieben. Von seiner Rückkehr ins Parlament 1863 an avancierte Thiers zur Leitfigur der liberalen Opposition gegen Kaiser Napoleon III. Vor dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 gehörte er zu den entschiedensten Kriegsgegnern. Der Regierung der nationalen Verteidigung blieb er fern, unternahm jedoch im im Auftrag ihres Außenministers Jules Favre im Herbst 1870 eine letztlich erfolglose sechswöchige Reise in verschiedene europäische Hauptstädte (u.a. London und Sankt Petersburg) mit dem Ziel, Unterstützung für die französische Seite zu organisieren[1]. Thiers wurde wegen seiner Haltung während der Belagerung von Paris durch die deutschen Truppen vor allem von linker und linksextremer Seite vorgeworfen, die Sache Frankreichs zu verraten. Am 17. Februar 1871 wurde er von der am 8. Februar gewählten Nationalversammlung zum „Chef der Exekutive“ gewählt und - zusammen mit Favre - mit der Führung der Friedensverhandlungen mit Otto von Bismarck beauftragt. Um die Putschgefahr durch die das Wahlergebnis nicht respektierenden Teile der Pariser Nationalgarde und ihres Führungspersonals zu verringern, befahl Thiers der Armee, sich wieder in den Besitz der zuvor gestohlenen rund 400 Kanonen zu setzen, was jedoch scheiterte und den Aufstand der Pariser Kommune unmittelbar auslöste. Ende Mai 1871 wurde dieser Aufstand von den verfassungsmäßigen Gewalten Frankreichs unter seiner Leitung niedergeschlagen. Inwieweit die dabei angewandte Gewalt diejenige, mit welcher die Kommune gegen inneren Widerstand vorging, bei weitem übertraf[3] oder ob sie angesichts der Tatsache, dass die Versailler Truppen in weiten Teilen der Stadt als Befreier und als Retter vor "der Schreckensherrschaft von Banditen" und ihrer allgemeinen Brandstiftung im Angesicht der Niederlage begrüßt wurden[4],in ihrem Ausmaß nachvollziehbar war, ist eine Frage der persönlichen und politischen Perspektive.

Karl Marx kritisierte Thiers in extremster Weise als prinzipien- und skrupellosen Opportunisten, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen sei. In seiner Adresse der 1. Internationale zum „Französischen Bürgerkrieg“ schrieb er: „Thiers war konsequent nur in seiner Gier nach Reichtum und in seinem Hass gegen die Leute, die ihn hervorbringen. Er trat in sein erstes Ministerium unter Louis-Philippe arm wie Hob [Hiob]; er verließ es als Millionär.“[5] Andererseits beweist das Wahlergebnis vom 8. Februar, dass Thiers damals der mit gewaltigem Abstand populärste Staatsmann Frankreichs war: Er wurde in 26 Départements gewählt (darunter auch in Paris, wo er das Mandat annahm), was eine einmalige Ausnahme darstellt[1].

Am 31. August 1871 wurde Thiers der erste Staatspräsident der Dritten Republik und behielt sein Amt bis 1873. Da die Royalisten in der Nationalversammlung die Mehrheit stellten und Thiers - obwohl zuvor Befürworter einer konstitutionellen Monarchie - sich für die Beibehaltung der Republik aussprach, musste er am 23. Mai 1873 zurücktreten. 1875 wurde Thiers in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Als 1877 die Regierung seines Nachfolgers Patrice de Mac-Mahon zerbrach und sich die republikanische endgültig gegen die royalistische Fraktion durchsetzte, galt Thiers erneut als aussichtsreichster Kandidat für das Präsidentenamt. Er starb jedoch während des Wahlkampfs im Alter von 80 Jahren am 3. September 1877 in Saint-Germain-en-Laye und wurde in einer Grabkapelle auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris beigesetzt.

Werke[Bearbeiten]

  • Histoire de la Révolution française. Paris: Lecointe et Durey 1823–1827 (dt.: Geschichte der französischen Staatsumwälzung) online
  • Histoire du Consulat et de l’Empire, faisant suite à l’Histoire de la Révolution française. Paris, Paulin 1845–1862. (dt.: Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs, 1843–1864; Reprint Hamburg, VRZ-Verlag ISBN 3-931482-22-7)
  • De la propriété. Paris: Paulin, Lheureux et Cie, 1848 (dt.: Über das Eigentum. Mannheim, 1848; Reprint Hamburg, VRZ-Verlag ISBN 3-931482-21-9)
  • Histoire de Law. Paris: Michel-Lévy frères, 1858
  • Discours parlementaires. Paris: C. Lévy, 1879–1889 (16 Bände, herausgegeben von Marc-Antoine Calmon)
  • Notes et souvenirs de M. Thiers, 1870–1873. Voyage diplomatique, proposition d’un armistice, préliminaires de la paix, présidence de la République. Herausgegeben von Félicie Dosne. Paris: Calmann-Lévy, 1903 (Neuausgabe Mémoires 1870–1873: voyage diplomatique, proposition d’un armistice, préliminaires de la paix, présidence de la République. Clermont-Ferrand: Paleo, 2003; herausgegeben von Philippe Larochette; ISBN 2-84909-018-2)
  • Occupation et libération du territoire, 1871–1873. Correspondances. Paris: Calmann-Lévy, 1903 (2 Bände)
  • 1841–1865. Correspondances. M. Thiers à Mme Thiers et à Mme Dosne. Mme Dosne à M. Thiers. Paris, 1904 (herausgegeben von Félicie Dosne)

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Christophe: Le siècle de Monsieur Thiers. Paris: Pr. de France, 1966
  • Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1983 (hrsg. von Friedrich Engels)
  • Alexandre Laya: Etudes historiques sur la vie privée, politique et littéraire de M. A. Thiers; histoire de quinze ans: 1830–1846. Paris: Furne, 1846
  • François J. Le Goff: The life of Louis Adolphe Thiers, translated from the unpublished manuscript by Th. Stanton. New York: Putnam’s Sons, 1879
  • Paul de Rémusat: A. Thiers. Paris: Hachette et cie, 1889
  • Henri Doniol: M. Thiers, le comte de Saint Vallier, le général de Manteuffel; libération du territoire 1871–1873, documents inédits. Paris: A. Colin et cie, 1898
  • Pierre F. Simon: Adolphe Thiers, chef du pouvoir exécutif et président de la République française. Paris: Cornély et cie, 1911
  • Daniel Halévy: Le courrier de M. Thiers d’après les documents conservés au Département des manuscrits de la Bibliothèque nationale. Paris: Payot, 1921
  • John M. S. Allison, Thiers and the French monarchy, Boston-New York: Houghton Mifflin, 1926.
  • Eurydice Dosne: Mémoires de Madame Dosne, l’Égérie de M.Thiers publiés avec une introduction et des notes par H. Malo, 2 vol. Paris: Plon, 1928
  • Hyacinthe Chobaut, Jean de Servières: Les Origines de M. Thiers. Marseille: Institut historique de Provence, 1930
  • Robert Dreyfus: La république de Monsieur Thiers (1871–1873). Paris: Gallimard, 1930.
  • John M. S. Allison: Monsieur Thiers. New York: Norton, 1932
  • Henri Malo: Thiers 1797–1877. Paris: Payot, 1932
  • Georges Lecomte: Thiers. Paris: Dunod, 1933
  • Jean Lucas-Dubreton: Aspects de Monsieur Thiers. Paris: Fayard, 1948
  • Charles Pomaret: Monsieur Thiers et son siècle. Paris: Gallimard 1948
  • Georges Roux: Thiers.. Paris: Nouvelles éditions latines, 1948
  • François Charles-Roux: Thiers et Méhémet-Ali. Paris: Plon, 1951
  • Robert Marquant: Thiers et le baron Cotta, étude sur la collaboration de Thiers à la “Gazette d’Augsbourg”. Paris: PUF, 1959
  • Robert Christophe: Le siècle Monsieur Thiers. Paris: Perrin, 1966
  • Henri Guillemin: L’avènement de M. Thiers et Réflexions sur la Commune. Paris: Gallimard, 1971
  • René Albrecht-Carrié: Adolphe Thiers or The triumph of the bourgeoisie. Boston: Twayne Publishers, 1977 (ISBN 0805777172)
  • John P. T. Bury, Robert P. Tombs: Thiers, 1797–1877: a political life. London: Allen & Unwin, 1986 (ISBN 0049440136)
  • Pierre Guiral: Adolphe Thiers ou De la nécessité en politique. Paris: Fayard, 1986 (ISBN 2213018251)
  • Jean Walch: Les maîtres de l’histoire, 1815–1850: Augustin Thierry, Mignet, Guizot, Thiers, Michelet, Edgard Quinet. Genf: Slatkine, 1986 (ISBN 2051007195)
  • Frédéric Martel: Philosophie du droit et philosophie politique d’Adolphe Thiers. Paris: LGDJ, 1995 (ISBN 2275002529)
  • Monsieur Thiers d’une République à l’autre, actes du colloque tenu à l’Académie des sciences, lettres et arts de Marseille, Marseille, 14 novembre 1997. Paris: Publisud, 1998 (ISBN 2866007034)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Französische Nationalversammlung: Biografien ehemaliger Abgeordneter: Marie, Joseph, Louis, Adolphe THIERS (französisch), o.D., abgerufen am 1. Juli 2015.
  2. http://germanistory.worteinheiten.de/wiss/juli.htm
  3. Berlin, Isaiah. Karl Marx: His Life and Environment. London 1952, S. 240.
  4. Wilhelm Oncken: Das Zeitalter des Kaisers Wilhelm. (Einzelausgabe: ISBN 978-3-8460-3638-9) in: Oncken, W. (Hg.): Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen, Vierte Hauptabteilung, Sechster Teil, 2. Band, Berlin: Grote, 1890 und öfter, S. 357 und S. 366 bis 368.
  5. http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Adolphe Thiers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Beim kleinen Thiers – in Die Gartenlaube (1867), Heft 19, S. 297–300
 Wikisource: Adolf Thiers – in Hottinger’s Volksblatt 1878, Nr. 6, S. 41–44
 Wikisource: Adolphe Thiers – Quellen und Volltexte (französisch)