Amöbenruhr

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Klassifikation nach ICD-10
A06.0 Akute Amöbenruhr
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Die Amöbenruhr, eine Form der Amöbiasis, ist eine Infektion des Darmes mit dem 1883 von Stephanos Kartulis[1] entdeckten Erreger Entamoeba histolytica.

Erreger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entamoeba histolytica (Magna-Form mit phagozytierten Erythrozyten)

Amöbiasis wird von einer Amöbe (Wechseltierchen) der Art Entamoeba histolytica verursacht. Die Krankheitserreger leben im Nahrungsbrei des menschlichen Dickdarms und vermehren sich ungeschlechtlich durch Zellteilung.

Der Erreger kann neben einkernigen vegetativen Formen (Trophozoiten), die vor allem den oberen Dickdarm besiedeln, auch als sehr widerstandsfähige Dauerformen Zysten im unteren Dickdarm bilden, die typischerweise vierkernig sind. Er kann im Dickdarm verbleiben – unter Umständen jahrelang ohne jegliche Krankheitsanzeichen zu verursachen. Ausgeschieden wird er mit dem Stuhl, vornehmlich in Form der Zysten – bis zu 500 Millionen pro Tag. Der Infizierte ist damit gleichzeitig auch Überträger. Die ausgeschiedene Dauerform kann im Unterschied zur vegetativen Form in der Außenwelt monatelang infektiös bleiben.

Von der kleineren „Minutaform“ der Trophozoiten, die nicht zum klinischen Bild der Amöbenruhr führt, ist die bis 50 Mikrometer große pathogene „Magnaform“ abzugrenzen, die Erythrozyten phagozytieren kann. Aus bisher unbekannten Gründen können sich die Erreger verändern und neben veränderter DNA ein verändertes Enzymmuster zeigen. Infolge verschiedener Pathogenitätsfaktoren wie bestimmter Oberflächenrezeptoren, porenbildender Enzyme sowie Zysteinproteasen, die die extrazelluläre Matrix des Colons zersetzen, kommt es zum Vollbild der Amöbenruhr. Dabei können in seltenen Fällen infolge einer chronischen granulomatösen Entzündungsreaktion druckempfindliche Geschwulste in der Darmwand entstehen, ein sogenanntes Amöbom.

Infektion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Histologische Aufnahme einer Amöbeninfektion im Darmgewebe

In den Dickdarm gelangen die Erreger meistens als Zysten, und zwar durch orale Aufnahme von verunreinigtem Wasser, ungewaschenem Obst oder Gemüse oder auf einem analen Übertragungsweg.

Bei 90 Prozent der Menschen verursacht eine Infektion keine Beschwerden, sie können die Erreger jedoch übertragen.

Krankheitssymptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Amöbenruhr ist eine Infektionskrankheit, die sich durch blutigen und schleimigen „himbeergeleeartigen“ Stuhl (Kot) verbunden mit Durchfall, Bauchschmerzen, Fieber (teilweise hoch) und Krämpfen nach einer Inkubationszeit von 1 bis 7 Tagen bemerkbar macht. Bei starker Erkrankung können 40–50 Stuhlentleerungen pro Tag vorkommen, wobei in dieser Phase durch heftige und schmerzhafte Krämpfe fast nur noch Schleim ausgeschieden wird.

Eine geschwürige Entzündung des Dickdarms ist für diese Symptome verantwortlich. Wenn es den Amöben schließlich gelingt, die Darmschleimhaut zu durchdringen, gelangen sie ins Blut. Vom Blut werden sie in die Leber und in andere innere Organe transportiert, z. B. ins Zentralnervensystem, ins Herz, in die Milz oder die Harnorgane. Dort können sie durch die Zerstörung des Gewebes Geschwüre hervorrufen, z. B. einen Leberabszess und innere Blutungen. Wird die Ursache dieser Auswirkungen nicht rechtzeitig erkannt, kann der Erkrankte daran sterben.

Vorkommen der Krankheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Amöbenruhr ist weltweit verbreitet, kommt aber insbesondere in tropischen und subtropischen Gebieten vor, z. B. Kenia, Bangladesch, Indonesien, Thailand, Indien und Vietnam.

Ungeschältes Obst und Gemüse, Eiswürfel und Eis sollte in diesen Gebieten gemieden werden. Auch zum Zähneputzen sollten Reisende in tropischen Ländern nur Mineralwasser oder aber Wasser verwenden, das mindestens fünf Minuten gekocht wurde. Die herkömmliche Trinkwasserentkeimung durch Chlorung reicht nicht aus, um die Amöben abzutöten.

Diagnose und Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erreger können durch eine mikroskopische Untersuchung des Kotes festgestellt werden. Zu beachten ist die Möglichkeit einer Verwechslung der Minuta-Form mit der eng verwandten Amöbe Entamoeba dispar, die nur Durchfälle auslöst.

Durchfälle mit Blut- bzw. Schleimbeimengungen sollten grundsätzlich ärztlich untersucht und diagnostiziert werden, da auch andere ernsthafte Infektionen dafür verantwortlich sein können. Sowohl die Zystenform als auch die Magnaform können im Stuhl nachgewiesen werden. Da die Magnaform aber sehr empfindlich ist und schnell zerstört werden kann, muss frischer Stuhl untersucht werden. Die Amöbenruhr wird vor allem mit Antibiotika (insbesondere Metronidazol) behandelt. Asymptomatische Träger werden mit Paromomycin oder Diloxanidfuroat behandelt.[2] Bei rechtzeitiger Einnahme heilt die Erkrankung rasch aus. Ist es allerdings schon zu Abszessen in der Leber o. ä. gekommen, müssen über einen längeren Zeitraum Medikamente (Metronidazol, gefolgt von Paromomycin oder Diloxanidfuroat) genommen werden. Eventuell ist auch eine Operation erforderlich. Abszesse bzw. Organbefall können durch Sonografie oder Computertomografie nachgewiesen werden.

Wortherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Ruhr wurde aus dem altgermanischen Verbrüeren, ruoren“ abgeleitet. Das Substantiv bezeichnete später im Besonderen die heftige Bewegung im Unterleib.[3][4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Köhler: Infektionskrankheiten. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 667–671; hier: S. 670.
  2. Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 289.
  3. RuhrDuden, Bibliographisches Institut; 2016.
  4. Duden, Das Herkunftswörterbuch, 4. Auflage; Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich; 2006; ISBN 978-3-411-04074-2.