Amerikanischer Exzeptionalismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Beim Amerikanischen Exzeptionalismus (englisch American Exceptionalism) handelt es sich um eine Theorie, nach der die Vereinigten Staaten von Amerika eine Sonderstellung innerhalb der entwickelten Industrienationen einnehmen.

Historische Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die noch heute vielfach rezipierte Amerikastudie De la démocratie en Amérique (zwei Bände, Paris 1835/1840) des Politikers und Publizisten Alexis de Tocqueville gilt als Grundlage der Theorie vom American Exceptionalism.

Sämtliche Subsysteme der amerikanischen Gesellschaft – etwa Verfassung, Politik, Wirtschaft, Rechtswesen, Sozialsystem, Religionswesen sowie das gesellschaftsübergreifende Wertesystem (Ideologie) – ließen sich demnach nur durch USA-spezifische Faktoren erklären, die sich aus der besonderen Geschichte des Landes ergäben. Die späte Besiedlung durch europäische Einwanderer, deren politische, wirtschaftliche und religiöse Selbstbefreiung vom Kolonialismus (Amerikanische Revolution), der (mit Frankreich geteilte) Status als Pioniernation der modernen, laizistischen Demokratie, die mit der Sklavenhaltung und ihrer späteren Abschaffung zusammenhängenden sozialhistorischen Entwicklungen sowie die Tatsache, dass auf dem Boden der USA seit dem Bürgerkrieg kein Krieg mehr stattgefunden hat, hätten sich der amerikanischen Gesellschaft so stark aufgeprägt, dass ein Vergleich mit den westeuropäischen Gesellschaften mithilfe übergreifender, also allgemeiner Kriterien und Theorien unfruchtbar bleiben müsse.

Politische Doktrin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noam Chomsky weist darauf hin, dass bereits 1630 John Winthrop in seiner Predigt Model of Christian Charity die den Evangelien entlehnte Formulierung „Stadt auf dem Hügel“ verwandte, als er die Zukunft einer neuen, „von Gott bestimmten“ Nation entwarf. Winthrop war Gouverneur der Massachusetts Bay Colony, die 1629 in ihrem Siegel einen Indianer zeigt, der die englischen Puritaner bat, ihm zu Hilfe „herüberzukommen“, d. h. seine Seele durch die Bekehrung zum Christentum zu retten.[1] Über die Doktrin der Manifest Destiny („offensichtliche Bestimmung“) des 19. Jahrhunderts hat sich das Sendungsbewusstsein für Christentum, Demokratie und Menschenrechte nach amerikanischer Prägung entwickelt, das der Rechtfertigung eines skrupellosen Imperialismus dient.

1898 rief Senator Henry Cabot Lodge senior dazu auf, den kubanischen Unabhängigkeitskampf zu unterstützen,[2] denn die Kubaner bäten Amerika mit den Worten des Großen Siegels darum: „Komm herüber und hilf uns!“[3]

In einer Studie entwickelte Hans Morgenthau 1964 die These, die USA hätten eine „transzendente Bestimmung“, weltweit für Frieden und Freiheit zu sorgen, da „der Schauplatz, auf dem die Vereinigten Staaten ihre Bestimmung verteidigen und fördern müss, global geworden ist.“ Er räumte zwar ein, dass die historischen Fakten im Widerspruch zu diesen Idealen standen, doch dürfe man sich dadurch nicht täuschen lassen, sondern solle sich hüten, „den Missbrauch der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln“. Die Wirklichkeit sei vielmehr die unvollendete Mission, die sich offenbare „in der Evidenz der Geschichte, wie unsere Geschichte sie widerspiegelt“.[4]

Roger Cohen schreibt 2009, dass „Amerika aus einer Idee geboren wurde und deshalb den Auftrag habe, diese Idee zu verbreiten“. Die inspirierende Vorstellung von der Geburt des Landes als Stadt auf dem Hügel sei tief in der amerikanischen Seele verwurzelt und äußere sich in „dem unverwechselbaren Geist des amerikanischen Individualismus und Unternehmungsgeistes“.[5]

Dick Cheney, der in seiner Zeit als Vizepräsident der USA den Irak-Krieg mit herbeiführte und Folter als Verhörmethode rechtfertigte[6], veröffentlichte 2015 gemeinsam mit seiner Tochter Liz ein Buch, in dem sie aus der einzigartigen Rolle, die die USA im Zweiten Weltkrieg spielten, eine Pflicht zur Verteidigung der Freiheit in aller Welt ableiteten und dass Amerika „die machtvollste, gute und ehrenwerte Nation in der Geschichte der Menschheit, die Ausnahme-Nation“ sei.[7]

Im 21. Jahrhundert bezeichnet amerikanischer Exzeptionalismus die politische Kernideologie der USA.[8][9] Er drückt sich, wie Stephen Kinzer schreibt, auch darin aus, dass die USA die einzigen in der Geschichte der Neuzeit sind, die überzeugt sind, dass sie Gottes Werk verrichten, indem sie ihr politisches und wirtschaftliches System anderen bringen.[10] Wegen ihrer Einzigartigkeit seien die USA an völkerrechtliche Vereinbarungen grundsätzlich nur insoweit gebunden, wie ihnen dies nützt.[11] Auch ließen sich ihre Taten grundsätzlich nicht nach den moralischen Normen bewerten, nach denen die USA die Taten anderer Nationen bewerten. Denn es könne grundsätzliche keine „moralische Äquivalenz“ zwischen den USA und anderen Staaten in der Bewertung ihrer Taten geben, da sich Verbrechen von ‚wesenhaft Guten‘ nicht mit Maßstäben bewerten ließen, die man an Verbrechen von ‚wesenhaft Schlechten‘ anlegt. Folglich mögen die USA zwar gelegentlich ‚Fehler‘ machen, können jedoch aus grundsätzlichen Gründen keine Kriegsverbrechen begehen – weder in Vietnam, noch im Irak oder in Syrien. Und aus ebenso grundsätzlichen Gründen können sie auch keine Zivilisten ermorden, sondern Zivilisten sterben einfach als ‚kollaterale‘ Folge bester Intentionen. Da die USA wesenhaft gut seien, entzögen sich ihre Taten auch grundsätzlich einer Bewertung nach völkerrechtlichen Normen.[12]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Noam Chomsky war das amerikanische Sendungsbewusstsein von Anfang an, also schon bei der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents, nichts als eine Ideologie, um den skrupellosen und brutalen Imperialismus zu bemänteln und zu rechtfertigen.[13]

Der britische Journalist Godfrey Hodgson vertritt die Auffassung, die USA seien zwar ein großes Land, doch genauso unvollkommen wie andere.[14]

Rainer Mausfeld bezeichnet die exzeptionalistische Ideologie, die in der Geschichte - auch der europäischen - in vielfältigen Formen auftrete, als eine „moralische und intellektuelle Pathologie“, die mitverantwortlich sei für die größten Blutspuren in der Zivilisationsgeschichte. Gleichwohl fänden sich zahllose Intellektuelle, die bereit seien, diese Ideologie zu rechtfertigen.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Deborah L. Madsen: American Exceptionalism. University Press of Mississippi, Jackson 1998, ISBN 978-1-57806-108-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Chomsky, Noam: Wer beherrscht die Welt?, Ullstein, Berlin, 2016, S. 49.
  2. “Of the sympathies of the American people, generous, liberty-loving, I have no question. They are with the Cubans in their struggle for freedom. ... Let it once be understood that we mean to stop the horrible state of things in Cuba and it will be stopped. The great power of the United States, if it is once invoked and uplifted, is capable of greater things than that.”
  3. Schoultz, Lars: That Infernal Little Cuban Republic: The United States and the Cuban Revolution. Chapel Hill, 2009, S. 4
  4. Morgenthau, Hans: The Purpose of American Politics. New York, 1964. zit. nach Chomsky, Noam: Wer beherrscht die Welt?, Ullstein, Berlin, 2016, S. 48.
  5. Cohen, Roger: America Unmasked. in 'The New York Times' v. 24. April 2009. zit. Nach: Chomsky, Noam: Wer beherrscht die Welt?, Ullstein, Berlin, 2016, S. 49.
  6. Chomsky, Noam: Wer beherrscht die Welt?, Ullstein, Berlin, 2016, S. 46.
  7. "the most powerful, good, and honorable nation in the history of mankind, the exceptional nation." in: Cheney, Dick and Liz Cheney: Exceptional: Why the World Needs a Powerful America. Threshold Editions, 2015, ISBN 978-1-5011-1541-7.
  8. McCrisken, Trevor B.: Exceptionalism. In: A. Deconde, R. D. Burns & F. Logevall (eds.), Encyclopedia of American Foreign Policy, Vol. 2, 2nd ed. New York, Scribner, 2002.pp. 63–80.
  9. McCrisken, Trevor B.: American Exceptionalism and the Legacy of Vietnam: US Foreign Policy since 1974. New York, Palgrave Macmillan, 2003.
  10. Die USA „are the only ones in modern history who are convinced that by bringing their political and economic system to others, they are doing God's work“. Stephen Kinzer (2006). Overthrow: America’s Century of Regime Change From Hawaii to Iraq. New York: Times Books.
  11. „A new international order is emerging, but it is being crafted to suit American imperial objectives. The empire signs on to those pieces of the transnational legal order that suit its purposes (the WTO, for example), while ignoring or even sabotaging those parts (the International Criminal Court, the Kyoto Protocol, the ABM Treaty) that do not.“ Michael Ignatieff: Barbarians at the Gate?, New York Review of Books, 28. Februar 2002.
  12. [1] S. 15.
  13. Chomsky, Noam: Wer beherrscht die Welt?, Ullstein, Berlin, 2016, S. 46 - 62, Folter-Memos und historische Amnesie.
  14. Hodgson, Godfrey: The Myth of American Exceptionalism Yale University Press, 2009. ISBN .78-0-300-12570-2
  15. [2] S. 15.