Ammoniumbituminosulfonat

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Ammoniumbituminosulfonat, auch unter den Warenzeichen Ichthammol, Ichtholan und Ichthyol vermarktet, ist eine organisch-chemische Verbindung. Es entsteht im ersten Schritt durch trockene Destillation von kerogenreichem Ölschiefer, einem Erdölmuttergestein, in dem durch anoxische Bedingungen eine Anreicherung von organischem Material – vorwiegend aus abgestorbenem Phytoplankton – stattfand. Aus der Sulfonierung und nachfolgenden Neutralisation bestimmter Fraktionen des rohen „Schieferöls“ (vgl. → Tiroler Steinöl) mit Ammoniak resultiert Ammoniumbituminosulfonat als Sulfonat-Salz in wässriger Lösung.

Wird die Neutralisation mit Natriumhydroxid durchgeführt, entsteht ein ähnliches Produkt, das Natriumbituminosulfonat.

Es sind zwei Ammoniumbituminosulfonat-Varianten im Handel: Die helle (monographiert in D im DAC; Leukichtol) und die dunkle (monographiert im Europäischen Arzneibuch). Die helle Variante wird durch milde Sulfonierung (und damit einem geringeren Sulfatschwefelgehalt) gewonnen. Sie ist wesentlich dünnflüssiger. Die helle Variante hat wenig Bedeutung in der Praxis. An ihrer Statt wird wesentlich häufiger das helle Natriumbituminosulfonat verwendet.

Bis 2000 war ein vergleichbarer Stoff unter dem Namen Ammoniumsulfobitol (Tumenol-Ammonium) im Handel, der aus den schwefelarmen Schieferölen der Grube Messel gewonnen wurde.

Reines Ammoniumbituminosulfonat ist eine viskose, schwarze Flüssigkeit

Ammoniumbituminosulfonat ist ein Vielkomponentengemisch, zum Großteil aus sulfonierten Thiophenderivaten.[1] Im Gegensatz zu Teeren (Steinkohlenteer) sind polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nur in geringen Spuren enthalten.[2] Aus einer Elementaranalyse berechneten Eugen Baumann und Carl Schotten 1883 eine chemische Formel für den mit Natriumhydroxid-Lösung neutralisierten Wirkstoff. Jedoch wies Paul Gerson Unna 1897 darauf hin, dass trotz der Übereinstimmung der Elementaranalyse mit der Formel das Ammoniumbituminosulfonat ein „kompliziert zusammengesetzter Körper ist“. Der Gehalt organisch gebundenen Schwefels (bezogen auf die getrocknete Substanz) liegt laut Arzneibuchanforderungen (Ph. Eur.) oberhalb von 10,5 %.

Der Stoff wird in der Medizin als Hilfsmittel für die Behandlung einiger Formen von Hautkrankheiten wie Akne, Ekzeme, Furunkeln, Schuppenflechte, aber auch von Prellungen, Verstauchungen, Arthrose verwendet. Der weltweit in Arzneibüchern monographierte Wirkstoff (u. a. Europäisches Arzneibuch Ph. Eur. und Amerikanisches Arzneibuch USP) wird im Allgemeinen in einer sogenannten Zugsalbe in 10-, 20- oder 50-prozentiger Konzentration als „schwarze Salbe“ verwendet. Ihre dermatologische Wirkung entdeckte der deutsche Arzt Paul Gerson Unna.

Abgrenzung zu Materialien mit Ursprung in China[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Materialien mit Ursprung in China (Pinyin: yushizhi und yushizhi ruangao), welche außerhalb Chinas als Ichthammol, Ichthyol oder Ammoniumbituminosulfonat angeboten werden, sind nicht in Einklang mit der Substanzdefinition, wie sie z.B. im Europäischen (Ph.Eur.) oder Amerikanischen (USP) Arzneibuch zu finden sind. Auch besteht keine Übereinstimmung mit der für die CAS# 8029-68-3 festgeschriebene Definition ("a complex product obtained by the sulfonation and ammoniation of the distillation product from bituminous schists"). Chinesisches Material wird mittels Vulkanisierung und Sulfonierung aus Pflanzenölen (z.B. Sojaöl) gewonnen.[3] Definitionsgemäß geht der Ursprung von Ammoniumbituminosulfonat (bzw. Ichthammol oder Ichthyol), wie auch aus dem Namen bereits abzuleiten ist, auf ein bituminöses Gestein (kerogenreicher Ölschiefer) zurück. Ein Material auf Basis von Pflanzenölen hat eine grundsätzlich abweichende stoffliche Zusammensetzung. Der für das Original typische Geruch nach Bitumen fehlt bei der chinesischen Nachahmung vollständig.

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate

Ichtho Bad (D), Ichtholan (D, A, CH), Ichthyol (D, Rohstoff für Apothekenrezepturen), Schwarze Salbe Lichtenstein (D), Thiobitum (D), Zugsalbe effect (D).

Kombinationspräparate

Aknederm Salbe neu (D), Bad Schallerbacher Rheuma- und Gichtsalbe (A), Delta-Hädensa (A), Hädensa (A), Inotyol (A), Ischler Hämorrhoidensalbe (A), Ischler Zug- und Abszess Salbe (A), Lindosan (A)

* Verschreibungspflichtig

ATC-Codes: D02AB51, D08AX10, M02AX19, D05AA01

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. Baumann, C. Schotten: Über das Ichthyol. In: Monatshefte für praktische Dermatologie, Band II, S. 257, 1883.
  • Paul Gerson Unna: Über Ichthyol. In: Monatshefte für praktische Dermatologie, Band XXV, 1897.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. J. Koch, R. Moser, J. Demel: Analyse des Ammoniumbituminosulfonates Ichthyol in Archiv der Pharmazie. 1985:318(3):198–206.
  2. H. Ippen, G. Grimmer: Carcinogene Kohlenwasserstoffe in therapeutischen „Teeren“ in H + G Zeitschrift für Hautkrankheiten. 1993:68(2):88–92.
  3. People's Republic of China Pharmacopoeia, Ausgabe 2010 (aufgerufen am 16. Oktober 2015 unter www.wiki8.com/yushizhi_24599 "Chinesische Medizinische Enzyklopädie").
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