Anagrelid

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Strukturformel
Strukturformel von Anagrelid
Allgemeines
Freiname Anagrelid
Andere Namen

6,7-Dichlor-1,5-dihydroimidazo[2,1-b]chinazolin-2-on

Summenformel C10H7Cl2N3O
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
PubChem 2182
DrugBank DB00261
Wikidata Q408163
Arzneistoffangaben
ATC-Code

L01XX35

Wirkstoffklasse

Zytostatikum

Eigenschaften
Molare Masse 256,09 g·mol−1
Schmelzpunkt

>280 °C (als Hydrochlorid)[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine Einstufung verfügbar
H- und P-Sätze H: siehe oben
P: siehe oben
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Anagrelid ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Imidazolidin-Verbindungen. Anagrelid verringert die Anzahl der im Knochenmark gebildeten Blutplättchen und verringert auf diesem Weg die Zahl der im Blut zirkulierenden Blutplättchen wieder auf ein normales Maß. Er wird in der Therapie von Thrombozytosen verwendet, die bei Patienten mit myeloproliferativen Erkrankungen wie der essentiellen Thrombozythämie (ET), Polycythaemia vera (PV), der chronisch-myeloischen Leukämie (CML) oder der Osteomyelofibrose (OMF) vorkommen.

Wirkungsmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem dem Arzneistoff ursprünglich eine hemmende Wirkung auf die Verklumpung von Blutplättchen (Thrombozytenaggregationshemmung) zugeschrieben wurde, haben klinische Studien gezeigt, dass die Substanz keinen Einfluss auf die Thrombozytenfunktion hat, aber dennoch zu einem schnellen Abfall der Thrombozytenzahl im Blut führt. Der genaue Mechanismus der Wirkungsweise ist noch unklar. Es ist jedoch bekannt, dass Anagrelid die cAMP-Phosphodiesterase Typ 3 hemmt.[3] Basierend auf Untersuchungen in Zellkulturen wird diskutiert, dass die Substanz in den Vorläuferzellen der Thrombozyten (Megakaryozyten) wirkt, indem sie deren Reifung verlangsamt und ihre Größe und Ploidie verringert.[4]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • häufig: Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, starker Herzschlag, Übelkeit, Durchfall, Anämie

Die Therapie erfordert eine klinische Überwachung des Patienten bezüglich Blutbild, Nieren- und Leberfunktion. Nach der Markteinführung wurden bei Patienten ohne Verdacht auf eine Herzerkrankung, mit Normalbefunden bei vor der Behandlung durchgeführten Herz-Kreislauf-Untersuchungen, schwerwiegende kardiovaskuläre Nebenwirkungen beobachtet. Anagrelid ist bei Patienten jeden Alters mit bekannter oder mit Verdacht auf Herzerkrankung vorsichtig anzuwenden und bei Risikopatienten als Zweitlinientherapie vorgesehen.[5]

Vergleich Anagrelid versus Hydroxycarbamid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine 2005 im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie lässt allerdings vermuten, dass Anagrelid der Referenzsubstanz Hydroxycarbamid unterlegen ist: Über 800 Personen mit essentieller Thrombozythämie, bei denen aufgrund einer hohen Thrombozytenzahl (über 1 Million/µl) und weiterer Kriterien ein hohes Risiko für vaskuläre Komplikationen bestand, erhielten neben niedrigdosierter Acetylsalicylsäure (ASS) von 75 bis 100 mg entweder Anagrelid oder Hydroxycarbamid.

Nach einer Beobachtungszeit von mehr als 3 Jahren hatten – bei vergleichbarer Reduktion der Thrombozytenzahl – in der Anagrelid-Gruppe 14 %, in der Hydroxycarbamid-Gruppe dagegen nur 9 % der Behandelten eine arterielle oder venöse Thrombose oder eine ernsthafte Blutung erlitten. Die Abbruchrate in der Anagrelid-Gruppe war ebenfalls höher. Unter Anagrelid war auch signifikant häufiger eine Transformation in eine Osteomyelofibrose aufgetreten. Die genannte Studie ist jedoch aufgrund methodischer Ungenauigkeiten in die Kritik geraten und die Ergebnisse weiterer laufender Studien sollten abgewartet werden.

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate

Agrylin (USA, CDN), Thromboreductin (AT, PL, HU, CH, RO, CZ, SK, LT, LV), Xagrid (D, CH)[6][7][8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag zu Anagrelid. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 30. Mai 2014.
  2. Diese Substanz wurde in Bezug auf ihre Gefährlichkeit entweder noch nicht eingestuft oder eine verlässliche und zitierfähige Quelle hierzu wurde noch nicht gefunden.
  3. Europäische Arzneimittel-Agentur (November 2009): Xagrid. Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels. (PDF; 133 kB) Zugegriffen am 13. März 2010.
  4. M. D. Oertel: Anagrelide, a selective thrombocytopenic agent. In: American Journal of Health-System Pharmacy. Band 55, Nummer 19, Oktober 1998, S. 1979–1986, PMID 9784784
  5. Rote Hand Brief von Shire im Februar 2013. (PDF; 517 kB) Abgerufen am 6. Februar 2013.
  6. Rote Liste (08/2009).
  7. Art der Anwendung auf Pharmazie.com
  8. AGES-PharmMed (08/2009).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1. Silverstein, M.N., et al.: N. Eng. J. Med. 1988, 318, 1292.
  • 2. Petitt, R.M., et al.: Semin. Hematol. 1997, 34, 51.
  • 3. New England Journal of Medicine 2005 Jul 7; 353, 33–45
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!