Andrea del Castagno
Andrea del Castagno (Andrea di Bartolo di Bargilla, auch Andrea dal Castagno di Mugello; * um 1419 im Ortsteil Castagno von San Godenzo; † 19. August 1457 in Florenz) war ein in Venedig und Florenz tätiger Maler des 15. Jahrhunderts. Er wurde bereits von seinen Zeitgenossen wegen seiner expressiven Darstellungen und dem souveränen Einsatz perspektivischer Verkürzungen geschätzt.
Leben
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Andrea del Castagno wurde um 1418 in Castagno, einem Dorf bei Monte Falterona unweit von Florenz, geboren. Während der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen dem Herzogtum Mailand und Florenz lebte er in Corella und kehrte dann in sein Heimatdorf zurück, von wo aus er Ende der 1430er Jahre nach Florenz zog.
1439 bis 1440 arbeitete der erst etwa 20-jährige Andrea mit Domenico Veneziano und Piero della Francesca an Fresken mit Darstellungen aus dem Leben Marias im Chor der Florentiner Kirche Sant’Egidio. Die Wandbilder sind nicht erhalten.
1440 malte Andrea nach der Schlacht von Anghiari Darstellungen am Fuß aufgehängter Florentiner Parteigänger der Gegner an die Außenwand des Palazzo del Podestà, was ihm den Spitznamen „Andreino degli Impiccati“ – „der kleine Andrea der Gehängten“ – einbrachte.[1] Die Schandbilder wurden 1494 zerstört.
Im Jahr darauf führte Andrea gemeinsam mit dem sonst kaum dokumentierten Maler Francesco da Faenza in Venedig in der Kirche San Zaccaria in Venedig Fresken in den Gewölbe der Cappella Tarasi aus; 1442 signierten und datierten die beiden Künstler ihr Werk.[2] Sein hohes Ansehen belegt auch der Auftrag für den Entwurf eines der runden Glasfenster im Tambour der Kuppel des Florentiner Doms Santa Maria del Fiore im Jahr 1444. Das Fenster zeigt eine Beweinung Christi.

Im Refektorium des Klosters Sant’Apollonia in Florenz schuf Andrea zwischen 1445 und 1450 auf der Stirnwand monumentale Darstellungen der Kreuzigung Christi und des sog. Letzten Abendmahls.[3] Eine Lünette mit einem von Engeln gestützten Schmerzensmann (1447–1448) aus demselben Kloster wurde im 19. Jahrhundert von der Wand abgenommen und ist heute ebenfalls im Refektorium zu sehen.

Im November 1449 erhielt der Maler vom Prior der (heute nicht mehr existenten) Kirche San Miniato tra le torri im Zentrum von Florenz den Auftrag für ein Altarbild mit der Himmelfahrt Mariens und zwei Heiligen; der Vertrag ist erhalten.[4] Das im April 1450 fertiggestellte Gemälde befindet sich heute in der Berliner Gemäldegalerie.[5]

In den Jahren 1453 und 1454 entstand die Freskierung der Cappella Corboli in Santissima Annunziata in Florenz. Das Bild über dem Altartisch zeigt, wie den heiligen Hieronymus, Paola und Julia Eustochium die Trinität erscheint. Die übrige Wandfläche ist mit einer gemalten Marmorinkrustation versehen. In der benachbarten Kapelle befindet sich das bereits 1451 geschaffene Fresko mit dem heiligen Julianus und Christus als Erlöser, das jedoch von einem jüngeren Altarbild verdeckt und deshalb gewöhnlich nicht zu sehen ist.
Zu den bekanntesten Arbeiten Andreas zählen die Darstellungen berühmter Männer und Frauen (uomini famosi) in der Villa Carducci-Pandolfini im Umland von Florenz. Die 1455 geschaffene Raumdekoration wurde 1847 wiederentdeckt. Einige Abschnitte wurden von der Wand abgenommen, auf mobile Träger übertragen und nach Florenz gebracht, wo sie bis zum Hochwasser von 1966 im Refektorium des ehemaligen Klosters Sant’Apollonia zu sehen waren. Heute sind sie in der ehemaligen Kirche San Pier Scheraggio ausgestellt, die zu den Uffizien gehört. Sie stellen jeweils drei berühmte Feldherren, Frauen und Dichter dar: Pippo Spano, Farinata degli Uberti, Niccolò Acciaiuoli, Sibylle von Cumae, Königin Ester und Königin Tomyris sowie Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio.

1456, im Jahr vor seinem Tod, entstand der Epitaph für den Florentiner Condottiere Niccolò da Tolentino im Dom Santa Maria del Fiore. Das in Fresko und Secco ausgeführte Wandbild zeigt den Söldnerführer als Reiterbild auf einem Sarkophag.
Andrea del Castagno starb am 19. August 1457, vermutlich an einer Epidemie.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Florentiner Humanist Cristoforo Landino charakterisiert Andrea in einer in seinen Dante-Kommentar (1481) integrierten Künstlerliste wie folgt: „Andreino fu grande disegnatore et di gran rilievo: amatore delle difficultà dell'arte et di scorci, vivo et prompto molto, et assai facile nel fare.“ (in etwa: „Andreino ist ein großer Zeichner gewesen und von großer Plastizität: Liebhaber künstlerischer Herausforderungen und von [perspektivischen] Verkürzungen, lebendig und lebhaft, sehr mühelos bei der Ausführung“).[6]
Giorgio Vasari lobt in seiner deutlich späteren Doppelvita der Künstler Andrea del Castagno und Domenico Veneziano im Rahmen der Künstlerbiografien (1550/1568) Andreas souveränen Einsatz der Zentralperspektive und seine perspektivischen Verkürzungen, etwa beim heiligen Hieronymus in der Cappella Corboli in Santissima Annunziata. Trotzdem er Andreas Begabung anerkennt, behauptet Vasari, der Maler habe seinen Kollegen und Freund Domenico Veneziano aus Neid getötet.[7] Tatsächlich ist Domenico vier Jahre nach Andrea gestorben.
Andrea del Castagno-Museum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Refektorium des Klosters Sant’Apollonia (Cenacolo di Sant’Apollonia) in Florenz (Via San Gallo/Via XXVII Aprile) sind neben den noch vor Ort befindlichen Fresken Andrea del Castagnos einige abgenommene Wandgemälde samt mehrerer ebenfalls abgenommener Sinopien ausgestellt.[8]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Werner Richard Deusch: Andrea del Castagno. Heilbronn 1928 (Königsberg i. Pr., Univ., Diss., 1928).
- Marita Horster: Castagnos Fresken in Venedig und seine Werke der vierziger Jahre in Florenz. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Nr. 15, 1953, S. 103–134.
- Marita Horster: Castagnos Florentiner Fresken 1450–1457. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 17, 1955, S. 79–131.
- Eugenio Battisti: ANDREA di Bartolo, detto A. del Castagno. In: Alberto M. Ghisalberti (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 3: Ammirato–Arcoleo. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1961.
- Luciano Berti: Andrea del Castagno. In: I diamanti dell'arte. Nr. 5. Sadea/Sansoni, Florenz 1966.
- Marita Horster: Andrea del Castagno: complete edition with a critical catalogue. Phaidon, Oxford 1980, ISBN 0-7148-1426-1 (englisch).
- Giorgio Vasari: Vita d’Andrea dal Castagno di Mugello e di Domenico Viniziano. In: Le vite dei più eccellenti architetti, pittori et scultori italiani. Ausgabe Newton Compton Editori, Rom 2010, ISBN 978-88-541-1425-8, S. 416 ff.
- Giorgio Vasari: Das Leben des Lippi, Pesello und Pesellino, Castagno, Veneziano und des Fra Angelico. Neu ins Deutsche übersetzt von Victoria Lorini. Hrsg., kommentiert von eingeleitet von Jana Graul und Heiko Damm. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011, ISBN 978-3-8031-5054-7.
- Jana Graul: "Tanto lontano da ogni virtù": zu Konkurrenz, Neid und falscher Freundschaft in Vasaris Vita des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano. In: Kunsttexte.de 1: Bild, Wissen, Technik. 2012.
- Anne Dunlop: Andrea del Castagno and the limits of painting (= Renovatio artium. Band 1). Harvey Miller, London 2015, ISBN 978-1-909400-18-4.
- Ludovica Sebregondi: Andrea del Castagno. Giutini, Florenz 2020, ISBN 978-88-09-78468-0.
- Gianluca Sposato: Leonetto Tintori e la stagione degli stacchi: il caso degli uomini illustri di Andrea del Castagno a Villa Carducci Pandolfini. In: Giuseppina Perusini, Martina Visentin (Hrsg.): Restauri e restauratori in Italia tra gli anni Venti e gli anni Cinquanta del Novecento (= Fonti e testi). Forum, Udine 2024, ISBN 978-88-328-3411-6, S. 81–94.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Giovanni Poggi: Della data di nascita di Andrea del Castagno. In: Rivista d'arte. Nr. 11, 1929, S. 43–63.
- ↑ Rebecca Müller: Stil oder Modus? Zum Verhältnis von Wandmalerei und Altardekoration in San Zaccaria: Andrea del Castagno und die Vivarini. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft. Band 36, 2009, S. 33–75.
- ↑ Marita Horster: Castagnos Fresken in Venedig und seiner Werke der vierziger Jahre in Florenz. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 15, 1953, S. 103–134, 124-131.
- ↑ Marita Horster: Castagnos Fresken in Venedig und seine Werke der vierziger Jahre in Florenz. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 15, 1953, S. 103–134, 131.
- ↑ Die Himmelfahrt Mariae mit den Hl. Julian und Minias von Florenz. In: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Sammlungen Online / Recherche. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Michael Baxandall: Die Wirklichkeit der Bilder. Malerei und Erfahrung im Italien des 15. Jahrhunderts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-28042-2, 183-193.
- ↑ Jana Graul: "Tanto lontano da ogni virtù": zu Konkurrenz, Neid und falscher Freundschaft in Vasaris Vita des Andrea del Castagno und Domenico Veneziano. In: Kunsttexte.de: Bild, Wissen, Technik. Nr. 1, 2012, doi:10.18452/7646.
- ↑ Webseite Musei Firenze zum Cenacolo di Sant’Apollonia ( vom 18. Mai 2021 im Internet Archive), abgerufen am 5. Oktober 2013 (italienisch)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Castagno, Andrea del |
| ALTERNATIVNAMEN | Andrea di Bartolo di Bargilla; Andrea dal Castagno di Mugello |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Maler der Renaissance |
| GEBURTSDATUM | um 1418 |
| GEBURTSORT | San Godenzo |
| STERBEDATUM | 19. August 1457 |
| STERBEORT | Florenz |