Andreas Maercker

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Andreas Maercker (* 26. April 1960 in Halle/Saale) ist ein Professor für Psychologie an der Universität Zürich.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Maercker studierte Medizin und Psychologie. 1986 promovierte er an der Humboldt-Universität Berlin in Medizin mit der Arbeit "Kognitive Prozesse, Stress und das Neuropeptid Substanz P" bei dem Pathophysiologen Karl Hecht. Zudem hatte er in den 1980er Jahren Philosophieunterricht bei Wolfgang Harich.[1] 1995 promovierte er an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil. mit der Arbeit "Existenzielle Konfrontation: Eine Untersuchung im Rahmen eines psychologischen Weisheitsparadigmas" bei dem Psychologen Paul B. Baltes.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit seinen Arbeitsgruppen an den Universitäten Dresden bis 2001 und Zürich untersuchte er u. a. Opfer politischer Gewalt (z. B. ehemalige politische Inhaftierte der DDR: 1995, 2008), Kriegsopfer (z. B. Dresdner Bombennachtsopfer), Kriminalitätsopfer (in Deutschland und in China) und ehemalige Schweizer Verdingkinder. Zusammen mit Mitautoren entwickelte er psychologische Messverfahren für Schutzfaktoren bei der Traumaverarbeitung: „Offenlegen der Traumaerfahrungen (Disclosure)“[2] und „gesellschaftlichen Anerkennung als Traumaopfer bzw. -überlebender“.[3]

Seine PTSD-Forschung stellt soziale und zwischenmenschliche Faktoren in den Mittelpunkt, die ihm zufolge mehr als biologische Faktoren oder Gedächtnisveränderungen darüber entscheiden, ob ein Betroffener eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt („Sozial-interpersonelle Perspektive“)[4]. Das ergänzende „Janus-Kopf-Modell der posttraumatischen Reifung[5] (zusammen mit Tanja Zöllner) nimmt Bezug darauf, dass viele Überlebende beschreiben, dass das Überstehen der traumatischen Erfahrungen sie in positiver Weise verändert habe, z. B. dass sie eine stärkere Verbundenheit mit Nahestehenden erleben und sie das Leben jetzt stärker wertschätzen.

Die PTSD-Forschung wurde zunehmend kulturvergleichend ausgerichtet. Maercker bezieht dabei individuelle Wertvorstellungen nach der Theorie von S. Schwartz ein, wobei gezeigt wurde, dass moderne Wertvorstellungen (z. B. Selbstbestimmung, Leistungsstreben, Hedonismus) zur psychischen Widerstandsfähigkeit beitragen, während traditionelle Werte (z. B. Güte, Konformität, Einflussnahme) zu mehr sozialer Unterstützung und zu psychischer Gesundheit verhelfen. Dazu wurden Studien im europäischen Vergleich, in der Deutschen Bundeswehr (nach Auslandseinsätzen) sowie im Vergleich Schweiz-China durchgeführt; für China wurde auch ein Online-basiertes Selbsthilfeprogramm entwickelt[6].

Im Rahmen internationaler Zusammenarbeit unter dem Dach der WHO war er entscheidend an der Formulierung neuer Diagnosen im Bereich der psychischen Trauma- und Belastungsstörungen beteiligt: der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und der Anhaltenden Trauerstörung[7]. Beide sind Differenzierungen der Posttraumatischen Belastungsstörung, die sich von dieser durch die teilweise unterschiedliche Symptomatik unterscheiden sowie durch verschiedene Themen und Techniken in der psychotherapeutischen Behandlung. Seine Arbeitsgruppe lieferte die erste Häufigkeits- (Prävalenz-)Berechnung dieser beiden neuen Störungsbilder in deutschen Bevölkerung[8].

Das Forschungsprogramm im Altersbereich (zusammen mit Simon Forstmeier) untersucht die „motivationale Reservekapazität“[9] Älterer, die auf lebens- und lerngeschichtlicher Ressourcenbildung beruht und von der angenommen wird, dass sie z. B. einen demenzbedingten Abbau der Intelligenz und allgemeiner Fähigkeiten zeitweise kompensieren kann. Eine Studie mit ehem. Verdingkindern zeigte, dass diese im Gegensatz dazu ein erhöhtes Risiko für demenzbedingten Fähigkeitsabbau haben, was u. a. mit einer trauma-bedingt beeinträchtigten motivationalen Reservekapazität erklärt wird.

Mitgliedschaften und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maercker war Gründungsmitglied und früherer Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) sowie Mitgründer und Herausgeber der Zeitschrift „Trauma und Gewalt“ (Klett-Cotta). Seit 2011 leitet er die internationale Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation zur Revision der Krankheitsklassifikation (ICD-10/11) für „Stress- und Traumafolgen-Erkrankungen“. Seit 2018 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen.

Ihm wurde 2004 der Preis der Margrit-Egnér-Stiftung für seine Arbeit in der Psychotraumatologie verliehen. 2017 erhielt er in Anerkennung seiner wissenschaftlichen und ehrenamtlichen Beiträge für die Psychotraumatologie und die klinische Versorgung von Traumabetroffenen das Bundesverdienstkreuz am Bande, überreicht vom deutschen Botschafter Otto Lampe.[10] 2017 erhielt er von der European Society for Traumatic Stress Studies den „Wolter de Loos Award for Distinguished Contribution to Psychotraumatology in Europe“ für sein wissenschaftliches Werk.[11] Er war Fellow des Wissenschaftskolleg zu Berlin im akademischen Jahr 2018–19.

Maercker ist Vorsitzender der Historischen Kommission der Deutsche Gesellschaft für Psychologie zur "Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR", die sich insbesondere mit der operativen Psychologie an der Hochschule in Potsdam-Golm des Ministeriums für Staatssicherheit beschäftigt.[12]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Maercker ist mit dem Kunsthistoriker Franz-Carl Diegelmann verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A. Maercker: Begegnungen mit Harich. In: Zeitschrift für Ideengeschichte. 13(4), 2019, S. 11–14.
  2. J. Müller, A. Beauducel, J. Raschka und A. Maercker: Kommunikationsverhalten nach politischer Haft in der DDR – Entwicklung eines Fragebogens zum Offenlegen der Traumaerfahrungen. In: Zeitschrift für Politische Psychologie. Band 8, 2000, S. 413–427.
  3. A. Maercker und J. Müller: Social acknowledgment as a victim or survivor: A scale to measure a recovery factor of PTSD. In: Journal of Traumatic Stress. Band 17, 2004, S. 345–351.
  4. A. Maercker und A. B. Horn: A socio-interpersonal perspective on PTSD: The case for environments and interpersonal processes In: Clinical Psychology and Psychotherapy. 2012, doi:10.1002/cpp.1805.
  5. A. Maercker und T. Zöllner: The Janus face of posttraumatic growth: Towards a two component model of posttraumatic growth. In: Psychological Inquiry. Band 15, 2004, S. 41–48.
  6. Z. Wang et al.: Chinese My Trauma Recovery, a Web-based intervention for traumatized persons in two parallel samples: randomized controlled trial. In: Journal of Medical Internet Research Band 15, 2013, e213. doi:10.2196/jmir.2690.
  7. A. Maercker, C. R. Brewin, R. A. Bryant et al.: Proposals for mental disorders specifically associated with stress in the International Classification of Diseases-11. In: Lancet. Volume 381, 2013, P1683–1685.
  8. A. Maercker et al.: ICD-11 Prevalence Rates of Posttraumatic Stress Disorder and Complex Posttraumatic Stress Disorder in a German Nationwide Sample. In: Journal of Nervous and Mental Disease Volume 2016, 2018, P270-276. doi:10.1097/NMD.0000000000000790.
  9. S. Forstmeier und A. Maercker: Motivational reserve: Lifetime motivational abilities contribute to cognitive and emotional health in old age. In: Psychology and Aging. Band 23, 2008, S. 886–899.
  10. Bundesverdienstorden für Andreas Maercker. Mitteilung vom 2. Februar 2017 auf der Website der Deutschen Gesallschaft für Psychologie, abgerufen am 27. Februar 2018
  11. ESTSS Awards at the 15th ESTSS Conference 2017 in Odense, Denmark. Abgerufen am 17. August 2017 (amerikanisches Englisch).
  12. A. Maercker und S. Guski-Leinwand: Psychologists’ involvement in repressive “Stasi” secret police activities in former East Germany. In: Intern. Perspectives in Psychology: Research, Practice, Consultation. Band 7, Nr. 2, S. 107–119.