Ave verum

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Ave verum ist ein spätmittelalterliches Reimgebet in lateinischer Sprache, benannt nach seinem Incipit. Es entstand wahrscheinlich im 13. Jahrhundert; der Verfasser ist unbekannt.

Liturgische Verortung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Text hat seinen Sitz im Leben in der Verehrung der Eucharistie in der heiligen Messe. Die Gläubigen grüßen den wahren Leib des Erlösers, der bei der Wandlung in den Gestalten von Brot und Wein als real gegenwärtig geglaubt wird, und verehren das Erlösungsleiden Christi. Das Gebet mündet in die Bitte um den Empfang der Kommunion in der Todesstunde als Vorgeschmack des Himmels.

Das Gebet gehörte nie zu den amtlichen Texten des Ordo missae, sondern hatte den Charakter eines Privatgebetes. Es wurde im Mittelalter von den Gläubigen still nach der Elevation der gewandelten Gaben gesprochen, während der Priester mit dem Canon Missae fortfuhr. Spätmittelalterliche Missalien empfahlen es - neben anderen Gebeten wie O salutaris hostia oder Anima Christi - auch als stilles Vorbereitungsgebet vor dem Empfang der Kommunion für die Gläubigen, aber auch für den Priester pro animi desiderio („zum Verlangen der Seele“) zusätzlich zu seinen amtlichen Gebeten.[1] Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bis in die Neuzeit wurde das Ave verum zur Elevation gesungen. Diese Praxis verbreitete sich von Frankreich aus und wurde durch die Zisterzienser gefördert.[2]

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liturgische Fassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ave verum Corpus natum
de Maria Virgine:
Vere passum, immolatum
in cruce pro homine:
Cujus latus perforatum
fluxit aqua et sanguine:
Esto nobis praegustatum
mortis in examine.
O Jesu dulcis!
O Jesu pie!
O Jesu fili Mariae.[3]

Fassung bei Mozart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ave, ave, verum corpus,
natum de Maria virgine,
vere passum immolatum
in cruce pro homine,
cuius latus perforatum
unda fluxit et sanguine
esto nobis praegustatum
in mortis examine,
in mortis examine!

Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Sei gegrüßt, wahrer Leib, geboren von Maria, der Jungfrau, der wahrhaft litt und geopfert wurde am Kreuz für den Menschen; dessen durchbohrte Seite von Wasser floss und Blut: Sei uns Vorgeschmack in der Prüfung des Todes!“

Übertragungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

rhythmisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruß dem wahren Leib, geboren
aus Maria, reinem Weib.
Echt gefoltert, hingeopfert
am Kreuze für des Menschen Heil.
Mit der Lanze aufgestochen,
Wasser floss heraus und Blut.
Sollen wir gekostet haben,
wenn der Tod uns prüfen wird.
anonym

gereimt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wahrer Leib, sei uns gegrüßet,
den Maria uns gebar;
der am Kreuz für uns gebüßet,
das Versöhnungsopfer war!
Blut und Wasser aus dir fließen,
da dein Herz durchstochen war.
Gib uns, dass wir dich genießen
in der letzten Todsgefahr!
O gütiger Jesu,
o milder Jesu,
o Jesu, du Sohn Gottes und der Jungfrau Maria.
(nach Heinrich Bone[4])

adaptiert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der folgende Text kann, leicht angepasst, auf Mozarts Vertonung[5] gesungen werden.

Gruß dir, Leib des Herrn, geboren
aus Marias reinem Schoß!
Heimzuführen, was verloren,
trugst du Kreuz und Todeslos.
Von der speerdurchbohrten Seite
flossen Blut und Wasser rot.
Sei uns Vorgeschmack im Streite,
Himmelskraft in Sterbensnot!
Peter Gerloff

Mittelalterliche Übertragungen in die Volkssprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den obigen Übertragungen wurde das Reimgebet schon im Mittelalter in die Volkssprache übersetzt. Eine Übersicht dieser Textzugriffe bietet der Handschriftencensus.[6]

Textgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das lateinische Reimgebet wurde seit etwa 1300 in viele Sammlungen religiöser Texte und Lieder aufgenommen. Im Vergleich zeigen die Abschriften viele Abweichungen, teils aus Versehen, teils als absichtliche Ergänzung oder Neugestaltung.

Die älteste bekannte Aufzeichnung stammt aus Genua (etwa 1294). Eine andere Abschrift nennt als Verfasser Innozenz IV., Papst 1243 bis 1254, geboren 1195 ebenfalls in Genua. Sujet, Vokabular, Handhabung des Versmaßes und lateinischer Stil schließen eine Attribution an St. Thomas von Aquin (1225–1274) immerhin nicht aus.

Soweit man das aus den vielen Varianten rekonstruieren kann, scheint das Gebet ursprünglich folgende Fassung gehabt zu haben[7]:

Ave verum corpus natum
ex Maria virgine,
vere passum, immolatum
in cruce pro homine,
cuius latus perforatum
vero fluxit sanguine,
esto nobis praegustatum
mortis in examine.
o dulcis, o pie,
o fili Mariae.

Es fällt auf, dass Formen der Vokabel verum ‘echt, wahr, wirklich’ wiederholt verwendet werden, offenbar um zu bekunden, dass Leib nicht in einem übertragenen Sinne gemeint ist, sondern den real existierenden, aus Fleisch und Blut bestehenden Körper des Menschen Jesu bezeichnet. Gegen vero in v. 6 spricht allerdings die häufiger begegnende, evangeliumsnahe Lesart fluxit unda_et sanguine, hier durch die paläographische Maxime difficilior lectio propior unterstützt.

Zu fast zu einem Drittel der Wörter sind Varianten bekannt, auch Zusätze teils rhythmisch oder gereimt, teils in Prosa, auch eine zweite Strophe auf dasselbe Reimschema. Diesem Reimschema folgen übrigens auch die Sequenzen Ave panis angelorum und Ave virgo gloriosa.

Manche Aufzeichnungen lassen wissen, der gläubige Christ könne 40 Tage, 300 Tage oder 3 Jahre Ablass erwerben, wenn er das Gebet oder seine Anfangsworte bei der Elevation oder bei eigener Andacht vor dem Tabernakel spreche.

Kompositionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Quellen wurde der Text schon im Mittelalter viel gesungen, hatte also schon damals eine Melodie.

Viele Komponisten vertonten den Text, darunter Guillaume Du Fay, Josquin Desprez, Francisco de Peñalosa, Orlando di Lasso, William Byrd, Peter Philips, Richard Dering, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt, Charles Gounod, Camille Saint-Saëns, Edward Elgar, Francis Poulenc, Colin Mawby, Alwin Michael Schronen, Karl Jenkins, Imant Raminsh und György Orbán.

Die heute bekannteste und am häufigsten aufgeführte Vertonung ist die von Wolfgang Amadeus Mozart. Seine Fassung gab der alten Sequenz weite Verbreitung auch außerhalb kirchlicher Anlässe. Der Text betrachtet entsprechend der christlichen Glaubenslehre die leibliche Gegenwart des Heilands in der Eucharistie. Die letzten Zeilen verweisen auf das Vorbild des sterbenden Erlösers für seine gläubigen Nachfolger. Das wissen zwar nur noch wenige; trotzdem wählen Hinterbliebene als musikalische Begleitung für Trauerfeiern oft diese besinnliche, spannende und zuletzt tröstliche Musik Mozarts.

Mozart komponierte die 46 Takte für Chor, Streicher und Orgel (KV 618) knapp ein halbes Jahr vor seinem Tod, während er zugleich an der Zauberflöte und dem Requiem arbeitete. Das Autograph ist auf den 17. Juni 1791 datiert. Die Komposition war für das Fronleichnamsfest in Baden bei Wien, wo Mozarts Frau Constanze sich im neunten Ehejahr auf ihre sechste Niederkunft vorbereitete, bestimmt. Sie wohnte bei Anton Stoll, dem Chorleiter des Badener Kirchenchors, der die Motette dafür als Geschenk annahm.[8] Ein Jahr später komponierte auch Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr ein Ave verum corpus für Anton Stoll.

Franz Liszt, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Francis Poulenc bezogen Mozarts Werk als Zitat in eigene Werke instrumental ein.

Hector Berlioz nannte das Werk als Vorbild für richtige Verwendung der menschlichen Stimme:

„Zu einem Andante [für Chorstimmen] in gehaltenen und sanften Tönen wird [der Tonsetzer] nur die Töne der Mittellage verwenden, da diese allein die geeignete Klangfarbe haben, mit Ruhe und Reinheit angegeben und ohne die geringste Anstrengung pianissimo ausgehalten zu werden. So hat es auch Mozart in seinem himmlischen Gebet ‚Ave verum corpus‘ getan.“[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Josef Andreas Jungmann SJ: Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe. Band 2, Herder Verlag, Wien, Freiburg, Basel, 5. Auflage 1962, S. 431 Anm. 16.
  2. Andreas Heinz: Ave verum. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, Sp. 1307.
  3. Liber Usualis. Parisii, Tornaci, Romae 1954, S. 1856.
  4. Gebet- und Gesangbuch für das Erzbistum Köln. Verlag J.B. Bachem, Köln 1949, Nr. L 229, S. 878f.
  5. Textfassung Peter Gerloffs zu Mozarts Satz im Notenbild (PDF; 34 kB)
  6. Gesamtverzeichnis Autoren/Werke. ‘Ave verum corpus natum’, dt. Übersicht der deutschen Übertragungen des Reimgebets.
  7. Franz Joseph Mone: Lateinische Hymnen des Mittelalters; Aalen: Scientia, 1964 (= Freiburg im Breisgau, 1853); S. 280 f.
  8. Das "Ave verum corpus". Kirchenchor Baden St. Stephan, abgerufen am 10. März 2016. (Informationen zum Werk, Faksimile des Autografen, Notenmaterial, Audioaufnahme)
  9. Hector Berlioz: Instrumentationslehre. Ergänzt und revidiert von Richard Strauss. Leipzig: Peters 1904; Frankfurt am Main 1955; S. 376

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Clemens Blume SJ und H. M. Bannister M. A. Oxon: Liturgische Prosa des Übergangsstiles und der Zweiten Epoche; Leipzig: Reisland, 1915; S. 257 f.
  • Franz Joseph Mone: Lateinische Hymnen des Mittelalters; Aalen: Scientia, 1964 (= Freiburg im Breisgau, 1853); S. 280 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Ave Verum Corpus – Quellen und Volltexte (Latein)